Russland ohne westliche Konsumwelt

Russland ohne westliche Konsumwelt
 
Viele westliche Firmen, die die tausend schönen Dinge des Lebens, die man braucht oder auch nicht braucht, in Russland anbieten, verlassen nun das größte Land der Erde. Sie schaffen Platz für Ersatzprodukte, die hoffentlich bald den Stempel „Sdelano in Russland“ tragen.
 
 
Wer die Sowjetunion bis 1991 und Russland Anfang der 90er Jahre aus eigenem Erleben kannte, erinnert sich an leere Regale. Dort, wo die Regale voll waren, standen auch gleich ellenlange Schlangen. Verkauft wurde, so lange der Vorrat reicht. Das betraf nicht nur Bekleidung und Industriewaren, sondern auch Lebensmittel.
 
Dann änderte sich alles. Ähnlich wie in der DDR verschwand fast alles aus vaterländischer Produktion und wurde durch Westimporte ersetzt. Eine Glanzleistung der USA, die die russische Wirtschaft, ähnlich wie die Wirtschaften der anderen ehemaligen Sowjetrepubliken, in kürzester Zeit zerschlugen. Man brauchte Russland als Absatzmarkt und nur in wenigen Ausnahmen als Produktionsstandort.
 
Bis zum heutigen Tag findet man nur sehr wenige Waren, die wirklich in Russland hergestellt werden und wo man sagt: Das ist Russland.
 
Im Lebensmittelbereich hat sich hier schon sehr viel getan. Allerdings befinden sich viele Herstellerfirmen in den Händen von Ausländern, die die Geschmacksrichtungen beliebter sowjetischer Lebensmittel dem westlichen Geschmacksmuster angepasst haben.
 
Im Bereich der Haushaltstechnik, Elektronik und den anderen tausend Dingen des Alltags in Haus und Garten, findet man nichts oder fast nichts aus russischer Produktion. Im besten Fall wurde das Bügeleisen, der Fernsehapparat oder Kühlschrank, der Besteckkasten, das Service usw. usw. in Russland in Lizenz produziert. Wirklich richtig Russisches findet man sehr wenig.
 
Natürlich kann man für die Entwicklung nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Verständnis haben. Auch in der DDR war es ja 1990 ähnlich, als plötzlich Westware die Regale im Konsum oder HO füllten und die Leute in einem wahren Kaufrausch alles kauften, bis das Geld alle war. Nach der Währungsunion Mitte 1990 verschwanden dann die DDR-Waren und nur sehr wenige sind wieder zurückgekehrt – mit alter Bezeichnung, aber anderem Geschmack. Nostalgisch erinnere ich mich an die Schlagersüßtafel für 80 Ostpfennige, die meine Mutter heute bei Netto am Stadtrand von Hamburg kauft. Ich wäre heute bereit 80 Eurocent zu bezahlen, wenn sie denn noch den DDR-Geschmack hätte.
 
Der ausländische Tourist, der nach Kaliningrad gekommen ist, hatte große Schwierigkeiten, ein russisches Andenken zu kaufen. Pseudo-Königsberger Geschirr, Billigkopien Königsberger Postkarten, Merci-Schokolade und Nutella-Brotaufstrich … im großen Russland mag dies vielleicht ein wenig anders sein. Aber derjenige, der in Russland lebt, Russland-Fan ist und sich russisch einrichten und kleiden wollte, hatte kaum Chancen.
 
Nun ändert sich die Situation fast über Nacht radikal. Noch ist der Prozess nicht abgeschlossen, er hat erst begonnen, aber täglich gibt es Meldungen, welche westliche Firma, welches westliche Brand Russland verlässt. Sie machen Ladenflächen frei und sie geben russischen Firmen, die es bisher im Wettbewerb schwer hatten, endlich die Chance, sich zu entwickeln. Die Westkonkurrenz wird bis Ende März, spätestens bis Ende April Russland verlassen haben und – um Kommentare aus dem Internet zu zitieren: „… hoffentlich nie wieder kommen.“ Wenn ich Westklamotten kaufen will, dann fahre ich in den Westen.
 
So hat Mitte der Woche „Zara“ informiert, dass man alle Läden in Russland schließen wird. In den Sozialnetzwerken schrieben die Russen: „… haut ab und kommt nie wieder.“ Und man begann in der weiteren Diskussion die Qualität der angebotenen Klamotten im Detail und wenig schmeichelhaft zu besprechen: „Tschüss mit den zweitklassigen Lappen“, „wozu brauchen wir Zara, wenn es Aliexpess gibt“, „kommt nicht wieder, wir werden uns nicht freuen“, „… außer dem Wort Verräter fällt mir zu Ihnen nichts mehr ein“ usw.
 
Mango hat den russischen Markt verlassen, Net-a-Porter, Mr. Porter, Yoox und The Outnet. Ihnen folgten Hermes, Louis Vuitton, Asos, Nike, Adidas, Puma und viele andere. Kurz: eine unheimliche Chance für russische Hersteller die Warenlücken zu füllen und die verlassenen Läden in den Städten für billiges Geld zu übernehmen.
 
Aber auch McDonalds verlässt Russland. Es war, wenn ich mich recht erinnere, die erste Westfirma im Restaurantbereich, die sich in Russland, also Moskau niederließ. Im Internet findet man Fotos mit Riesenschlangen. Stundenlang warteten die Menschen, um ein pappiges Westbrötchen mit irgendwas drin essen zu können. In Kaliningrad wartete man viele Jahre sehnsüchtig auf McDonalds. Nun werden drei oder vier Filialen in Kaliningrad schließen und die vielen anderen Food-Anbieter werden die Sektkorken knallen lassen.
 
Übrigens hat McDonalds berechnet, dass man monatlich Umsatzeinbußen in Russland von 50 Mio. Dollar hat. Über eine halbe Milliarde Dollar im Jahr – und das ist nur McDonalds, die sich der Politik unterordnen und auf den Milliardenmarkt Russland verzichten …
 
Ähnlich sieht es mit KFC aus. Auch die machen dicht. Bei der Gelegenheit schließen auch Coca-Cola und Pepsi-Cola. Mit einem kleinen Minisortiment bleibt Pepsi noch in Russland und rettet damit 20.000 Arbeitsplätze im Ausland im Landwirtschaftsbereich.
 
Insgesamt haben bisher 300 Firmen ihren Rückzug aus Russland erklärt und … zitieren wir die Russen … kommen hoffentlich nie wieder. Sie haben ihre wirtschaftliche Zukunft, ihre wirtschaftlichen Interessen den politischen Interessen einer doch relativ kleinen Clique US-Russophoben untergeordnet – wohl in der Hoffnung, dass Russland ohne den Westkonsum nicht leben kann. Wir werden versuchen, dass Gegenteil zu beweisen.
 
Fassen wir den Beitrag zusammen, so kommen wir zu folgendem Schluss: Russische Unternehmer, etablierte oder neue, die jetzt starten, haben jetzt freie Bahn und unheimliche Möglichkeiten, sich zu entfalten. Was sie brauchen ist vermutlich Geld und einheimische Maschinen für die Produktion. Die einheimischen Maschinen müssen erfunden und gebaut werden. Und wieder gibt es Möglichkeiten für die, die sich das Geld verdienen wollen. Die unternehmerische Initiative blüht, dank der westlichen Sanktionen in Russland auf.
Die westlichen Firmen verzichten auf Umsatz, werden wohl die Produktion um den Anteil drosseln, der nach Russland gegangen ist und werden Personal entlassen. Von möglichen Folgen durch die riesigen Preiswellen, die jetzt auf den Westen zurollt und einen Großteil der Westwirtschaft wohl in arge Schwierigkeiten bringt, mal ganz zu schweigen.
 
Wünschen wir uns somit gegenseitig viel Erfolg, uns in Russland beim Aufbau der Wirtschaft und Ihnen im Westen Stehvermögen beim Überwinden der Krise.
 
Und ich persönlich hoffe noch, dass die gutmütige russische Seele kein Mitleid zeigt, wenn die Rückwirkungen der Sanktionen auf den Westen noch härter ausfallen als bisher zaghaft durch inkompetente westliche Politiker angedeutet wird. Keine Kompromisse, keine Hilfe für irgendein Land, welches sich in irgendeiner Form gegen Russland gewandt hat. Der arrogante Westen soll das tiefe Tal der Tränen voll durchschreiten. 

 

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Kommentare ( 4 )

  • Eckart

    Veröffentlicht: 10. März 2022 09:44 pm

    Das Sanktionregime hat für beide Seiten das Potential ein Krise zu erzeugen, die als nicht >sinnvoll< erscheinen mag. - Doch nur die Klugen werden sie erfahrungsgemäß wieder einmal als >sinnführend< zu nutzen wissen.

  • Müller-Thurgau

    Veröffentlicht: 11. März 2022 19:44 pm

    Ich hoffe, daß Rußland die Folgen der Sanktionen schnell überwindet und dann "russischer" sein wird als bisher. Das eine oder andere wird man wohl aus China importieren können.

    Aber was wird aus der deutschen Brauerei am Ural? Die deutschen Zutaten werden nicht auf die Schnelle mit Gleichwertigem ersetzt werden können. Dies ist nur ein kleines Beispiel dafür, welche Schwierigkeiten überwunden werden müssen.

    Schade, daß ich nicht mithelfen kann, bin zu alt und kann kein Russisch.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 11. März 2022 20:20

      ... ja, das Problem steht. Ersatzteile kommen nicht mehr aus Deutschland. Da muss man sich nach Alternativen umschauen. Was aber das Bier selber anbelangt ... es gibt jede Menge guter russischer Biere und ich denke mal, da auf einheimische Rohstoffe umzustellen ist nicht wirklich ein großes Problem.

  • Bastian Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 12. März 2022 03:05 pm

    @ Müller-Thurgau aus dem Elbtal
    Um mal auf das wesentliche Problem des deutschen Bieres im Ural einzugehen. Was da so fälschlicherweise immer wieder in die Welt gesetzt wird, woran sich deutsche Bierbrauer beim deutschen Reinheitsgebot halten würden, ist doch blanke Verkaufspropaganda. Kann jeder selbst nachlesen oder sich bei Bastian Lege anschauen.
    "In Deutschland wird Bier nach dem Reinheitsgebot aus den vier natürlichen Zutaten Wasser, Malz, Hopfen und Hefe hergestellt. Während der Gärung wird der Malzzucker von der Hefe in Alkohol umgewandelt, so dass Bier nur noch geringe Mengen Kohlenhydrate enthält. Hinzu kommt noch ein wenig Protein aus dem Malz ... " So viel zur Theorie.
    Um wirklich deutsches Bier nach deutschem Reinheitsgebot zu brauen, braucht es wohl das Deutschland gar nicht. Diese paar Dinge können wohl die Russen auch selbst erzeugen. Nicht heute, vielleicht nicht morgen, aber spätestens übermorgen. Zufrieden mit der Antwort?

  • Anton Amler

    Veröffentlicht: 12. März 2022 15:02 pm

    Erinnert sich eigentlich noch jemand etwa an 1957, als da in der DDR eine recht erfolgreiche Aktion gestartet wurde?
    "Tausend kleine Dinge"
    Während meiner Lehrzeit, nach dem Abi, habe ich im Abschnitt "Freiformschmieden" allein einige Hundert der damals sehr begehrten Maurerhämmer produziert.
    Auf Youtube kann man jede Menge sehr qualifizierter Beiträge von Russen finden, wie man mit einfachen Mitteln Gebrauchs- und Heimwerkerartikel herstellt.
    Diese, in Zeiten mit Nachholbedarf aufgewachsenen Menschen, verfügen nicht nur über Motivation, sondern vor allem über eine gescheite, breite Schulbildung.
    Eingebunden in ein intelliegent geführtes Programm, läßt sich da gezielt mancher, vorübergehende Engpass, entschärfen.
    Die Ami`s produzieren nicht mal einen Kartoffelschäler - nicht aus Unkenntnis, sondern mangels Hersteller.
    Der Gott "just in time" erbringt zwar Maximalgewinn, aber wehe, die Kette bricht.
    Havarie im Suez - Kollaps in Elektronik.

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