Russland stellt die Frage: Wer ist dein Bankier?

Russland stellt die Frage: Wer ist dein Bankier?
 
Eine etwas ungewöhnliche Frage für einen Westeuropäer, der es gewohnt ist, in und mit einem Bankensystem zu leben, welches seit hundert und mehr Jahren existiert. In Russland existiert das Bankenwesen erst seit 1990 und war bis mindestens Mitte 2013 hochkriminell.
 
 
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion entstanden in Russland hunderte, wenn nicht gar tausende von Banken. Sie kamen und gingen, so wie eben irgendjemand Geld brauchte, seine Investitionsidee mit den Geldern der einfachen Anleger umsetzen oder auch nicht umsetzen konnte. Es gab keine Einlagensicherung, keine Sicherheit wie noch zu Sowjetzeiten. Vieles ging drunter und drüber, Bankenbetrug war Tagesgeschäft.
 
 
Dann kam Elvira Nabiullina als Leiterin der russischen Staatsbank an das Ruder der Macht und begann aufzuräumen. Hunderte von Banken verloren seit Mitte 2013 ihre Lizenz. Heute kann man davon sprechen, dass der Bankensektor unter guter Kontrolle ist. Es gibt nur noch selten Lizenzentzüge, aber es gibt sie noch. Der Disziplinierungsprozess ist noch nicht abgeschlossen.
 
 
Generell kann man davon ausgehen, dass die paar hundert verbliebenen russischen Banken solide sind – was die Frage der rein bankentechnischen Arbeit anbelangt. Das Kontrollsystem scheint so perfekt zu sein, dass mögliche Schwarze Schafe, die noch vorhanden sind, schnell herausgefiltert und relativ schmerzarm aus dem gesunden Bankenkörper herausoperiert werden. Anleger, die betroffen sind, erhalten über den Einlagensicherungsfond ihre Einlagen erstattet, jedoch höchstens 1,4 Mio. Rubel.
 
 
So weit, so gut.
 
Nun befindet sich Russland aber in einer neuen Etappe seiner Entwicklung. Alle wissen, dass Präsident Putin dem Westen ein Ultimatum zu Fragen der Sicherheit Europas gestellt hat. Gut, offiziell wird es nicht als Ultimatum bezeichnet, aber defacto ist es so. Die Krise spitzt sich täglich zu und die westliche Solidargemeinschaft, angeführt von den USA, scheint eine Art diensthabendes System eingerichtet zu haben, wo arbeitsteilig vereinbart wurde, wer denn als nächstes von den schwerwiegenden katastrophalen Konsequenzen für Russland zu schwafeln hat.
 
Eine der angedrohten Sanktionen betrifft den russischen Bankensektor. Kein Mensch, auch nicht in Russland, hat Zweifel, dass die Sanktionen das Leben sowohl in Russland, wie auch im Rest der Welt beeinflussen werden. Russland will jetzt aber wissen: Wer sind unsere Bankiers?
 
 
Mit Erschrecken haben interessierte Leser der russischen Medien in den vergangenen Tagen zur Kenntnis nehmen müssen, dass man in Russland nicht weiß, wem welche Banken gehören. Erinnern Sie sich noch an meine Beiträge zur Kolonialisierung Russlands durch die USA, zum Souveränitätsverlust? Seine Souveränität verliert der Staat u.a. dann, wenn er keine eigene Währung hat und wenn das Finanzsystem unter ausländischer Kontrolle steht.
 
An der Stelle sei nochmals an die Vereinnahmung der ehemaligen DDR durch die ehemalige BRD erinnert. Alle glauben, dass diese Vereinnahmung am 3. Oktober 1990 stattfand. Das Datum ist jedoch nur ein symbolisches. Die wirkliche Vereinnahmung fand am 1. Juli 1990 statt, als die DDR-Währung gegen die D-Mark ausgetauscht wurde. Ab diesem Zeitpunkt hörte die DDR auf zu bestehen.
 
Und wie sieht es nun mit dem russischen Bankenwesen aus? Wer sind die Besitzer? Wo leben diese? Sind es russische Staatsbürger, sind es ausländische Staatsbürger? Und wenn es russische Staatsbürger sind, erfüllen sie die Rolle als Strohmänner? Wer steht hinter diesen? Russland kann diese Fragen nicht beantworten, will aber eine Antwort haben, um zu wissen, mit wem man es zu tun hat – für den Fall aller Fälle, der ja wohl kurz bevorsteht – wenn man den immer dramatischer werdenden Drohungen der westlichen Staatengemeinschaft Glauben schenkt.
 
So hat die Zentralbank einen Service gestartet, wo man anonym Informationen hinsenden kann, die Hinweise auf die wirklichen Eigentümer der russischen Banken geben. Natürlich sind nicht alle von dieser Vorgehensweise der Bank begeistert, die ihr jetziges Anliegen allerdings nicht mit den bevorstehenden Sanktionen begründet, sondern einfach nur mit ganz normalem Wissensbedürfnis, um zukünftig qualitativere Wertungen der Arbeit der Banken tätigen zu können. In der Zentralbank wird kommentiert, dass man sich nichts Neues habe einfallen lassen. Im westlichen Finanz- und Bankensystem sind derartige anonyme Meldungen tägliche Praxis und völlig normal. Die USA wird von der Zentralbank bei dieser Praxis besonders hervorgehoben.
 
Die Direktorin des Departements für die Registrierung und Liquidierung von Bankorganisationen der Zentralbank kommentierte: „Wenn sich der reale Besitzer einer Finanzorganisation versteckt, dann ist dies ein Zeichen, dass er kein Interesse an einer langfristigen und stabilen Entwicklung des Geschäftes hat.“
 
Und nebenbei erfährt Russland nun auch, um welche Bank man sich im Sanktionsfall weniger intensiv kümmern muss – natürlich die, die einem Ausländer gehört.

 

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