Schreckgespenst der russischen Valuta-Nullen

Schreckgespenst der russischen Valuta-Nullen
 
In Russland gibt es aktuelle Überlegungen, wieder einmal die vielen Nullen in der Währung abzuschaffen. Über Nacht sollen dann vielleicht zwei, vielleicht drei Nullen beim Rubel gestrichen werden. Über Nacht wird dann die Ein-Kopeken-Münze wieder wertvolles Zahlungsmittel.
 
 
Während meines Studiums Anfang der 80er Jahre in Leningrad, fuhr ich für drei Kopeken mit der Straßenbahn, bekam für 20 Kopeken ein Eskimo-Eis und konnte für vier Rubel am Schwedentisch mich rund und fett essen. Und man bückte sich damals noch nach einer Ein-Kopeken-Münze auf der Straße, denn bei einem Durchschnittsgehalt von 120 Rubel, war eine Kopeke relativ viel Geld.
 
Grafik: Münzgeld im modernen Russland
 
Heute bückt sich niemand mehr. Niemand nimmt auch mehr eine Kopeke als Zahlungsmittel entgegen. Münzgeld wird generell schief angesehen. Man rundet auf oder ab – auf volle Rubel.
 
Heute kostet eine Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln in Kaliningrad 24 Rubel und keine drei Kopeken mehr. Ein einfaches Waffeleis kostet 20 Rubel und keine 20 Kopeken. Und für einen Business-Lunch legt man mindestens 200 Rubel auf den Tisch – also fast das Doppelte eines durchschnittlichen Monatslohnes aus den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts.
 
Als ich im Jahre 1995 nach Kaliningrad reiste, fand ich noch ganz andere Preise vor. Die Inflation galoppierte und somit waren auch die Nullen auf den Rubelscheinen in beachtlicher Anzahl vorhanden.
Russland entschloss sich dann im Jahre 1997 eine Geldreform durchzuführen. In der Nacht vom 31. Dezember 1997 zum 1. Januar 1998 wurden von allen Geldscheinen drei Nullen gestrichen, also aus 50.000 Rubel wurden 50 Rubel.
 
Grafik: Alter und neuer Geldschein nach der Denomination
 
Und wer auf seinem Bankkonto 1.000.000 Million Rubel hatte, also Millionär war, der „verarmte“ über Nacht – rein theoretisch – und besaß dann nur noch 1.000 Rubel. Natürlich wurden auch bei allen Preisen die Nullen gestrichen, oder das Komma verschoben.
 
Bis zum Jahre 2002 zog sich der Austausch der Geldscheine hin.
 
Bis dahin passierte aber noch eine Katastrophe – und zwar genau in dem Jahr, in dem die Nullen gestrichen und der Rubel wieder mehr wert war, kam es zur großen Finanzkrise, einer hausgemachten Finanzkrise, in Russland.
 
Noch Anfang August 1998, wenige Stunden vor Beginn der Finanzkrise, wurde Jelzin bei einer Reise nach Nowgorod durch Journalisten nach einem bevorstehenden Zusammenbruch, einer Devalvierung des Rubels, befragt und Jelzin antwortete, dass das ausgeschlossen ist, man habe alles im Griff:
 
Videoeinspielung: Jelzin zur Devalvierung des Rubels 1998
 
Wir wissen heute: Jelzin hatte gelogen.
 
Im August brach das ganze Finanzsystem zusammen. War der Kurs zum Dollar Anfang August 1998 noch 1:6 und relativ stabil, so war er wenige Tage später schon bei 1:24. Die Läden waren leer, niemand wollte mehr Waren gegen Rubel verkaufen. Es gab Zeiten, da wollte man auch keine Valuta mehr entgegennehmen – man hatte Angst vor alles und allem. Viele verstanden nicht, was im Lande vor sich geht. Es waren schreckliche Monate im Jahre 1998.
 
Videoeinspielung: Volksmeinung zur Finanzkrise 1998
 
Und seit diesem Zeitpunkt begann in Russland wieder der Prozess, der eigentlich mit der Geldreform Anfang 1998 beendet werden sollte. Man musste immer mehr Rubel auf den Tisch packen, um einen Dollar zu erhalten. Da Russland in vielen Fragen importabhängig war und andererseits nicht viel im Export anzubieten hatte, außer dem preisempfindlichem Gas und Öl, begannen die Preise zu wachsen. Und heute sind wir wieder an einem Punkt angelangt, wo der USD 70 und der Euro 80 Rubel kostet. Der größte Geldschein ist der 5000-Rubel-Schein.
 
Grafik: Kursentwicklung Rubel 1997 - 2020
 
Mir persönlich bereitet es immer noch Probleme größere Rubelsummen zu verstehen, also die Frage: „Ist das nun teuer oder ist das nicht teuer“ für mich selber zu beantworten, wenn mir jemand sagt, dass das Auto 10 Millionen oder 30 Millionen kostet. Das ein einfaches Brot für 35 Rubel zu haben ist, dass ist für mich eine verständliche und wertbare Zahl, ohne dass ich den Taschenrechner rausholen und in Euro umrechnen muss. Allerdings ist dies ein rein subjektives Problem bei den Menschen, die in Russland leben und sich noch nicht vollständig von der westlichen Währung Euro oder USD getrennt haben. Wer auch hier vollständig den Schlussstrich zieht und nur noch mit dem Rubel arbeitet und seine Ersparnisse nur noch in Rubel anlegt, wird ganz schnell dieses subjektive Verständnisproblem als erledigt abhaken können. Dafür wird er dann aber nach einiger Zeit das Problem haben, einen Euro-Preis wieder richtig einordnen zu können und er wird automatisch anfangen in Rubel umzurechnen.
 
Am 14. Februar 2008 wurde Putin durch einen Journalisten zur Denomination befragt. Putin reagierte emotional:
 
Videoeinspielung: Putin zur Denomination des Rubels
 
Vermutlich hatte Putin noch die Ereignisse im Jahre 1998 gut in Erinnerung, d.h. der Denomination folgte wenige Monate später die Devalvierung – und das wollte Putin nicht. Im Gegensatz zu Jelzin, hat Putin Wort gehalten. Es gab keine Denomination des Rubels.
 
Videoeinspielung: Stabilität
 
Und die heutige Diskussion über eine Denomination ist von ziemlicher Sachlichkeit gekennzeichnet.
 
So kommentierte Michael Beljajew/ Михаил Беляев, Kandidat der Wirtschaftswissenschaften und Experte im Russischen Institut für strategische Forschungen (RISI), dass eine Denomination des Rubels unter den gegenwärtigen wirtschaftlichen Bedingungen notwendig ist, allerdings wäre dies auch gleichzeitig ein unkluger Schritt.
 
Beljajew zeigte sich überzeugt, dass Russland die Denomination durchführen wird, jedoch nicht zum gegenwärtigen Zeitpunkt der Corona-Krise. Die Stimmung in der Bevölkerung und in der Wirtschaft ist für einen derartigen Schritt nicht optimal.
 
Eigentlich wäre der Zeitpunkt jetzt, mal abgesehen von der Corona-Krise, recht günstig, denn die Inflation ist sehr gering und stabil und das ist die Voraussetzung, die man braucht.
 
Grafik: Inflation in Russland
 
Beljajew kommentierte, dass es sich bei der Denomination um einen rein technischen Vorgang handele – es werden einfach nur zwei Nullen gestrichen, der Wert des Geldes bleibt unverändert erhalten. Allerdings sieht er psychologische Probleme bei der Bevölkerung.
 
Beljajew ist nicht der einzige Experte, der auf diese Thematik aufmerksam macht. Auch andere haben bereits das Thema aufgegriffen, so dass man davon ausgehen kann, dass das Thema aktuell und die Denomination kommen wird – es ist nur eine Frage der Zeit.
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