Sie sind entlassen. Auf eigenen Wunsch. Der Kaliningrader Arbeitsmarkt in Corona-Zeiten

Sie sind entlassen. Auf eigenen Wunsch. Der Kaliningrader Arbeitsmarkt in Corona-Zeiten
 
Es wäre Lüge zu behaupten, dass die gegenwärtige Corona-Krise ausgerechnet in Russland, ausgerechnet in Kaliningrad, keinerlei Einfluss auf den Arbeitsmarkt hätte. Weltweit schließen Firmen oder optimieren ihre Arbeit. Und so ist es auch in Russland.
 
 
Das regionale Informationsportal „Klops.ru“ hat eine Analyse des Kaliningrader Arbeitsmarktes vorgenommen und liefert interessante Ziffern zum Stand der Dinge.
 
Grafik: Informationsportal „Klops.ru“ – Klick auf Grafik zum Originalbeitrag
 
„Kaliningrad-Domizil“ zitiert die wichtigsten Zahlen und Fakten für deutschsprachige Leser und Zuschauer und ergänzt diese Informationen mit eigenen Fakten und Analysen.
 
In Russland ist es üblich, zumindest wird es in vielen Fällen angestrebt, dass der Arbeitnehmer „auf eigenen Wunsch“ kündigt. Praktiziert wird dies überall – also sowohl im Privatsektor, wie auch im Staatsapparat. Entlässt der Arbeitgeber seinen Mitarbeiter, so hat er diesem noch drei Monatsgehälter fortzuzahlen, wenn der Entlassene in diesem Zeitraum keine neue Arbeit findet. Kündigt der Mitarbeiter „auf eigenen Wunsch“, so entfällt diese Zahlungspflicht und der Entlassene steht defacto ohne weiteres Einkommen da – vom Arbeitslosengeld einmal abgesehen, welches nicht sehr üppig ist und von dem nun wirklich keiner leben kann, selbst wenn er nur trockenes Brot isst.
 
Grafik: Entwicklung des Arbeitslosengeldes in Russland
 
Das Mindestarbeitslosengeld beträgt in Russland 1.500 Rubel. Während der ersten Welle der Corona-Krise wurde diese Summe zeitweilig, bis September, auf 4.500 Rubel heraufgesetzt. Die maximal mögliche Summe an Arbeitslosengeld beträgt 12.130 Rubel.
 
Weiterhin können Arbeitslose eine Lebensmittelkarte im Wert von 5.000 Rubel erhalten, wenn sie hierzu einen Antrag stellen. Anspruch haben Vorruhestandsrentner, Invalide, Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern, die nur die Mindestsumme an Arbeitslosengeld erhalten. 5.615 Personen sind gegenwärtig in Kaliningrad anspruchsberechtigt.
 
Grafik: Entwicklung des Existenzminimums
 
Das kleine staatliche Arbeitslosengeld hat allerdings den Vorteil, dass die so mittellos gestellten Menschen sich äußerst intensiv um Arbeit bemühen und selten über einen längeren Zeitraum arbeitslos sind. Hinzu kommt aber auch nicht selten der Fall, dass sich die Menschen arbeitslos gemeldet haben, aber durch Schwarzarbeit letztendlich nicht arbeitslos sind. Dass sie damit Sozialbetrug treiben, ist leider gegenwärtig ein großes gesellschaftliches Problem.
 
Grafik: Entwicklung des Mindestlohnes
 
Gegenwärtig sind in den Kaliningrader staatlichen Arbeitsämtern 36.700 Menschen als arbeitssuchend registriert. 20.500 davon erhalten Arbeitslosengeld. Zu Anfang des Jahres, mit Stichtag 1. März waren 4.137 Personen arbeitslos registriert.
 
Nicht jede Firma, die in Turbolenzen geriet, hat sofort ihre Mitarbeiter entlassen. Bei einigen einigte man sich auf Lohnkürzungen, einige gingen vorzeitig in den Ruhestand. Die Firmen selber erhielten die Möglichkeit zinsgünstige Kredite bei Banken aufzunehmen, um die laufenden Kosten zu decken. Der Staat garantierte, wenn es nur zu geringen Entlassungen käme, dass diese Kredite und deren Verzinsung Schritt für Schritt abgeschrieben werden, so dass die Firmen eigentlich keine Kreditrückzahlungen vornehmen müssen.
 
Grafik: Entwicklung des Durchschnittsgehaltes in Russland
 
Betroffen waren von der Krise, wie überall auf der Welt, in erster Linie die Tourismusfirmen, Hotels, Gaststätteneinrichtungen, Schönheitssalons und Einzelhandelsgeschäfte.
 
Somit gab es auch in diesen Bereichen die meisten Entlassungen.
 
Betroffen waren aber auch Seeleute. Viele Länder haben ihre Seehäfen geschlossen und somit waren die Entlassungen nur eine Frage der Zeit.
 
Analysiert man die Arbeitslosen nach Altersgruppen, so ist die Gruppe der 30-49jährigen mit 61 Prozent führend, gefolgt von Jugendlichen mit 25,6 Prozent und der dritten Gruppe, Personen im Alter über 50 Jahre und Vorruhestandsrentner  mit 13,4 Prozent. 
 
Grafik: Entwicklung des Monats-Durchschnittseinkommens in Russland
 
Interessant ist, dass 51 Prozent der jetzt registrierten Arbeitslosen bereits ein Jahr arbeitssuchend sind.
 
Wer arbeiten will, kann Arbeit finden – kommentiert das Kaliningrader Arbeitsamt. Es verfügt über 14.700 offene Stellen. Gefragt sind qualifizierte und unqualifizierte einfache Arbeiter. Sie stellen 60 Prozent der offenen Stellen. Aber auch Kfz.-Schlosser, Reinigungspersonal, Verkäuferinnen, Kassiererinnen, Fahrer, Köche, Bäcker, Kellner sind gefragt.   
 
Videoeinspielung: Momentaufnahmen aus dem Kaliningrader Arbeitsleben
 
Gesucht werden aber auch Ärzte, Ingenieure, Programmierer, Wachpersonal, Polizisten und Erzieher.
 
Auch in Kaliningrad gibt es Qualifizierungslehrgänge für Arbeitslose. Seit Anfang des Jahres haben diese Möglichkeit 860 Arbeitssuchende genutzt.
 
Weitere 1.682 Arbeitslose haben eine zeitweilige Arbeit gefunden.
 
166 Personen haben sich mit gesellschaftlicher Arbeit einverstanden erklärt.
 
Bitte schalten Sie jetzt nicht ab. Wir haben zu diesem ernsten Thema noch eine lustige, themenbezogene Ergänzung:
 
Videoeinspielung: Patient hat eine Allergie, eine Arbeitsallergie … (Sowjetische Parodie aus 1984)

 

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