Sonst nichts zu tun? Dann gehen wir demonstrieren!

Sonst nichts zu tun? Dann gehen wir demonstrieren!
 
Russische Medien berichten täglich zu den gesellschaftlichen Ereignissen in Chabarowsk, wo die Bevölkerung für „ihren“ Gouverneur und gegen die Rechtspflegeorgane demonstriert. Während die Rechtspflegeorgane Herrn Furgal unterstellen, ein Auftragsmörder zu sein, meint die Bevölkerung, dass er der beste Gouverneur aller Zeiten ist.
 
 
Chabarowsk, eine vergleichsweise junge Stadt, die im Jahre 1858 gegründet wurde, hat heute rund 590.000 Einwohner. Der Zeitunterschied zu Kaliningrad ist beachtlich: Während ich noch frühstücke, trinkt man in Chabarowsk schon den Nachmittagskaffee – sprich: acht Stunden Zeitunterschied.
 
Grafik: Oblast Chabarowsk in der Russischen Föderation
 
Glaubt man den verschiedensten Meldungen zu den Teilnehmerzahlen an den Massendemonstrationen, so haben bis zu 10 Prozent der Stadtbevölkerung an den Demonstrationen teilgenommen. Die Polizei spricht von wesentlich weniger. Demonstriert wird jeden Tag und das Merkwürdige ist, dass die Teilnehmerzahlen sehr stark schwanken. Es gibt Tage, da wird von Teilnehmern von bis zu 50.000 gesprochen und dann wieder gibt es nur wenige hundert Teilnehmer.
 
Videoeinspielung: Demonstration am Samstag in Chabarowsk
 
Es entsteht bei einem, im weit von Chabarowsk entfernten Kaliningrad wohnenden Deutschen, der Eindruck, dass die Chabarowsker vielleicht die Demonstrationen nur nutzen, um sich die Freizeit zu vertreiben … nach dem Motto: Im Kino nicht Besonderes, im Fernsehen nichts Besonderes … na, dann genießen wir die Sonne bei einer Demonstration. Wenn dies denn wirklich so ist, wäre dies ein neues gesellschaftliches Phänomen: Russen vertreiben sich ihre Langeweile durch Teilnahme an Demonstrationen.
 
Ein Indiz für die Richtigkeit meiner Vermutung finden wir in den Meldungen von „Kommersant“, wo der vor Ort befindliche Reporter berichtet, dass während der Demonstration am Samstag, zu Spitzenzeiten, 50.000 Personen teilnahmen, aber am Endpunkt der Demonstration, dem Leninplatz, nur noch 3.000 Personen übrigblieben. Die restlichen 47.000 hatten dann wohl zwischenzeitlich doch Interessanteres für sich entdeckt …
 
Videoeinspielung: Filmklassiker „Tote Seelen
 
Ähnliche Eindrücke hatte ich übrigens auch, wenn ich die Demonstrationen sehe, die ein Herr Nawalny organisiert.
 
Schaut man sich die Bilder an, so sieht man, dass ein Großteil der Teilnehmer eigentlich Kinder … na gut, Jugendliche … na gut, sehr junge Menschen sind. Schade, dass eigentlich mit denen nie tiefgreifende Gespräche während der Demonstration geführt werden. Das, was die Kameras zeigen, insbesondere die westlichen Kameras, sind einfach nur Stereotype, modische Stereotype: „Putin muss weg“. Würde man tiefer fragen, würde man vermutlich häufig feststellen: den Buben und Mädels ist eigentlich nicht wirklich klar, was sie im Leben und vom Leben wollen. Wichtig ist das Adrenalin während der Demonstration.
 
Videoeinspielung: Filmklassiker „12 Stühle“
 
Übrigens war dies auch eine Forderung der Demonstranten in Chabarowsk: „Putin muss weg“. Warum Putin weg muss, wenn doch der Gouverneur eines Gewaltverbrechens beschuldigt wird, erschließt sich einem Ausländer hier nicht so richtig, denn eigentlich müsste doch der Gouverneur weg …
 
Videoeinspielung: Putin äußert sich zu seiner Lebenserwartung
 
Zur Ehre der Chabarowsker muss gesagt werden, dass diese Forderung nun nicht mehr erhoben wird und diejenigen, die anfangen, diese Losung zu rufen, schnell zum Schweigen gebracht werden.
 
Interessant ist auch ein weiteres Phänomen, welches erst vor drei Tagen begann. Bewohner von Wladiwostok solidarisierten sich mit Chabarowsk und begannen ebenfalls, wenn auch nicht so massenhaft, für den, des Doppelmordes beschuldigten Chabarowsker Gouverneurs zu demonstrieren. Sie deklarierten ihre Solidarität nicht als Demonstration, sondern als „Tauben füttern“ – 500 – 1.000 Personen sollen an der Taubenfütterung teilgenommen haben.
 
Videoeinspielung: Taubenfütterung
 
Der Bürgermeister von Chabarowsk informierte, dass man bereits im Bilde ist, dass aus anderen Regionen Personen anreisen, die sich geschickt unter die einheimischen Demonstranten mischen und beginnen, mit vorbereiteten Schlagworten und Schlaglosungen, die Stimmung anzuheizen. Mit anderen Worten: Demonstrations-Tourismus.
 
Videoeinspielung: Filmklassiker „Der Revisor“
 
In Wladiwostok, in Amursk oder Komsomolska am Amur herrscht ein langweiliger gesellschaftlicher Friede … na, dann fahren wir eben mal nach Chabarowsk und mischen da mit …
 
In allen Meldungen wird hervorgehoben, dass es zu keinerlei Zwischenfällen mit der Polizei gekommen ist. Die Polizei ist anwesend, aber unbewaffnet und greift nicht ein – dies, trotzdem die Demonstrationen alle nicht genehmigt sind und die Corona-Situation in der Stadt sehr angespannt ist: 90 Prozent der Krankenhauskapazitäten sind ausgereizt.
 
Interessant ist aber noch etwas anderes. Auch deutsche Medien berichten über die Vorgänge in Chabarowsk – immerhin handelt es sich ja um Massendemonstrationen in Russland und wir wissen, dass derartiges sich bestens zur Negativ-Image-Vermittlung Russlands eignet. Aber die Meldungen der Öffentlich-Rechtlichen, die ich gesehen habe, waren sehr kurz und sehr sachlich, d.h. einfach nur Faktenvermittlung ohne ein- oder zweideutige Kommentare. In den Redaktionsstuben scheint man sich wohl ziemlich sicher zu sein, dass man mit einem kriminell verdächtigen Gouverneur keine Anti-Russen-Politik machen kann.
 
Und abschließend noch eine Information. Die zuständigen Untersuchungsorgane sind nicht sehr mitteilungsbedürftig, haben aber verkündet, dass es eindeutiges Beweismaterial, so u.a. auch Fotos gibt, die die Schuld des Noch-Gouverneurs beweisen.
 
Videoeinspielung: Filmklassiker Jemeljan Pugatschow
 
Nun lassen wir uns also von den Ereignissen der neuen Woche überraschen – eigentlich müsste Putin in dieser Woche einen neuen amtsführenden Gouverneur benennen. Den Demonstrierenden ist es egal, von welcher Partei er kommt. Hauptsache, es ist ein guter Gouverneur … meinten Demonstranten. Mein russischer Lieblingspolitiker und Chef-Liberalist Wladimir Wolfowitsch ist da wohl ganz anderer Meinung …
 
Videoeinspielung: Putin zu Äußerungen von Schirinowski
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Kommentare ( 2 )

  • Vladimir Rudyh

    Veröffentlicht: 21. Juli 2020 09:41 pm

    Zitate von Schirinowski: „Von was für einer Demokratie sprechen Sie, wenn 65% des russischen Territoriums Permafrost sind ?!“ ... Je gebildeter Menschen sind, desto schneller werden Revolutionen sein ... Saddam Hussein gab mir keinen einzigen Dinar. Wenn er geben würde, würde ich nehmen ... Ich habe saubere Hände, aber sie werden im Blut liegen, wenn ich Präsident werde ... Frage an Schirinowski: Aus welchen Quellen haben Sie Maybach? Antwort: von wo, von wo - aus Deutschland! .. Ich bin der ärmste Abgeordnete in Russland ... Wir werden die Revolution durchführen! .. Eine Generation ist erwachsen geworden, die Ihnen (den Behörden) nichts verzeiht und Sie alle bestraft.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 21. Juli 2020 09:47

      ... was wollen Sie jetzt mit diesem Kommentar den deutschen Lesern mitteilen ... ?

  • Vladimir Rudyh

    Veröffentlicht: 21. Juli 2020 10:19 pm

    Ich möchte den deutschen Lesern daran erinnern, was Worte von Wladimir Wolfovitsch wert sind. Er spricht viel und ausdrucksstark. Aber er ist weder eine Opposition noch ein Liberaler oder ein Demokrat. Der kluge Mann spielt als ein Narr am königlichen Hof. Es ist interessant, ihm zuzuhören, zu lachen und dann alles zu vergessen, was er gesagt hat.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 21. Juli 2020 10:25

      ... ich glaube, jetzt hat woh die Mehrzahl der Leser verstanden, wass Sie meinen. Und ich habe es auch verstanden und möchte Ihnen noch nicht mal widersprechen.

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