Tschubais mahnt, vom sterbenden Pferd abzusteigen

Tschubais mahnt, vom sterbenden Pferd abzusteigen
 
Tschubais, der Vorstandsvorsitzende von „RosNano“ zitiert ein amerikanisches Sprichwort, welches sinngemäß besagt, dass der Cowboy vom Pferd absteigen sollte, bevor es tot umfällt. Und seinen Argumenten kann man nichts Logisches entgegensetzen.
 
 
Es ist schon erstaunlich zu beobachten, wie man in Russland überall und immer wieder zu der Erkenntnis kommt, dass Russlands Wirtschaft von Gas und Öl abhängig und somit entsprechend empfindlich ist. Einiges hat sich in den letzten Jahren zwar schon getan und die Wirtschaft ist etwas stärker diversifiziert worden, aber prinzipiell – so meint Tschubais, hat sich nichts geändert und Russlands Wirtschaft wird immer wieder empfindlich von internationalen Ereignissen, objektiven oder auch subjektiven, getroffen.
 
Grafik: Kurzbiographie Anatoli Tschubais
 
Öl und Gas sind das Rückgrat der russischen Wirtschaft – sagt Tschubais. Bleiben wir im medizinischen Bereich, so wissen wir, dass ein kleiner Unfall zu einer Querschnittslähmung führen kann und der Mensch ist für den Rest seines Lebens mobilitätseingeschränkt, wie man im Westen sagt. In Russland bezeichnet man derartige Schicksale als „Invalide“.

20 % des Bruttoinlandsproduktes entfallen auf Gas und Öl, 40 % des russischen Haushaltes werden durch den Verkauf der Bodenschätze gebildet und stellen somit 60 Prozent des Gesamtexports. Somit ist klar, dass diese Bodenschätze zu fast 100 Prozent für all das Elend verantwortlich sind, das Russland von Zeit zu Zeit durchlebt.  
 
Grafik: Entwicklung Bruttoinlandsprodukt
 
Schaut man in den militärischen Bereich, so besetzt Russland hier phantastische Plätze im ganz vorderen Bereich. Man entwickelt Raketen, die können auf einer Entfernung von 10.000 Kilometer einer Fliege im Ziel das rechte Bein brechen. Aber ein eigenes russisches Dampfbügeleisen produziert das Land nicht. Wenn die USA dies erfahren und sich entschließen sollten, ein Embargo für Dampfbügeleisen gegen Russland zu verhängen, dann wird die „Knittermode“, eine Mode des vorigen Jahrhunderts, in Russland wieder Einzug halten, denn ich kann mich zwar noch an hervorragende schwergewichtige Dampfbügeleisen „Made in USSR“ für 12 Rubel das Stück im Jahre 1980 erinnern, aber heute kenne ich keine russischen Dampfbügeleisen mehr, geschweige denn Rasierapparate oder Kaffeemaschinen.
 
Grafik: Elektrogeräte Made in USSR (1980)
 
Russland produziert hervorragende Jagd- und Bombenflugzeuge, aber einen würdigen Nachfolger der zivilen TU-Serie gibt es nicht.
 
Grafik: Moderner russischer Langstreckenbomber TU-160
 
In Russland soll es jede Menge erstklassige Hacker geben, aber eine wirklich führende IT-Position in der Welt hat Russland nicht. Hoffnung keimt natürlich auf, wenn man sieht, dass immer mehr staatliche Einrichtungen mit Publikumsverkehr elektronische Warteschlangen einrichten. Da entfällt dann wenigstens der nostalgische Ruf beim Betreten der Einrichtung: „Wer ist hier der Letzte?“
 
Russland hatte einige Jahre einen sehr vorsichtigen Ölpreis für den Haushalt geplant: 40 USD/Barrel. Mit diesem Preis hatte man dann einen ausgeglichenen Haushalt organisiert. Da dann der Ölpreis doch über 40 USD lag, ging es dem Land wieder bestens und der „Fond des nationalen Wohlstandes“ konnte mit den Überschüssen prall gefüllt werden, was heute hilft, die Corona-Krise, zumindest finanziell, leicht wegzustecken.
 
 Grafik: Entwicklung Ölpreis 2000 - 2020
 
Grafik: Entwicklung Fond Nationaler Wohlstand
 
Aber im Haushalt für 2020 hat man wieder Mut gefasst und den Preis mit 42,50 USD angesetzt und schon geht der Preis wieder den Bach runter – wie wir in den letzten Monaten beobachten konnten. Tschubais kommentiert, dass man in Russland froh sein kann, wenn der Preis 40 USD erreicht. Gegenwärtig pendelt der Preis um die 30 USD. Klar, dass somit das Wirtschaftsjahr defizitär enden wird oder einige geplante Aufgaben nicht erfüllt werden.
 
Tschubais kommentierte, dass die fallenden Preise für Öl und Gas auf dem Weltmarkt, endlich ein Alarmsignal für Russland werden müssten. Russland muss endlich eine strategische Entscheidung zur Loslösung von den Gas- und Öl-Abhängigkeiten treffen und den jetzigen Weg verlassen. Es darf nicht mehr zugelassen werden, dass sich der Staat in einem derartigen strategischen Risikobereich bewegt. Außerdem ist klar, dass Gas und Öl zukünftig, durch alternative Energiequellen, an Bedeutung verlieren werden. Und deshalb, so Tschubais, muss der Cowboy vom Pferd absteigen, bevor es tot umfällt.
 

Grafik: Steige ab, bevor das Pferd tot umfällt
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Kommentare ( 1 )

  • Frank Werner

    Veröffentlicht: 21. Mai 2020 11:33 pm

    "Wir wollten das Beste, aber es kam wie immer ... "

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 21. Mai 2020 11:34

      ... das hat aber nicht Tschubais gesagt, sondern einer seiner ehemaligen Chefs.

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