Waisenkind Königsberg

Waisenkind Königsberg

 

Es war einmal eine Familie, Mutter Martha König, Vater Kurt König und Klein-Fritzchen. Eine ganz normale Familie, bis plötzlich eine Katastrophe passierte und Klein-Fritzchen seine Eltern verlor und alleine, als Waise zurückblieb. Aber lange blieb er nicht alleine, denn es fanden sich schnell neue Eltern, die ihn adoptieren wollten: Tamara und Anton Russ.

Und sie nahmen den kleinen Fritz zu sich, trösteten ihn, fütterten ihn, kleideten ihn neu ein, denn bei der Katastrophe hatte sein Äußeres stark gelitten. Sie schickten Fritz in den Kindergarten, die Schule und kümmerten sich darum, dass er eine gute Ausbildung erhielt und zu einem vernünftigen Menschen heranwuchs. Wenn Fritz mal krank war, wurden Medikamente gekauft oder es wurde ein Arzt konsultiert. Taschengeld erhielt Fritz auch, wenn auch nicht viel. Anton und Tamara waren sparsam. Manchmal schimpften die neuen Eltern auch mit Fritz, wenn er etwas verkehrt gemacht hat – also kurz: Fritz wuchs in einer ganz normalen, wenn auch neuen Familie, auf.

Fritz vergaß schnell seine leiblichen Eltern, er hatte sie ja in einem Alter verloren, wo er sich als Kind im Babyalter eigentlich gar nicht an sie erinnern konnte.

Dann stand mal wieder eine Geburtstagsfeier an, irgendwie ein runder Geburtstag. Tamara und Anton organisierten ein kleines Fest und luden die Freunde von Fritz ein – nicht alle Freunde kannten sie. Sie schenkten Fritz zum Geburtstag ein paar neue Schuhe und einen Füllfederhalter – genau das, was er jetzt braucht in der Schule.

Dann kam Paul, einer der Freunde von Fritz, ein kleiner Raufbold und Tunichtgut. Und der schenkte seinem Freund Fritz ein Planschet, ein Tablet. Davon hatte Fritz schon immer geträumt, aber sein Taschengeld und der Arbeitslohn seiner Eltern reichten nie aus, um sich solche Wünsche zu erfüllen. Voller überschwenglicher Dankbarkeit strahle er Paul an und flüsterte ein schüchternes „Danke“. Und während er sich noch mit dem Auspacken des Geschenkes beschäftigte, sagte Paul plötzlich: „Ej Fritz, weißt Du eigentlich, dass das gar nicht Deine Eltern sind? Du heißt gar nicht Russ, Du heißt König.“

Ein eisiger Wind wehte durch die festlich geschmückte Geburtstagsstube, die Gespräche verstummten und alle waren schockiert und verlegen.

Am Abend, alle waren nach der missglückten Geburtstagsfeier nach Hause gegangen, besprachen Tamara und Anton die Situation. Ihnen war nicht klar, was eigentlich passiert war und wie es überhaupt passieren konnte. Sie hatten viele Jahre Kraft, Energie, Zeit und Geld in die Erziehung und Ausbildung von Fritz gesteckt und aus ihm einen anständigen jungen Burschen gemacht. Und nun kommt da dieser Raufbold und Tunichtgut Paul und macht mit einem einzigen Satz all das zunichte. Ein Geschenk reichte aus, um Fritz ihnen zu entfremden und sie befürchten jetzt, dass ihr Sohn nun am kommenden Morgen ihnen am Frühstückstisch erklären wird: „Ihr seid nicht meine Eltern. Ich will König heißen, Paul hat gesagt, dass das mein richtiger Name ist.“

Tamara und Anton dachten nach, was sie wohl verkehrt gemacht hatten in der Vergangenheit. Aber für sie war noch viel wichtiger festzulegen, was man tun muss, um Fritz dem unguten Einfluss einiger seiner Spielkameraden zu entziehen. Und sie erinnerten sich an den Sandkasten, gleich hinter dem Haus, dem Lieblingsspielplatz. Hier spielte der Tunichtgut Paul mit Fritz immer Krieg. Man baute Sandburgen und zerstörte diese wieder  … kurz, Tamara und Anton riefen einen Service an und beauftragten diesen, den Sand auszutauschen und überhaupt einen neuen Sandkasten zu bauen. Und ab sofort, so nahmen es sich Tamara und Anton vor, wollten sie genau aufpassen, mit wem Fritz im Sandkasten spielt. Den Namen „König“ wird Fritz natürlich nicht vergessen, aber vielleicht erinnert er sich doch daran, wer ihn nach der Katastrophe, wo er Papa Deutschland und Mama Ostpreußen verloren hatte, Essen und Trinken und ein warmes Bett gegeben hat.

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Kommentare ( 1 )

  • boromeus

    Veröffentlicht: 28. September 2019 12:11 pm

    Den Ort seiner eigenen Wiege vergisst niemand.Egal mit welcher Farbe man auch versucht ,dem ganzen einen neuen Anstrich zu verpassen,oder dem ganzen eine neue Krone aufzusetzten.Die ostzonale Führung war ja auch der Meinung ,dass man 30 Millionen Menschen durch den Bau einer Mauer in ihrem Freiheitsdrank auf Dauer unterdrücken konnte.Gott sei dank haben die Menschen bewiesen ,das es nicht möglich ist.Und man kann sich nur wünschen, das Fritzchen eines Tages wieder erleben kann ,das sein Geburtsort wie einst Königsberg genannt wird.Genau wie die Einwohner ,von "Leningrad" ihr altes Petersburg zurückerhielten.Vielleicht dauert es noch ein bisschen,aber es kommt,da bin ich mir ganz sicher.Ob nun mit oder ohne Germanismus.Menschen lassen sich nicht auf Dauer gängeln...

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 28. September 2019 12:41

      in der Ostzone, in der sowjetischen Besatzungszone, in der sogenannten DDR haben nicht 30 Mio. Menschen gedarbt und sind unmenschlich durch die SED-Diktatur unterdrückt worden, lieber Herr Kommentator, sondern nur 16 Mio., manche meinen, es sind 17 Mio. gewesen.

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