Wann greift Russland an?

Wann greift Russland an?
 
Es ist wohl einer der ganz wenigen Momente in der Weltgeschichte, wo bereits Monate im Voraus bekannt ist, dass ein Land ein anderes Land angreifen will. Der potentielle Angreifer, in diesem Falle Russland, wartet nur noch günstiges Wetter ab und dann kann es losgehen.
 
 
Es ist schon recht interessant die Entwicklung der Ereignisse zu beobachten.
 
Es begann damit, dass irgendwelche Fotos, aus dem Weltraum geschossen, veröffentlicht worden. Die Amerikaner behaupteten, dass ganze Panzerarmeen in der Nähe der ukrainischen Grenze aufgefahren sind. Andere meinten, dass die Aufnahmen einige hundert Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt aufgenommen worden sind. Andere, so u.a. die Ukraine selber, aber auch die OSZE meinten, sie sehen keine Panzer und keine Truppen in der Nähe der ukrainischen Grenze. Die Amerikaner behaupteten aber stur, dass die Panzer da sind. Und irgendwann vor ein paar Wochen, glaubten es dann auch alle anderen.
 
Es begann das große Rätselraten, was denn die Russen mit den 175.000 Mann an der ukrainischen Grenze machen wollen. Obwohl, es sind ja noch keine 175.000 Mann, sondern erstmal nur die Hälfte. Die andere Hälfte kommt später – meinen die amerikanischen Spione in Russland.
 
Aber so groß war das Rätselraten gar nicht, denn allen ist klar: Die Russen wollen Krieg. Die Russen greifen ihre slawischen Brüder und Schwestern in der Ukraine an. Das geht nun gar nicht. Und die westliche Propagandakampagne begann.
 
Die fleißigen Politiker in den westlichen Demokratien begannen auch gleich einen Katalog von Maßnahmen zu erarbeiten, mit denen man Russland bestrafen will. Russland wird teuer bezahlen – also so, wie schon seit 2014 Russland immer teuer bezahlt hat.
 
Man wünschte sich manchmal, dass z.B. die Politiker in Deutschland bei der Lösung von innenpolitischen Problemen eine derartige Handlungs- und Entscheidungsgeschwindigkeit an den Tag legten – also sagen wir mal bei der Anpassung der Renten im Osten und Westen des wiedervereinten Deutschlands.
 
Und dann rufen wir uns noch die vielen Meldungen der westlichen, aber auch der russischen Medien aus den vergangenen, sagen wir mal, zwei Jahren in Erinnerung, als über die umfangreichen Manöveraktivitäten der russischen Armee informiert wurde. Erinnern Sie sich noch, meine lieben Zuschauer? Da wurden ungeplant ganze Militärbezirke in erhöhte Gefechtsbereitschaft versetzt, Truppen aus den ständigen Dislozierungsorten in Tagesmärschen in neue Bereitstellungsräume verlegt. Russische Eliteeinheiten, z.B. Luftsturmtruppen in Divisionsstärke wurden in Einsatzgebiete, hunderte von Kilometern von ihren Stationierungsorten, nebst Technik verlegt … alles passierte innerhalb weniger Stunden.
 
Ich habe während meiner militärischen Ausbildung gelernt, dass eine sowjetische Mot.-Schützendivision, also rund 14.000 Mann Mobilisationsstärke, unter Kampfbedingungen eine Tagesaufgabe von 50 Kilometer Tiefe zu bewältigen hat … für diejenigen, die sich nicht so auskennen … eine Tagesaufgabe gliedert sich in „Nächste Aufgabe“, 12 Kilometer entfernt von der Angriffsausgangsstellung, „Folgeaufgabe“, 30 Kilometer entfernt und dann die Tagesaufgabe … Das sind die Zahlen unter Kriegsbedingungen, d.h. kämpfend und unter Einflussnahme des Feindes. Wenn es keine Kämpfe und keine Feindeinwirkung gibt, kann also eine Division oder eine Armee oder eine Front, sich wesentlich schneller vorwärts bewegen. Erfolgt die Bewegung noch mit Hilfe der Eisenbahn geht es noch schneller. Die Verlegung der gesamten russischen Armee an die ukrainische Grenze kann also innerhalb einer Woche – spätestens – abgeschlossen sein.
 
Und so steht für mich die Frage, warum Russland Monate im Voraus seine Panzerarmeen an die ukrainische Grenze verlegen sollte, um dann irgendwann, wenn schöner Frost ist – der wird übrigens gebraucht, meinen die Amerikaner, damit der Boden gefriert und die russischen Panzer nicht im ukrainischen Sumpf versinken … anzugreifen.
 
Ich gehe also davon aus, dass, wenn Russland wirklich 17,5 Prozent seiner Armee (die russische Armee zählt eine Million Mann) jetzt schon an die ukrainische Grenze verlegt hat, man den westlichen Demokratien einfach nur die Möglichkeit geben wollte, sich rechtzeitig auf den Krieg, zumindest den Propagandakrieg, vorzubereiten.
 
Aber man bereitet sich im Westen nicht nur auf den Propagandakrieg vor, denn der wird bereits geführt und wird benötigt, um die Folgeschritte des Verteidigungsbündnisses NATO der Bevölkerung verständlich schmackhaft zu machen – egal, ob Russland nun angreift oder auch nicht.
 
Der amerikanische Präsident Biden hat am Wochenende erklärt, dass man keine Truppen in die Ukraine entsenden werde. Man werde zusätzliche Truppen an der Ostflanke, … also für die Deutschen verständlicher gesagt: der Ostfront, stationieren, wenn Russland die Ukraine angreift. Stationierungsländer werden Bulgarien, Ungarn Litauen, Lettland, Estland, Polen, Rumänien, die Slowakei und Tschechien sein.
 
Ach wie schade, dass in dieser wunderschönen Kette von Ländern rings um Russland nun doch Weißrussland fehlt.
 
Wenn aber Russland nicht angreift, so wird man vermutlich trotzdem die zusätzlichen Truppen stationieren, denn aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben. Die Russen können ja im kommenden Winter angreifen – da sollte man dann schon gewappnet sein.
 
Biden meinte, dass man in den USA niemals Gedanken gehabt habe, in der Ukraine Truppen zu stationieren – mal von den paar tausend Beratern abgesehen, die sich gegenwärtig dort befinden.
 
Biden kommentierte auf einer Pressekonferenz, dass, wenn Russland die Ukraine angreifen sollte, sich die ganze Welt ernsthaft verändern wird und Russland wird einen schrecklichen Preis zahlen.
 
Keine Ahnung, woher Präsident Biden die Information her hat, dass sich nach einem Angriff Russlands auf die Ukraine die ganze Welt ändern wird. Als die Amerikaner Vietnam, Nordkorea, Jugoslawien, Libyen, den Irak, Syrien usw. usw. angegriffen hatten, hat sich doch auch die Welt nicht prinzipiell geändert. Warum also ausgerechnet dann, wenn die Russen angreifen?
 
Aber, da der amerikanische Präsident Biden ein friedliebender Mann ist, wird man alles tun, damit Russland diesen schrecklichen Preis nicht bezahlen braucht. Man wird nämlich die Ukraine militärisch unterstützen und weiter aufrüsten – sagt Präsident Biden und das wird Russland dann so erschrecken, dass es seine slawischen Brüder und Schwestern nicht angreift.
 
Gegenwärtig findet ein Treffen der Außenminister der G7 in England statt. Russische Medien haben in Erfahrung gebracht, dass man sich dort absolut einig ist, was Russland anbelangt. Man ist einheitlich beunruhigt und man wird einheitlich gegen Russland vorgehen – also man wird das tun, was man schon immer getan hat. Im Westen somit nichts Neues.
 
Russland macht sich aber auch ernsthafte Sorgen – zumindest sagt das die russische Botschaft in London. Man glaubt Anzeichen für einen bevorstehenden Bürgerkrieg in der Ukraine bemerkt zu haben.
 
Was für mich immer noch nicht klar ist: Warum sollte Russland die Ukraine angreifen? Was hat Russland davon?

 

 

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Kommentare ( 2 )

  • Eckart

    Veröffentlicht: 13. Dezember 2021 11:02 pm

    Ob Moskau eine Lösung für den Donbass sucht ist inzwischen eine überreife Angelegenheit, denn es war ein riesiger Fehler nur die Krim anzugliedern. - Man glaubte ohne einen Blick auf die Landkarte aus zukommen. Heute weiß man, dass die Abriegelung des Krimkanals vom Dneprwasser einen immensen wirtschaftlichen Schaden anrichtet. - Militärisch ist das nicht optimal zu beheben, und wer dem Gesprächstreffen Biden/Putin richtig gelauscht hat, hört, beide streben ein Referendum für das Gebiet des Donbass an. Russische Pässe sind vorausschauend bereits genug verteilt worden, und die russischen Truppen könnte sehr "beruhigend und Vertrauen erweckend" auf die Wähler wirken. - Wenn alles nach den Kreml Visionen verläuft, wird es dann wohl eine neuen Grenzverlauf entlang des Dnepr geben - und das vielleicht bis zur belarussischen Grenze. - Ein natürlicher Grenzverlauf ist für beide Seite von Interesse. Biden will sich für seine Pazifikpolitik Luft verschaffen und sich so den Rücken frei halten.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 13. Dezember 2021 11:23

      ... interessante Überlegungen. Besten Dank.

  • Bastian Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 15. Dezember 2021 01:38 pm

    Hallo Eckart, das mit dem Referendum ist aber von den beiden sehr unterschiedlich gemeint. Schokoladen Poroschenko hatte diesen Vorschlag ja auch schon mal unterbreitet, natürlich auf die ukrainische Art. Da sollten beide Oblaste in ihrer Gesamtheit Ost und West am Referendum teilnehmen dürfen. Wäre ja nicht schlecht. Aber auch im Osten müßten die ukrainischen Parteien alle zugelassen werden und auch das Personal dafür müßte sich dort als Bewohner anmelden können. Die beiden Oblaste Donezk und Lugansk würden wohl daraufhin mit Massen von Rechtsextremen geflutet werden, die auf einmal alle Bewohner dieser zwei Oblaste wären. Über das Ergebnis eines so gearteten Referendums muß man nicht mehr sprechen.
    Der Biden kennt das alles aus seiner Zeit als US-Vizepräsident und Obamas Reichsverweser für die Ukraine.

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