Wenn Väterchen Staat zu den Waffen ruft

Wenn Väterchen Staat zu den Waffen ruft

 

Wenn Väterchen Staat oder Mütterchen Russland zu den Waffen ruft, so bedeutet dies im modernen Russland nicht unbedingt, dass die Waffe eine Maschinenpistole oder eine Atomrakete ist. Es kann auch ein Stethoskop oder ein Schraubenschlüssel sein. Die russische Gesellschaft ist nicht nur kompromissfreudig sondern auch alternativ – wenn auch nicht auf allen Gebieten.

 

 

Russland ruft seine jungen wehrpflichtigen Männer zweimal im Jahr zum Wehrdienst – die Frühjahrseinberufung beginnt im April, die Herbsteinberufung im Oktober. Während zu früheren, zu sozialistischen Zeiten, die Wehrpflichtigen überall im Lande verteilt wurden und defacto niemals an ihrem Heimatort dienten, sieht dies jetzt ein wenig anders aus. Es wird versucht, die Wehrpflichtigen möglichst im Heimatort oder zumindest in der Heimatregion zu belassen.

In Kaliningrad werden rund 1.000 wehrpflichte Männer einberufen. 700 bleiben im Kaliningrader Gebiet, 300 werden in andere Regionen entsandt. Zehn Wehrpflichtige können sich freuen, denn sie sind für die Präsidentengarde ausgewählt.

Die Einberufung, als rein organisatorischer Prozess, beginnt am 1. April und endet am 15. Juli. Es wird keinerlei Änderungen im Hinblick auf die gegenwärtige Corona-Situation in Russland geben. Einzige Besonderheit ist, dass die Wehrpflichtigen sich in eine 14tägige Quarantäne begeben müssen, wenn sie im Truppenteil eintreffen. Es gibt sicherlich schlechtere Varianten für den Start in der Armee.

Wer mit der Armee einen Vertrag unterschreibt und somit Vertragssoldat wird, profitiert von vielen Vergünstigungen, bis hin, dass er defacto vom Staat eine Wohnung geschenkt bekommt. Aber dafür muss man schon lange dienen.

Aber es gibt auch junge Männer, die den Dienst an der Waffe ablehnen. In Russland war die Einführung eines Alternativdienstes ein etwas langwieriger Prozess. Man ist es im Land nicht gewöhnt, dass ein Mann etwas Alternatives, vielleicht sogar etwas „weibisches“ machen soll. Die einzige Alternative, die viele, viele Jahre nutzten, war die Flucht vor der Fahne, das Drückebergertum. Diese Zeiten sind vorbei. Zum einen hat die Armee an Attraktivität gewonnen und zum anderen hat der Gesetzgeber dafür gesorgt, dass derjenige, der nicht gedient hat, in der russischen Wirtschaft, geschweige denn in staatlichen Strukturen, kaum eine Chance hat offiziell Arbeit zu finden.

Um diesen Nachteilen zu entgehen, kann man, wenn man nicht seinen Dienst mit der Waffe versehen will, den Alternativdienst wählen. Er ist nach wie vor nicht sehr populär und macht auch nur einen winzigen Bruchteil der Wehrpflichtigen aus. Ab dem Jahre 2021 soll es dann weitere Veränderungen zum Alternativdienst geben.

Diejenigen, die den Alternativdienst ab 2021 ableisten, können sich für eine vollwertige medizinische Ausbildung im russisch-orthodoxen Zentrum der russischen Streitkräfte entscheiden. Dieses Zentrum befindet sich im Park „Patriot“ bei Moskau. Nach Abschluss der Ausbildung werden die Männer in medizinischen Einrichtungen arbeiten. Hier können die Alternativen auswählen zwischen militärischen oder zivilen medizinischen Einrichtungen. Dienen sie in militärischen medizinischen Einrichtungen, dauert der gesamte Alternativdienst nicht 21 Monate, sondern nur 18 Monate.

Bisher können sich die Alternativdienstler für folgende Berufe entscheiden: Dreher, Kraftfahrer, Postzusteller, Fahrstuhlservice, Traktorist, Maler, Sanitäter, Wachmann, Bäcker, Rentierhirte, Gärtner, Feuerwehrmann, Elektroschweißer und weitere Berufe. Die Einberufungskommission schickt die Alternativdienstleistenden entsprechend Eignung und ausgewählter Fachrichtung in die russische Wirtschaft oder Landwirtschaft – dort, wo eine Kaderanforderung vorliegt. Für seine Arbeit erhält der Alternativdienstleistende ein Gehalt und das übliche Sozialpaket.

Konkrete Zahlen nennt das Verteidigungsministerium nicht. Man spricht von einigen Hundert, die sich für den Alternativdienst entscheiden, bei einer Einberufungsquote von bis zu 135.000 Wehrpflichtigen.

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Kommentare ( 2 )

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 18. April 2020 02:14 pm

    "Es gibt sicherlich schlechtere Varianten für den Start in der Armee." Der Meinung bin ich auch.
    Nun, die EU macht sich wieder mal zum Löffel, indem sie dagegen protestiert, daß die Wehrpflichtigen der Republik Krim zur russischen Armee eingezogen werden.
    Was geht das die EU an?
    In vielen großen Städten Rußlands werden derzeit unter ziemlichem zeitlichen Druck gewaltige Infektionskrankenhäuser mit modernsten Standards errichtet. Und Verteidigungsminister Segej Schoigu hat sich, vom Fernsehen übertragen, die Baufortschritte der beteiligten Baueinheiten der Russischen Armee melden lassen.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 18. April 2020 05:09

      ... und in Kaliningrad wird ebenfalls eines dieser Krankenhäuser gebaut - 7 Minuten Fußweg von meinem Office ... leider aber z.Zt. unerreichbar für mich ... Aber Bekannte, die gegenüber der Baustelle wohnen berichten von äußerst intensiven Arbeiten Tag und Nacht.

  • Jan Heller

    Veröffentlicht: 24. April 2020 20:42 pm

    Ja, das erste was man durch die Musterung lernte, ist nicht gleich die besten Vorzüge zu zeigen und damit de facto für die Zukunft unabkömlich zu sein.
    Trotzdem bekam ich das Angebot für besondere Dienste. Von zeitigem Heimaturlaub ganz zu schweigen, und heimatnah, was man auch immer darunter verstehen möchte, war eine ferne Illusion. Wenn es denn sein muss, dann ist man bereit. Dass es dann anders kam, haben andere entschieden, aber man war ja bereit. Letztlich Jahre später war es dann wirklich so weit, und es hat mir viel Erfahrung gebracht und mich an Orte geführt, an die man weder mit Visum noch mit gutem Willen kommt, sondern nur mit Empfehlung.
    Und ganz nebenbei, die russische Uniform wärmt am besten...

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