Wer bin ich und wo komme ich her?

Wer bin ich und wo komme ich her?
 
Vor wenigen Tagen musste ich meinem russischen Staat ein paar Fragen beantworten. Ich benötigte ein Dokument und nutzte hierfür das Internetportal „Staatliche Dienstleistungen“ – Gosuslugi. Und bei den dort gestellten Fragen wurde ich an meine Vergangenheit erinnert, die bei mir interessante Überlegungen auslösten.
 
 
Sie kennen natürlich die deutsche Bürokratie. Man braucht ein Dokument, irgendeine Bescheinigung, irgendeine Urkunde und schon ist ein Urlaubstag flöten oder der Chef ist so freundlich und lässt Sie während der Arbeitszeit mal schnell etwas Privates erledigen. In Russland ist dies nicht anders. Allerdings gibt es ein paar Besonderheiten – im Vergleich zu Deutschland.
 
Eine der Besonderheiten ist, dass es in Deutschland keine Korruption gibt. Alle Beamten und Angestellten des Staates arbeiten ehrlich und gewissenhaft. Der deutsche Beamte, Dein Freund und Helfer. Es gibt natürlich auch Ausnahmen. In Deutschland selber habe ich diese Ausnahmen nicht kennengelernt, aber im Ausland habe ich schon die launischen Launen von Beamten ertragen dürfen. Dort nennen sich die Beamten allerdings Diplomaten und genießen Privilegien, die die Beamten, die ihren Treuedienst in Deutschland versehen, nicht haben und vor Neid erblassen lassen.
 
Aber ich schweife ab. Kommen wir zum eigentlichen Thema zurück.
 
In Russland gibt es Korruption. Sie wird immer wieder von westlichen Ratingfirmen festgestellt. Zukünftig wird sich das ändern, da westliche Ratingfirmen in Russland nicht mehr so gefragt sind und sogar freiwillig das Feld räumen.
 
Um gegen die Korruption, die angeblich Weltspitze sein soll, vorzugehen, hat sich Russland das System „Gosuslugi“ einfallen lassen. Man sitzt zu Hause, macht sich einen Tee und schaltet dieses riesige System ein, wo der Bürger alles bekommen kann, wozu er früher in irgendwelche Behörden musste und wo er die Launen der dortigen Beamten ertrug. Natürlich wurde das System auch geschaffen, um die Verwaltungsprozesse selber zu optimieren, dass sowohl der Staat, wie auch der Bürger Zeit einspart und fehlerfreier arbeitet.
 
Ich selber bin noch nicht so supervertraut mit dem System, weil ich relativ wenig vom Staat benötige. Ich habe in meinem Alter schon ziemlich viel an Dokumenten angesammelt und so nutze ich die Gosuslugi nur ab und zu.
  
Ich rief also den Abschnitt auf und begann meine zusätzlichen persönlichen Daten einzugeben, die dort bisher noch nicht erfasst waren. Und so gelang ich an den Punkt „Geburtsort“. Ich gab diesen ein – eine nette mittelgroße Stadt im heutigen Osten der Bundesrepublik Deutschland.
 
Dann fragte mich das System nach meinem Geburtsland. Natürlich öffnete sich sofort ein Untermenü, wo alle Länder dieser Welt verzeichnet sind. Ich musste nur aus der Liste auswählen, anklicken und fertig. Ich ging zum Buchstaben „D“ und fand aber meinen Geburtsstaat dort nicht vor. Da stand Dänemark, Dominikanische Republik und Deutschland. Aber mein Geburtsland war nicht verzeichnet. Dafür gab mir das System einen Tipp: Wenn Ihr Land nicht in der Liste ist, dann tippen Sie das Land Ihrer Geburt in das nachfolgende Feld ein. Ich tat dies und schrieb gewissenhaft „Deutsche Demokratische Republik“.
 
Mein Geschäftspartner saß aufmerksam neben mir, runzelte seine junge Stirn und meinte, dass ich die russischen Beamten, die mein Anliegen bearbeiten, damit wohl ins Schwitzen bringe. Nur wenige werden wissen, was das denn für ein Staat ist. Den gibt es doch gar nicht mehr.
 
Ich bestätigte ihm: Richtig, der Staat existiert nicht mehr, aber trotzdem bin ich in diesem Staat geboren. Er wurde 35 Jahre nach meiner Geburt liquidiert.
 
Ich erinnerte mich, dass mein Geschäftspartner nach 1991 geboren wurde. Und so fragte ich ihn: Deine Eltern sind in welchem Staat geboren? Wohl nicht in Russland. Sie sind in der Sowjetunion geboren und dies steht auch so in ihrem Pass, richtig?
 
Er bestätigte mir, dass es so ist und ich sagte ihm, dass gleiches Recht für alle gilt, denn auch die Sowjetunion existiert nicht mehr. Aber in den Pässen von vielen Millionen Menschen steht als Geburtsland: Sowjetunion.
 
Mein Geburtsland ist die Deutsche Demokratische Republik und ich bin gerne bereit, dem russischen Beamten die feinen Unterschiede zwischen DDR, BRD und Deutschland zu erklären. Ich kann das natürlich nicht so gut wie die Reichsbürger oder sonstige Staatenlose, aber für den normalen russischen Beamten reichen meine Erklärungsqualitäten aus.
 
Bei der Gelegenheit erinnerte ich mich auch noch an die deutsche Geschichte und Diskussionen, wer denn wo geboren ist.
 
Eine ältere Dame, die ich mal vor vielen Jahren, in Kaliningrad in einem Restaurant traf, erzählte mir, dass sie Jahrgang 1944 ist und in Königsberg, im Stadtteil Amalienau geboren wurde. Ich habe sie nicht nach ihrem Pass gefragt, hoffe aber, dass in ihrem deutschen Pass das auch so drinsteht: Geburtsort Königsberg in Ostpreußen.
 
Bei einem anderen Anlass traf ich einen Deutschen, der mir auch berichtete, dass er in Königsberg geboren sei, im September 1946. Da konnte ich mich mit einem Kommentar nicht zurückhalten und meinte, dass zu diesem Zeitpunkt das Gebiet bereits in den Bestand der Sowjetunion eingegliedert war und Stadt und Gebiet nun Kaliningrad hießen. Er wurde also in Kaliningrad, in der Sowjetunion geboren. Natürlich war er Deutscher und blieb auch Deutscher.
 
Er zeigte sich beleidigt und meinte, dass die Russen das Gebiet unrechtmäßig besetzt hätten und es weiterhin Ostpreußen und Königsberg gibt. Er sei Königsberger.
 
Es macht keinen Sinn darüber zu streiten, wer jemand ist und woher er kommt. Was in irgendwelchen Ausweispapieren steht, die ein Staat ausstellt, ist das eine. Was jeder für sich empfindet, ist das andere. Und so empfinde ich, dass die ehemalige BRD, im Rahmen einer Bunten Revolution, sich das Staatsgebiet der DDR, unter Nutzung von Verrat, unrechtmäßig einverleibt hat. Und so, wie ein nicht unwesentlicher Teil der Deutschen auf die Rückholung Ostpreußens ins Reich hofft und sich als Königsberger bezeichnet, so hoffe auch ich auf Korrekturen in der deutschen Geschichte und bin stolz, in der Deutschen Demokratischen Republik geboren worden zu sein.
 
Sie sahen einen Beitrag von „Baltische Welle“. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Tschüss und Poka aus Kaliningrad

 

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Kommentare ( 10 )

  • Rainer

    Veröffentlicht: 15. August 2022 11:40 pm

    Das Problem mit der fehlenden Auswahl „Deutsche Demokratische Republik“, meinetwegen auch abgekürzt DDR, als Geburtsland war für mich schon immer ein Dorn im Auge. Diskussionen darüber hatten für mich letztendlich keinen Erfolg und führe sie auch nicht mehr.
    Man ignoriert einfach die Existenz dieses Staates und diffamiert ihn offiziell als „Unrechtsstaat“). Ich schäme mich nicht meiner Herkunft, im Gegenteil. Wir Älteren, die in der DDR geboren und bis zum Schluss dort lebten, haben ein besonderes Privileg, nämlich, das wahre Leben in zwei verschiedenen Gesellschaftsordnungen zu vergleichen.

  • Manfred SCHARTOW

    Veröffentlicht: 15. August 2022 19:33 pm

    Korruption in Deutschland: Transparency International, abgeordnetenwatch,, der Deutsche Bundestag.
    Die Korruption beginnt schon damit, dass der frei gewählte Abgeordnete nach der Wahl dem Fraktionszwang unterworfen wird, den es laut dem GG nicht geben dürfte.
    Korruption im Deutschen Bundestag: Maskenskandal, Bundesverteidigungsministerium unter v. d. Leyen, Frau Strack - Zimmermann?
    Korruption in Brüssel...... siehe einfach Sonneborn

    Verrat der DDR....der begann, als man in der DDR eine zweite Währung mit den entsprechenden Einkaufseinrichtungen schuf.
    Korruption in der DDR ... siehe "Anton der Zauberer" und die Intershops, Genex.
    Die Masse der DDR - Bürger wollten Intershops und Genex für alle. Heute Aldi, Edeka, REWE....
    Stasi in die Produktion-.dafür BND; MAD BfV, die so gar dem BVerfG suspekt sind.
    IM nennt man heute Undercover etc. und mittels Telefon hörst du bis ins Kanzleramt. Allerdings gibt es ja kein Abhören unter Freunden.

    Das ist Gaucksche Freiheit. Wo ist der Ruck?

  • Bastian Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 16. August 2022 01:31 pm

    Da gibt es von dem zwar bereits verstobenen US-Politologen Gene Sharp zwei "schöne " Anleitungen, wie man mit "gewaltlosem" Widerstand eine Diktatur beseitigen oder zumindest mindern kann.
    Sein bekanntestes Buch The Politics of Nonviolent Action (1973) liefert einen handlungsorientierten Ansatz zu Gewaltfreier Aktion.
    Er hat ihre Methoden in folgende Untergruppen klassifiziert:
    Gewaltfreier Protest und Überzeugung
    Soziale Nichtzusammenarbeit
    Wirtschaftliche Boykottaktionen
    Streikaktionen
    Politische Nichtzusammenarbeit
    Gewaltfreie Intervention
    Petra Kelly ( Grüne) hatte The Politics of Nonviolent Action in die DDR geschmuggelt und Gerd Poppe (bekannte Figur der DDR-"Bürgerbewegung" ) übergeben. Der Band II wurde Anfang 1989 in der Demokratischen Initiative in Leipzig rezipiert.
    Für alle US-freundlichen Opponenten war dann - "Konkreten Einfluss versuchte Sharp in Myanmar zu nehmen, wo 1992 seine Handlungsanweisungen für Befreiungsbewegungen From Dictatorship to Democracy verteilt

  • Bastian Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 16. August 2022 01:47 pm

    Manfred SCHARTOW Veröffentlicht: 15. August 2022 19:33 pm
    "Verrat der DDR....der begann, als man in der DDR eine zweite Währung ... "
    Ich finde diese Aussage für falsch. Die DDR und andere RGW-Staaten waren damals vergleichsweise den gleichen völkerrechtswidrigen Sanktionen der USA und der Natostaaten unterworfen wie derzeit Rußland und Belorußland.
    Aber irgendwo mußte die DDR die "harte" Währung auftreiben, die für notwendige Einkäufe im "kapitalistischen Ausland" notwendig waren. Eine solche Hilfe der Beschaffung waren eben Intershop, Genex & Co.
    Oder auch Koko. Der Bereich KoKo hatte die Aufgabe, mittels der Koordinierung von kommerziellen Aktivitäten maximalen Gewinn in Valuta außerhalb des Staatsplanes zu erwirtschaften, und nahm damit eine inhaltliche wie rechtliche Sonderstellung ein. Damit erwirtschaftete der Bereich KoKo über 25 Milliarden Valutamark und trug dazu bei, die Defizite in der Handelsbilanz der DDR zu begrenzen und akuten Kreditbedarf kurzfristig zu bedienen.

  • Anton Amler

    Veröffentlicht: 16. August 2022 08:13 pm

    Manfred Schartow!
    Bitte glauben Sie einem, der den Untergrund kannte:
    Bastian hat recht.
    Analog zu dem Boykott Rußlands heute, hatte die DDR einen stark eingeschränkten Zugang zu frei konvertierbaren Währungen.
    Die verschleuderten Q-Produkte aus Optik und Feinmechanik sind nur beispielhaft, und lange vor den Asiaten baute die DDR Schiffe am Fließband, konnte sie aber nicht in Valuta umsetzen, da 60% SU - 20% VR - 15% DDR - und 5% KA.
    Im Gegensatz zur "Groko", war die "Koko" da sehr hilfreich

  • Manfred SCHARTOW

    Veröffentlicht: 16. August 2022 10:02 pm

    Die Historie der DDR ist sehr umfangreich und beeinflusst von den inneren und äusseren Umständen.
    Als Hobbyhistoriker, der sich in die Sache einliest, komme ich erst einmal zu nachfolgender These:
    Die DDR war das Land, dass durch den innerdeutschen Handel, innerfamiläre Beziehungen, dem Transitverkehr nach Berlin(West) die meiste konvertierbare Währung hatte, plus der Einnahmen von KoKo und zollfreien Zugang in die EU.
    Durch die Anerkennungswelle ab etwa 1970, hatte die DDR plötzlich hohen Bedarf für Diplomatie und Entwicklungshilfe.
    Zum anderen war die DDR finanziell auch sehr stark eingebunden in Vietnam. Laos ....
    Letztlich hat das Wettrüsten Ost - West sehr viel finanzielle und technische Mittel gebunden.
    Die Philosophie der drei revolutionären Weltbewegungen verschlang ebenfalls enorme finanzielle Mittel.

    Da die Partei den alleinigen Wahrheitsanspruch hatte, entfernte sich die Staatsführung zu sehr von der werktätigen Schicht.
    In den Printmedien und TV gab es eine andere DDR

  • Manfred SCHARTOW

    Veröffentlicht: 16. August 2022 16:50 pm

    Man liest immer von machtvollen Demos in den 1970 und1980 Jahren. Friedensdemos gegen den Doppelbeschluss, Vietnamkrieg usw.
    Kann es sein, dass die DDR das finanziert hatte?
    Die DDR gibt es nun nicht mehr, aber es gibt offenbar nur noch rudimentäre .......
    Gerade jetzt......, wo ist der Aufschrei? Man bangt eher um eine zu hohe Energierechnung!!!!

  • Anton Amler

    Veröffentlicht: 16. August 2022 19:09 pm

    Zu DDR-Zeiten erfreuten sich die Studenten aus den asiatischen Volksrepubliken einer hohen Akzeptanz. Sie waren unauffälig, lernten intensiv, und kehrten erfolgreich in ihre Heimatländer zurück.
    Durch die Fahrradspendeaktionen fanden die Bürger einen unmittelbaren Kontakt zum verbrecherischen Kriegsgeschehen in Vietnam, und die Phosphorbomben auf Dresden standen im kollektiven Gedächtnis aller.
    Da bedurfte es keiner gesteuerter Mobilisierung, um die Massen auf die Straße zu bringen, zumal der öffentliche Einsatz für den Frieden ja auch systemkonform war.
    Heute sieht das anders aus.
    Wer Feind ist, und wogegen man zu protestieren hat, wird vorgegeben.
    Abzuweichen kann durchaus unangenehme Folgen nach sich ziehen, und dem zu begegnen, hat man nicht gelernt.
    Widerstand kam bislang nur aus dem Osten - 1953 mit Gewalt - inder Wende mit Verstand.
    Wo soll dieser im Lager der Umerzogenen herkommen?
    Wenn man schon nicht weiß, was der "Doppelbeschluß" ist, wie soll man dann dagegen auftreten?

  • Bastian Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 17. August 2022 00:55 pm

    "Als Hobbyhistoriker, der sich in die Sache einliest, komme ich erst einmal zu nachfolgender These:"
    Ich weiß ja nicht, als Hobbyhistoriker mit sachfremder BLÖD-Zeitungsvorbildung u. ä. oder DDR-Insider.
    Bei letzterer Variante kämen vermutlich nicht solche irren Gedankengänge auf.
    Wer 1953 als Beispiel heran zieht, muß auch dessen wahre Geschichte kennen und nicht nur die von Rias, SPD-Ostbüro und Höfers Frühschoppen. Und wer die sogenannte Wende heran zieht als Beispiel, der muß, wenn er ernst genommen werden will auch Gene Sharp und seine Umsturzpläne für die den USA unangenehmen Staaten in seine Überlegungen mit einbeziehen. Die Protestler 1989 in der DDR waren nur wenige Hunderttausend. Nicht einmal 10 Prozent der Bevölkerung. Es war der Verrat eines Gorbatschow und einer Clique von gewählten DDR-Bürgern, die dann als Hochverräter die Übernahme und Auflösung der DDR bestimmten.
    Die angeblich ersten freien DDR-Wahlen im März 1990 waren doch gar nicht frei, sondern fremdbestimmt.

  • Manfred SCHARTOW

    Veröffentlicht: 17. August 2022 10:44 pm

    Sehr geehrter Herr Radeberger, uns eint, dass wir hier unsere Gedanken austauschen. Es befremdet mich aber, dass Sie mit eine Argumentation auf sachliche Beiträge im Bereich der unteren Gürtellinie argumentieren.
    Es wäre besser, sie würden mit sachlichen Argumente belegbar widerlegen.
    Aus Ihrer Argumentation entnehme ich, dass sie mit der in den DDR - Medien dargestellten Situation zufrieden waren.
    Mir ist es egal, wie viele Prozent da protestierten. Diejenigen, die sich dem "Widerstand" anschlossen, wollten in der DDR bleiben, deswegen" Wir sind das Volk". Es gab aber vorher schon hundertausendfachen Protest durch Ausreiseanträge, zigfachen Versuch der Flucht über die innerdeutsche Grenze, auch auf Urlaubsreisen in den "sozialistischen" Bruderstaaten.
    Der Bürger der DDR fühlte sich mehr und mehr als DDR - Der Doofe Rest.
    Überlegen wir eher, wie wir uns konkret Einbringen können, damit die fraktionszwanggebundenen Abgeordneten ihre Aufgaben nach GG erfüllen.
    Bitte sachlich !

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