Wer kennt die Filiner Bucht im Kaliningrader Gebiet?

Wer kennt die Filiner Bucht im Kaliningrader Gebiet?
 
Die Filiner Bucht kennen Kaliningrader Bootsbesitzer, Angler, Naturliebhaber, die Administration des russischen Präsidenten und Deutsche, die in ein Deutsches Dorf an der russischen Ostseeküste investieren wollen.
 
 
Schauen wir kurz auf eine Karte, die wir der deutschsprachigen Internetseite der Firma „Etnadorf“ entnommen haben.
 
Karte: Gebietsausschnitt der Filiner Bucht
 
Der Deutsche Andreas Funke erklärt hier die Schönheiten der Gegend, informiert über sein Dorf, in dem er Deutsche ansiedeln will, die es in Deutschland – aus den unterschiedlichsten Gründen – nicht mehr aushalten.
 
Und Herr Funke erwähnt die Filiner Bucht, in unmittelbarer Nähe des Deutschen Dorfes, wo „… Angeln und Fischen im Meer möglich sind. Hier kann man ein Boot auf´s Wasser setzen … steht dort geschrieben. Das ist der einzige Ort im Kaliningrader Gebiet, wo dies erlaubt ist.
 
Screen: Internetseite Etnadorf
 
Und Herr Funke erklärt in einem Interview den interessierten Zuschauern, dass rings um sein Dorf in Richtung Küste alles unberührte Natur ist und dies auch für immer und ewig so bleiben wird.
 
Videoeinspielung: Interview Andreas Funke
 
Tja, dies ist nun alles schon nicht mehr wahr. Die Zeit ist schnelllebig in Kaliningrad – trotz Corona-Krise. Und diejenigen, die sich für den Kauf eines Grundstückes im Etnadorf entscheiden, werden wohl auf diesen Zugang zum Meer und auf die unberührte Natur zukünftig verzichten müssen.
 
Dafür kann man dann aber vielleicht beobachten, wie das russische Militär, das in dieser Gegend über Objekte und Truppenübungsplätze verfügt, trainiert, wie man am besten den Artikel 67 der neuen russischen Verfassung zum Schutz des Territoriums, umsetzt.
 
Videoeinspielung Karte: Militärische Objekte und Truppenübungsplätze in Donskoje
Videoeinspielung: Übung von militärischen Einheiten in der Nähe von Donskoje
 
Bei den gezeigten Einheiten handelt es sich u.a. um das 25. Selbständige Raketen-Küstenschutzregiment und die ebenfalls in Donskoje stationierte Kampfhubschraubereinheit zur Bekämpfung von Schiffszielen.
 
Um was geht es eigentlich?
 
Es geht um einen Küstenabschnitt an der Ostsee, um den sich viele Jahre niemand gekümmert hat – außer den Bürgern, die sich erholen wollten, die ein Boot besaßen und die ein Fleckchen Erde rsp. Küste suchten, wo man die Boote günstig zu Wasser lassen und angeln konnte. Die Bucht Filino ist genau dieses Fleckchen. Und, wie dies seit dem Zerfall der Sowjetunion üblich war, übernahm man einfach dieses Fleckchen, ohne nach Eigentumsrechten zu fragen. Und viele Jahre kümmerte sich auch niemand darum. Daraus entstand dann ein imaginäres „Gewohnheitsrecht“.
 
Die Vergangenheit hat gezeigt, dass das „Gewohnheitsrecht“ an vielen Stellen im großen Russland legalisiert werden konnte – es gibt hierfür Gesetze. Aber in der Bucht Filino hat man andere Absichten. Hier sollen große, ganzjährige Kinderferienlager und andere Erholungsobjekte gebaut werden und der Staat, rsp. das Kaliningrader Gebiet, erhebt Anspruch auf sein Eigentum, welches zeitweilig durch die Bürger ohne Genehmigung genutzt wurde.
 
Die Pläne zur Bebauung der Bucht sind seit langer Zeit bekannt, aber es kümmerte sich niemand wirklich darum, denn man ging wohl davon aus, dass es viele Pläne in Russland gibt und davon nicht alle umgesetzt werden.
 
Nun beginnen aber reale Aktivitäten an der Küste und das rief die Nutzer der Bucht auf den Plan und sie begannen zu protestieren:
 
Videoeinspielung: PKW-Protestumzug in Kaliningrad
 
Die Aktion fand am 19. Juli statt und blockierte Teile des Stadtzentrums. Nach der Protestaktion fuhren die Teilnehmer direkt zum Angeln – vermutlich in die Filiner Bucht, so lange dies noch möglich ist.
Ziel der Aktion war, die Öffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen, dass es dieses Problem gibt und die Kaliningrader Gebietsregierung nicht bereit ist für eine Kompromisslösung.
 
Gouverneur Anton Alichanow unterbreitete aber Kompromissgedanken und schlug andere Orte für die Angler und Bootsbesitzer vor – in Pionersk und Kulikowo. Die Orte sind relativ weit entfernt und deshalb nicht interessant für die Nutzer der Bucht in Filino. Deshalb unterschrieben 1.400 Personen eine Petition an den russischen Präsidenten, der wohl erstmals davon hörte, dass es nicht nur den Finnischen Meerbusen in seiner Geburtsstadt St. Petersburg gibt, sondern auch Kaliningrad schöne Buchten hat.
 
Wie üblich, ich kann da aus eigener Erfahrung berichten, reagierte der russische Präsident sehr schnell. Er antwortete den Einreichern der Petition:
 
„Der nichtoffizielle Zugang für kleine Boote in der Filiner Bucht, befindet sich auf einem Grundstück, welches Eigentum des Kaliningrader Gebietes ist. Der Zugang zur Bucht und der eingerichtete Parkplatz sind ungesetzlich.“
 
Weiterhin informierte der Präsident die Beschwerdeführer, dass man hier große Kinderferienlager bauen werde und entsprechend der russischen Gesetzgebung, insbesondere der Gesetzgebung zum Schutze der Kinder und der Terrorbekämpfung, ist es verboten, dass sich Unbefugte auf diesem Gelände aufhalten.
 
Mit anderen Worten, der Zugang zur Bucht wird großräumig abgesperrt und im Interesse der Kinder gesichert.
 
Lange Rede, noch längerer Sinn. Wenn in einigen Jahren das Etnadorf seine endgültige Form angenommen hat, wird es sicherlich ein schönes Dorf sein. Aber die Bewohner müssen sich damit abfinden, keinen Zugang zum Meer zu haben und sie müssen sich mit Hubschraubern, Raketen und Soldaten anfreunden können.

 

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Kommentare ( 4 )

  • Vladimir Rudyh

    Veröffentlicht: 23. Juli 2020 09:17 pm

    Die Hauptfunktion der Region Kaliningrad besteht darin, eine beträchtliche Menge an militärischer Ausrüstung und höflichen grünen (militärischen) Männerchen in sich zu verstecken. Wenn jemand hier wohnt, sollte er sich an ihre Anwesenheit in der Nähe gewöhnen.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 23. Juli 2020 09:21

      ... ich glaube, die Anzahl der Militärs und der Technik im Kaliningrader Gebiet verhält sich adäquat proportional zur Anzahl der NATO-Militärs an der Westgrenze Russlands. Wer also im Kaliningrader Gebiet wohnt, sollte wissen, dass er zu den ersten Opfern einer möglichen Auseinandersetzung zwischen NATO und Russland wird.

  • Vladimir Rudyh

    Veröffentlicht: 23. Juli 2020 09:47 pm

    Auf beiden Seiten der Grenzen zwischen der NATO und Russland nehmen nun Quantität und Qualität der Streitkräfte zu. Aber die wirtschaftlichen Kräfte sind dazu nicht gleich. Die heutige Führung Russlands sieht keinen anderen Ausweg, als ein Bündnis mit China zu schließen. "Die chinesischen Genossen" freuen sich darüber.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 23. Juli 2020 09:51

      ... man denkt pragmatisch in Russland.

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 23. Juli 2020 12:36 pm

    "Aber die wirtschaftlichen Kräfte sind dazu nicht gleich."
    Da haben Sie wohl Recht, denn Rußland gegen die Nato - von Nordamerika, halb Europa bis zum Schwarzen und Mittelmeer - das ist wohl ein bisschen viel für ein Land. Und wenn man von Aggressivität der Hauptmacht der Nato ausgeht, könnte es ja passieren, daß diese Hauptmacht meint, die bestehende Gefahr eigener großer Verluste auf die leichte Schulter nehmen zu können, aber einen seiner Hauptgegner mal so lala angreifen zu können. Das wäre dann für den Angreifer, seine Gefolgsleute aber auch für den Angegriffenen und alle beteiligten Bewohner dieser Gebiete äußerst fatal. Hat man aber einen so starken Partner wie China an der Seite, sieht die ganze Geschichte schon ganz anders aus. Das läßt die Nato-Hauptmacht wohl doch erst einmal zum Überlegen zwingen, daß ein solch leichtfertig begonnener Überfall die eigene restlose Vernichtung bedeuten könnte.

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 26. Juli 2020 19:20 pm

    Ich habe mir das Interview dieses Herrn andreas Funke mal angehört. Es ist ja grauenhaft, was der seinen "Kunden" so zumutet. Das ist ja ein Kauderwelsch zwischen Kaufen und Pachten und Haus bauen, was doch in keiner Weise irgendwie rechtlich machbar ist. Der setzt ganz einfach auf die Unkenntnis seiner deutschen Kunden und meint, wenn er sich wichtig macht, wie oft er angeblich in Rußland gewesen wäre, daß ihm die abzuzockenden Deutschen schon vertrauen würden. so nach dem Motto, na ja, das ist nun mal Rußland und da ist eben alles ganz anders.
    Ich vermute mal, daß auch in der RF es nicht so einfach ist, daß man auf einem Pachtgrundstück, also einem Grundstück, was einem nicht gehört, so einfach mal ein Bauwerk errichten kann. Es wird wohl auch so sein, daß man dazu eine Baugenehmigung braucht.
    Aber das ist ja nun alles Schnee vom vergangenen Jahr. Auf und mit dieser Fläche wird der Herr Funke keinerlei Geschäfte machen.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 26. Juli 2020 19:49

      ... ja, hoffen wir, dass die Beiträge die Interessierten zum Nachdenken und Nachfragen anregen. Geld ist schwer verdient und leicht verloren.

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