Wie Kakerlaken – illegale Händler in Kaliningrad – man wird sie nicht los

Wie Kakerlaken – illegale Händler in Kaliningrad – man wird sie nicht los
 
Während meines Studiums in Leningrad erhielt ich, aus gegebenem Anlass, einen wertvollen Hinweis: Erschlage nie eine Kakerlake, denn es kommen hundert zur Beerdigung. Kaliningrader Straßenhändler sind den Kakerlaken sehr ähnlich. Wobei niemand plant, die Straßenhändler zu erschlagen. Man will sie nur vertreiben.
 
 
 
Russland kann man mit dem normalen Verstand nicht verstehen … Sie kennen sicherlich diesen Spruch von Tutschew bereits:
 
Videoeinspielung: Russland kann man mit dem normalen Verstand nicht verstehen
 
Und Kaliningrad kann man auch mit dem normalen Verstand nicht verstehen – zumindest für die gesetzestreuen, ordnungsliebenden, ehrlichen, qualitätsbewussten, fleißigen und arbeitssamen Deutschen sind bestimmte Dinge unverständlich – selbst für die Deutschen, die schon Jahrzehnte in der Stadt leben, sind manche Sachen nicht nachvollziehbar.
 
Einspielung Fotogalerie Kioske in Kaliningrad
 
So gab es Zeiten – sie gehen jetzt dem Ende zu – wo jeder, der glaubte, mit Handel Geld verdienen zu können, irgendeinen, mehr oder weniger vergammelten Kiosk, irgendwo aufstellte, wo er meinte, dass Platz vorhanden und der vorhandene Platz auch einnahmeperspektivisch ist. Eigentumsrechte an Grund und Boden spielten überhaupt keine Rolle, ganz zu schweigen von einer Handelsgenehmigung sowie Lizenzen für bestimmte Waren. Jahre hat es gedauert, bis die Stadtverwaltung Mittel und Wege gefunden hat, hunderte dieser illegalen, nicht steuerzahlenden Kioske, zu entfernen.
 
Videobegleitung zum illegalen Straßenhandel
 
Dazu kommt noch das Problem der sogenannten fliegenden Händler. Das sind die, die genau das Gleiche machen, wie die, die vergammelte Kioske aufgestellt hatten. Nur ersparen sich diese Leute das Geld für Kioske und nutzen für ihre Verkaufstätigkeit mobile Verkaufseinrichtungen, d.h. Klapptische oder irgendwelche Holzböcke mit Spanplatten.
 
Verkauft wird alles: Fisch, Fleisch, Wurst, Schokolade, Gebäck. Wesentliche Preisunterschiede zu den Waren, die in offiziellen Handelseinrichtungen angeboten werden, kann man nicht feststellen. Und wenn es Preisunterschiede gibt, so kann die Ersparnis der Kunden kaum das Risiko aufwiegen, was diese eingehen, womöglich qualitätsgeminderte Ware zu kaufen und sich damit die Gesundheit zu ruinieren.
 
Häufig muss das Beruhigungs-Argument herhalten: Das ist doch Ware aus Polen. Und Ware aus Polen ist genauso mit russischen Stereotypen belegt, wie die Qualifizierung der Deutschen mit ihren superlativen Eigenschaften.
 
Keiner macht sich Gedanken, wie diese polnischen Waren nach Kaliningrad gelangen. Die Einfuhr ist verboten. Häufig handelt es sich dazu auch noch um Sanktionsware. Werden diese Waren mit LKW transportiert? Was sind das für LKW? Vermutlich ohne Kühleinrichtung, denn Kühltransporter rufen sofort die Aufmerksamkeit der Zöllner hervor.
 
Häufig sind es kleine Fahrzeuge, PKW, Kleintransporter – natürlich so präpariert, dass die Zöllner nicht direkt mit der Nase auf den Schmuggel gestoßen werden. Das mehrere Zentner Schmuggelware das Fahrzeug automatisch tieferlegen und ein erfahrener Zöllner dies auf einen Kilometer Entfernung bemerkt, wenn er es denn bemerken will, das ist den „Importeuren“ anscheinend egal.
 
Videoeinspielung: Sowjetischer Filmklassiker – Dorfgericht
 
Sie werden schon wissen, wann sie mit ihrem Transport die polnisch-russische Grenze passieren müssen, um nicht kontrolliert zu werden.
 
Videoeinspielung: Sowjetischer Filmklassiker – Der Revisor
 
Warum die Kaliningrader Stadtverwaltung nicht Aufklärung von den föderalen Zollorganen fordert, ist ein Umstand, der einem Ausländer wie mir unerklärlich ist. Da gibt es den Verantwortlichen Jewgeni Tschernyschew in der Stadtverwaltung, der auf diesem Gebiet Ordnung schaffen will und es nicht schafft. Sie erinnern sich an mein anfangs gebrachtes Kakerlaken-Beispiel. Wieso fordert nicht der Bürgermeister von den Zollorganen eine Erklärung, wie es denn sein kann, dass immer wieder polnische verbotene Ware in erheblichem Umfang im Kaliningrader Straßenverkauf auftaucht?
 
Foto: Jewgeni Tschernyschew – Kaliningrader Stadtverwaltung
 
Jewgeni Tschernyschew triumphierte vor einigen Monaten, als die Grenzen dicht gemacht worden sind, dass die illegalen Händler wie vom Winde verweht worden sind.
 
Heute wiederum kommentierte er, dass es mehr illegale Händler von polnischen Sanktionswaren gibt, als noch vor der Corona-Krise.
 
Videoeinspielung: Sowjetischer Filmklassiker – Priwalowskije Millionen
 
Eine interessante Information, insbesondere wenn man weiß, dass doch die Grenzen nach wie vor geschlossen sind – sowohl die polnische wie auch die russische Grenze.
 
Videoeinspielung: Sowjetischer Filmklassiker
 
Tschernyschew informierte, dass nun auch die Stadt wieder aktiver kontrollieren wird. Und was heißt das im Klartext?
 
Videoeinspielung: Kontrolle illegaler Händler in Kaliningrad
 
Da laufen Beamte der Stadtverwaltung, gemeinsam mit einem Polizisten, wenig effektiv durch die Straßen und stellen Protokolle aus. Papier, nur Papier. Die Strafen belaufen sich auf so lächerliche Summen, dass das keinen der Bestraften wirklich interessiert. Deshalb kommen sie ja auch immer wieder.
 
Der Beamte informierte, dass man seit Anfang des Jahres 434 Protokolle ausgestellt habe, d.h. nach dem mathematischen Mittel, zwei Protokolle am Tag. 230 Fälle landeten sogar vor Gericht und in 211 Fällen wurden Strafen im Umfang von 885.000 Rubel ausgesprochen, also durchschnittlich 4.200 Rubel – 50 Euro. Da lachen sich die Händler ins Fäustchen.
 
Videoeinspielung: Sowjetischer Kinoklassiker – Tote Seelen
 
Da ist es dann angenehm, wenigstens eine positive Nachricht zu hören, auf die die Kaliningrader Babulkas lange gewartet haben: Die ersten kostenlosen Verkaufskioske werden auf dem Sowjetski-Prospekt aufgestellt.
 
Videobegleitung: Kaliningrader Mütterchen im Straßenverkauf
 
Hier können die Kaliningrader Omas das anbieten, was sie in ihrem Garten geerntet oder in ihrer Küche eingekocht haben. Das bringt ein paar Kopeken in den Geldbeutel, hilft aber in erster Linie in kulturvoller Umgebung die Sozialkontakte zu pflegen, die den Babuschkas häufig fehlen. Insgesamt ist vorgesehen, in acht Straßen die mobilen Verkaufsstände für Pensionäre aufzustellen.
 
Videoeinspielung: Sowjetischer Filmklassiker – Priwalowskije Millionen
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Kommentare ( 1 )

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 6. August 2020 01:21 pm

    Tja mein "lieber" Uwe so ist das Leben. Ein Kollege von mir hatte schon zu angeblich "grauen" Vorzeiten den Spruch zu den polnischen Händlern geprägt - und ist der Handel noch so klein, bringt er doch mehr als Arbeit ein - . Ja,ja, Recht hatte und hat er. Nur mit dem Unterschied, daß nicht mehr der Pole über die Grenze kommt und seine Waren feil bietet. Nein, das hat sich umgekehrt. Der Deutsche fährt - den entsprechenden gegenwärtigen Bedingungen - nach Polen zum wöchentlichen Einkauf und spart ganz beträchtlich. Also, was soll´s? Das Kilo Filetfleisch aus Polen kostet etwa nur die Hälfte wie auf der hiesigen Seite der Grenze. Es schwimmt auch nicht wie das gleiche Fleisch aus deutschen Schnellaufzucht. Landen minutenlang im eigenen Wasser. Da soll es ja auch Leute geben, die dieses Wasser einfach weg schütten und sich wundern, daß das Fleischnach gar nichts schmeckt. Das sind die Vorgaben der EU.

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