Wirtschaftsministerium fordert Schweigegelübte für Russland

Wirtschaftsministerium fordert Schweigegelübte für Russland
 
Wer die russischen Medien aufmerksam liest, völlig unabhängig von deren inhaltlicher Ausrichtung, wird sich mit Sicherheit die Frage gestellt haben, ob Russland überhaupt über irgendwelche Geheimnisse verfügt.
 
 
Während meines Studiums in Leningrad wurde mir vermittelt, dass der Gegner 80 Prozent aller Geheimnisse aus offiziell zugänglichen Quellen erfährt und dafür nicht mal spionieren muss. Er braucht keine Panzerschränke zu knacken, keine Wanzen zu installieren, keine Verräter anzuwerben. Er muss nur jeden Morgen an den Zeitungskiosk gehen und je ein Exemplar aller Zeitungen kaufen, die dort angeboten werden. Dann bedarf es nur noch jemanden, der die russische Sprache beherrscht und eine solide Ausbildung als Analytiker hat.
 
Meine eigene Praxis als Blogger zeigt, dass dies auch heute noch so ist. Ich gehe zwar zu keinem Zeitungskiosk mehr, sondern sitze vor meinem Bildschirm, klimpere ein wenig auf meinen Tasten herum und bringe meine Leser und Zuschauer regelmäßig zum Staunen über Dinge, die sie noch nie gehört oder gelesen habe. Dabei sind alle meine Informationen … naja, fast alle meine Informationen … sagen wir mal … 81 Prozent, im Internet frei zugänglich. Man muss nur wissen wo.
 
 
Ich selber bin auch immer wieder erstaunt, welche Informationen frei verfügbar sind, schüttele häufig den Kopf und frage mich, was es für einen Vorteil bringt, wenn die einzelnen Behörden, Ministerien und sonstigen Verantwortlichen in Russland sich lang und breit über bestimmte Dinge auslassen.
 
Natürlich freut man sich als Blogger über so ein staatliches Mitteilungsbedürfnis, denn ich kann aus dem Vollen schöpfen. Aber was hat der russische Staat davon, wenn die Welt, insbesondere die Gegner Russlands erfahren, wieviel Gold Russland hat oder wie hoch der Fond des Nationalen Wohlstandes ist.
 
 
Erstaunt bin ich auch zum Mitteilungsbedürfnis der russischen Armee.
 
Unter den heutigen aktuellen Bedingungen wünsche ich mir die Zeiten zurück, unter denen ich dienen durfte und wo defacto alles geheim war. Wer heute aufmerksam und mit bösen Absichten durch die verschiedensten Garnisonsstädte in Russland geht, wird umfangreich und ohne größere Gefahr als Spion verdächtigt zu werden, viele Informationen finden, die helfen, im Kriegsfall Russland maximal großen Schaden zuzufügen.
 
Nun scheint es aber, dass man in Russland endlich darüber nachdenkt, sich wieder ein Schweigegelübte aufzuerlegen, denn das Wirtschaftsministerium hat vorgeschlagen, Informationen über die Goldvorräte und Internationalen Reserven Russlands, nicht mehr zu veröffentlichen, ja sogar mit dem Stempel „geheim“ zu versehen.
 
Die Informationswut der Zentralbank ging in der Vergangenheit soweit, dass monatlich alle Zahlen zu finanziellen Reserven, zu deren Struktur und zu deren „Lagerorten“ veröffentlicht wurden. Somit war es für die russophoben Staaten ein Leichtes, die 300 Milliarden USD zu finden und zu rauben, die Russlands Zentralbank leichtsinnig den Staatsfeinden zur Aufbewahrung übergeben hat. 
 
Aus den Meldungen russischer Medien geht hervor, dass es in Russland ein Gesetz über Staatsgeheimnisse gibt. Und dieses Gesetz soll nun überarbeitet, Gold und Geld soll geheim werden. Schade, wenn es nur bei dieser kleinen Initiative bleibt, auch wenn ich als Blogger eigentlich am meisten unter derartigen Informationseinschränkungen leiden werde. Mir ist aber die Sicherheit meines Landes mehr wert, als mein Mitteilungsbedürfnis. Es gibt genügend Anderes aus dem größten Land der Erde, über das die Blogger berichten können und das Interesse im Ausland hervorruft – insbesondere unter dem Aspekt, dass gegenseitige Reisen wohl zukünftig nicht mehr stattfinden werden und somit Alltägliches wieder besonders gefragt ist.
 
Zur Regierungssitzung am 9. Juni soll über das Schweigegelübte entschieden werden. Hoffen wir, dass die Regierung nicht schweigt und uns mitteilt, dass man eine Gesetzesänderung vorgenommen hat.
 
 
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Kommentare ( 4 )

  • Vogonendichter

    Veröffentlicht: 9. Juni 2022 21:18 pm

    Ich persönlich bin immer noch der Meinung, das diese 300Mrd nur ein Köder war, um der Welt zu zeigen, wie der Westen tatsächlich handelt, das er eben jede Moral über Bord wirft, wenn es dem eigenen Vorteil dient.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 9. Juni 2022 21:28

      ... hm, ich finde, um die Moral des Westens öffentlich zu machen, hätten 50 Milliarden USD auch ausgereicht.

  • Bastian Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 10. Juni 2022 01:24 pm

    Uwe Erich Niemeier
    Veröffentlicht: 9. Juni 2022 21:28

    "... hm, ich finde, um die Moral des Westens ..."
    Da hattu vollkommen Recht!

  • Bastian Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 10. Juni 2022 01:45 pm

    "Während meines Studiums in Leningrad wurde mir vermittelt, dass der Gegner 80 Prozent aller Geheimnisse aus offiziell zugänglichen Quellen erfährt und dafür nicht mal spionieren muss."

    Es ist wirklich so. Leider! Da gibt es ganze - zivile - Institute in den Natostaaten, die nichts anderes tun, als alle ganz normalen Veröffentlichungen, ob in Wissenschaft, Wirtschaft, Politik oder Gesellschaft zu analysieren und die Ergebnisse nach Bedarf zu verkaufen, sofern sie eben nicht nur legendiert zivil sind.

    Damit schränkt man auch die "unauffällige" Arbeit der angeworbenen Schläfer der neunziger Jahre sehr stark ein. Entweder der oder die stellt die verräterische Tätigkeit aus Angst vor der Enttarnung ein oder kommt unvorsichtigerweise aus dem Versteck der Legende.

    Ich habe mich auch gefragt, warum die russische Militärführung dem Selenski mitteilt, was sie gedenkt, als nächstes zu befreien. Seine bewaffneten Formationen werden es schon merken, ob Armee oder Nazi-Regiment.

  • Anton Amler

    Veröffentlicht: 10. Juni 2022 16:22 pm

    Der Anton ist wieder da - und wird nachkommentieren.
    Das mit den 80% ist schon richtig - gut zu wissen - aber die 20% machen "den Kuchen Gel".
    Leider gibt es da gerade unter den Wissenschaftlern ein zu breit gestreutes Veröffentlichungsgeltungsbedürfnis - mundgerecht in Englisch.
    Aber manch hochdotierte Arbeit gibt`s nur in Deutsch - wie in alten Zeiten.
    Vielleicht sollte man sich mehr an den Vatikan halten!
    Die wissen sehr viel, sagen aber wenig.
    Es ist die immer noch tief sitzende, falsche Hoffnung der Russen, der Welt etwas erklären zu wollen, was diese garnicht zu hören bereit ist.
    Schafft Tatsachen, und aus !!!

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 10. Juni 2022 18:01

      ... s prijesdom! Es stehen viele Artikel in der Röhre, also Ärmel hochkrempeln für weitere Kommentare.

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