Wohin fährt der Zug Berlin-Kaliningrad-Berlin?

Wohin fährt der Zug Berlin-Kaliningrad-Berlin?

 

Um es gleich in der Einleitung zu sagen: Er fährt nirgendwohin, denn außer schönen Worten, die in den letzten Jahren in dieses Thema investiert wurden und ein paar Telefongesprächen, hat es keinerlei Bewegung gegeben. Und es entsteht der Eindruck, als ob dies alles Teil des Planes ist, Kaliningrad möglichst isoliert zu halten.

Wer lebt schon gerne in der Isolation? Es ist schon erstaunlich, warum westliche Medien noch nicht den Begriff „Russisches Ghetto“ für das Kaliningrader Gebiet in ihren Sprachgebrauch aufgenommen haben, um das Gebiet in einem möglichst düsteren Medienlicht darzustellen und möglichst viele davon abzuhalten, nach Kaliningrad zu reisen und sich zu überzeugen, dass es den Menschen eigentlich nicht so schlecht geht in diesem exOstpreußen – zumindest besser, als in Deutschland bekannt.

Es gibt keine Flugverbindung zwischen Deutschland und Kaliningrad. AirBerlin hat seine Flüge im Januar 2016 eingestellt. Seit dem kann man über Warschau oder Riga fliegen – nicht billig, nicht bequem, nicht zeitsparend.

Man kann auch mit Linienbussen fahren. Auch nicht gerade billig, auch nicht gerade schnell, aber für Touristen die Zeit haben, sicherlich eine Möglichkeit.

Man kann mit seinem eigenen Auto anreisen. Wohl gegenwärtig die komfortabelste Möglichkeit, wenn man nicht mit den Unwägbarkeiten an der polnischen Grenze in ständiger Ungewissheit lebt, ob man die Grenze in 30 Minuten oder drei Stunden überschreitet. Aber wenn es keine Alternative gibt, lohnt es sich auch nicht, über die Launen polnischer Grenzbeamter zu lamentieren.

Anfang 2018 gab es einen Zug, der fuhr von Kaliningrad nach Gdansk. Ein Experiment. Alle Beteiligten zeigten sich begeistert. Der Zug war Wochen im Voraus ausverkauft und alles klappte wie am Schnürchen. Somit ist es völlig logisch, dass man dieses Experiment nicht fortsetzte. Es blieb bei diesem einmaligen Zug zwischen Kaliningrad und Gdansk und beide Seiten informieren ab und zu, dass die andere Seite nicht kooperiert.

Und ab und zu gibt es mal wieder das Thema des Zuges „Kaliningrad-Berlin-Kaliningrad“, wobei es natürlich auch die Variante „Berlin-Kaliningrad-Berlin“ geben könnte. Aber auch hier ist es wohl so, dass niemand wirklich an einem derartigen Zug interessiert ist – wobei, es geht ja gar nicht um einen Zug, es geht um einen einzigen Waggon, der an einen anderen Zug angehängt werden soll.

Zu großdeutschen Zeiten, so informiert das Kaliningrader Regionalportal „kaliningrad.ru“, gab es eine direkte Zugverbindung zwischen Berlin und Königsberg. 6,5 Stunden fuhr der Zug – eine sagenhafte Schnellverbindung, die man heute noch nicht mal mit dem Auto erreicht – selbst wenn man alle Verkehrsregeln verletzt.

In einem Beitrag fasst „kaliningrad.ru“ die traurige Geschichte der Zugverbindung im neuen Jahrtausend zusammen.

2003 – Aufnahme der Zugverbindung zwischen Kaliningrad und Berlin. Der Zug fuhr 15 Stunden, zuzüglich der Wartezeit bei der Grenzabfertigung. Es handelte sich aber nicht um einen Zug, sondern um einen Waggon, der an den Zug Warschau-Berlin angekoppelt wurde.

2009 – Einstellung der Zugverbindung aus wirtschaftlichen Gründen.

2010 – Polnischer Vizepremier für Infrastruktur informiert über den Einsatz einer internationalen Arbeitsgruppe zur Thematik der Wiederaufnahme der Zugverbindung.

2011 – Wiederaufnahme der Zugverbindung.

2013 – Einstellung der Zugverbindung zwischen Kaliningrad und Deutschland. Grund war die Anhebung der Passagier-Transporttarife durch Polen.

2016 – Einstellung der Flugverbindung Berlin-Kaliningrad. Die Kaliningrader Eisenbahnverwaltung begann mit der Analysierung des Passagieraufkommens für eine mögliche Zugverbindung.

2017 – Die Russische Bahn informiert über den Gedanken einer Zugverbindung St. Petersburg – Kaliningrad – Berlin. Im Juli 2017 wurde die Idee mit einer Delegation des Landes Brandenburg besprochen – anscheinend ergebnislos.

2018 – Im Januar verkehrte ein einziger Zug zwischen Kaliningrad und Gdansk zur „Analyse der Nachfrage“ nach einer derartigen Zugverbindung.

2018 – Das föderale Transportministerium Deutschlands denkt über eine Schnellverbindung unter Nutzung der Strecke Warschau-Brest-Minsk nach und informiert, dass auf weiten Streckenabschnitten mit einer Geschwindigkeit von 160 km/h gefahren werden könnte. Gefahren wurde aber nicht.

2019 – kein Zug, keine Gespräche, keine Informationen.

Goethe hat sich hierzu schon vor 200 Jahren geäußert:

 

 

Informationen aus der Kaliningrader Regionalregierung besagen, dass es gegenwärtig keinerlei Absprachen oder Vereinbarungen gibt. Die Regierung selber hat keinen Anteil an irgendwelchen Gesprächen, da es sich hier um Verhandlungen zwischen den Eisenbahnstrukturen mehrerer Länder handelt.

Die Russische Bahn informiert, dass man in absehbarer Zeit keinen Zug auf Strecke schicken wird. Das deutsche Transportministerium unterhält keine Kontakte mit Russland zu dieser Frage. Russische Medien erhalten keine Antwort auf Anfragen aus dem deutschen Transportministerium.

Im Telefongespräch informierte ein Mitarbeiter der Berliner Senatsverwaltung, dass es zwei Möglichkeiten für eine derartige Zugverbindung gibt: Russland schließt sich dem Projekt „Rail Baltica“ an, welches bis zur Einführung der Sanktionen im Jahre 2014 geplant war. Es handelt sich um ein Riesenprojekt, mit einem Tunnel unter der Ostsee. 2014 schied Russland aus den Gesprächen aus.

Das zweite Projekt ist ein Privatobjekt der „Ostbahn“. Mit Brandenburger Landeshilfe soll die alte Eisenbahnverbindung zwischen Deutschland und Kaliningrad revitalisiert werden. Um diese Idee zu besprechen, reiste vor zwei Jahren ein Kreistagsabgeordneter aus dem Kaliningrader Gebiet nach Deutschland. Von Zeit zu Zeit fragt dieser Kreistagsabgeordnete nach Fortschritten an, erhält aber keine Antwort.

Eine interessante Äußerung tätigte Hans Leister, Vertreter der deutschen Vereinigung „ProBahn“. Er meint, dass es eine große Passagierauslastung geben wird, wenn es normale wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen gibt. Und er ergänzte: Schauen wir auf die Eisenbahnverbindung „Kaliningrad-Baltische Staaten-Russland, so hat man den Eindruck, als ob der Krieg gestern zu Ende gegangen ist und nicht schon im Jahre 1945.   

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