Zahlen können trügen – Das Kaliningrader Unternehmertum

Zahlen können trügen – Das Kaliningrader Unternehmertum
 
Russland hat drei prinzipielle juristische Formen unternehmerischer Tätigkeit geschaffen. Sowohl der russische Statistikdienst, wie auch die Steuerbehörde, arbeiten auf der Grundlage dieser Kategorien. In allen Kategorien kommt es zu Wachstum und Niedergang. Pauschale Schlussfolgerungen sind verkehrt.
 
 
Russland kennt prinzipiell drei Kategorien von Unternehmertum:
 
  1. Vollwertige juristische Personen ohne Einschränkungen in den unternehmerischen Aktivitäten. Hierzu gehören u.a. Aktiengesellschaften und GmbH
  2. Einzelunternehmen. Dies sind sogenannte „Ich-AG“, wo der Inhaber persönlich die Firma ist und mit seinem gesamten Vermögen haftet. Er kann eine begrenzte Anzahl Mitarbeiter haben und darf nur einen begrenzten Umsatz erwirtschaften.
  3. Selbstbeschäftigte. Hier handelt es sich um eine relativ neue Form des Unternehmertums. Selbstbeschäftigte haben keine Angestellten und dürfen eine begrenzte Summe an Einnahmen erwirtschaften. Typisch für diese Unternehmergruppe sind Haushaltshilfen, Friseure, Kindermädchen, Altenbetreuer, Immobilienvermieter usw.
Schauen wir zuerst auf die föderale Statistik der Entwicklung der Selbstbeschäftigten. Regionale Angaben liegen gegenwärtig noch nicht vor.
 
Grafik: Entwicklung der Unternehmensform „Selbstbeschäftigte“ in Russland
 
Die Grafik zeigt eine sehr dynamische Entwicklung dieser neuen Unternehmensform. Wobei diese Unternehmensform schon mindestens so alt ist, wie das moderne Russland existiert, denn es handelt sich hier einfach nur um eine Legalisierung der Schwarzarbeit, die in Russland allerdings als „Wirtschaftlicher Graumarkt“ bezeichnet wird. Russland hat nun mit diesem nächsten Schritt der Zivilisierung der russischen Gesellschaft und der russischen Wirtschaft die Möglichkeit geschaffen, dass die Bürger einerseits Geld verdienen können, andererseits dies offiziell tun und drittens Steuern und Sozialabgaben bezahlen und somit vollwertige Teilnehmer am Bruttoinlandsprodukt werden. Dazu kommt, dass die Selbstbeschäftigten nun völlig ruhig schlafen können und nicht den unerwarteten Besuch von staatlichen Kontrollinstanzen mit unangenehmen Fragen fürchten müssen. Die Besteuerung mit 4 Prozent der Einnahmen, wobei in diesen 4 Prozent bereits die Sozialabgaben eingeschlossen sind, ist wohl durchaus vertretbar, insbesondere, da man die Kosten für seine Dienstleistungen um diese vier Prozent anheben kann und somit der Schritt in die Legalität kostenneutral erfolgt.
 
Allerdings muss der Selbstbeschäftigte aufpassen, dass er jährlich nicht mehr als 2,4 Mio. Rubel an Einnahmen hat. Wobei, selbst der Gouverneur des Kaliningrader Gebietes erreicht diese Summe mit seinem monatlichen Gehalt nicht.
 
Wertet man also die Zahl von gegenwärtig über 260.000 Selbstbeschäftigten, so ist dies defacto kein „Unternehmer-Boom“ in Russland, sondern nur eine Legalisierung … wenn auch eine durchaus positive.
 
Kommen wir zur Unternehmensform „Einzelunternehmer“.
 
Grafik: Entwicklung der Unternehmensform „Einzelunternehmer“ im Kaliningrader Gebiet
 
Hier handelt es sich ebenfalls um eine Unternehmensform mit Einschränkungen, d.h. es gibt eine maximale Einkommensgrenze, es gibt eine Begrenzung der Zahl der Angestellten und es gibt eine Begrenzung der Steuern die zu zahlen sind: Entweder sechs Prozent der Einnahmen oder 15 Prozent vom Gewinn. Die Sozialabgaben können direkt und im vollen Umfang von den Steuern abgezogen werden.
Interessant ist in der Kaliningrader Entwicklung bis Ende April, dass die Anzahl dieser Einzelunternehmen wächst, obwohl doch eigentlich die gegenwärtige Krise eine andere Tendenz zeigen müsste. Und interessant ist die Tendenz generell seit 2018, denn immer wieder wird vermittelt, wie schwer es ist in Kaliningrad zu leben und zu arbeiten. Wenn dem so ist, steht die Frage, wieso die Anzahl der Einzelunternehmer wächst. Wenn es denn so schwierig ist, in Kaliningrad zu leben und zu arbeiten, so wäre es doch logischer, wenn die Unzufriedenen in andere russische Regionen ins russische Mutterland wechseln. Aber dem ist nicht so – ganz im Gegenteil, Kaliningrad erlebt einen regelrechten Zuwanderungs-Boom.
 
Grafik: Migrationsentwicklung Kaliningrader Gebiet
 
Am interessantesten sind aber die Zahlen zur Entwicklung der „normalen“ juristischen Personen, also der Aktiengesellschaften aller Formen und der GmbH, in Russland mit „OOO“ abgekürzt.
 
Hier sehen wir für Kaliningrad einen rapiden Rückgang und wer es nicht versteht, diese Zahlen zu interpretieren, hat mit dieser Grafik ausreichend Argumente für die These, dass das Kaliningrader Gebiet sich dem wirtschaftlichen Kollaps nähert.
 
Grafik: Entwicklung vollwertiger juristischer Personen im Kaliningrader Gebiet
 
Immerhin haben sich im Zeitraum seit 2017 21.155 Firmen aus dem Kaliningrader Firmenregister verabschiedet. Stellen wir diese Zahl der Anzahl der im Jahre 2017 existierenden Firmen gegenüber, so haben 38 Prozent aller Kaliningrader Unternehmen ihre Tätigkeit eingestellt. Eine wahre wirtschaftliche Katastrophe – könnte man meinen.
 
Aber machen wir noch eine andere Rechnung auf. Kaliningrad hat rund eine Million Einwohner. Dividieren wir die Zahl der im Jahre 2017 existenten Firmen, also 55.261 durch die Anzahl der Einwohner, so kommen wir zu dem beeindruckenden Ergebnis, dass auf 18 Einwohner des Kaliningrader Gebietes, egal ob es sich um den soeben geborenen Säugling oder Babuschka handelt, die gerade ihre kärgliche Rente in der Post abgeholt hat, eine Firma kommt. Der rein logische Menschenverstand sagt, dass dies wenig logisch ist.
(Anmerkung UN: Es hatte sich ein Fehler eingeschlichen, der hier im Text korrigiert werden konnte, im Video allerdings nicht mehr korrigierbar ist. In den Kommentaren unter dem Video hat ein aufmerksamer Zuschauer darauf aufmerksam gemacht - vielen Dank dafür).
 
Eine Erklärung findet sich in der Entwicklung des Unternehmertums in Russland insgesamt. Es gab Zeiten, da wurden Firmen auf Vorrat gegründet und dann an diejenigen verkauft, die es sehr eilig hatten mit einer eigenen Firma und die den bürokratischen Gründungsaufwand scheuten. Aber es gab auch Interessenten, die mit sogenannten Ein-Tages-Firmen Steueroptimierungen vorgenommen haben. Die Firma existierte nur wenige Tage, d.h. erhielt einen Auftrag, erhielt Geld und wurde dann, mit unterschiedlichsten Begründungen abgemeldet. Nicht nur russische Staatsbürger nutzten diese Möglichkeiten, ihre Vorstellungen für ein schnelles und unehrliches Geldverdienen umzusetzen. Es gab und gibt auch Ausländer, die dies taten und auch gegenwärtig versuchen, weiter zu tun.
 
Die Statistik zeigt aber auch, dass die Kaliningrader Steuerbehörden (und nicht nur die …) das Problem erkannt haben. Seit 2017 kommt es somit zu Zwangsabschaltungen von Firmen, wenn diese nicht die Mindestforderungen für eine korrekte Arbeit erfüllen. Mindestforderungen sind:
 
  1. Erwirtschaftung von Einnahmen
  2. Tätigung von Ausgaben
  3. Zahlung von Steuern und Sozialabgaben
  4. Melde- und Informationspflichten an Steuer- und Statistikbehörden
Die bisherige Praxis zeigt, dass die Steuerinspektion geduldig ist. Zwei Jahre, so zumindest meine Beobachtung, gibt man den Firmen Zeit, die Arbeit zu organisieren und Resultate zu zeigen, d.h. die Mindestforderungen zu erfüllen.
 
Und man registriert auch nicht mehr so einfach und so schnell. Antragsteller auf Unternehmensgründung, insbesondere, wenn es das erste Unternehmen ist, aber auch wenn der Antragsteller schon mehrere Firmen gegründet hat und diese wenig aktiv, d.h. wenig erfolgreich sind, werden zu intensiven Gesprächen gebeten. Und treten sie während dieser Gespräche nicht überzeugend auf, wird es auch keine Firmengründung geben. Danach kann man allerdings noch den Rechtsweg beschreiten.
 
Lange Rede, kurzer Sinn: Der Rückgang der Anzahl der Unternehmen in Kaliningrad ist für den Einen eine „Katastrophe“, für viele andere aber ein „Segen“.
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Kommentare ( 3 )

  • Gerald Hübner

    Veröffentlicht: 26. Mai 2020 17:46 pm

    Sehr geehrter Herr Niemeier, habe erst meine Bekannten und meine Freundin ohne Ergebnis befragt, ehe ich auf den Beitrag reagiere. Jetzt ist es soweit, es geht um die Bezeichnung der "Ich AG". Der Einzelunternehmer, den sie hier auch anders bezeichneten, das ist korrekt, eigentlich eine ganz normale Alternative zu der "OOO" oder zur "OAO/ZAO". Die in DE als "Ich-AG" bezeichnete Form der Selbständigkeit ist eine Fördermaßnahme gewesen, die einen Umsatz inkl. der USt von 17.500 € haben durfte, der musste davon auch seine Lebenshaltungskosten bestreiten. Also eigentlich ist dies der Selbstbeschäftigten sehr ähnlich, mit der "Ich-AG" konnte weder eine Fremd-Beschäftigung noch Waren-/Materialeinsatz finanziert werden. Jedoch finde ich Ihre Beiträge immer interessant. Auch die Statistik hier ist nur für die ein böhmisches Dorf, die von Russland wenig gesehen haben. Für mehr fehlen mir die Zeichen hier,
    mit sehr freundlichen Grüßen
    Gerald Hübner
    War in der Existenzgründerhilfe tätig!!

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 26. Mai 2020 17:50

      ... Sie haben natürlich recht, dass die "Ich-AG" nicht so richtig mit dem Einzelunternehmer zu vergleichen ist. Ich gehe bei meinen Berichten in dieser Thematik immer davon aus, dass der Deutsche sich natürlich in diesen Besonderheiten nicht auskennt und versuche möglichst einfache Vergleiche zu ziehen, damit eine "In-Etwa-Fotografie" entsteht. Soweit mir bekannt, gibt es keine direkt vergleichbare Unternehmensform in Deutschland ...

  • Gerald Hübner

    Veröffentlicht: 30. Mai 2020 21:02 pm

    Ja, hier in Deutschland ist alles irgendwie geregelt, die Rechtsformen und die Einkunftsarten. Die GmbH´s oder OOO in Russland, ..., die Rechtsformen eben; die Landwirte, die Gewerbetreibende, Selbständige, Nichtselbständige(Arbeitnehmer) , Vermietung , aus Kapital oder Sonstige - da gehören Rentner und Diätenempfänger dazu - Einkommensarten . Zwei unterschiedliche Kategorien eben. Meine Freundin lebt in Perm, ich auch bald, will da etwas tun auch, dafür auch verfolge ich alle Entwicklungen in der Russischen Föderation. Eine Einkommensgrenze gibt es nur für die 3. Kategorie von Ihnen. Sonst gibt es Begrenzung. MfG Gerald Hübner

  • Gerald Hübner

    Veröffentlicht: 30. Mai 2020 21:07 pm

    Sehr geehrter Herr Niemeier, Ich vergaß noch: In jeder Rechtsform kann man beispielsweise Landwirt, Gewerbetreibender oder Freiberufler sein. MfG

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