Zurück auf keinen Fall – wir fühlen uns wohl in Deutschland

Zurück auf keinen Fall – wir fühlen uns wohl in Deutschland

 

Das Kaliningrader Regionalportal „kaliningrad.ru“ hat in der vergangenen Woche einen interessanten Beitrag veröffentlicht. Es wurden drei Russen, Männer und Frauen, zu ihren Eindrücken über Deutschland befragt. Alle Interviewpartner hatten Kaliningrad vor mehr oder weniger langer Zeit verlassen und sich in Deutschland niedergelassen.

 

 

Das zusammengefasste Fazit der Interviews lautet: Es ist nicht alles Gold in Deutschland, aber wir fühlen uns hier wohl und wollen nicht mehr nach Russland zurück.

Ähnlich geht es mir persönlich auch, allerdings in umgekehrter Richtung: Es ist nicht alles ideal in Kaliningrad (und eben deshalb ist die Stadt für mich so anziehend) aber ich möchte auf keinen Fall zurück nach Deutschland.

So sieht eben jeder sein Paradies individuell anders und soll dort glücklich werden, wo er meint glücklich werden oder sein zu können.

Das Regionalportal informiert eingangs darüber, dass im Jahre 2018 die Zahl derjenigen, die aus dem Kaliningrader Gebiet ausreisten, um sich in Deutschland anzusiedeln, sprunghaft gestiegen ist – insgesamt siedelten 534 russische Bürger in das Land der Autobahnen, Windräder und des Bieres um – so die Formulierung von „kaliningrad.ru“.

Man sprach mit dem 35jährigen Dmitri, der vor elf Jahren mit seiner Frau nach Deutschland umzog und jetzt in Baden-Württemberg lebt.

Zweite Gesprächspartnerin war Polina, 32 Jahre alt, die einen Deutschen geheiratet hat und nun in Niedersachen wohnt.

Dritte Interviewpartnerin war Jekaterina, 33 Jahre alt, die vor drei Jahren nach Deutschland reiste, um dort in Schleswig-Holstein zu heiraten.

Und die Übersiedler stellten fest, dass nicht alle Informationen, nicht alle Stereotypen über Deutschland und die Deutschen richtig sind.

So hatte man gehört, dass die Deutschen nur teure Sachen kaufen, weil diese eine hohe Qualität und eine lange Lebensdauer haben. Aber die eigenen Wahrnehmungen haben gezeigt, dass die Deutschen sehr sparsame Leute sind (Anm. UN: der Russe verwendet den Begriff Geizhals nicht gerne im Zusammenhang mit Deutschen). Die Deutschen kaufen billig, weil sie sparen wollen.

Auch zeigen die Deutschen nicht, dass sie reich sind. Häufig wohnt man Tür an Tür mit Deutschen und erfährt nur zufällig, dass es Millionäre sind, die einfach nur kostengünstig wohnen.

Dann hat man festgestellt, dass sich das ehemals saubere Deutschland in ein doch eher schmutziges Land verwandelt hat. Aber Schuld daran sind nicht die Deutschen, sondern diejenigen, die die Deutschen zu sich ins Land lassen und die versuchen, den Deutschen nun ihren Lebensstil zu diktieren.

Insgesamt sind die Deutschen sehr freundlich und hilfsbereit. Auch die guten, glatten Straßen ohne Schlaglöcher, haben bei den Übersiedlern Eindruck hinterlassen. Besonders hervorgehoben wurde die Disziplin der Verkehrsteilnehmer, die sich untereinander achten, gegenseitig den Weg freigeben und insgesamt sehr höflich sind. Das zwingt letztendlich die Zugewanderten, sich dieser Disziplin und Höflichkeit anzupassen.

Eindruck hat die Wasserqualität hinterlassen. Zuerst war man erschrocken, als man bei Bekannten sah, wie diese Wasser aus dem Wasserhahn tranken und sogar das Essen für die Kinder mit diesem Wasser zubereiteten. Dann erfuhr man, dass das Wasser in Deutschland häufig die Qualität von Mineralwasser und man nichts zu befürchten hat.

Wenig positiven Eindruck haben bei den Übersiedlern die deutschen Kindergärten hinterlassen. Zusammengefasst meinten diese, dass die deutschen Kindergärten eigentlich nur eine Aufbewahrungsstelle für Kinder sind. Niemand beschäftigt sich so richtig mit den Kindern, unterrichtet diese, es gibt keinen geregelten Tagesablauf, von einer vernünftigen Essensversorgung ganz zu schweigen. Das ist in Russland völlig anders.

Auch die Kosten für das tägliche Leben splitten sich anders als in Russland. Mindestens 60 Prozent muss man für Miete, Nebenkosten und Lebensmittel aufwenden. Und es gibt kaum Möglichkeiten, etwas zu sparen.

Gut empfindet man das System der Abrechnung der kommunalen Dienstleistungen, wo monatliche Fixsummen vom Konto abgebucht werden und nur einmal im Jahr eine Nachberechnung oder Erstattung erfolgt. In Russland erfolgt die Meldung der Zählerstände jeden Monat und wer dort nicht pünktlich meldet, wird mit Strafzahlungen belegt. Allerdings gibt es in Russland zum Jahresende auch keine unangenehmen Überraschungen, wenn nachbezahlt werden muss, denn hier wird jeden Monat abgerechnet.

Die Deutschen sind Weltmeister im Wasser sparen – waren sich die Übersiedler einig. Einige treiben das Wassersparen sogar bis zur Selbstkasteiung – war der Eindruck.

Von allen Übersiedlern wurde die Wohnungssituation als äußerst schwierig charakterisiert. Man hat sehr lange nach einer geeigneten Wohnung zu vernünftigen Mieten gesucht. Man zeigte sich informiert, dass viele Wohnungen nicht mehr frei zur Verfügung stehen, weil die Vermieter im Rahmen von staatlich festgelegten Quoten gezwungen werden, einen Teil ihrer Wohnungen an Flüchtlinge zur Verfügung zu stellen. Das macht den Wohnungsmarkt noch schwieriger.

Weiterhin hob man den teuren Nahverkehr hervor, wo eine nicht unerhebliche Summe für die täglichen Fahrten zur Arbeit aufgewendet werden muss. Und wer ein eigenes Auto hat, fährt auch nicht billiger, denn das Benzin und die Steuern und der Service für ein Auto sind in Deutschland um ein Vielfaches teurer als in Russland.

Angesprochen auf die Qualität der Lebensmittel meinten die Übersiedler, dass diese wesentlich besser ist als in Russland, wo man viele gefälschte Lebensmittel oder Lebensmittel aus Ersatzstoffen anbietet und die Qualitätskontrolle auch nicht so wie in Deutschland organisiert ist.

Zur Frage der Bekleidung gibt es unterschiedliche Meinungen – je nachdem, ob Mann oder Frau. Vieles an Bekleidung kann man in Russland wesentlich billiger, bei durchaus akzeptabler Qualität kaufen, als in Deutschland. In Deutschland werden häufig billigste Lappen (so formuliert man in Russland) für teures Geld angeboten. Und wenn man dann mal in Russland war und sich neu eingekleidet hat, dann staunen die Deutschen, für wie wenig Geld man tolle Sachen in Russland bekommt. Allerdings sind auch die Geschmäcker unterschiedlich und insbesondere die Frauen sind wohl von der deutschen Mode nicht immer begeistert.

Alle sind sich darüber einig, dass der Dienstleistungssektor in Deutschland „verrückt teuer ist“, egal, welche Dienstleistungen man benötigt. So nutzen insbesondere die Frauen ihre Besuchsaufenthalte in Kaliningrad, um zum Friseur, zur Maniküre, Pediküre und andere Wohlfühl-Dienstleistungen zu gehen. Man schätzt ein, dass die Kosten hierfür in Kaliningrad um bis zu 75 Prozent billiger sind.

Immer wieder wird im Verlaufe des Interviews durch die russischen Übersiedler die ausgeprägte Sparsamkeit der Deutschen angesprochen. Sie haben bemerkt, dass der Deutsche um jeden Cent feilscht und über viele Jahre ein und dieselbe Bekleidung trägt. Das unterscheidet die Deutschen erheblich von den Russen.

Keiner der Übersiedler hat irgendeine direkte offene Feindschaft oder Antisympathie gegenüber Russen festgestellt. Es gab mal hier, mal da eine abfällige Bemerkung, aber solche Dinge tragen keinen prinzipiellen Charakter. Aber von den Interviewten wollte niemand ausschließen, dass es solche Erscheinungen von Russophobie gibt. Nur, so meinten diese, wir verkehren nicht in solchen Kreisen.

Erstaunen tut die Bemerkung, dass es in Deutschland laute Nachbarn gibt und dies den russischen Übersiedlern nicht gefällt. Eigentlich ist es durchaus Standardsituation, dass in Russland bis spät in die Nacht laut hörbar gefeiert wird. Und es ist auch nicht unüblich, dass der Nachbar um Mitternacht seine neu gekaufte Bohrmaschine ausprobiert. Ähnliches passierte wohl auch in Deutschland und das fanden die russischen Übersiedler gar nicht gut. Insbesondere auch deshalb, weil sie keinerlei Hilfe, auch nicht von der Polizei, erhielten, um diese Ruhestörer zu beruhigen.

Bedauern tun die Übersiedler, dass die Sprachkenntnisse nicht ausreichen, um wirklich vollwertig, bis ins letzte Detail, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

In Deutschland arbeiten keine Geschäfte am Sonntag und an Werktagen schließen dies sehr früh. Das ist außerordentlich gewöhnungsbedürftig – meinten die Übersiedler, die daran gewohnt sind, dass es für viele Geschäfte und Supermärkte in Russland eigentlich keine wirklichen Schließzeiten gibt. Da muss man sich in Deutschland zur Frage der Essensbevorratung völlig umstellen.

Keiner der drei Befragten will nach Russland zurück. Anfänglich gab es natürlich Umstellungsprobleme und das führte kurzzeitig zu Überlegungen, vielleicht doch in sein gewohntes Umfeld zurückzukehren. Aber je mehr man in dem Land wohnt, je besser man die Sprache versteht und je mehr man sich adaptiert, um so weniger besteht der Wunsch, nach Russland zurückzukehren.

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Kommentare ( 2 )

  • Marko Bruhn Bruhn

    Veröffentlicht: 7. Dezember 2019 00:27 pm

    wie meinen die das ? verstehe ich nicht

    Eindruck hat die Wasserqualität hinterlassen. Zuerst war man erschrocken, als man bei Bekannten sah, wie diese Wasser aus dem Wasserhahn tranken und sogar das Essen für die Kinder mit diesem Wasser zubereiteten. Dann erfuhr man, dass das Wasser in Deutschland häufig die Qualität von Mineralwasser und man nichts zu befürchten hat.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 7. Dezember 2019 05:33

      ... in Kaliningrad, so wird von den Wasserwerken empfohlen, sollte man kein Wasser aus der Leitung trinken - mindestens sollte es abgekocht werden. Viele bestellen sich aber Wasser bei speziellen Lieferfirmen, um daraus Speisen und Getränke zuzubereiten. Und die interviewten Russen waren eben erstaunt, dass es eine derart gute Wasserqualität in Deutschland gibt, das man das Wasser sogar unabgekocht direkt aus dem Wasserhahn trinken kann.

  • Frank Werner

    Veröffentlicht: 7. Dezember 2019 12:42 pm

    @Marko Bruhn Bruhn
    Bzgl. Wasser haben wir in D einen sehr hohen Standard (gibt trotzdem einzelne Orte, wo man sehr darauf achten muß bzgl. natürlicher Radioaktivität) - das ist dort aber bekannt. In den USA ist es meist auch eine Katastrophe und aus Filmen sind ja die großen Wasserflaschen bekannt.

    @UEN
    - Mögliche Neu-Bürger sind hier nicht größere Dreckschweine als manche Deutsche. Ist leider so, wobei erstere sich meist lernfähig zeigen.
    - Thema KiTa ist sicher durchwachsen, es gibt gute und schlechte. Grundsätzlich haben hier die Kinder aber schon große individuelle Freiheiten (aus russischer Sicht wahrschein schlecht). Da ist eben nicht alles durchgeplant.
    - Niemand wird gezwungen eine Wohnung an Flüchtlinge zu vermieten. Die meinen wahrscheinlich dann sozial gebundene Wohnungen mit Wohnberechtigungsschein. Den bekommen auch Deutsche mit geringen Einkommen.
    - Vorurteil in D kann sein, dass Russen laut sind und auch nach 22 Uhr noch anrufen :-)

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