Alles für's Publikum

Alles für's Publikum

Vor einer Woche wurde MH17 über der Ostukraine abgeschossen. Die meisten blicken nach hinten und fragen: Wer war schuld? Stellen wir die andere Frage: Wie geht es weiter?

Der enge Kreis um Putin scheint entschlossen, auch verschärften Sanktionen nicht zu weichen. In Anbetracht des leidgewohnten russischen Volkes und der Welle an emotionaler Zustimmung, die den Präsidenten in dieser Krise trägt, ist das innenpolitisch eine realistische Strategie. Zudem ist die mit 2,2 Billiarden US Dollar achtgrößte Volkswirtschaft der Welt so rasch nicht auf die Knie zu zwingen. Es wird wehtun, in einzelnen Bereichen sehr wehtun, aber Russland hat schon so viele Prüfungen überstanden …

Und es wird sich wehren, auch wenn es gegen den vereinten Westen wirtschaftlich nicht anstehen kann. Nicht nur Öl und Gas sind Waffen, mit denen jeder Kontrahent rechnen muss. Russland ist der weltgrößte Titanproduzent, so bezieht etwa Boeing ein Drittel seines erheblichen Titanbedarfs aus russischen Quellen. Nicht zu vergessen die ausländischen Investitionen. US-Ölkonzerne sind mit bedeutenden Summen an russischen Förderprojekten beteiligt. Und die VW-Aktionäre werden nicht mit den Achseln zucken, wenn der Kreml den ausländischen Autobauern im Lande plötzlich 100 % local content diktiert.

Der Abschuss von MH17, Teilmobilmachung in der Ukraine, bellizistische Aufrufe zu Strafmaßnahmen in den angesehensten Zeitungen — erschreckend erinnern die Tage an den Juli 1914, auf den Monat genau vor 100 Jahren. Die westliche Politik scheint nur noch von der öffentlichen Meinung und, vor allem in den USA, von innenpolitischen Erwägungen bestimmt. Amerika, die Führungsmacht, die der Kreml ernst nimmt, verfolgt zwar eine langfristige Strategie (Eindämmung des russischen Einflusses, Vermeidung einer deutsch-russischen Annäherung), verhält sich jedoch in taktischen Belangen bisweilen wie amputiert, führungslos, als gäbe es keinen außenpolitischen Alltag, sondern nur "Grundsätze". Das liegt nicht zuletzt an Barak Obama, der in seinen Reden die heile Welt vom Himmel holt, doch auf dem Boden der Realität nicht wirklich fassbar ist.

 

In Putins dritter Amtszeit gibt es keinen persönlichen Draht mehr zwischen Washington und dem inneren Kreis der Kremlelite, zu dem Außenminister Lawrow nicht gehört. Die beiden Präsidenten vereint gegenseitige Abneigung. Auch unter ihren Vertrauten ist keiner, der mit der anderen Seite ein enges, persönliches Verhältnis pflegt. Die Botschafter, die Washington nach Moskau entsendet, sind so ausgesucht, dass sie den Polen gefallen und den Balten, und natürlich jenen Amerikanern, die laut fordern, dass endlich mal einer den Russen zeigt, wo der Hammer hängt. Alles für's Publikum.

Dabei wäre das einzige, was die Lage aus der derzeitigen Konfrontation befreien kann, die klassische Hinterzimmerdiplomatie, vertrauensvoll und vertraulich. Fakt ist, dass die Russen, Putin hin oder her, um keinen Preis der Welt einen Status akzeptieren werden, unter dem die Ukraine (und später Weißrussland), sei es auch nur theoretisch, komplett ins westliche Lager driften kann — was letztendlich EU- und NATO-Mitgliedschaft bedeutet. Mit allem anderen, Assoziierung, Annäherung und was immer, kann Moskau leben. Der Kreml hat auch keine Angst davor, dass rund um Kiew ein westlich-demokratisches Musterländle entsteht, welches dann alle Russen sofort kopieren wollen. Das sind Ammenmärchen westlich gesonnener Intellektueller.

Die europäischen Völker hat Moskau in dem Punkt sofort an seiner Seite. Sie sind kaum begeistert von der Idee, auch noch 45 Millionen Ukrainer als EU-Mitglieder durchzufüttern. Ebensowenig scheinen deutsche Soldaten Lust zu haben, das ukrainische Territorium zum zweiten Mal nach 1944 gegen den Feind aus Osten zu verteidigen.

Und die Politik? Aus Amerika kommen harte Worte und hehre Forderungen, doch auch die sind wieder nur für's Publikum. In Wirklichkeit blickt kein amerikanischer Politiker ernsthaft über die Grenze. Die Republikaner verspotten Obama als Softie, weil sie sauer sind über seine lasche Haltung gegenüber mexikanischen Immigranten, und Obama ist im Gegenzug tough on Putin — das bringt Punkte und wesentlich weniger Stress, als sich mit der eigenen Demokratischen Partei über die Politik an der Südgrenze zu fetzen.

Verfahrene Lage? Verdammt verfahrene Lage. 

Und hier noch ein Posting von Thomas Fasbender aus Facebook:

Ich beneide die Russen. Niemand im Westen wird gegen mein kleines Moskauer Geschäft je Sanktionen verhängen. Erst recht nicht gegen mich. Objekt von Sanktionen zu sein heißt: du hast es geschafft. Du bist wer. Ich wünschte, das könnte ich von mir sagen. Noch in hundert Jahren, wenn der Westen längst an seinen eigenen Faulgasen erstickt ist, werden die Urenkel der jetzigen Kremlelite schon auf dem Schulhof krakeelen: Mein Uropa war auch dabei. Kein Wunder, dass die Duma-Abgeordneten schon vor Wochen einstimmig einen Appell an den Westen gerichtet haben: Dehnt die Sanktionen auf uns alle aus! Vom dekadenten Westen gehasst zu werden ist ein Ausweis russischer Männlichkeit. Viel Feind, viel Ehr. Eier zwischen den Beinen, wo der Westen 24/7 über Gender-Mainstreaming diskutiert. In den teuren Moskauer Vororten drohen Ehefrauen schon mit der Scheidung, wenn der Mann nicht binnen zwei Wochen unter die Sanktionen fällt.

Satire? Nix da. Unsere Nachbarn, urbane Mittelschicht mit liberalen Neigungen, fahren dieses Jahr erstmals nicht ans europäische Mittelmeer. Die antirussische Propaganda hängt ihnen mehr zum Hals heraus als ihnen die Austern schmecken. Sie haben einen Kompromiss gefunden: Jurmala. Das ist der Strand von Riga, EU zwar, aber noch nicht ganz so schlimm. Und die Letten freuen sich.

Quelle: https://www.facebook.com/profile.php?id=100007463958086&fref=nf

 

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