Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt … „Haus der Räte“ in Kaliningrad

Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt … „Haus der Räte“ in Kaliningrad
MEINE MEINUNG, … mit deutschem akzent, kommentiert russische wirtschaftliche, politische, kulturelle und gesellschaftliche Ereignisse aus dem Blickwinkel eines Deutschen. Die Rubrik ist der Versuch, mit etwas BLOGGER-Hintergrundwissen dem deutschen Leser die manchmal nicht einfachen Verknüpfungen in der russischen Realität etwas verständlicher zu machen.
 
Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt … „Haus der Räte“ in Kaliningrad
 
Die Staatshymne der Deutschen Demokratischen Republik beginnt mit den Worten „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt …“ – ich schreibe dies nur, weil ich vermute, dass 75 Prozent unserer Leser dies nicht wissen und nur den Text „Deutschland, Deutschland über alles kennen“. Der heutige Artikel soll sich aber nicht mit deutschen, sondern mit russischen Ruinen beschäftigen. Aber eigentlich handelt es sich auch nicht um eine Ruine, sondern nur um ein Gebäude, welches seit über 40 Jahren auf seine Vollendung wartet.  
 
Foto: Haus der Räte in seiner aktiven Bauphase
 
Und egal, wie man dieses Gebäude nun bezeichnet, es ist auch aus Ruinen erstanden, auf den Trümmern von Ruinen gebaut worden und sollte auch der Zukunft zugewandt sein. Dass es eine klitzekleine Pause von ungefähr 44 Jahren gab – gerechnet vom Moment der Baueinstellung bis zum Moment, wo man dem Gebäude nun endlich Leben einhauchen will – sei nur am Rande erwähnt. Bauen ist nun mal schwierig und auch der Berliner Flughafen soll ja etwas länger brauchen um an den Start zu gehen und auch das Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland in Kaliningrad brauchte fast zehn Jahre vom Kauf bis zum Bezug – also alles ganz normal.
 

Nun hat es vor zwei Wochen viel Bewegung gegeben. Bewegt haben sich die Massenmedien, die jeden Tag Unmengen von Informationen über das Gebäude und die aktuellen Diskussionen und Meinungsäußerungen veröffentlicht haben, aber auch der Kaliningrader Gouverneur hat sich gemeinsam mit dem Kaliningrader Bürgermeister bewegt – nämlich die vielen Stufen hinauf auf das Dach des Hauses der Räte.

Foto: Die schönen Rücken gehören von rechts nach links dem Kaliningrader Gouverneur Nikolai Zukanov, dem Kaliningrader Bürgermeister Alexander Jaroschuk und dem Chef-Architekten des Kaliningrader Gebiets Alexander Baschin

Die Anstrengungen der Bewältigung der vielen Stufen wurden belohnt und nachdem der Gouverneur wieder zu Luft gekommen war, bemerkte er auch, dass Kaliningrad eine grüne Stadt ist – und wo er Recht hat, da hat er Recht.
 
Nach dem man genügend Höhenluft geschnuppert hatte, begab man sich wieder auf den Boden der Beton-Tatsachen vor dem Haus der Räte zurück und jeder gab von sich, was er so wusste und was er gerne an Informationen loswerden wollte.
Allgemein war schon bekannt, dass es drei Eigentümer gibt:
  • Firma Protostroi,
  • Firma Wester,
  • Stadtverwaltung Kaliningrad.
Die beiden erstgenannten haben 85 Prozent des Gebäudes und die Stadtverwaltung hat 15 Prozent. Diese 15 Prozent hat die Stadt aber auch erst wieder zurückerhalten, nach dem ein Gericht hierzu das letzte Wort gesprochen hatte, denn es gab jahrelange Auseinandersetzungen und auch rechtskräftige Urteile wegen Untreue im Zusammenhang mit dem Verkauf des Gebäudes – weit unter Wert.
Nun beklagte sich aber der Kaliningrader Bürgermeister darüber, dass diese 15 Prozent Eigentum am Gebäude nichts wert sind, da es sich um rein technische Räumlichkeiten handelt, Korridore, Räume mit Kommunikationsleitungen, Treppenhäuser, die man überhaupt nicht vermarkten kann. Und deshalb will die Stadt auch diese 15 Prozent verkaufen. Allerdings weiß der Bürgermeister, dass ohne diese Räumlichkeiten auch die anderen 85 Prozent nichts wert sind. Umso unverständlicher, warum er diesen Anteil verkaufen will und damit jegliches Druckmittel auf den Mehrheitseigentümer auch aus der Hand gibt.
Weiterhin beklagt sich der Bürgermeister, dass die beiden anderen Eigentümer niemals Pacht oder Steuern für das Grundstück bezahlt haben. Da versteht einer die Welt nicht mehr! Wenn ich mit meiner kleinen Immobilienverwaltung keine Steuern zahle, da kann ich die Uhr nach stellen, wann das erste Mal Besuch vor meiner Tür steht und es werden nur wenige Tage vergehen, bis man meine Firmenkonten sperrt und gerichtlich gegen mich vorgeht. Hier passiert nun schon jahrelang nichts mehr – Russland kann man eben mit dem normalen Verstand nicht verstehen.
 

Dann stand die Frage, wie es weiter geht mit dem Gebäude. Also, um es klar zu sagen: es wird nicht abgerissen. Diese Frage ist endgültig entschieden. Der Besitzer will das Gebäude auch nicht zu einem stilisierten Stadtschloss umbauen. Aber das die Fassade umgebaut werden muss – ja das ist klar.
 
Fotomontage: Altes Königsberg mit eingebetteter sowjetischer Architektur
 
Die im Jahre 2005 durchgeführte Instandsetzung – also das dezente Blau auf den grauen Beton auftragen und der Einbau der vielen Fenster sollen 3,5 Mio. USD gekostet haben – sagt der Hauptbesitzer. Dass muss ja eine besonders gute Farbe gewesen sein und die Fenster haben sicher auch alle vergoldete Scharniere.
Jetzt gibt es den Vorschlag die Fassade abzureißen und eine Glasfassade vorzubauen. Das wollen aber die internationalen Architekten nicht. Der Besitzer meint, man könnte die ersten fünf Etagen mit einer neuen, der Umgebung angepassten Fassade, gestalten – na, es wird wohl noch viel Gesprächsbedarf geben.
Der Generaldirektor von „Protostroi“, Konstantin Schewejko informierte, dass seine Firma konkrete Vorstellungen habe, wie das Haus aussehen soll. Man warte jetzt nur noch auf die letztendliche Auswertungen des internationalen Wettbewerbs „Herz der Stadt“ und auf den neuen Generalplan der Stadt und auf die Korrektur der Grundstücksgrenzen und schon kann es losgehen – also kurz gesprochen, irgendwann mal …
Interessant war eine Information, die endlich mit allen Gerüchten über die Instabilität des Gebäudes aufräumt, die in den letzten 30 Jahren die Weltöffentlichkeit beunruhigt haben. In den letzten Jahren sind drei Expertisen angefertigt worden. Die letzte Expertise vor zwei Jahren und alle haben gezeigt, dass dieses Gebäude noch 100 Jahre stehen wird. Es gibt keine Wackelpunkte oder Kippmomente.
Während des Gedankenaustausches stellte sich heraus, dass an sich alle gerichtlichen Angelegenheiten erledigt sind, es keine Einspruchsfristen mehr gibt und man nun eigentlich beginnen könnte zu arbeiten. Aber auf dem Gebäude liegt immer noch die verhängte Beschlagnahme und mit der zuständigen Kaliningrader Polizeibehörde ist nicht gut Kirschen essen. Die weigert sich nämlich, die Beschlagnahme aufzuheben. Da hat der Kaliningrader Gouverneur vorgeschlagen, sich der Sache anzunehmen und mit den zuständigen Beamten zu sprechen.
Aber eine Antwort auf die an sich wichtigste Frage, habe ich nirgendwo gefunden: Wie will man das Gebäude nutzen? Hier und da gibt es Einzelgedanken, aber eigentlich braucht es ein Konzept. Und wenn es ein Nutzungskonzept gibt, kann man berechnen, wie schnell sich so ein Gebäude rechnet. Und erst wenn das klar ist, weiß ich auch, wieviel Geld ich für den Endausbau riskieren kann – oder sehe ich da was nicht richtig?

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