Darf ich als Deutscher Putin-Versteher sein?

Darf ich als Deutscher Putin-Versteher sein?

MEINE MEINUNG, … mit deutschem akzent, kommentiert Kaliningrader wirtschaftliche, politische, kulturelle und gesellschaftliche Ereignisse aus dem Blickwinkel eines Deutschen. Die Rubrik ist der Versuch, mit etwas BLOGGER-Hintergrundwissen dem deutschen Leser die manchmal nicht einfachen Verknüpfungen in der russischen Realität etwas verständlicher zu machen.

 

Darf ich als Deutscher Putin-Versteher sein?

Die Frage hat durchaus ihre Berechtigung, denn erst neulich habe ich von einem deutschen Bekannten die Bemerkung gehört, dass das Informationsportal „Kaliningrad-Domizil“ sich ja nun als deutschsprachiges Propagandainstrument der russischen Regierung etabliert hat. Mir war das bisher so nicht bewusst, da ich nur meine Meinung schreibe und dazu als ehemaliger ostelbischer Bürger seit 3. Oktober 1990 das Recht habe. Aber da meine Meinung nun nicht mit der Meinung des deutschen Außenministers oder des Herrn Schockenhoff, dem ehemaligen Russland-Spezialisten, äh … Russlandkoordinator übereinstimmt, mache ich gleich Propaganda für die Russen? Die Frage, ob mein Gesprächspartner denn der Vertreter für die deutsche Propaganda ist, weil er die Ansichten der Bundeskanzlerin Merkel verbreitet, die habe ich mir verkniffen. Und ich habe mir auch eine Rückfrage verkniffen, woher mein Gesprächspartner die Gewissheit nimmt, dass Wladimir Wladimirowitsch bald zurücktreten wird – so wie er im Gespräch meinte. Er meinte, dass das manchmal schneller geht, als man denkt …

Natürlich gibt es Leute, die einen gut gekühlten deutschen Korn, vielleicht aber auch ein Glas Krim-Sekt trinken würden, wenn sie vom Verschwinden des „WW“ von der russischen politischen Bühne hören, aber warum soll der russische Präsident Putin zurücktreten?

Ist er krank? Hat er gegen die russische Verfassung verstoßen? Ist er von einem internationalen Gericht wegen irgendwas verurteilt worden? Hat der römische Papst ihn mit dem Kirchenbann belegt? Nur, weil auch Herr Putin das von Deutschland so hoch geschätzte Prinzip der Meinungsfreiheit nutzt und sich den Luxus einer eigenen Meinung leistet und damit die Interessen des größten Landes auf unserer Erdkugel vertritt und diese Meinung den Amerikanern und somit auch dem offiziellen Deutschland nicht in den Kram passt, soll er zurücktreten? 

Die Amerikaner haben in den letzten drei Jahrzehnten (da war an Putin als Präsident noch gar nicht zu denken) so viel Blut tropfen lassen und niemand hat irgendeinen amerikanischen Präsidenten zum Rücktritt aufgefordert – das geschah auch alles im Namen der (amerikanischen) Demokratie. Aber ob diese Demokratie wirklich Demokratie ist, darüber lässt sich heute schon trefflich streiten. Und Putin hat bisher kein Blut tropfen lassen. Blut lassen die Ukrainer untereinander tropfen – und zukünftig wohl mit Hilfe der USA und Deutschlands, die mehr oder weniger offen Waffenlieferungen durchführen wollen.

Für alles, was heute in Russland vor sich geht ist Putin schuld. Man hört schon gar keinen anderen Namen mehr. Und vor allem, in Russland gibt es nichts, was auch nur irgendwie positiv ist – davon muss man ausgehen, denn die westlichen Medien berichten nichts Positives – oder haben Sie in den letzten Jahren irgendeine positive Information über Russland in Erinnerung?

2010/2011 Wahlen wurden gefälscht – Putin war schuld. Hat er sie gefälscht? Und wenn „ja“ hat er es ganz alleine getan?

2013/2014 Putins Rating stieg (über 80 Prozent Zustimmung bei der Bevölkerung). Putin ist schuld (unbestritten). Aber ist seine hohe Bevölkerungsakzeptanz sein alleiniger Verdienst?

2013/2014 Die Rubelkurse fielen - Putin ist schuld. Das sie schon seit Wochen wieder steigen – ist Putin darin nicht schuld?

2013 Verabschiedung des Ergänzungsparagraphen zum „Gesetz über den Schutz der Kinder“ (im Westen Homogesetz genannt) – Putin ist schuld. Das im Ergebnis des Gesetzes nichts, aber auch absolut nichts in Russland passiert – ist daran auch Putin schuld?

2012/2013 Die Girly-Band „Busen Rot“ beleidigt in einer Russisch-Orthodoxen Kirche Gläubige und Putin und wird dafür zur Verantwortung gezogen – Putin ist schuld.

2014 entdeckt ein Abgeordneter der LDPR auf dem 100-Rubel-Schein bei Apollo den Pullermatz – Putin ist schuld und wird der Prüderie bezichtigt.

2014 wird ein malaysisches Flugzeug über der Ukraine abgeschossen – wenige Minuten später ist Putin schon schuld …

2014 das neue Internetgesetz, welches damit aufräumt, dass jeder ungestraft beleidigen und jede Menge übelstes Zeug schreiben kann – Schuld ist Putin.

Man kann die Liste sicher fortsetzen … ich habe keine Lust dazu. Wichtig ist eben nur, dass man in allem, was in Russland vor sich geht, das Negative herausliest, Putin die personalisierte Schuld zuweist und es so auch dem unbedarften und gutgläubigen westeuropäischen Verbraucher serviert – der kann i.d.R. Russisch nicht lesen und verstehen und sich nicht selber informieren.

Also, dieser Putin muss ein wahres Monster sein, eine Inkarnation des Bösen. Eine derartige Konzentration von Bösem und Schlechtem hatte noch nicht einmal ein anderer Mensch geschafft auf sich zu vereinen, der zwölf Jahre lang, im vergangenen Jahrhundert sein Unwesen in Europa trieb. Wenn über diese Zeit berichtet wird, werden noch einige andere Namen, wie „G…“, „H…“ und noch ein „G…“ genannt, die dem Herrn mit dem Miniteppich unter der Nase helfend zur Seite standen. Aber in Russland macht das alles nur einer – Putin. Denn anscheinend gibt es kein Parlament, es gibt keine Parteien, es gibt keine Minister, es gibt keinen Sicherheitsrat und es gibt auch keine Bevölkerung, die die Politik dieses Putins mehrheitlich (also demokratisch) mitträgt.

Solchen Blödsinn kann man natürlich nur denen erzählen, die sich gerne einseitig informiert sehen und die aber trotzdem genau wissen, dass der Westen und insbesondere die USA diesen Putin als starke Führungspersönlichkeit erkannt und somit für die Umsetzung der eigenen Interessen als gefährlich eingestuft haben.

Aber, weil wir gerade bei Amerika sind. Mir scheint dies ein Land zu sein, welches einfach ohne Konflikte nicht leben kann und immer einen Gegner braucht. Früher, zu den seligen Zeiten des Kommunismus, war der Gegner eben der Kommunismus. Nach 1990, nachdem der Kommunismus zu Grabe getragen war, konnte man seine Gegner doch schon besser personalisieren:

  1. Bin Laden,
  2. Saddam Hussein,
  3. Muammar Gaddafi,
  4. Baschar al-Assad,

… hab ich jemanden vergessen?

… vielleicht Putin – äh…, nein das ist Quatsch. Putin ist Partner, zumindest bis zu dem Moment, wo man ihm ein Bein stellen kann und er fällt.

Und Putin hat noch eine weitere schlechte Eigenschaft und mich wundert, dass der Westen darüber nicht berichtet – er ist ein Suppenspucker. Am laufenden Band hat er den Amerikanern in den letzten Jahren in die Suppe gespuckt.

Das begann damit, dass er die, von ausländischen Staaten finanzierten NGO mehr unter Kontrolle nahm und damit das vielleicht geplante Konzept der Aufweichung des russischen Staates von Innen nicht mehr aufging.

Dann spuckte DER den Amerikanern, wenn auch ungewollt, in der Angelegenheit „Snowden“ in die Suppe.

Und Syrien – vielleicht hat er da den Amerikanern nicht in die Suppe gespuckt, aber die feste Absicht der Amerikaner dieses Land anzugreifen und auf amerikanische Weise zu demokratisieren – diese Suppe hat Putin den Amerikanern zumindest versalzen.

Und wie oft hat Putin noch in amerikanische Suppen gespuckt im Zusammenhang mit den weltweiten Abhör- und Spionageaktivitäten der Amerikaner (insbesondere in Deutschland)? Wir wissen es nicht, können es nur ahnen. Wir ahnen den Anteil Russlands an einigen Dingen die weltweit vorgehen daran, wie die Amerikaner immer böser und gnatziger reagieren – getroffene Hunde bellen, sagt ein Sprichwort.

So, nun habe ich aber genug Propaganda für Putin gemacht und die Anzahl derer, die mich nun zum Putin-Versteher ernennen wesentlich erhöht. Vielleicht habe ich aber auch ein paar Gesprächspartner zukünftig weniger – eben diejenigen, die nicht an einem sachlich fundierten Meinungsaustausch interessiert sind und nur eine Meinung gelten lassen – ihre eigene. Aber damit kann ich leben.

Ach, zum Schluss noch eine Bitte. Stufen Sie mich bitte nicht als Putin- oder Russlandspezialist ein. Ich kenne weder Putin, noch kenne ich Russland (auch nicht nach 25 Jahren Anwesenheit, die reichen nämlich nicht aus um Spezialist zu sein). Ich verstehe beide nur, bin also ein Versteher.

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