Das Deutschland-Puzzle oder Der Wind weht immer schärfer

Das Deutschland-Puzzle oder Der Wind weht immer schärfer

Das Verhältnis zwischen Deutschland und Russland ist schlecht. Der Tiefpunkt scheint noch nicht erreicht zu sein. An den vielen Kleinigkeiten im täglichen gesellschaftlichen Leben ist zu erkennen, wie sich Russland immer mehr von Deutschland und den Deutschen distanziert.

Wenn man irgendwo ein Stück Puzzle findet, so ist das nicht interessant. Ein zweites und drittes Stück vielleicht auch noch nicht. Kommt aber noch ein viertes Puzzle-Teil dazu, dann versucht man schon, daraus irgendwie ein Bild zu formen. Man läuft auch aufmerksamer durch die Straße der Erkenntnis, schaut, ob man weitere passende Teile findet und irgendwann glaubt man, ein Bild erkennen zu können.

So geht es mir in Kaliningrad, wenn ich die Nachrichten über Deutschland, über Deutsche, über die Germanisierungsängste lese und so ist mein heutiges Deutschland-Puzzle „Made in Russland“ zu einem großen Teil fertig. Es heißt: Der Wind weht immer schärfer.

Grafik: Deutschland-Puzzle – Made in Russland
 
Ich werde nicht alle Dinge wiederholen, die auf diesem Portal in den letzten Wochen und Monaten geschrieben worden sind und die Deutschland und die Deutschen betreffen – die obige Grafik ist aussagekräftig genug. Ich möchte nur ein Puzzle-Teil, welches ich am Dienstag gefunden habe, ein wenig beschreiben und dann versuchen, den richtigen Platz für dieses Teilchen im Deutschland-Puzzle zu finden – wissend, dass das Puzzle kompletter wird, aber nicht schöner.

Das Informationsportal „NewsBalt“ veröffentlichte am vergangenen Dienstag einen Beitrag:

Klären wir vorab drei Dinge:

  1. Was ist das für eine „Russische Gemeinde“
  2. Wer ist Michael Wieck
  3. Was ist das für ein Buch

Ich habe nur sehr wenig über die regionale Organisation (NGO) „Russische Gemeinde des Kaliningrader Gebietes“ gefunden.

Zu Michael Wieck gibt es schon ein paar mehr Informationen. Das Wichtigste habe ich herausgefiltert. Klicken Sie auf die Grafik um mehr über ihn zu lesen.

Zum Buch habe ich kurz zusammengetragen:

Soweit zu den Fakten.

Nun hat der Leiter der Russischen Gemeinde im Kaliningrader Gebiet Klage beim Staatsanwalt des Kaliningrader Gebietes gegen dieses Buch eingereicht und beantragt, dass es auf den Extremismus-Index gesetzt wird – mit anderen Worten: Er beantragt, dieses Buch in Russland zu verbieten.

Der Kläger zitiert einige dutzend Stellen aus dem Buch, wo der Autor das Verhalten sowjetischer Soldaten nach der Einnahme von Königsberg am 9. April 1945 schildert. Es handelt sich um die bekannten Dinge wie Vergewaltigung von Frauen, Plünderungen, Zerstörungen usw. Der Staatsanwalt wird aufgefordert, die Aufnahme eines Ermittlungsverfahrens wegen vermuteter Verbrechen zu veranlassen und führt drei Paragraphen des russischen Strafgesetzbuches an:

  • Teil 1 des Artikels 148 des Strafgesetzbuches der Russischen Föderation „Verletzung des Rechts auf Gewissens- und Glaubensfreiheit“,
  • Teil 1 des Artikels 282 des Strafgesetzbuches der Russischen Föderation „Entfachung von Hass oder Feindschaft und Herabsetzung der Menschenwürde“,
  • Teil 1 des Artikels 354.1 des Strafgesetzbuches der Russischen Föderation „Rehabilitierung des Nazismus“.

Damit steht der Kläger im Widerspruch zur Meinung des ehemaligen Gouverneurs des Kaliningrader Gebietes und Kommandierenden der Ostseeflotte Wladimir Jegorow. Dieser soll, deutschen Quellen zufolge, bei der Vorstellung des russischsprachigen Buches im Jahre 2005 in Kaliningrad geäußert haben:


Wir können es aber auch anders formulieren. Das Jahr 2005 ist nicht das Jahr 2016. Die Ansichten und Meinungen ändern sich – zu vielen gesellschaftlichen Vorgängen. Deutschland und den Deutschen gegenüber wird man kritischer, die Meinungen der ehemals hochgeachteten Deutschen sind nicht mehr gefragt, im besten Fall geduldet. Der Wind weht scharf in Kaliningrad. Und er weht mit jedem Tag schärfer, denn man muss auch wissen, dass Kaliningrad gegenwärtig von einer Welle von Nazischmierereien, Grabmal-Schändungen und Putin-Schmähungen überzogen wird. Auch hier ist die Staatsanwaltschaft bereits aktiv. Und, um auf den „Untergang Königsbergs“ zurückzukommen, bei diesem Buch ist man der Meinung, dass es nun nicht mehr das wichtigste Buch über Königsberg ist und es wird wohl auch niemandem mehr zu Lektüre empfohlen.

So weit, so schlecht für Herrn Michael Wieck, der wohl auch mit persönlichen Konsequenzen rechnen muss, sollte sich der Kläger bei der Kaliningrader Staatsanwaltschaft durchsetzen. Aber, es gibt noch eine Nuance in dieser Angelegenheit, auf die der Autor des Artikels bei „NewsBalt“ hinweist:

„NewsBalt“ erinnert, dass die Präsentation der zweiten russischsprachigen Ausgabe von „Untergang Königsbergs“ des ehemaligen Konzertmeisters des Stuttgarter Kammerorchesters Michael Wieck vor ungefähr einem Jahr in Kaliningrad stattfand. Auf der Seite des deutschen Generalkonsulats in Kaliningrad wurde eine kurze Inhaltsangabe aus den Memoiren eingestellt: Darin schildert der 1928 in Königsberg als Sohn einer jüdischen Mutter und eines nicht-jüdischen Vaters geborene Autor seine dramatischen Erfahrungen, die er dort während der nationalsozialistischen Diktatur und in den Jahren nach dem Einmarsch der Roten Armee erlebte.“

Screenshot: Internetseite des deutschen Generalkonsulats in Kaliningrad
 
Kommen wir nun zum „hüpfenden Komma“, wie Heinz Ehrhard einmal so lustig sagte. Wir haben das Puzzleteil und müssen nun noch den richtigen Platz finden, wo wir es einfügen können. Ich bin mir noch nicht klar, wo ich dieses Teil einfüge. Geht es dem Kläger um das Buch und die darin enthaltenen Diffamierungen der Roten Armee, oder geht es darum, dass das deutsche Generalkonsulat einem (vermutlich) extremistischen Autor für seine diskriminierenden und gegen Russland gerichteten Äußerungen eine Bühne geboten hat. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle doch noch einmal an die Lissner-Affäre erinnern, wo der Vizekonsul für Kultur in einer antirussischen Hass-Rede für sehr viel Aufsehen sorgte, wo im Ergebnis dessen, das Deutsch-Russische Haus (heute Bildungszentrum Russisch-Deutsches Haus) zwei Jahre lang erhebliche Probleme hatte. Ein anderer aktueller Vorfall, bei dem ein deutscher Diplomat Fahrerflucht beging, rückte das Generalkonsulat wieder in die Negativschlagzeilen. Und nun sorgt ein Buch für neue Aufmerksamkeit.

Der Wind weht scharf in Kaliningrad, sehr scharf. Hoffen wir, dass er sich nicht zu einem Sturm auswächst der ganze Häuser wegträgt.

Im Jahre 2004 kamen die deutschen Diplomaten nach Kaliningrad. Im Jahre 2005, zum 750. Stadtjubiläum, in Anwesenheit des russischen und französischen Präsidenten und des deutschen Bundeskanzlers, wurde die Eröffnung des Generalkonsulats in Kaliningrad als eine Bereicherung der Beziehungen zwischen beiden Ländern gewürdigt. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass man im russischen Kaliningrad heute eine andere Meinung hat.
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Kommentare ( 4 )

  • Dietrich Völker

    Veröffentlicht: 7. Oktober 2016 13:49 pm

    Warum dieser voellig unangebrachte Plakatismus, mit dem krampfhaft eine Russland-Versteher-Haltung erzeugt werden soll?
    Lissner war natuerlich schon peinlich, ein Grund zur Aufregung allerdings fuer Nichtrussen war es keiner. Ueber die voelkerrechtswidrige Annexion der Krim laesst sich auch heute noch trefflich streiten. Immerhin war die RF mal eine Garantiemacht der ukrainischen territorialen Integritaet, als diese ihre Atomwaffen abgab. Schon vergessen?
    Der Goldjunge des Generalkonsulats kann leicht mittels Strafanzeige und Dienstaufsichtsbeschwerde zur Raeson gebracht werden. In Deutschland hat erjedenfalls keinen Diplomatenstatus. Das deutsche Strafrecht interessiert sich auch fuer die im Ausland begangenen Straftaten Deutscher. Vor allem dann, wo doch die Beweislage so eindeutig zu sein scheint.
    Wenn ein Strafgesetzbuch bestimmte historische Erscheinungen negiert und unter Strafe stellt, weil diese mit dem Faschismus oder dem Nazismus in Verbindung gebracht werden, ist da fuer mich vor allem nur eine politisch motivierte Exkulpation von Kriminellen, die das mit kriminellen Handlungen anderer rechtfertigen. So ein Lager des NKWD waere danach bestimmt ein Hort der Erholung gewesen. Kann schon sein, dass einige solch einen Zynismus goutieren, ich als Nachkriegsgeborener jedenfalls mache das nicht. Wir als Deutsche sollten die Augennicht vor dem Tun unserer Eltern und Grosseltern verschliessen, wir brauchen aber auch nicht unbequeme Wahrheiten anderer zu verschweigen. Diese Liebedienerei braucht es nicht.

  • Hauke

    Veröffentlicht: 7. Oktober 2016 21:58 pm

    Ich empfehle Herrn Makarow, mal in den Schriften von Ilja Ehrenburg wehrend des Krieges zu lesen.
    Denen wird er ja wohl glauben?

  • Bastian Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 8. Oktober 2016 02:35 pm

    Dietrich Völker
    Veröffentlicht: 7. Oktober 2016 13:49:03

    "Ueber die voelkerrechtswidrige Annexion der Krim laesst sich auch heute noch trefflich streiten."

    "Die einzige Möglichkeit zur Legalisierung einer völkerrechtswidrigen Annexion besteht in einem zustimmenden Referendum der betroffenen Bevölkerung. Dabei kommt der Grundsatz volenti non fit iniuria zum Tragen. In der einschlägigen Fachliteratur werden noch weitere Wege genannt, die nicht auf Selbstbestimmung, sondern auf einem Konsens der staatlichen Souveräne beruhen, so der Abschluss eines Zessionsvertrages oder der freiwillige Verzicht des Inhabers der Gebietshoheit.[17]" Wikipedia

    Nun sieh es ja so aus, daß das zustimmende Referendum auf der Krim für die Trennung von der Ukraine und für den Beitritt zur RF - vor - der angeblichen Annexion derselben erfolgte, so ist selbst das von mir heran gezogene Zitat nicht einmal so richtig anwendbar. Man muß sich doch mal damit auseinandersetzen, was im modernen Völkerrecht das Primat hat und ob es davon abhängt, wie einzelne Staaten oder Staatengruppen oder Bündnisse dies dann nach gusto auslegen können. Ob denen nun diese Abspaltung gefällt oder nicht oder ob es wirlich legitim ist, verschiedene Volksgruppen zwanghaft und mit militärischer Gewalt in einem Staatsgebilde zusammen zu halten, weil es für eigene Ziele vorteilhaft ist, obwohl die Bevölkerung dieses Konglomerats eigentlich eigene Wege gehen möchte. (Bosnien-Herzegowina, wo heute noch deutsche "Friedenssoldaten" separatistische Bestrebungen gewaltsam unterdrücken).

    Sind Sie wirklich des irrigen Glaubens, daß der "Goldjunge" in Deutschland wegen seiner zwar bewiesenen Fahrerflucht in Rußland, wo es wegen eines abgefahrenen Außenspiegels keine weiteren Schäden gab, nun in Deutschland als offizieller BKA-Beamter in irgendeiner Weise belangt wird?
    Wenn es denn soweit kommen sollte, was ich nicht einmal glaube, daß das Auswärtige Amt irgendeine Stellungnahme vom BKA anfordern sollte, dann ist dieses (Strafrechtliche) "Vergehen" dienstrechtlich geahndet worden. Fünfzeiler. Aus! Schluß!
    Bei dieser Geschichte hat das NKWD wohl wirklich keinen Platz, nur weil man weiß, daß es so etwas mal gegeben hat. Da hätten Sie genauso gut die Briten als die Erfinder der KZ erwähnen können.

  • ru-moto

    Veröffentlicht: 11. Oktober 2016 15:08 pm

    [Wie wir seit den Stratfor Veröffentlchungen wissen ist das US-Hauptziel seit einem Jahrhundert ein Bündnis Russland+Deutschland zu verhindern. Unsere Leitmedien befeuern diesen Konflikt und verunglimpfen warnende Stimmen, die sich für ein besseres Verhältnis zu Russland einsetzen...]

    Letzteres bestätigt sich leider täglich. Anscheinend "kluge" Menschen (mit akad. Titeln) mit ihrer ganz anderen, erschreckend manipulierten Meinung sind da immer häufiger in Foren anzutreffen, stimmen den immer frecher werdenden Kriegstreibern zu. Diese waren selbst nie in der RF, noch haben sie Kontakt mit deren Bevölkerung, übernehmen jedoch kritiklos jede noch so absurde Russophobie. Propaganda und Think-thank wirken, Hemmschwellen verändern sich, warnende Stimme werden lächerlich gemacht. Russlandfeindliche Hysterie macht sich breit und die "falsche Meinung", d.h. die Wahrheit über US/NATO/EU, bringt sogar im Schulunterricht schlechte Noten...

    Die Menschen sollen sich nach westlichen Vorstellungen nur noch dem Konsumrausch und hirnlosen Spielen hingeben. Die in versteckter Propaganda verpackte "Wahrheit" liefern ihnen die Presstituierten transatlantisch orientierten Lügen-Medien. Alles gewollte Psychologie, damit der Mensch nicht weiter selbst über sein Dasein nachdenken muss und auf "falsche" Ideen kommen könnte...

    Lassen wir uns nicht auf Diskussionen mit Menschen mit gefährlicher, eingeimpfter Weltanschauung ein. Sie versuchen uns nur auf ihr "Niveau" hinab zu ziehen und proftieren dort von ihrer "Erfahrung".

    Solange sich die US/NATO/&Vasalen herausnehmen, die Welt zu beherrschen und diese auszubeuten, wird es keinen Frieden geben!

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