Der russische FSB und die undiplomatischen Diplomaten in Kaliningrad

Der russische FSB und die undiplomatischen Diplomaten in Kaliningrad

MEINE MEINUNG, … mit deutschem akzent, kommentiert russische wirtschaftliche, politische, kulturelle und gesellschaftliche Ereignisse aus dem Blickwinkel eines Deutschen. Die Rubrik ist der Versuch, mit etwas BLOGGER-Hintergrundwissen dem deutschen Leser die manchmal nicht einfachen Verknüpfungen in der russischen Realität etwas verständlicher zu machen.

Der russische FSB und die undiplomatischen Diplomaten in Kaliningrad

Kaliningrad, die geographisch westlichste Region der Russischen Föderation, hat einen ziemlich hohen Verschleiß an Kadern, äh … an Personal, wie mir scheint. Mal davon abgesehen, dass seit Oktober 2010, dem Amtsantritt unseres Gouverneurs, 48 Minister oder Vizegouverneure ihren Stuhl geräumt haben (müssen), erst vor wenigen Tagen die Ministerin für den nicht stattfindenden Tourismus in Kaliningrad gekündigt hat und am vergangenen Freitag auch der Chef-Architekt des Kaliningrader Gebietes das Handtuch geworfen hat – nein, jetzt haben wir auch noch ungeplante Personalrotationen im Bereich der diplomatischen Vertretungen.

Nein, keine Sorge, über das undiplomatische Verhalten des deutschen Diplomaten Daniel Lissner, der Anfang November 2014 wegen merkwürdiger antirussischer Äußerungen unplanmäßig (aber unauffällig) aus Kaliningrad abgereist ist, werden wir heute nicht berichten.

Obwohl, es scheint hier gewisse Gemeinsamkeiten zu geben. Denn Vizekonsul Daniel Lissner echauffierte sich über Russland im Sommer 2014 und verließ Kaliningrad erst Anfang November 2014. Und, hätte es nicht irgendwo eine „undichte“ Stelle gegeben, hätte niemand von dem Vorfall erfahren.

Ähnlich verhält es sich mit dem litauischen Diplomaten Regimantas Gezewitschjus, Leiter der Visaabteilung des litauischen Generalkonsulats in Kaliningrad. Auch dieser Mann reiste bereits am 23. Februar 2015 aus Kaliningrad ab und erst jetzt wird darüber berichtet. Warum erst heute? Was ist überhaupt passiert?

Dass es kein ständiges Personal in den diplomatischen Vertretungen gibt, wissen wir bereits. Die Diplomaten wechseln alle drei bis vier Jahre. Grund ist vermutlich, dass sich die ausländischen Vertreter nicht zu sehr an das örtliche Klima und die hiesigen Menschen gewöhnen (adaptieren) sollen, oder aber, dass der böse russische Geheimdienst (auch FSB genannt) möglichst keine Chance bekommt, Diplomaten zum Spionieren anzuwerben.

Nun wissen wir aber auch, dass jeder Staat an Informationen aus anderen Staaten interessiert ist und dafür bestimmte Dienste hat, die diese Informationen zu sammeln haben. Dagegen ist auch nichts zu sagen – es beruht auf Gegenseitigkeit. Und das Spionieren an sich wird auch nicht bestraft – nur wenn man sich dabei erwischen lässt, dann kann es brenzlig werden. Und wenn es brenzlig wird, dann gibt es mehrere Möglichkeiten. Entweder kommt es zum Großbrand, oder es bleibt ein örtlich begrenztes Feuerchen oder der Brand wird schon im Keim erstickt. In diesem Fall schien es so, als ob der Brand schon im Keim erstickt worden ist, aber am vergangenen Samstag entstand dann doch ein kleines Feuerchen.

Am Samstag berichteten wir über den Leiter der Visaabteilung des litauischen Generalkonsulats in Kaliningrad.

Der Leiter der Visaabteilung erhielt die Chance, schnell und unauffällig Kaliningrad zu verlassen. Das legt die Vermutung nahe, dass die russische Seite im Allgemeinen und der russische Sicherheitsdienst im Besonderen,  weder an einem undiplomatischen Großfeuer noch an einem örtlich begrenzten Feuerchen interessiert sind. Und das ist um so verwunderlicher, wenn wir uns erinnern, wie sich das Verhältnis zwischen Russland und Litauen in den letzten zwei Jahren rapide verschlechtert hat. Unmengen Artikel haben wir hierzu bereits veröffentlicht. Versuchen Sie einfach mal im Suchfeld auf unserem Portal Schlagwörter einzugeben:

Screenshort aus Informationsportal „Kaliningrad-Domizil“

 

Litauen Sanktionen“ bringt 46 Ergebnisse und „Litauen Russland“ 241 Veröffentlichungen.

Und in all diesen Artikeln wird in der Regel nicht über Fortschritte in der Zusammenarbeit, in der Entwicklung der kulturellen Beziehungen, Investitionen gesprochen. Fast alle diese Artikel behandeln die Verschlechterung der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern, die eine temporäre gemeinsame Geschichte haben und, was viel wichtiger ist, unmittelbare Nachbarn sind. Sichtbar wurden die Differenzen Mitte 2013, als der sogenannte „Milchkrieg“ zwischen Russland und Litauen begann. Danach begann der litauische Außenminister über eine Blockade des Kaliningrader Gebietes zu parlieren. Dem schloss sich ein wenig später der litauische Ex-Landwirtschaftsminister an und, um mal das ganze Thema „NATO, USA und deren Ausweitung auf das litauische Gebiet auszuklammern, gipfelte in den dramatischen Äußerungen der attraktiven litauischen Präsidentin, dass Russland
ein Terrorstaat ist.

Litauen lässt, gerade in den letzten Wochen, keine Chance aus, sich irgendwie negativ über Russland und dessen Terror- und Angriffsabsichten zu äußern. Da sind die Polen schon vorsichtiger, denn der Berater des polnischen Präsidenten Roman Kusnjar warnte Ende vergangener Woche davor, dass Polen nicht den Moment verpassen darf, wenn es wieder zu einer Annäherung Russlands mit europäischen Staaten kommt. Polen könnte dann Außenseiter werden …

Und dazu gehört natürlich auch, sich nicht zu weit aus dem Fenster zu legen mit antirussischer Rethorik. Wir wissen ja:

Aber kehren wir zum Leiter der Visaabteilung des litauischen Generalkonsulats zurück. Er erhielt Warnungen des russischen Außenministeriums und verstand, dass seine Zeit abgelaufen ist. Natürlich, davon bin ich überzeugt, ist dieser Mann kein hauptamtlicher Agent des litauischen Geheimdienstes. Wenn dem so wäre, dann wäre er wohl auch besser geschult worden und hätte nicht so primitive Fehler gemacht, wie jetzt, trotz aller Geheimhaltung seitens der russischen Seite, bekannt wurde.

Foto: Litauisches Generalkonsulat in Kaliningrad

 

Er hat natürlich als Leiter der Visaabteilung Zugriff zu vielen persönlichen Daten russischer Bürger, die diese bei der Antragstellung für ein Schengenvisum im Antrag ausfüllen müssen. Er hatte wohl aber zusätzlichen Informationsbedarf, der weit über das hinausgeht, was für die Visagenehmigung vonnöten ist. Wozu braucht der Mann die genaue Wohnadresse, Telefonnummern, Bankverbindungen, Informationen über mögliche Kredite und Kreditschulden? Will er die Schulden bezahlen? Will er die russischen Bürger besuchen und fragen, ob sie mit ihrer Reise nach „Schengen“ zufrieden waren? Wozu brauchte er Kontakte zu Mitarbeitern der bewaffneten Organe? Wieso begab er sich häufig in medizinische Behandlung in ein Militärkrankenhaus, wo doch das russische Gesundheitsweisen so schlecht ist? Und wozu suchte er auch noch Kontakt zu ehemaligen Mitarbeitern des FSB (wobei der Russe sagt: es gibt keine ehemaligen Mitarbeiter des FSB – einmal FSB, immer FSB)? Er, der undiplomatische Diplomat muss doch wissen, wie empfindlich und sicherheitssensibel die Russen sind. Und natürlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis er an den Richtigen, äh, ich meine natürlich an den Falschen gerät und ab diesem Moment beginnt dann die Arbeit für die russischen „Spezialisten“.

Nun hätte doch aber Russland diesen Fakt nutzen können, um diesen litauischen Diplomaten so richtig schön „auflaufen“ zu lassen, um dann einen diplomatischen Großbrand zu entfachen und Revanche zu nehmen für all die Rhetorik der litauischen Politiker in den letzten Monaten. Nein, man hat es noch nicht mal zu einem winzig kleinen Feuerchen kommen lassen und die jetzt, z.B. uns vorliegenden Informationen, sind wohl auch nur zufällig durchgesickert. Sind das also irgendwelche Signale Richtung Litauen? Will Russland mit solchen Verhaltensweisen Litauen zu verstehen geben, dass man nicht an einer Fortsetzung oder Zuspitzung der Lage zwischen beiden Ländern interessiert ist?

Nein, dem ist leider nicht so. Die Litauer haben die Signale der Russen nicht verstanden und zeigen sich sogar beleidigt, dass jetzt die Visaabteilung in Kaliningrad zeitweilig keinen Chef hat.

Der litauische Sicherheitsdienst wollte anscheinend Revanche nehmen für diese „Niederlage“ und ging gegen einen russischen Diplomaten in der litauischen Hauptstadt Vilnius vor. Dieser soll versucht haben litauische Staatsdiener anzuwerben. Außerdem wurde Russland für alle hör- und lesbar beschuldigt, litauische Diplomaten abzuhören, Spionageprogramme per email zu versenden – kurz all das zu machen, was die Amerikaner nun schon seit vielen Jahren mit ihren europäischen Partnern machen. Am 30. März veröffentlichte der litauische Sicherheitsdienst
einen Informationsbericht, in dem diese Details alle dargelegt worden.

Screenshort „Echo Moskau“: Litauischer Sicherheitsdienst beschuldigt einen russischen Diplomaten der Aufklärungstätigkeit

 

Interessant ist, dass der russische Diplomat Herr Malygin nicht von den Litauern verhaftet worden ist. Warum? Nun, er ist schon vor über einem Jahr aus Litauen abgereist. Somit ergibt sich ein interessanter Arbeitsstil der Litauer. Man wartet ab, bis der eigene Mann wieder zu Hause in Sicherheit ist und veröffentlicht anschließend Informationen zu russischen Spionen mit einem 12-monatigen Verfallsdatum.

Interessant ist nun weiterhin, ob der nächste litauische undiplomatische Diplomat auch Warnhinweise erhält. Ich habe da so meine Zweifel.

Der Berater des polnischen Präsidenten hatte schon völlig recht. Es wird, früher oder später, eine Normalisierung des Verhältnisses zu Russland eintreten. Einige Staaten haben schon jetzt begonnen, das Verhältnis zu Russland auf normale Füße zu stellen und Russland sendet am laufenden Band Signale aus – man muss nur hören, sehen und verstehen können (und wollen).
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Kommentare ( 2 )

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 7. April 2015 20:55 pm

    Hallo Uwe,
    ich bin so frei. Wieder ein schöner locker geschriebener Artikel, der neben mehreren Lachern meinerseits aber auch ein wenig zum Nachdenken anregt. Ich bin der Meinung, daß es in den drei baltischen Ländern ziemlich zwispältige Gefühle gegenüber Rußland gibt. Viele ältere werden sich an diese Zeit erinnern, als sie noch zur Sowjetunion gehörten. Werden Nachteile und Vorzüge in der Zwischenzeit kennen gelernt haben.
    Aber die, die derzeitig in Litauen an der Macht sind, kriegen ihre Leute nicht so hinter sich, wie sie es eigentlich wollen. Und ich kann mir vorstellen, daß es auch ziemliche Bedenken über die Medienkampagnen bezüglich der "Russischen Gefahr" gibt. Es gibt ja auch eine ganze Anzahl von Bürgern, die Verwandte und Bekannte im großen Nachbarland haben und sich bei denen informieren. So groß ist Litauen nun auch wieder nicht, daß auch russische Sender zu empfangen sind. Und die russische Sprache beherrschen ja noch viele.
    Ob die Litauer so begeistert von den neuen Freunden sind, die nun länger Station machen wollen in Litauen und den anderen beiden baltischen Ländern, ist wohl anzuzweifeln. Diese sind wie Holzböcke (Zecken), ganz schwer zu entfernen, wenn man den richtigen Zeitpunkt verpaßt hat.
    Um mal einen Spruch abzuwandeln, könnte man sagen, die Grybauskaites kommen und gehen. Aber das litauische Volk bleibt. Und darauf wird wohl auch die russische Führung Rücksicht nehmen.
    Ansonsten eine niedliche kleine Agentengeschichte.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 7. April 2015 21:04

      ... der Vater der jetzigen litauischen Präsidentin war übrigens sein ganzes Leben lang Mitarbeiter des sowjetischen Dienstes KGB ... nur mal so nebenbei bemerkt. Er ist im Jahre 2008 gestorben ... Und die litauische Präsidenten selber war ihr ganzes sowjetisches Leben (bis 1991 Lehrerin an der Parteihochschule bzw. dann sogar stellv. Direktorin der KP-Parteihochschule in Litauen. Dann war sie kurz in den USA und mit einem mal war die rote Farbe weg ... Wobei das nur nebenbei bemerkt - hat mit dem eigentlichen Thema ja nichts zu tun.

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 8. April 2015 20:25 pm

    "Dann war sie kurz in den USA und mit einem mal war die rote Farbe weg ... "
    Seit 1987 waren von den USA gesteuerte NGO´s in den Sowjetrepubliken tätig. Der große Öffner der Sowjetunion (Glasnost und Perestroika - Sie erinnern sich?), Gorbatschow, hatte es möglich gemacht.
    Und diese werden sich ganz bestimmt nicht mit der Verteilung von Donald Duck, Trapperhüten und Original-Jeans aufgehalten haben. Gorbatschow selbst liebte (?) ja Großbritanien und war vor seiner Intronisierung als Generalsekretär und Präsident der SU öfters in diesem Land.
    Zu dessen größten Widerpart, Jelzin, nur mal ganz kurz:
    "Im Jahr 1975 stieg er dort (Parteikomitee des Swerdlowsker Gebietes) zum Sekretär, im Jahr darauf zum Ersten Sekretär auf. 1978 zog er als Abgeordneter in den Unionssowjet des Obersten Sowjet ein. 1981 folgte seine Aufnahme in das Zentralkomitee (ZK) der KPdSU."
    "Noch im selben Jahr, 1989, traf Jelzin auf einer Vortragsreise durch die USA mit Präsident George Bush zusammen. Nach Jelzins Wahl von 1990 in den Volksdeputiertenkongress der Russischen Föderativen Sowjetrepublik wurde er zum Präsidenten des Kongresses und damit auch der Republik nominiert. Kurz darauf legte er seine KPdSU-Mitgliedschaft nieder, die sich mit seiner parteiübergreifenden Funktion kaum vertrug."
    Da werden wohl einige bei solchen Reisen als "überzeugte" Kommunisten eine Wunderdroge bekommen haben, die da gewiß hieß, zukünftige US-freundliche Entwicklung des Landes gegen entsprechende Hilfe bei der Erreichung von Staatsfunktionen, Macht und Geld.
    Ich nehme an, daß bei vielen weiteren solchen Personen, die da mit Hilfe der NGO´s ausgesucht und bei US-Aufenthalten in Dollars gewaschen ihre rote Farbe verloren haben.

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