Die Dankbarkeit der Ukrainer

Die Dankbarkeit der Ukrainer

MEINE MEINUNG, … mit deutschem akzent, kommentiert russische wirtschaftliche, politische, kulturelle und gesellschaftliche Ereignisse aus dem Blickwinkel eines Deutschen. Die Rubrik ist der Versuch, mit etwas BLOGGER-Hintergrundwissen dem deutschen Leser die manchmal nicht einfachen Verknüpfungen in der russischen Realität etwas verständlicher zu machen.

 

Die Dankbarkeit der Ukrainer

 

Als gelernter DDR-Bürger liebe ich die Planwirtschaft und plane somit auch Veröffentlichungen auf diesem Portal mindestens für drei Wochen im voraus – wenn es die Rubrik „Meine Meinung …“ betrifft. Aber so, wie es mit der Planwirtschaft in der DDR nicht geklappt hat, so klappt es auch nie mit den planmäßigen Publizierungen auf diesem Portal. Das Thema für diesen Montag musste ich kippen, weil es Aktuelles aus der Ukraine gibt, das auch für die Deutschen in Deutschland interessant ist. Ziehen Sie sich warm an, denn es könnte bald kalt werden.

Das ukrainische Parlament, die Rada (Rada = Radost = Freude?) hat nun auch ein Sanktionspaket gegen Russland beschlossen. Eine souveräne Angelegenheit eines souveränen Staates. Viele Staaten belegen sich gegenwärtig, gegenseitig mit Sanktionen und versuchen, sich maximal wirtschaftlich zu schaden – also versuchen aktiv den geistigen Urgedanken der Welthandelsorganisation (WHO) außer Kraft zu setzen.

 

Grafik: Kaliningrad-Domizil

 

Irgendwie erinnert mich diese internationale Organisation an eine andere, nun schon lange nicht mehr existente Vereinigung der Völker: den Völkerbund, der 1920 gegründet wurde, mit dem Ziel die Völker zu „bündeln“. Adolf Hitler, der Führer des Großen Deutschland, hatte andere Vorstellungen über die Bündelung der Völker und somit wurde der Völkerbund für Deutschland 1935 und für den Rest der Welt 1946 überflüssig. Ich glaube nicht, das der Welthandelsorganisation ein ähnliches Schicksal bevorsteht, denn im Gegensatz zum Völkerbund, wo die USA keinerlei Rolle spielten, da sie den Vertrag nicht ratifiziert hatten, werden die USA es nicht zulassen, dass eine Organisation zerfällt, über die sie den Welthandel kontrollieren und beherrschen.

Russland beginnt nun, wenn ich Putin und andere tonangebende russische Politiker richtig verstanden habe, über die Zweckmäßigkeit einer weiteren Teilnahme an internationalen Verträgen nachzudenken – es fielen Begriffe wie WHO und Internationaler Gerichtshof.

Die Ukraine schlägt einen anderen Weg ein – sie will sich mehr in internationale Organisationen einbringen. Mit der NATO ist das so eine Sache, aber die Europäische Union – die ist wichtig und realer als die NATO. Und warum ist die Europäische Union wichtig? Nun, sie ist reich, sie ist stark, sie hat Erfahrungen, sie hat Einfluss – es treffen noch mehr Superlative (völlig zu Recht) zu. Und all diese positiven Momente möchte die Ukraine für sich nutzen und die Europäische Union ist bereit, zu helfen. Nur ist die Europäische Union keine Suborganisation des Roten Kreuzes oder der Heilsarmee und muss in den Kategorien „Geben“ und „Nehmen“ denken. Was sie gibt, wissen wir – das Geld der europäischen Steuerzahler. Aber was erhält sie im Gegenzug? Das werden wir erst in einigen Jahren endgültig wissen.

Außer den schon genannten Dingen, erwartet die Ukraine von der Europäischen Union nur das Beste – also ihr (Ihr) Geld. Sie, die Ukraine, steht, wie immer wieder betont wird, vor dem Staatsbankrott. Ich habe daran zwar meine Zweifel und halte das für  pure Propaganda, denn wer sich einen Krieg gegen die eigene Bevölkerung im Osten des Landes für täglich mindestens vier Millionen USD leisten kann, der kann nicht bankrott sein.

Dass die Ukraine ihre Gasrechnungen nicht bezahlt, scheint mir auch mehr eine politische Entscheidung zu sein. Man will eben keine Verträge einhalten mit Russland, weil man Russland zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht liebt. Jetzt liebt man die Europäische Union und will Verträge, Assoziationsverträge und Kreditverträge und … Und wenn eines Tages, aus welchen Gründen auch immer, die Liebe zur Europäischen Union erkaltet? Werden dann auch offenstehende Rechnungen nicht bezahlt? Werden dann auch abgeschlossene Verträge nicht erfüllt? Die internationale Reputation der ukrainischen politischen und ökonomischen Moral ist schon seit Jahrzehnten im Rating ziemlich tief unten. Aber Liebe macht bekanntlich blind und manchmal auch taub und die Liebe zwischen der Ukraine und der Europäischen Union ist gegenwärtig sehr groß.

Russland wird immer beschuldigt, Gas und Öl als politische, wirtschaftliche Waffe einzusetzen, obwohl Russland (Sowjetunion) dies bisher nie getan hat. Dass aber die Ukraine ihr Transitsystem für Gas und Öl als Waffe einsetzt – das ist bisher noch nicht so richtig diskutiert worden – Liebe macht eben nicht nur blind und taub sondern auch sprachlos!

 

Grafik: Kaliningrad-Domizil

 

Wie oft hat es in den letzten Jahren schon Streit mit der Ukraine gegeben und wie oft hat die Ukraine Russland und die Europäische Union gegeneinander ausgespielt? Und wie oft ist aus dem Transit-Rohrleitungssystem der Ukraine Gas „verschwunden“ und es wurden immer wieder die Russen beschuldigt nicht zu liefern, obwohl die Gaszähler an der russischen Grenze eindeutig zeigten, wohin wieviel fliest.

Jetzt hat die Ukraine ein Sanktionspaket verabschiedet – gegen Russland. Gut, damit muss Russland nun leben. Zu diesem Sanktionspaket gehört auch, sämtlichen russischen Transit über und durch ukrainisches Territorium zu blockieren – also Flugzeuge dürfen nicht mehr fliegen und Gas darf nicht mehr strömen. Aber welches Gas darf nicht mehr im Transit strömen? Gas, welches für die Länder der Europäischen Union, also auch für Deutschland bestimmt ist. Denn Gas, welches für die Ukraine selbst bestimmt ist, liefert Russland schon seit Wochen nicht mehr – wegen unbezahlter Rechnungen. Und wenn die Ukraine den Transit für europäisches (deutsches) Gas sperrt, dann erhält es einerseits keine Transitgebühren von Russland, bestraft sich selber und bestraft seine neue Liebe Europa – sie (Sie), die Liebe, erhält (erhalten) kein Gas. Na toll!  

Das ist also die Dankbarkeit der Ukraine? Warum will die Ukraine, dass Europa friert? Wenn Europa friert, dann kann auch schnell die Liebe kalt werden – oder? Naja, hinter den Kulissen laufen sich die verantwortlichen Politiker der Europäischen Union schon warm, denn mit solch einer Sanktionsentscheidung hat mal wohl nicht gerechnet … eben „plötzlich und unerwartet …“ Irgendwie scheint mir die Ukraine gegenwärtig etwas unberechenbar – oder?

Nun ist seit Jahrzehnten bekannt, dass die Ukraine keinerlei moralische Bedenken hat, bei Bedarf Verträge zu brechen, Rechnungen nicht zu bezahlen. Und macht man sich in der Europäischen Union keine Gedanken darüber, dass es auch mal sie selber treffen kann? Die Ukraine ist doch in einem Zustand, der es erfordert, dass die Europäische Union, als assoziierter Partner, ständig hilft. Und wenn aus irgendwelchen Gründen die Ressourcen der EU nicht ausreichen? Oder die EU nicht das macht, was die Ukraine fordert? Dann freundet man sich wieder ganz schnell mit Russland an und sperrt trotzdem den Gashahn für die nun erkaltete Liebste EU? Warum lernt man eigentlich nie aus den Erfahrungen der Vergangenheit?

Was auf die Europäische Union, also auf die Steuerzahler an Belastungen zukommt, hatten wir am 10.03.2014 schon mal versucht zu erahnen. Erinnern Sie sich noch an unseren Artikel?

Nun stellen Sie sich einmal das Transit-Erpressungspotential der Ukraine vor. Je nach dem wie der Wind weht, je nach dem, wen man liebt oder nicht liebt, wird die ökonomische Waffe „Gastransit“ entweder gegen Russland oder gegen die Europäische Union eingesetzt. Und so zahlt entweder die eine Seite oder die andere Seite.

Die einzigen, denen anscheinend keine Kosten entstehen und die auch keine ukrainischen Blockaden zu befürchten haben sind Staaten, die vereint sich nicht in Europa befinden, aber von den Vorgängen in Europa profitieren. Na toll!

Was gibt es nun aber für Auswege gegen dieses Erpressungspotential der Ukraine? Nun, eigentlich ist alles sehr einfach.

Die Europäische Union, die ständig das Erpressungspotential Russlands fürchtet, sucht bereits nach Alternativen für Gas- und Öllieferungen aus anderen Quellen. Das ist sicherlich richtig und notwendig, denn Konkurrenz belebt das Geschäft und falls die Russen wirklich so böse sind, wie man im Westen glaubt, ist man zukünftig nicht mehr zu 40 Prozent von russischen Gas- und Öllieferungen abhängig, sondern vielleicht nur noch zu 10 oder 20 Prozent. Also, das Problem ist mit dem Finden neuer Lieferanten gelöst. Bleibt nur zu hoffen, dass die Lieferkonditionen auch akzeptabel sind und das Gas für die Deutschen nicht zu teuer wird.

Und wenn man nun noch alternative Gasleitungen hätte, die nicht über die Ukraine laufen, sondern über neutrales Gebiet, internationales Gebiet oder Länder der Europäischen Union, dann wäre das ein weiterer wichtiger Schritt für die Energiesicherheit Europas. Einerseits haben wir die Ostseepipeline, die man durchaus durch einen neuen Strang in der Leistungsfähigkeit verdoppeln könnte. Und es gibt das Projekt „South-Stream“, das eigentlich in wenigen Monaten schon liefern könnte, unabhängig von der Ukraine – ja, wenn … wenn denn die Amerikaner nicht alles dafür tun, damit es nicht funktioniert. Und auch die Europäische Union macht sich selber Schwierigkeiten, in dem man den Bau der Pipeline aktiv behindert. Kein vernünftiger Mensch versteht die Gedankengänge der Politiker, die mit Steuergeldern ihrer Bürger ein hervorragendes Leben fristen.

Und, es gibt sogar eine Lösung für die Transit-Sanktionen der Ukraine gegen Russland, ohne das die Europäische Union darunter leidet und dieser Vorschlag kommt von der Ukraine selbst – findet allerdings nicht ungeteilten Beifall in Russland und auch nicht in der Europäischen Union.  

Bisher liefert Russland das Gas von der Quelle bis zum Endabnehmer. Der Preis dafür berechnet sich unter Berücksichtigung aller auf diesem Weg entstehenden Kosten, also auch der Transitkosten durch die Ukraine. Nun könnte doch die Europäische Union das Gas direkt an der russisch-ukrainischen Grenze kaufen und nicht erst an der EU-Grenze – oder? Dadurch sinkt der Gaspreis erheblich, die Europäische Union schließt mit dem neuen Partner Ukraine Transitverträge ab, positioniert Kontrolleure entlang der Strecke und kann sogar der Ukraine selber Gas verkaufen. Wie denn allerdings die Europäische Union zu ihrem Geld für die Gaslieferungen an die Ukraine kommt – das ist schon wieder eine andere Frage. Es könnte sein, dass die Ukraine auch hier keinerlei moralische Bedenken hat, offene Rechnungen nicht zu bezahlen. Wohl auch deshalb hat der Herr Oettinger, Energiekommissar in der Eurokommission auch schon gemeint, dass man sehr lange zum Überlegen in dieser Sache brauchen wird – wohl ein paar Monate. Und eigentlich ist es doch viel einfacher, Russland den schwarzen Peter zuzuschieben, als selber zugeben zu müssen, dass man mit der Ukraine keine Geschäfte machen kann und sich geirrt hat, als man sich entschlossen hatte, sich mit der Ukraine in ein Bett zu legen.

Ach, ehe ich es vergesse. Der Russe, der slawische Russe, der Slawe ist böse, hinterlistig, unberechenbar – so wird doch häufig gedacht im Westen – oder? Vergessen wir nicht, dass die Ukraine, die slawische Ukraine die Wiege Russlands, der Kiewer Rus ist.

 

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Kommentare ( 1 )

  • Jenenser

    Veröffentlicht: 18. August 2014 12:31 pm

    Historisch gesehen gilt Kiew als Mutter aller russischen Städte. Und Russen, Weißrussen und eben die Ukrainer gehören zur Volksgruppe der Ostslawen. Dass man einem Volk Eigenschaften zuordnet, gehört jedoch zu mindestens in Deutschland offiziell seit 1945 der Vergangenheit an...

    Die EU und die NATO haben bei ihrem Expansionsdrang Richtung Ukraine geschichtliche Fakten ignoriert oder aber einfach in Kauf genommen. Die Folgen sind bekannt.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 18. August 2014 12:38

      ... Zitat: "Dass man einem Volk Eigenschaften zuordnet, gehört jedoch zu mindestens in Deutschland offiziell seit 1945 der Vergangenheit an... "

      ... ja, offiziell womöglich. Aber in vielen Köpfen geht etwas ganz anderes vor - erlebe ich häufig, wenn ich mich mit "Ausländern" in Kaliningrad unterhalte ...

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