Die Germanisierung Kaliningrads gibt es wirklich – meint Die Welt.

Die Germanisierung Kaliningrads gibt es wirklich – meint Die Welt.
Begleittext zur Videoinformation
Der hier veröffentlichte Text ist der gesprochene Begleittext zum Video und entspricht der Qualität eines Manuskripts. Am Ende des Textes finden Sie den eigentlichen Beitrag in Form einer Videoinformation. Nur der Manuskripttext enthält nicht alle angebotenen Informationen, denn im Videobeitrag gibt es zusätzliche eingeblendete Text-, Grafik- und Fotoinformationen.

 

 

In der Politik gibt es keine absolute Wahrheit. Es gibt nur subjektive Ansichten, die sich mal mehr, mal weniger durchsetzen. So gibt es zwei Artikel in der deutschen Zeitung „Die Welt“, die innerhalb kurzer Zeit erschienen sind und die sich mit Kaliningrad beschäftigen.

Der erste Artikel schilderte die Reiseeindrücke eines Journalisten dieser Zeitung, der sich, getarnt als Tourist, in einer deutschen Touristengruppe bewegte und nach Rückkehr sowohl seine deutschen Mitreisenden diskreditierte und sich über diese lustig machte, aber auch an Kaliningrad kein gutes Haar ließ. Eine so vernichtende Kritik über die Stadt, die seit 1995 meine neue Heimat geworden ist, habe ich noch nie gelesen – zumindest nicht in ernst zu nehmenden Medien.

Der zweite Artikel ist wesentlich länger und wesentlich sachlicher. Er titelt „Kaliningrad spielt die deutsche Karte“. Der Autor schildert in diesem Artikel, wie die Stadt sich selber verdeutscht, also germanisiert, wie man in der Kaliningrader Gesellschaft formuliert.

Interessant ist, dass ein nicht unwesentlicher Teil der Kaliningrader Gesellschaft eine Germanisierung des Kaliningrader Gebietes bestreitet. Und auch Deutsche, im persönlichen, wie auch virtuellen Gespräch, bestreiten, dass es eine Germanisierung des Kaliningrader Gebietes gibt. Nun aber schreibt die deutsche Zeitung „Die Welt“, dass es doch eine Germanisierung gibt und für mich steht die Frage: Was ist denn nun wahr?

Zitat Die Welt: Im russischen Kaliningrad verblüfft die Begeisterung für das Deutsche. Vielerorts entstehen Neubauten, die an das versunkene Königsberg erinnern sollen. Angesichts der Geschichte ist das keine Selbstverständlichkeit.

Aber noch viel wichtiger ist, eine Antwort zu finden, warum es eine derartige Germanisierung gibt und vor allem für wen man diese Selbst-Germanisierung durchführt.

Zitat Die Welt: Und hier darf man über diese Begeisterung für Teutonisches schon etwas verblüfft sein.

Wenn man mal auf die Statistik des Kaliningrader … äh, oder ist es doch „Königsberger“ Tourismus schaut, so verwundert es schon, dass für die winzig kleine Touristengruppe „Germania“ ein derartiger Aufwand betrieben wird. So richtig belastbare Ziffern gibt es nicht, aber es sind irgendwie so 1,7 Prozent deutsche Touristen, mit fallender Tendenz. Aber vielleicht ändert sich das ja jetzt mit dem Elektronischen Visum.

Aber vielleicht findet ja die Germanisierung gar nicht im Interesse der Touristen statt?

Zitat Die Welt: In der Provinz ist Ähnliches zu beobachten. In Sowjetsk, früher Tilsit, hat man eine alte deutsche Straßenbahn in der Innenstadt direkt neben das Lenin-Denkmal gestellt, im Park Jakobsruh wurde 2014 eine Replik der 1945 zerstörten Königin-Luise-Statue enthüllt, und seit 2011 ist Tilsits altes Stadtwappen offiziell das neue von Sowjetsk. In Tschernjachowsk steht im Zentrum eine große Info-Säule, auf der der deutsche Stadtname Insterburg prangt. In Bagrationowsk hat der Bürgermeister den früheren Namen Preußisch Eylau sogar in großen Lettern auf das Ortsschild schreiben lassen …“

Wohlbemerkt, nicht ich spreche hier von der Germanisierung des ExOstpreußens, sondern eine bekannte deutsche Zeitung. Und, nicht Deutsche germanisieren das Gebiet, sondern heutige Bewohner. Niemand zwingt sie, dies zu tun, sie tun es freiwillig. Freiwillig entwickeln sie Deutschtum, an Stelle von russischem Patriotismus.

Zitat Die Welt: Diese neue Lust aufs preußisch-deutsche Gestern ist keine Selbstverständlichkeit, handelt es sich beim Kaliningrader Gebiet doch um den Nordteil des alten Ostpreußens, der 1945 von Stalin der UdSSR zugeschlagen und danach systematisch entdeutscht worden war …

Es gibt Beiträge in den russischen Medien, die davon sprechen, dass innerhalb der Kaliningrader Gesellschaft eine Neuformatierung, eine Kopfwäsche vor sich geht. Ziel ist es, die heutigen Bewohner Kaliningrads vom russischen Mutterland zu entfremden. Teile der russischen Gesellschaft bestreiten dies: Niemand habe die Absicht … na, und so weiter.

Zitat Die Welt: Um so bemerkenswerter, dass die jüngeren Russen, die hier mittlerweile in dritter und vierter Generation leben, eine lokale Identität entwickeln: im Kern russisch, aber stolz auf das deutsche Erbe.

Und bei dem großen Artikel geht dann ein Satz, ein sehr wichtiger Satz, fast unter. Hier zitiert die deutsche Zeitung Iwan Tschetschot, einen Professor für freie Künste und Wissenschaft der St. Petersburger Staatlichen Universität:

Zitat Die Welt: „(er, der Professor), sieht die Exklave als „zwischenterritorialen Raum“, weder Russland noch Europa, sondern eigenständig.

Sehr interessant, was dieser Professor sieht. Er sieht nicht mehr und nicht weniger als die Herauslösung Kaliningrads aus dem Bestand der Russischen Föderation, eine Neutralisierung des Territoriums, eines Territoriums, welches gegenwärtig in der europäischen Militärpolitik den Militärs viele Sorgen bereitet. Und derartige Separatismusbestrebungen gab es bereits Anfang der 90er Jahre. Russland hatte spät, aber nicht zu spät, die Notbremse im Jahre 1994 gezogen.

Zitat Die Welt: Bei der letzten Volkszählung 2010 gab es denn auch erstmals Russen, die als Nationalität nicht „russisch“ angegeben haben, sondern „Kaliningrad“, einige sogar „Neu-Ostpreußen“.

Um dann keine Zweifel aufkommen zu lassen, dass Deutsch dem Kaliningrader Gebiet doch besser zu Gesicht steht, charakterisiert man die jetzigen Veränderungen als pseudo-deutsch, als Disneyland und überhaupt ist noch nicht alles Russische in ExOstpreußen beseitigt:

Zitat Die Welt: Das neue Regionalbewusstsein bedeutet jedoch nicht, dass sich die Region gerade komplett ein deutsches Gesicht verpassen würde. In der Fläche hat das heutige Nordostpreußen weiter ein russisches Gepräge aus zersiedelten Landschaften, brachliegenden Feldern, jeder Menge Ruinen und Orten von sowjetischer Tristesse, die mit unzähligen Lenin-Denkmälern dekoriert sind – in keiner Gegend Europas stehen so viele Exemplare des Revolutionärs auf Marmorsockeln herum wie hier.

Mit anderen Worten: Es ist noch einiges zu tun, um die Germanisierung des Gebietes abzuschließen.

 

Reklame

Kommentare ( 1 )

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 10. August 2019 15:17 pm

    Man hat sich eine lange Reise vorgenommen, diesen recht gefährlichen "russischen Stachel" im Fleische des Nato-Körpers erst einmal zu neutralisieren und dann zu entfernen. Dieser Stachel soll einmal in den Nato-Körper eingebettet werden. Damit er aber bis dahin nicht gefährlich werden kann bei den ganzen aggressiven Bestrebungen der Nato Rußland in seiner politischen, wirtschaftlichen und auch militärischen Entwicklung zu bremsen, hat man nun einen Aufhänger gefunden, eine Legende, unter der man noch mehr US-Truppen nach Polen verlegen will.
    Da man bei solchen medial aufgemachten Schein-Disputen besser mal hinter die Kulissen blickt und sich der Fragen der Alten bedient, dann stellt man doch fest, daß doch viel andere viel gewichtigere Gründe für einen Umzug von US-Truppen aus der BRD weg, nicht etwa nach Hause, nein nach Polen viele Kilometer in Richtung RF verlegt werden. Es ist ein sehr wichtiges Logistig-Problem unter Verletzung bestehender Verträge.

Um zu kommentieren, müssen Sie sich registrieren oder einloggen.

Autorisierung