Die Kuh muss vom Eis

Die Kuh muss vom Eis

Mit den zuletzt vom Westen beschlossenen Sanktionen ist der Punkt überschritten, ab dem es in einem Konflikt kein Zurück mehr gibt. Dieser Punkt ist immer dann erreicht, wenn der Schaden des anderen größere Bedeutung erlangt als mein eigener Nutzen. Der Sieg wird so wichtig, dass jedes Opfer dagegen verblasst.

Die jetzt von westlicher Refinanzierung abgeschnittenen Großbanken Sberbank, VTB u.a. stehen für über die Hälfte aller russischen Bankaktiva. Da mögen die ersten Moskauer Reaktionen noch so unbeeindruckt klingen — für die russische Finanzwelt ist das eine herbe Herausforderung. Nun ist es im kalten Krieg wie im heißen: Ein gut geführter Schlag zwingt den Gegner noch nicht auf die Knie. Erst recht nicht Russland, dessen Elite in diesem Konflikt am meisten zu verlieren hat.

So rechnet auch der Westen damit, dass Russland den Separatisten weiter den Rücken stärkt — jetzt erst recht. Entsprechend läuft die Aufrüstung der Ukraine auf Hochtouren. Die ersten US-Militärberater sind seit etwa zehn Tagen im Land (zuvor waren hunderte "private" Sicherheitsberater engagiert). 19 Mio US Dollar Militärhilfe plus noch einmal 8 Mio für den ukrainischen Grenzschutz haben die USA in Aussicht gestellt. Es sind vielleicht nur Tage, höchstens Wochen, bis die ersten NATO-Staaten Munition und Waffen liefern.

Auch international schließt sich der Ring. Sowohl Norwegen als auch Japan haben sich bei den Sanktionen auf die Seite des Westens gestellt. Alles entwickelt sich wie bereits unmittelbar nach dem 17. Juli an dieser Stelle vorhergesagt: Der Abschuss von MH17 war das Gottesgeschenk für den Westen, die carte blanche für eine Politik nach dem Motto: "volles Rohr".

Allein wegen Donezk oder Lugansk würde Washington nicht sein weltweites diplomatisches Geschütz mobilisieren. Es geht um viel mehr: Putin und das Putin-System — müssen weg. Die Lage gleicht jener von 2003, als es ebenfalls nur einziges Ziel gab: Sadam Hussein an den Galgen. Jede Lüge war dem Westen gut genug, wenn er auf diesem Wege einen Schritt weiterkam. Der Unterschied zu 2014 aus deutscher Sicht: Unsere Regierung hat sich 2003 auf das dreckige Spiel nicht eingelassen.

Doch im Unterschied zum Irak wird der Westen eine Invasion russischen Territoriums nicht riskieren. Es ist Russland, das zur Initiative getrieben werden muss; der Westen schafft nur die erforderlichen Bedingungen. Bleiben die Russen passiv, war alles vergebliche Liebesmüh. Also wird der russische Bär durch eine Kombination aus wirtschaftlichem Druck (Sanktionen) und militärischem Druck (Unterstützung der ukrainischen Armee) in die Ecke getrieben. Das zweite Gottesgeschenk (immer noch nicht vom Tisch) wäre der Einmarsch russischer Truppen im Nachbarland. Kommt es nicht dazu, dann wartet man halt auf die Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage in Russland. Zu einem passenden Zeitpunkt wird es in Moskau zu Demonstrationen kommen. Einige tausend Teilnehmer in der russischen Hauptstadt mobilisiert die CIA über Nacht. Zur Zeit wäre das herausgeworfenes Geld, noch schwimmt Putin auf der Welle des Patriotismus. Aber in Langley, Virgina, hat man Geduld.

Russland kennt die Strategie des Gegners. Die Spielräume sind nach den Entscheidungen der letzten Woche enger geworden. Umso wichtiger ist es, die nächsten Etappen heil zu überstehen. Die Auswirkungen der Kreditsperre werden einige Monate lang mit Bordmitteln zu beherrschen sein. In dieser Zeit muss Russland Alternativen entwickeln, und da bleiben ihm als Partner derweil nur China und die übrigen BRICS. Inwieweit die sich mehr oder minder offen gegen Amerika stellen, hängt davon ab, wie sie Russlands Aussichten einschätzen, heil aus dem Konflikt hervorzugehen.

Gleichzeitig muss Russland das Patt in der Ostukraine am Leben erhalten — oder gemeinsam mit Kiew und den Europäern eine Lösung finden, die dem Konflikt die Sprengkraft nimmt. Ausgeschlossen ist das nicht — die Europäer sind als erste daran interessiert. Dann könnten sie behaupten: die Sanktionen haben gewirkt, und Moskau könnte behaupten: unser Widerstand hat gewirkt. Eine Gesamtlösung wird es jedoch nicht geben ohne eine Regelung in Sachen Krim. Wie immer man das Baby verpackt, vielleicht als Leasing mit anschließendem Eigentumsübergang — die Kröte muss Poroschenko schlucken. Und die Neutralität der Ukraine muss sichergestellt sein, also kein NATO-Beitritt — das ist eher eine Kröte für die Falken in Washington. Moskau wird die Separatisten fallen lassen — müssen. Ein guter Kompromiss macht alle Beteiligten gleich unglücklich.

Irgendwie jedoch muss die Kuh vom Eis, und das vor allem im Interesse der Europäer von Lissabon bis zum Ural. Europa ist kein Truppenübungsplatz für Armeen fremder Kontinente, ob es nun Afrikaner, Asiaten oder Amerikaner sind.

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