Die Monopolstellung knacken

Die Monopolstellung knacken

Eine Neuauflage des Kalten Krieges sei unmöglich, betonte der russische Außenminister Sergej Lawrow Anfang Juni; der Westen habe nicht mehr die Kraft und die Bedeutung, der ganzen Welt seine Politikziele vorzugeben.

Für das internationale Finanzwesen trifft das so ohne weiteres nicht zu. Unter dem Eindruck der jüngsten Sanktionen gegen einzelne Bankinstitute hat die russische Öffentlichkeit realisiert, wie sehr ihr Finanzsektor von der aus den Vereinigten Staaten heraus beherrschten globalen Infrastruktur abhängig ist. Die führenden Kreditkartenunternehmen, die Abwicklung des grenzüberschreitenden Zahlungsverkehrs und das System der globalen Kreditbewertung — alle wesentlichen Bausteine des internationalen Finanzwesens befinden sich in US-amerikanischer Hand.

In der Tat ist der russische Finanz- und Bankensektor der geeignetste Angriffspunkt für westliche Sanktionen. Das gilt nicht zuletzt, weil dort die USA sehr restriktive Maßnahmen auch ohne europäische Mitwirkung treffen können. Zwei in der Sache ganz unterschiedlich gelagerte Fälle der jüngeren Zeit, der Iran und die Schweiz, haben das eindrücklich unter Beweis gestellt.

In Moskau mehren sich die selbstkritischen Stimmen: Viel zu lange habe man sich auf den guten Willen der westlichen Partner verlassen. Inzwischen sind konkrete Zeichen für ein Umsteuern erkennbar. Kurz nach dem 400-Milliarden-Dollar-Gasvertrag mit den Chinesen verkündete der russische Finanzminister Anton Siluanow in Peking die Schaffung einer vom Westen unabhängigen neuen Ratingagentur. Moskau und Peking zielen damit auf die marktbeherrschende Stellung der „Großen Drei“: Standard & Poor’s (S&P), Moody’s und Fitch Group.

Deren Macht ist gewaltig. Als S&P Ende April die russische Kreditwürdigkeit auf BBB- senkte (eine Stufe über Ramschniveau), stieg die Rendite für zehnjährige Rubel-Anleihen auf über 9,5 Prozent. Gleichzeitig ging der Aktienmarkt in die Knie. Zwar ist die Anleihen-Rendite inzwischen wieder um 1,2 Prozent gesunken und auch der Dollar, der zum Zeitpunkt des Anschlusses der Krim 36,6 Rubel kostete, notiert wieder unter 35 Rubel.

Doch die Monopolstellung der amerikanischen Bewertungsagenturen ist nicht nur den Russen ein Dorn im Auge. Während 35 Prozent des weltweiten Vermögens inzwischen außerhalb des klassischen „Westens“ (USA, Kanada, Europa, Australien) beheimatet ist, zeichnen die drei großen amerikanischen Agenturen immer noch für fast 95 Prozent aller Kreditbewertungen von Unternehmen, Staaten und Gebietskörperschaften verantwortlich. Verständlich, daß nicht nur die Russen darin einen Hebel für politische Einflußnahmen sehen.

Ist in den Medien zumeist von einem chinesisch-russischen Gemeinschaftsunternehmen die Rede, so lassen Siluanows Äußerungen auch den Schluß zu, daß es sich bei der neuen Agentur um ein breiter angelegtes Projekt handelt. Möglicherweise sind sogar amerikanische Partner beteiligt. Die chinesische Ratingagentur Dagong hatte zuvor schon bekanntgegeben, daß sie analoge Gespräche mit der US-Agentur Egan-Jones und dem russischen Partner Rus-Rating führe. In welcher Beziehung das von Siluanow propagierte Projekt zu diesem Vorhaben steht, ist offen. Egan-Jones war die einzige Agentur, die nach der Finanzkrise in Reaktion auf die amerikanische Geldpolitik die Bonität der US-Staatsschulden mehrfach hintereinander herabstufte. Ein Ende 2011 eröffnetes Strafverfahren der amerikanischen Wertpapierbehörde gegen Egan-Jones wurde verschiedentlich auch als politischer Racheakt vor diesem Hintergrund gewertet.

Niemand bezweifelt, daß die Schaffung einer völlig neuen, vom Westen unabhängigen Ratingagentur Zeit und langen Atem in Anspruch nimmt. Daß die Russen jedoch in der Lage sind, langfristige internationale Projekte zu stemmen, haben sie zuletzt mit dem TV-Sender RT (früher Russia Today) bewiesen, der sich seit seiner Gründung 2005 in die erste Liga der internationalen Nachrichtenkanäle vorgeschoben hat.

Das Streben nach Unabhängigkeit vom Westen befeuert auch die Diskussion um ein eigenes russisches Kreditkartensystem. Neidisch blickt man nach Asien, wo Japan (JCB) und China (UnionPay) heute schon autonome, von den Marktriesen Visa und MasterCard gänzlich unabhängige Kreditkarten betreiben. Den einzig ernstzunehmenden Versuch in dieser Richtung, das Kartenprojekt Pro100 der russischen Sberbank, stellten die Initiatoren 2010 mangels Nachfrage ein. Zudem handelte es sich bei dem verwendeten Chip um eine MasterCard-Lizenz. Inzwischen behaupten russische Stellen, einen eigenen Chip entwickelt zu haben, und forcieren eine Neuauflage des Projekts.

Dennoch bleibt die Frage nach der kritischen Masse. Bislang hat Rußland eine ausgesprochene Bargeld-Kultur. Die meisten reichen Russen besitzen Auslandskonten, für die sie keine russische Kreditkarte benötigen. Fraglich ist auch, ob die Zahl reisender Russen ein derartiges Projekt rechtfertigen kann.

Über die chinesische UnionPay-Karte hingegen werden fast acht Prozent aller grenzüberschreitenden Kreditkarten-Zahlungen abgewickelt — ein hoher Wert an dritter Stelle hinter Visa und MasterCard, der für die Konsumfreudigkeit der chinesischen Touristen spricht. Eine russische Kreditkarte könnte wahrscheinlich froh sein, wenn sie die 0,1 Prozent der Diners-Club-Karte erreichte. Nicht ausgeschlossen ist daher, daß die chinesische UnionPay-Karte in den kommenden Jahren einfach nach Rußland expandiert.

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