Die Sanktionierten – eine neue soziale Gesellschaftsgruppe in Russland

Die Sanktionierten – eine neue soziale Gesellschaftsgruppe in Russland

MEINE MEINUNG, … mit deutschem akzent, kommentiert Kaliningrader wirtschaftliche, politische, kulturelle und gesellschaftliche Ereignisse aus dem Blickwinkel eines Deutschen. Die Rubrik ist der Versuch, mit etwas BLOGGER-Hintergrundwissen dem deutschen Leser die manchmal nicht einfachen Verknüpfungen in der russischen Realität etwas verständlicher zu machen.

Die Sanktionierten – eine neue soziale Gesellschaftsgruppe in Russland

Es war ein heißes Wochenende – sowohl politisch, wie auch meteorologisch. Während ein Ende der heißen meteorologischen Phase in Russland und Kaliningrad schon abzusehen ist, wissen wir das von der politischen Phase noch nicht.

Am vergangenen Samstag erhielt ich eine Einladung von meinem Kaliningrader Geschäftspartner. Er feierte das einjährige Jubiläum seiner Firma „Kontakt“ und hatte einen kleinen Kreis seiner Bekannten eingeladen. Ich gehörte mit zu diesem kleinen Kreis und da ich die Möglichkeiten meines Geschäftspartners kenne, erwartete ich ein paar regionale Oligarchen, aber doch zumindest den Gouverneur und Bürgermeister. Aber es kamen weder Oligarchen noch irgendjemand aus der politischen Elite. Es kamen nur ganz einfache junge Leute.

Foto (Kaliningrad-Domizil): Russisches Leben mit Sanktionen in Kaliningrad im Sommer 2014

 

Und die klärten mich sofort auf (vermutlich sah man mein enttäuschtes Gesicht), dass es nicht mehr modern ist Oligarch zu sein – das war einmal. Heute ist es in Russland wichtig vorweisen zu können, dass man mit Sanktionen belegt ist – das rückt einen sofort in die oberste Liga der russischen Gesellschaft. Und hierbei gibt es natürlich qualitative Unterschiede. Wenn die USA die Sanktionen verhängt haben, dann steht man ganz oben (auf Deutsch: Ritterkreuz mit Eichenlaub und Schwertern), wenn nur die Europäische Union Sanktionen verhängt hat, dann spielt man in der Liga darunter mit (auf Deutsch: Eisernes Kreuz). Da jetzt auch die einzelnen Mitgliedsländer der Europäischen Union individuell Sanktionen verhängen können, wird es also zukünftig die Kreisklasse der Sanktionierten geben (auf Deutsch: Verwundetenabzeichen). Alle diejenigen, die keine Sanktionen vorweisen können befinden sich in der sozial niedrigsten Stufe der russischen Gesellschaft (die bekommen höchsten die Nahkampfspange, wenn sie am Biertisch mit einem westlichen Diplomaten erfolgreich diskutieren). Und somit ist klar, dass viele der 142 Millionen Russen nun versuchen, irgendwie auffällig zu werden, um wenigstens mit irgendeiner Sanktion belegt zu werden.

Ich habe Glück, denn ich befinde mich in der oberen Liga, da mich die USA mit Sanktionen belegt haben. Selbst der russische FSB-Boss spielt eine Klasse niedriger als ich, denn der ist nur von der Europäischen Union in den Adelsstand der Sanktionierten erhoben worden.

Ich bin zwar Deutscher, aber ich bin Nutznießer der Sanktionen. Denn „Visa“ und „MasterCard“ haben ihre Serviceleistungen für einige russische Banken eingestellt, so u.a. für die Bank „Rossia“ und ich habe eine MasterCard der „Sobinbank“, einer Tochterbank von „Rossia“. Und seit April kann ich nicht mehr mit Karte bezahlen und die „Sobinbank“ schließt nun sogar ihre Filiale in Kaliningrad und ich musste mir in der vergangenen Woche, sowohl als Privatperson wie auch für meine Firma, eine neue Bank suchen. Nicht ganz einfach unter den heutigen Bedingungen, denn einerseits findet eine Säuberung des russischen Bankensektors statt und jeden Monat verlieren mindestens fünf Banken ihre Lizenz und andererseits weiß man nicht, welche der guten Banken morgen mit weiteren Sanktionen belegt werden. Nun, ich habe eine Lösung gefunden - nicht die Beste, nicht die Billigste aber die Sicherste. Und nun bin ich stolz, in der obersten Liga der russischen Gesellschaft mitspielen zu dürfen.

Das wurde auch von der jungen Gesellschaft, die sich gestern im „Haus am Ring“ versammelt hatte, mit Einschränkungen anerkannt. Besser wäre es gewesen, wenn ich durch die Europäische Union mit Reiseverbot und Kontosperre belegt worden wäre, was mich als Inhaber eines deutschen Passes natürlich getroffen hätte.

Wir ließen es uns schmecken. Tilsiter Käse aus „Sowjetsk“, frisches Königsbrot aus dem „Ersten Kaliningrader Brotkombinat“, Hühnerschenkel aus der Kaliningrader Hühnerfabrik, Tomaten und Gurken aus Eigenanbau. Wein haben wir aus Chile getrunken und Sekt aus Spanien. Und wir sind alle satt geworden, es hat geschmeckt und wir waren zufrieden – zufrieden deshalb, weil eine Blockade des Kaliningrader Gebietes durch die vereinten Streitkräfte der Baltischen Staaten, wie durch den litauischen Außenminister mal angedacht war, uns nicht Hungers sterben lassen würde. Wir können uns selbst versorgen. Freiwillig haben wir am Samstag auf amerikanischen Whisky verzichtet – der Verzicht ist uns gut bekommen.

Und wir haben natürlich über die „Weltlage“ gesprochen. Wir haben uns an die Finanzkrise in Russland 1991/1992 erinnert – die Bevölkerung hatte über Nacht alles verloren – nein nicht alles, den Nationalstolz hat man sich bewahrt und hat danach angefangen, alles wieder neu aufzubauen (ähnlich wie 1945 – Sie erinnern sich? Da hatte GrossDeutschland versucht, den Russen die Luft abzudrehen). Und das war dann die Zeit, wo die Oligarchen geboren worden und wo es möglich war, vom sowjetischen Tellerwäscher zum  russischen Millionär zu werden. Auf dem Höhepunkt dieses Aufschwungs kam der nächste Schlag – 1998 die hausgemachte russische Finanzkrise. Über Nacht verloren die Russen wieder (fast) alles, was sie in den letzten sechs, sieben Jahren aufgebaut hatten. Den Nationalstolz haben sie sich bewahrt.

Dann kam das Jahr 2000 mit der plötzlichen und unerwarteten Ankündigung des russischen Präsidenten … äh, wie hieß der doch gleich … na, Sie wissen schon, das war der, der die Amerikaner ins Land geholt hatte, um vom Sozialismus zum Kapitalismus zu kommen und der das Polizeiorchester in Berlin dirigiert hatte, als die letzten russischen Soldaten das Land verlassen hatten, das sie vom Faschismus befreit hatten … na, egal, mir fällt der Name nicht ein – also wir haben da diesen Putin bekommen – den kannten nur wenige … und wieder fing alles von vorne an. Bis zum Jahre 2008 nahm das Land einen Aufschwung, über den man sich nur freuen konnte. Ich, als Ausländer freute mich auch, denn dieser Russe Putin hat auch einen Anteil daran, dass ich heute rundum zufrieden bin.

Dann kam das Jahr 2008. Wir wissen, die Amerikaner sind gute Organisatoren. Sie können Kriege und bewaffnete regionale Konflikte gut organisieren, sie organisieren Morde und Folter und nun bewiesen die Amerikaner, dass sie auch in der Lage sind eine weltweise Finanzkrise gut und allumfassend zu gebären. Russland blieb davon nicht verschont, obwohl die Krise nicht ganz so schlimm war wie vor zehn Jahren – man war wohl schon ein wenig klüger. Natürlich haben die Russen wieder Geld verloren, aber verhungerte Russen habe ich nirgendwo in Kaliningrad rumliegen sehen.

Nach einer Stagnationsphase, nach einer Phase politischer Irritationen, Protestaktionen gegen diesen Putin, Protestaktionen für die kulturellen Freiheits- und Demokratie-Görlies „Bussi Rot“, gegen „Agenten“ und „Schwule“, welche die russische Gesellschaft nicht wirklich in den Grundfesten erschüttert hat, hatten wir eine kleine, kurze Phase von wenigen Tagen, wo Russland zeigen konnte, wozu das Land in der Lage ist. Diese Phase dauerte nur wenige Tage – es waren die friedlichen Olympischen Spiele – die besten Spiele aller Zeiten, wie man international einschätzte. Trotz unprofessioneller Versuche war es nicht gelungen, die Spiele zu boykottieren oder schlecht zu reden.

Und dann begann die heiße Phase – Ukraine, Krim, Ukraine, Russland …

Neidvoll muss ich zugeben, das Organisationstalent der Amerikaner habe ich wohl unterschätzt. Ich wusste, dass die Amerikaner gut sind, aber so gut … nein, das hatte ich nicht erwartet. Und nun müssen wir zusehen, welche guten Organisationseigenschaften wir in Russland haben, um unseren amerikanischen Partnern Konkurrenz zu machen. Natürlich sind auch die Europäer unsere Partner (also Putin sagt das immer so) – aber eine Partnerschaft schließt ja, wie wir sehen, Konkurrenz nicht aus.

Wir befinden uns also in einer Krise – also in einem Zustand wie (1945 lassen wir mal beiseite) 1991/92, wie 1998, wie 2008. Und wie waren all diese Krisen für uns ausgegangen? Mit einer Stärkung der russischen Gesellschaft, mit einem Wachsen des materiellen (finanziellen) Wohlstandes in Russland. Und vor allem: Wir sind danach immer klüger gewesen.

Je mehr Sanktionen gegen Russland verhängt werden, umso besser – doch, doch, das ist meine ehrliche Meinung. Denn dadurch wird Russland sehr schnell bewusst, welche Schwachstellen es hat und es wird diese Schwachstellen beseitigen. Und alleine die Beseitigung dieser Schwachstellen setzt nationale Potentiale frei und hebt das Selbstbewusstsein der Russen: „YES WE CANNES“ – immerhin „Von den Amerikanern lernen, heißt siegen lernen“!

Grafik: Kaliningrad-Domizil - Ja, wir können auch!

Und irgendein kommunistischer Klassiker hatte mal gesagt: „… da wo nicht wir, da sind Andere.“ Und in Abwandlung dieses Spruches: „Da wo westliche „Partner“ abhanden kommen, da finden sich südliche, östliche oder nördliche Partner. Und wir sind ja alle Unternehmer und wissen, wenn wir einmal einen Kunden verloren haben, weil dieser mit unseren Leistungen oder unserem Verhalten nicht zufrieden war, dann ist es entweder nicht mehr möglich diesen Kunden zurückzuholen oder es wird sehr teuer …

Und so beendeten wir unseren Samstag im „Haus am Ring“ satt, zufrieden und mit Optimismus und einem russischen Wodka – na dann: Prost und auf die Gesundheit!

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