Eine verdammt negative Woche

Eine verdammt negative Woche

MEINE MEINUNG, … mit deutschem akzent, kommentiert russische wirtschaftliche, politische, kulturelle und gesellschaftliche Ereignisse aus dem Blickwinkel eines Deutschen. Die Rubrik ist der Versuch, mit etwas BLOGGER-Hintergrundwissen dem deutschen Leser die, manchmal nicht einfachen, Verknüpfungen in der russischen Realität etwas verständlicher zu machen.

 

Eine verdammt negative Woche

Die letzte Woche war einfach nur deprimierend. Keinerlei gute Nachrichten, nichts was irgendwie Anlass gegeben hätte, optimistisch in die Zukunft zu schauen.  Dies betraf nicht nur Kaliningrad oder Russland – nein, auch Europa, die NATO und die USA.

Schlecht war, dass Russland nun immer noch nicht die Ukraine angegriffen hat (nur humanitäre Hilfe hat man den Ukrainern zwangsweise aufgedrängelt) und man in den schwarzen Kästen des malaysischen Flugzeuges immer noch keine Beweise oder doch zumindest Anhaltspunkte gefunden hat, dass Putin den Abschuss befohlen hat – deprimierend… Nun muss man zusehen, dass das Thema möglichst schnell aus der Öffentlichkeit verschwindet, denn wer das Flugzeug abgeschossen hat – das wissen jetzt alle, die es wissen müssen und die es nicht wissen müssen, die sollen es auch nicht erfahren – nämlich SIE!

Traurig war auch die Nachricht, dass der Vertreter des russischen Präsidenten in Kaliningrad, Stanislaw Sergejewitsch Woskresenski nach zwei Jahren Tätigkeit unser Gebiet wieder verlassen hat. Traurig deshalb, weil er eine Art Hoffnungsträger für die Kaliningrader „weiße Opposition“ war. Aber irgendwie sind irgendwelche Pläne nicht in Erfüllung gegangen – tja, traurig. Traurig auch für den Kaliningrader Gouverneur Nikolai Zukanov, denn er verliert hier einen Konkurrenten und nachdem er sich mit dem Kaliningrader Bürgermeister A. Jaroschuk, nach eigenen Worten, ausgesöhnt hat, wird es irgendwie langweilig, so ganz ohne Postenkonkurrenz – oder?

 

Foto: (links) Gouverneur, (rechts) Bürgermeister im sportlichen Konkurrenzkampf Gebiet gegen Stadt

 

Aber wenn man über den Weggang von Stanislaw Sergejewitsch nachdenkt, so kommen doch Fragen auf, wozu man überhaupt Präsidentenvertreter in den Regionen braucht? Böse Zungen behaupten, das sind nur Kostenverursacher und unnötige Strukturblasen – mal ohne Wertung der persönlichen Qualifizierung des jeweiligen Vertreters.

 

Traurig auch, dass die durch Russland verhängten Importsanktionen langsam zu greifen beginnen. In Europa haben sie sofort gewirkt – sichtbar am Jammern der Westeuropäer über Einkommensverluste, in Kaliningrad etwas später, denn noch hatten wir ein paar Vorräte an Austern und französischem Käse. Zuerst waren die polnischen Äpfel alle. Zum Glück hatte der Kaliningrader Gouverneur, vorausschauend im vergangenen Jahr, auf seinem umstrittenen Grundstück in Iwaschko, eine Apfelplantage angelegt und so konnte er, äh … seine Mutter mit 100 Kilo Äpfeln aus eigener Ernte, für Sozialeinrichtungen in Kaliningrad, den zeitweiligen Engpass ein wenig ausgleichen. Aber es ist schon deprimierend, ohne Äpfel zu leben. Zum Glück hat Kaliningrad ausreichend Hühnereier und kann sich damit selbst versorgen. Ich dachte schon daran, auf Fischeier – im Volksmund auch Kaviar genannt, umzusteigen.

 

Foto: (links) Mein Kühlschrank zwei Wochen nach den Sanktionen (rechts: Fisch-Eier-Creme) und ganz rechts ein Apfel aus Plaste – zur Erinnerung wie es mal war vor der Krise …

 

Die nächste deprimierende Nachricht war, dass Putin nun doch nicht nach Kaliningrad kommt. Der Gouverneur N.N. Zukanov hatte dies vor wenigen Tagen ganz laut verkündet und sich gefreut und nun teilte er plötzlich und unerwartet mit, dass der Präsident keine Zeit hat, und eigentlich auch nie Zeit für einen Besuch hatte – er war nie geplant. Er sollte am 23./24. August kommen, um an der rekonstruierten Schlacht um Gumbinnen (Erster Weltkrieg) teilzunehmen. Nun wissen wir, dass er an anderen realen politischen Schlachten teilnimmt …

Aber auch andere hatten sehr gehofft, dass W.W. Putin nach Kaliningrad kommt und hatten rechtzeitig wieder das Thema der merkwürdigen Doktorarbeit des Gouverneurs aufgegriffen. Vielleicht sollten die Veröffentlichungen noch eine Hilfestellung für föderale Entscheidungsträger zum Thema „Kaliningrader Gouverneur“ sein. Aber nach dem Weggang von Woskresenski gibt es nun niemanden mehr, der auch nur annähernd als Gouverneur für Kaliningrad in Frage käme – Nikolai Nikolajewitsch ist eben der beste Gouverneur den Kaliningrad hat. Traurig also, dass auch diese Moralfrage (Dissernet) weiterhin ohne Folgen bleibt.

 

Und dann gab es noch eine traurige Nachricht. Die FIFA hat dringend empfohlen, die Anzahl der Ausrichterstädte für die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 zu kürzen. Mutko, der föderale Sportminister Russlands sagte zuerst, dass die Auslistung von zwei Städten einzig und allein von den Städten selber abhängt. Dann sagte der Gouverneur, dass Kaliningrad nicht ausgelistet wird. Dann sagte Mutko, dass alles so bleibt wie es ist. Dann sagte die FIFA das sie doch nur zehn Städte und elf Stadien haben möchte und dann sagten „gut unterrichtete Quellen“, dass Kaliningrad rausfliegt. Und der Gouverneur sagte sofort, dass sich in Russland kein Mensch finden wird, der es wagt, Kaliningrad von der Liste der Ausrichterstädte zu streichen. Er empfahl, keine „Proletarierpresse“ zu diesem Thema zu lesen – warum eigentlich? Er ist doch selber von Beruf Schweißer – also auch Proletarier! Und er sagte, dass er mit dem Präsidenten Putin, mit dem russischen Patriarchen Alexej und sogar mit dem Sportminister Mutko gesprochen hat – und alle sagen, das Kaliningrad bleibt. Aber zwei andere „Quellen“ aus der föderalen Regierung wissen es besser – Kaliningrad wird ausgelistet! Wem soll man nun glauben? Also den Äußerungen des Gouverneurs zu trauen fällt mir schwer, denn im Dezember vergangenen Jahres hatte der Gouverneur auch mit „Gott und der Welt“ gesprochen und danach verkündet: „Ihre Renten … äh, ihre Spareinlagen bei der InvestBank sind sicher.“ Und am nächsten Tag verlor die älteste Kaliningrader Privatbank ihre Lizenz und jede Menge Kaliningrader ihr Geld. Alles sehr, sehr traurig.

 

Foto: Dankbare Kaliningrader InvestBank-Kunden im Meinungsaustausch mit dem Gouverneur

 

Die nächste traurige Nachricht erreichte Kaliningrad am Donnerstag. Der föderale Verbraucherschutz meinte, auch in Kaliningrad sollte man McDonalds kontrollieren und wenn schon die Moskauer Filialen, die ja Vorbild für das ganze Land sein sollten, nicht sauber sind und sogar im Westen negativ über das US-Prestige-Unternehmen berichtet wird, dann wird Kaliningrad wohl auch bald ohne McDonalds auskommen müssen – ach, ist das traurig. Traurig insbesondere deshalb, weil ich es bisher noch nicht geschafft hatte, einen dieser amerikanischen Kulturtempel zu besuchen. Ich stehe mehr auf Königsberger Klopse bei „Zötler“.

Foto: McDonalds im EuropaCenter Kaliningrad

 

Aber warum sollen nur uns in Kaliningrad traurige Nachrichten erreichen? Auch andere, föderale Instanzen, hatten einige schwere Brocken in der vergangenen Woche zu verdauen.

So hat die russische Zentralbank den Abgeordneten der Liberaldemokratischen Partei auf eine Eingabe geantwortet, die sie vor ein paar Wochen gemacht hatten. Erinnern Sie sich?

Es ging um den Pullermatz von Apollo auf dem 100-Rubel-Schein. Der Pullermatz, so ein Abgeordneter der LDPR und Vater eines minderjährigen Sohnes, versaue die russischen Kinder und man forderte, die Scheine zu kennzeichnen mit „+18“. Nun hatte die russische Zentralbank gleich zwei traurige Nachrichten. Die erste traurige Nachricht war für Apollo selbst. Der erfuhr, dass sein Schnidelputz so klein ist, dass er kaum zu sehen ist. Für Apollo natürlich blamabel. Und die zweite war für die Liberalen, die zur Kenntnis nehmen mussten, dass die Zentralbank den Geldschein nicht ändern möchte und man führte einen ellenlange Liste von Gründen an, weshalb man es nicht machen will. Nun kann man dem LDPR-Abgeordneten nur noch empfehlen, seinem Sohn entweder das Taschengeld von 100 Rubel auf 50 Rubel zu kürzen oder auf 500 Rubel aufzustocken. Traurig für den Sohn, wenn sich der Vater für die erste Variante entscheidet – obwohl, es gibt eine Kompromisslösung: Zwei 50-Rubel-Scheine …

Und da wir gerade bei den Liberalen in Russland sind. Sie kennen die Partei? Es ist die, deren Vorsitzender Schirinowski ist und die immer für genügend Spaß und Stimmung in der Duma und in Russland sorgt – nicht zu vergleichen mit den deutschen Liberalen, denn da gibt es nichts zu lachen. Aber jetzt hat man eine traurige Tatsache festgestellt. Das Symbol der Partei … schauen Sie mal:

 

Grafik: (links) Parteisymbol der LDPR, (rechts) ukrainische Staatsflagge

 

Fällt Ihnen was auf? Nun, es sind die Nationalfarben der Ukraine. Und leider ist es völlig unstrittig, dass die Ukraine die längeren Rechte an diesen Farben hat. Und deshalb, so traurig wie es ist, hat die LDPR angeboten, wenn es aus nationalen Sicherheitsgründen notwendig ist, das Parteisymbol zu wechseln. Ich hätte da auch schon einen Gedanken. Vor wenigen Tagen hatte ein LDPR-Abgeordneter vorgeschlagen, die alte Zarenfahne wieder als Staatsflagge in Russland einzuführen. Man könnte also diese Fahne vielleicht erst einmal für die eigene Partei nehmen und wenn diese dann im Jahre 2016 bei den Duma-Wahlen als Sieger hervorgeht, dann kann man mit Fug und Recht sagen, dass die LDPR eine staatstragende Partei ist.

Grafik: Designvorschlag für Parteisymbol LDPR

 

Nur zum Schluss der Woche, da gab es noch eine positive Nachricht, die mich selber betraf. Vor ein paar Wochen hatte ich mich an das russische Verteidigungsministerium gewandt. Nein, keine Sorge, ich wollte mich nicht vom russischen Wehrdienst befreien lassen. Ich fand deren Informationsportal toll und informativ und warum soll man das den Leuten denn nicht auch mal sagen …

 

Und ich hatte einen Verbesserungsvorschlag für die Arbeit des Portals. Man hat mir geantwortet und meinen Vorschlag als positiv empfunden und wird ihn einprogrammieren. Und das ist nicht traurig, das ist doch toll – oder?

 

 

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