Emotionen des Kaliningrader Bürgermeisters

Emotionen des Kaliningrader Bürgermeisters

Vor einigen Tagen äußerte sich der Kaliningrader Bürgermeister Alexander Georgiewitsch Jaroschuk zu seinen Erfahrungen als Politiker – nach dem er im geschäftlichen Leben alles erreicht hatte. Sein Fazit war nicht optimistisch. Er würde nicht wieder in die Politik gehen, wenn er nochmal die Wahl hätte. Aber, so seine Worte, er wird seine zweite Amtszeit mit Elan ausfüllen. Immerhin ist er gewählter Bürgermeister und somit seinen Wählern (aber auch Investoren die auf ihn und seine Fähigkeiten bauen) verpflichtet.

Nun äußerte er sich während eines Treffens mit Jungunternehmern, anlässlich der Eröffnung des „Zentrums für die Entwicklung des Jungunternehmertums“ zu seiner Vergangenheit als Unternehmer. Er vertrat aus eigener persönlicher Erfahrung die Meinung, dass es im Unternehmertum weniger wichtig ist Geld für ein Start-Up zu haben, als vielmehr der menschliche Faktor eine viel größere Rolle spielt.  

Jaroschuk erzählte sein persönliches Beispiel. Bis zur Krise im Jahre 1998 (Default in Russland unter Präsident Jelzin) hatte er 17 Filialen (Baumärkte) und er schleuderte mit voller Wucht in die roten Zahlen. Er verlor in Kaliningrad alles was er besaß. Er selbst bezeichnete sich bis dahin als sehr reich. Er verlor Wohnung, Häuser, Schiffe – ihm verblieb einfach nichts, außer einer Mannschaft von Leuten die ihm vertrauten. Jetzt besitzt er wieder ein Netz von Baumärkten in ganz Russland – allerdings liegt die Leitung dieser Kette in den Händen von Vertrauenspersonen.

Jaroschuk erinnert sich, dass es in den 90er Jahren viel einfacher war eine Geschäftstätigkeit zu beginnen. Egal was man machen wollte – man konnte es machen und für begangene Fehler musste man nicht so teuer bezahlen wie das heute ist. „Heute ist es so, dass sich in Kaliningrad eine größere Konkurrenz gebildet hat als anderswo in Russland. Wir sind die einzige Region, die sich eng an westlichen Standards orientiert. In Polen und Deutschland hat das Einzel- und mittelständische Unternehmertum einen Anteil von 30-50 Prozent. In Russland 8-12 Prozent. Aber unser Anteil in Kaliningrad beläuft sich auf 40 Prozent“, so Jaroschuk.

Und Jaroschuk empfahl den Jungunternehmern  sich notwendiges Wissen anzueignen - im Selbststudium. Und jeder sollte sich Ziele setzen – eben um zu wissen, wo er hin will, was er erreichen will.

„Schade“, dachte ich, als ich diese Worte gelesen hatte, „dass wir uns nicht schon damals kennengelernt hatten.“ Ich wäre gerne ein Mitglied dieser Mannschaft gewesen, denn das Jaroschuk ein erfolgreicher Geschäftsmann war/ist, ist unbestritten und, das ist auch meine Erfahrung, Erfolge erreicht man eben nur mit einer Mannschaft die hinter dem „Chef“ steht und mit ihm durch „dick und dünn“ geht. Aber ich will nicht „verpassten Gelegenheiten“ hinterher trauern, denn die gab es bei mir nicht. Auch ich hatte einen russischen Chef ab 1995 und auch dieser ist erfolgreich – bis zum heutigen Tag und ich war auch Mitglied einer erfolgreichen Mannschaft die mit dem „Chef“ durch „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ gegangen ist. Nur, im Gegensatz zu Alexander Jaroschuk, hat er keine politischen Ambitionen und somit auch keinen Grund irgendetwas zu bedauern.

An diese schönen zehn Jahre in meinem Leben habe ich mich erinnert, als ich einen weiteren Beitrag las. Der betraf die Instandsetzung eines der „Kaliningrader Leckerli´s“ – dem „Brot-See“ oder zu deutschen Zeiten auch „Zwillingssee“ genannt. Er befindet sich im Stadtteil Amalienau, eingegrenzt durch die Kastanienallee, Engelsstraße und Prospekt Mira. Am Ufer dieses Sees bauten wir im Jahre 1997 unser Office.

Foto: Office der Firma „Weitnauer-Philipp“

Wenig später baute Polen sein Generalkonsulat, noch ein paar Jahre später eröffneten die Letten hier eine Vertretung und auch der russische Staat selber siedelte einige öffentliche Einrichtungen an. Auch Kroatien wollte dort sein Konsulat eröffnen – aber außer einer Grundsteinlegung passierte nichts.

Der See befand sich viele Jahre in einem traurigen Zustand und unsere Firma wollte die Kultivierung bezahlen und organisieren.

Foto: Zwillingsteich zu deutscher Zeit und „Brotteich zu Jetzt-Zeit

Die von der Stadt gestellten Bedingungen waren aber einfach nicht akzeptabel.

Nun hat aber Alexander Georgiewitsch sich der Sache angenommen und es begann ein riesiges buddeln.  In der vergangenen Woche kontrollierte er den Fortgang der Kultivierungsarbeiten und war zufrieden. Trotzdem die Bauarbeiten, bedingt durch den langen Winter, verspätet begannen, versicherte ihm die bauausführende Firma, dass der Endtermin für die Fertigstellung dieser neuen Kaliningrader Perle eingehalten wird – sprich Ende 2013 werden wir hier einen Ort vorfinden, der sich nicht hinter der „Perle Oberteich“ verstecken muss. Nach Fertigstellung wird dort eine touristische Infrastruktur entwickelt. Des Weiteren wird entlang des Uferverlaufes eine Vielzahl von kleinen architektonischen Skulpturen aufgestellt. Dazu gehören auch deutsche Skulpturen die den Krieg und die Nachkriegszeit überstanden haben. Sie werden an den Stellen aufgestellt, wo sie auch zu deutschen Zeiten standen.

Die Fotos zeigen, dass sich Jaroschuk bei der Besichtigung der Baustelle „sauwohl“ gefühlt haben muss. Und das sind doch Momente, wo man mit seiner politischen Tätigkeit zufrieden sein kann und den anderen Stress vergessen könnte – zumindest zeitweise.

Und kaum das er in sein Office am Platz des Sieges zurückgekehrt war, legten ihm seine Mitarbeiter Dokumente vor, die ihn dann wieder in die graue politische Realität zurückholten. Und er liest, dass der Kaliningrader Stadthaushalt nur ungenügend ausgelastet wird.

Während jeder Privatmensch froh ist, wenn er weniger Geld ausgibt als geplant und dieses gesparte Geld dann auf die hohe Kante legt, so ist das im Staatshaushalt etwas anders. Nichtverausgabte Gelder zeugen eben immer davon, dass irgendwelche Aufgaben nicht erfüllt wurden und dann werden Verantwortliche gesucht. Also lieber das Geld ausgeben, damit keine Fragen auftauchen. Nun kann man Geld sinnvoll ausgeben oder auch sinnlos. Und über sinnlose Geldausgaben können die Rechnungshöfe aller Länder dieser Welt ein trauriges Liedchen singen und liefern damit dem „Bund der Steuerzahler“ immer genügend „Futter“. Nun, in Deutschland gibt es so einen Bund, in Kaliningrad habe ich davon noch nichts gehört. Hier erfüllen die Massenmedien einige Aufgaben.

Und so musste Alexander Georgiewitsch zur Kenntnis nehmen, dass sein Stadthaushalt im ersten Halbjahr nur zu 37,4 Prozent ausgelastet wurde.  Dies entspricht Ausgaben von 4,9 Mrd. Rubel (122,5 Mio. Euro). Einen guten Erfüllungsstand zeigten die Haushaltsposten „Körperertüchtigung und Sport (56 %) und „Bildung“ (52 %). Schwache Erfüllung zeigen „Umweltschutz“ (3 %) und Kommunale Wohnungswirtschaft (18 %). Ursachen für die Nichterfüllung des Haushaltes liegen im Unvermögen „Einiger“ rechtzeitig zu koordinieren – obwohl alle Voraussetzungen für eine planmäßige Erfüllung des Haushaltes vorlagen.  So trafen die für das erste Halbjahr bestätigten Finanzmitteln aus dem Gebietshaushalt erst im Juni auf den Konten der Stadtverwaltung ein. Somit ist die Kaliningrader Gebietsregierung nicht rechtzeitig ihren finanziellen Verpflichtungen nachgekommen und die Stadt konnte Aufgaben nicht erfüllen.

Ist dies nun einfach nur Unvermögen von Beamten oder ist dies politisch gewollt …? Ich erinnere mich an die resignierenden Worte von Alexander Jaroschuk aus der vergangenen Woche, als er über seine politische Laufbahn laut nachdachte: „Ich bin mit Illusionen in die Politik gekommen. Man sagt das eine, tut etwas anderes und denkt dann in die dritte Richtung … Müsste ich mich nochmal für mein Leben entscheiden, ich würde nicht wieder in die Politik gehen.“

Nun ist er aber in der Politik, erst vor wenigen Monaten haben die Kaliningrader Bürger durch eine Wahl ihm das Vertrauen ausgesprochen – ein Vorzug den nicht alle Verantwortlichen in Kaliningrad für sich in Anspruch nehmen können – und er hat sein Office in der symbolisch bedeutsamen Adresse: „Platz des Sieges Nr. 1“.  Natürlich ist die Bezeichnung zurückzuführen auf das Datum 09. Mai 1945, aber warum wollen Sie, Alexander Georgiewitsch diesen „Platz des Sieges“ nicht zu Ihrem ganz persönlichen Platz des Sieges machen? Sie haben erklärt, dass Sie noch 4,5 Jahre als Bürgermeister arbeiten wollen – dazu sind Sie ihren Wählern verpflichtet. Lassen wir es doch erst einmal bei dieser Aussage und sehen dann weiter. Es wäre doch schade, wenn die Stadt, das Gebiet einen aktiven, erfolgreichen Menschen in die Rente schicken würde – und Sie sind doch nicht für ein Rentnerdasein bestimmt … oder?

Das ist MEINE MEINUNG … mit deutschem akzent.

Uwe Niemeier

 

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