Es wird kalt in Russland – wie immer plötzlich und unerwartet

Es wird kalt in Russland – wie immer plötzlich und unerwartet

Es wird kalt in Russland – wie immer plötzlich und unerwartet

Es wird kalt in Russland und somit auch in Kaliningrad. Und wie jedes Jahr kommt die Kälte „plötzlich und unerwartet.“ Deshalb wird es Zeit, sich mal warme Gedanken um die kalte Jahreszeit zu machen.

Seit 25 Jahren lebe ich in Russland, habe mich in vielen Fragen schon adaptiert (oder russifiziert …) und bringe vielen Besonderheiten in Russland loyales Verständnis entgegen. Es gibt aber Dinge, die verstehe ich einfach nicht.

Im Sommer gibt es wochenlang in den zentral versorgten Wohnungen/Einrichtungen kein warmes Wasser. Begründet wird dies damit, dass man in den Sommermonaten prophylaktische Instandsetzungen an den Heizungsanlagen durchführen muss, damit es dann im Winter, in der Heizperiode, warm ist. Im Winter ist es aber nicht warm. Und die Gründe dafür sind vielfältig – wie man den jährlichen Erklärungen der Verantwortlichen entnehmen kann.

So wie man, beginnend im September, wortreich der Bevölkerung mitteilt, wie gut man sich auf die Winterperiode vorbereitet, so wortreich ist man dann auch im Winter bei Erklärungen, warum es denn nun auch in diesem Jahr wieder nicht klappt. Der deutsche Leser kann sich die Situation so wie vor Wahlen in Deutschland vorstellen – es wird viel versprochen und dann wenig gehalten.

Nach der Heizperiode ist vor der Heizperiode und wenn man rechtzeitig die technische Revision durchführt, so hat man eben im Winter keine Probleme. In Deutschland ist das vermutlich auch so, aber da wird während der Revision kein Warmwasser abgestellt – der Verbraucher spürt gar nicht, dass irgendwelche Wartungsarbeiten durchgeführt werden. Wie machen das die Deutschen bloß? Und warum ist es den Russen noch nicht gelungen, den Deutschen dieses Geheimnis zu entlocken?

Aber neben den rein technischen Problemen gibt es auch die Normen. Normen müssen sein – das verstehen alle. Aber Normen sollten das Leben der Menschen erleichtern.

In der Europäischen Union gibt es Normen zum Krümmungsgrad von Bananen und zur Anzahl von Gurken in einer Verkaufskiste. In Russland gibt es Normen, wann die Heizungsperiode zu beginnen hat. Das ist ein konkretes Datum oder aber eine Temperaturstatistik.  Diese Normen machen keinen Unterschied zwischen Männlein und Weiblein – bekanntlich frieren Frauen ja viel mehr als Männer. Vermutlich haben diese Normen Männer vor vielen sowjetischen Jahren erarbeitet. Es wird also geheizt, wenn es die Norm zulässt und nicht wenn das Volk meint, dass es kalt ist.

Nun wurde es in diesem Jahr schon vor zwei Wochen ziemlich kalt. Ich wunderte mich, warum meine russischen Bekannten so viel Ausdauer bei ihren Besuchen bei mir hatten – so ein interessanter Gesprächspartner bin ich nun auch nicht. Aber meine Wohnung war warm und das war der Grund für ihre Besuchsfreudigkeit. Zum Glück wollten sie nicht auch noch bei mir baden.

Tagelang wurde in den Massenmedien davon gesprochen, dass man nun bald die Heizung einschaltet. Man muss nur noch die Einhaltung der Norm abwarten und dann … am Mittwoch wird es so weit sein. Tja, Pech gehabt – die Norm war um 0,1 Grad nicht erfüllt …  

Während dessen froren die Leute … was soll´s.

Während einer operativen Besprechung im gut geheizten Regierungsgebäude in der Donskowo 1 wurde am Freitag voriger Woche festgestellt, dass in einem Großteil der Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser und anderen sozialen Einrichtungen im Kaliningrader Gebiet die Beheizung noch nicht begonnen hat.  In einem Kreis fehlte Kohle (man hatte vergessen Rechnungen aus dem Vorjahr zu bezahlen), in einem anderen Kreis fehlten Dokumente (man erarbeitete diese dann schnell an einem Tag) … und dann trat der Lieblings-Kreisleiter des Gouverneurs, Luterewitsch mit dem Minister für Kommunal- und Wohnungswirtschaft in einen erwärmenden Meinungsaustausch: wer, wann, was versprochen und nicht gehalten hat.

Während dessen froren die Leute … was soll´s.

Dann meinte der Minister, dass man für Donnerstag 13 Grad erwartet, für Freitag 14 Grad und Samstag dann lauschig warme 16 Grad. Keine Ahnung woher die brüllend heißen Temperaturen kommen sollten, denn unser Medienpartner „newkaliningrad.ru“ erhielt von den Wetterfröschen die Zusage für +2 Grad nachts am Donnerstag/Freitag und bis zu +9 Grad tagsüber. Und der Pressedienst des Kaliningrader Bürgermeisters informierte, dass von Dienstag bis Donnerstag in Kaliningrad die Temperaturen nie höher waren als +8 Grad und deshalb ab Freitag geheizt wird.

Dann begannen die Diskussionen über die Unrentabilität der Arbeit des wärmeerzeugenden Betriebes in Kaliningrad. Es wurden gegenseitige Beschuldigungen ausgetauscht, wer, wem, warum oder warum auch nicht irgendwas verboten hat, warum die Tarife so niedrig sind, warum die Bevölkerung meint das die Tarife zu teuer sind … wie viele Millionen der Wärmeerzeuger jedes Jahr verliert …

Während dessen froren die Leute … was soll´s.

Aber dann – endlich wurde die Heizung eingeschaltet, um dann am 08. Oktober auch gleich wieder in 40 Straßen Kaliningrads abgeschaltet zu werden. Und das Warmwasser wurde auch gleich noch abgeschaltet. Diesmal gab es wieder technische Probleme, die doch eigentlich im Sommer beseitigt wurden waren.

Am 09. Oktober nahm sich dann der Stadtrat dieses Problems an und fasste den Beschluss, dem Kaliningrader Wärmeerzeuger eine Kreditgarantie bis 2016 im Umfang von 40 Mio. Euro zu gewähren. Gleichzeitig sollen Untersuchungen eingeleitet werden.

Diese Kreditgarantie ist nicht die erste, die der Wärmeerzeuger erhält. Es scheint also, dass Finanzgarantien wohl nicht die Lösung des Problems sind. Und ich glaube auch nicht, dass die Tarife allein schuld sind an der Verlustbilanz. Wer durch Kaliningrad läuft wird viel marode Heizungsinfrastruktur sehen. Und die daraus abzuleitenden „technischen Verluste“ scheinen mir eine der wesentlichen Gründe für die Verlustbilanz des Wärmeerzeugers zu sein. Um diese Gründe zukünftig auszuschließen muss man in die Infrastruktur investieren. Aber Geld ist wohl nicht vorhanden.

Für den Bau eines superteuren Fußball-Stadions ist aber Geld vorhanden. Natürlich brauchen wir für die Weltmeisterschaft ein neues Stadion – aber vielleicht geht es auch etwas billiger und wir folgen den Empfehlungen des Vertreters des russischen Präsidenten in Kaliningrad, Stanislaw Woskresenski. Er empfahl beim Stadion zu sparen und die Mittel in die marode Infrastruktur Kaliningrads zu investieren – ein logischer Gedanke, wie ich finde.

Und wenn der Kaliningrader Gouverneur N. Zukanow diesem Gedanken folgen könnte, hätte er gleich „drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen“: Zum einen bekäme Kaliningrad ein preiswertes, modernes Stadion für drei Fußballspiele, zum zweiten hätten wir im wärmetechnischen Bereich alle Probleme gelöst und die Bevölkerung würde ein, seit Jahrzehnten existierendes Problem weniger haben und drittens würde ich mir um die nächste Amtszeit des Gouverneurs erheblich weniger Sorgen machen.

Bis dahin frieren wir noch ein wenig weiter … was soll´s.

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Kommentare ( 1 )

  • Jenenser

    Veröffentlicht: 14. Oktober 2013 12:58 pm

    Was eine "коммунальная авария" (kommunale Havarie) ist, muss man keinem Russen erläutern. Sie ereignet sich regelmäßig und garantiert jeden Winter in jeder Stadt. Meterhohe Wasserfontänen schießen irgendwo direkt aus der Straße oder dem Fußweg in den Himmel. Sichtbar zerplatzte Fernwärmerohre kündigen an, dass es im angrenzenden Wohngebiet die nächsten Tage etwas kälter sein wird. Am Anfang sah ich die Ursache vielleicht im rauen, kalten Klima, das irgendwie nicht berechenbar ist. In Jena zerplatzen auch Leitungen nach einigen Tagen ungewohnten Dauerfrost bei minus 20 Grad im vergangenen Jahr. In Russland gehören diese Störungen leider auch in gemäßigteren Klimazonen zum Alltag im Winter.

    Dass bei uns das warme Wasser im Sommer für einige Tage, nicht Wochen, abgestellt wurde, kenne ich noch aus DDR-Zeiten. Die erfolgte Sommerinspektion ermöglichte jedoch garantierte Wärme und eben das warme Wasser in den Wintermonaten in den mit Fernwärme beheizten Wohngebieten oder Unternehmen. Viel wird seit dem investiert, um diesen Stand der Wärme zu erhalten. Rohre werden neu verlegt oder besser isoliert. Und manchmal wird deswegen weiterhin die Versorgung kurzzeitig unterbrochen. Die Eigentümer der Wohnungen sorgen, dass die Wärme effektiv genutzt wird. Zum Beispiel durch Fassadendämmung und neuen Fenstern. Und der Wohnungsinhaber oder Mieter wird mit Hilfe des Preises gezwungen, selbständig über den Grad seiner gewünschten Wärme zu wachen. Heizung an, bei geöffnetem Fenster, wird er sich deshalb überlegen.

    In der vergangenen Woche fragte ich Dich in einem Kommentar über die Abläufe der erfolgten Privatisierung der ehemals staatlichen Wohnungen in Russland Anfang der 1990er Jahre. In diesem Zusammenhang erweitere ich meine Fragen, zum Thema Wasser und Zentralheizung in den Wohnungen. Wie wird aktuell einzeln abgerechnet? Die Leistungen der kommunalen Infrastruktur sind im Vergleich zu Deutschland in Russland um einiges günstiger. Regelmäßig berichtest Du darüber und betonst dadurch einen Standortvorteil. Obwohl Russland reich an Bodenschätzen ist, könnte man glauben, man kann sich eine gewisse Verschwendung erlauben, das würde heißen, es ist immer warm und es kostet nicht viel. Dein heutiger Artikel zeigt jedoch ein völlig anderes Bild. Periode hin oder her. Es bleibt zu hoffen, dass Verantwortliche Kaliningrads im Interesse ihrer frierenden Mitbewohner endlich eine Lösung dieser dringenden Probleme finden. Dass der Fußball übrigens für die Wärme herhalten wird, glaube ich jedoch nicht. Das verbietet auch ein gewisser Stolz, den die meisten Russen nach wie vor haben. Das Gespür hat garantiert auch der Kaliningrader Gouverneur. In dem Fall wird nicht rationell gedacht. Man freut sich auf die Welt im nächsten Jahr in Sotschi und 2018 zur Fußball WM. Koste es, was es wolle...

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 14. Oktober 2013 13:41

      ... besten Dank Jan für Deinen Kommentar.
      Richtig, ich mache Werbung für Kaliningrad und für Investitionen in Kaliningrad. Einer der Vorteile ist eben auch das billige Tarifniveau - allerdings billig für Deutsche bzw. für ausländische Investoren. Für die Einheimischen, mit einem Durchschnittsgehalt von 29.000 Rubel sind die Tarife "normal". Wenn denn bei uns in Kaliningrad alles Bestens wäre, dann wären auch die Bedingungen "Bestens" - für die Kaliningrader und für mögliche Investoren weniger "Bestens".
      Ich habe den Artikel über die Privatisierung von Wohnungen nicht vergessen. Die Liste der noch zu schreibenden Artikel ist lang und eigentlich müßte mein Arbeitstag ... na, lassen wir das. Ich habe Deine zusätzliche Anregung aufgenommen und die Antwort wird mit in den Artikel einfließen. Im übrigen soll in den Artikel auch das unterschiedliche Wohnniveau (Plattenbau und Individuahaus) mit berücksichtigt werden - wenn möglich mit Fotogalerie ... also noch ein wenig Geduld ...

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