Fast wie mit den slawischen Brüdern

Fast wie mit den slawischen Brüdern

Dieser Tage in Moskau: In der Pause zwischen Vertragsverhandlungen mit russischen Geschäftsleuten kommt das Gespräch unweigerlich auf die Politik. Es wird offen geredet; einige kenne ich seit über zehn Jahren. Da weiß man, wer Unsinn im Kopf hat und wer nicht.

B**, ein wohlhabender Geschäftsmann aus der russischen Provinz, erzählt von seinem Bruder, der in einem mehrheitlich russischsprachigen Dorf in der Westukraine lebt. Arbeit gibt es seit den Unruhen im vergangenen Winter praktisch nicht mehr, Produktion und Handel sind eingebrochen. Die Schwägerin und die Kinder hat B** für den Sommer nach Russland eingeladen; er hilft dem Bruder auch finanziell. Noch kann man Geld über die Grenze schicken. Der Bruder will in der Ukraine bleiben, das Haus bewachen. Bandenkriminalität sei inzwischen trauriger Alltag, habe er bei ihrem letzten Telefonat erzählt. Aus dem Dorf trauten sich die russischen Ukrainer nur noch im Konvoi mit mehreren Fahrzeugen. Es sei längst üblich, von irgendwelchen Gruppen unterwegs angehalten zu werden. Wer Russisch spreche, dem singe man die ersten Worte der ukrainischen Nationalhymne vor. Und wehe, der Betreffende habe den weiteren Text nicht parat. Nur zusammengeschlagen und beraubt zu werden sei da noch gleichbedeutend mit Glück gehabt.

Im Ganzen sind die Gesprächspartner guter Dinge. Krieg werde es nicht geben. Von der Aggression und dem Zorn, der im Westen die Schlagzeilen zum Thema beherrscht, ist generell in Russland nichts zu spüren. Als ich ihnen von der Stimmung in den westlichen Medien erzähle, winken sie ab.

„Ihr versteht das nicht. Wir sind ja doch ein slawisches Ganzes, Russland, Ukraine, Weißrussland. Wir haben unsere Regeln. Und Traditionen. Und manchmal läuft das Herz über und man prügelt sich.“

„Genau“, sagt ein anderer, „wie bei der Hochzeit. Eine Hochzeit ohne Schlägerei ist keine Hochzeit.“

Alle sind sich einig: ohne ausländische Einmischung hätten wir keine europäische Krise. Ohne ausländische Einmischung hätten die Ukrainer vor allem keinen Jazenjuk als Premier, den alle durch die Bank für konkurenzlos unfähig halten (soll ich da nun widersprechen?).

I** erhält einen Anruf am Mobiltelefon. Seine Frau erzählt, dass die Kinder gut in Amerika gelandet sind. Er lacht. Die stehen also noch nicht auf der schwarzen Liste.

Keiner zweifelt, dass die Sanktionen auf lange Sicht gut für Russland sind. Man habe sich viel zu lang auf den Westen verlassen, war halt so bequem. Hin und her diskutiert werden die Pläne für ein eigenes Zahlungssystem, unabhängig von Master und Visa. Da seien die Japaner weitsichtiger gewesen.

Ich werde nach der Stimmung in Deutschland gefragt. Frau Merkel genießt bei den meisten Russen hohes Ansehen. So hoch, dass ich ein wenig bremsen muss. Scheiße, sage ich, jetzt haben wir hinten die Polen als Schwanz, der mit uns wackelt, und vorne den Ami, der am Nasenring zieht. Aus und vorbei mit eigenständiger deutscher Außenpolitik. Ashton, Nuland und dann lange nichts. Fuck the EU. Den eigentlichen Preis für 1945 zahlen wir im 21. Jahrhundert.

Aber ich erzähle auch vom deutschen Volk, dessen Meinung immerhin in Foren und Kommentarspalten veröffentlicht wird.

"Schon so eine Sache mit euch", sagt B**, "wir führen die grausamsten Kriege, und keine zehn Jahre später treiben wir Handel und saufen Wodka und Bier. Fast wie mit den slawischen Brüdern."

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