Germanisierung – staatliche Provokation oder Straftatbestand?

Germanisierung – staatliche Provokation oder Straftatbestand?
Begleittext zur Videoinformation
Der hier veröffentlichte Text ist der gesprochene Begleittext zum Video und entspricht der Qualität eines Manuskripts. Am Ende des Textes finden Sie den eigentlichen Beitrag in Form einer Videoinformation. Nur der Manuskripttext enthält nicht alle angebotenen Informationen, denn im Videobeitrag gibt es zusätzliche eingeblendete Text-, Grafik- und Fotoinformationen.

 

 

 

Ein Plakat des Journals „Sowjetski Sport“ informiert über ein Fußballspiel zur Qualifizierung Euro2000 im „Stadion Kaliningrad“ in Königsberg. Veröffentlichungen in den russischen Medien vermuten, dass dieser neue Versuch der Germanisierung des Kaliningrader Gebietes, ein Test Moskaus sein könnte.

Die große russische Zeitung „Streng Geheim“ veröffentlichte einen Beitrag, der zum Nachdenken anregt. Es geht um eine Kalenderbeilage zum Journal „Sowjetski Sport“, wo über ein Qualifikationsspiel zur Euro2000 in der Stadt Königsberg im September informiert wird.

Es ist schwer vorstellbar, dass hier der Designer dieses Kalenders in Eigenverantwortung diese Provokation zugelassen hat. Wie in allen Verlagen dieser Welt, passieren Veröffentlichungen eine ganze Reihe von Kontrollen und erst die letzte Unterschrift des Chefredakteurs ist Grundlage für eine Freischaltung bzw. Veröffentlichung. Somit handelt es sich um kollektive Verantwortung für Leistungen und Fehlleistungen.

Die russische Gesetzgebung legt, vereinfacht gesprochen, fest, wie geographische Objekte zu benennen sind. Moskau heißt Moskau und St. Petersburg heißt St. Petersburg. Wer über historische Ereignisse in St. Petersburg berichtet, erwähnt natürlich, dass es sich um das ehemalige Leningrad handelt. Auch wenn es um die Stadt Kaliningrad geht, müsste ähnlich verfahren werden, obwohl es in vielen Fällen keinen wirklichen Sinn macht zu informieren, dass Kaliningrad das ehemalige deutsche Königsberg ist – es interessiert nicht wirklich diejenigen, die zu einem Fußballspiel wollen – es sei denn, es handelt sich um Fußballfans der ganz speziellen Sorte:

Einspielung skandierender Fans

Wer also in öffentlichen Verlautbarungen nicht die richtigen, gesetzlich festgelegten Bezeichnungen nutzt, macht sich eigentlich strafbar. Warum „eigentlich strafbar“?

Nun, weil die Untersuchungen des russischen Sicherheitsdienstes FSB, die seit rund zwei Jahren gegen eine Kaliningrader Extremistengruppe laufen, noch nicht abgeschlossen sind. Ein Gerichtsverfahren zur weiteren qualitativen Wertung der Handlungen eines Alexander Orschulewitsch und anderer Mitglieder der Vereinigung „Baltischer Vortrupp des russischen Widerstandes“ ist noch nicht eingeleitet worden. Erst wenn ein Gericht die genannte Personengruppe, die die Umbenennung der Stadt Kaliningrad in Königsberg forderte, verurteilt, könnte dies als Präzedenzfall für all diejenigen betrachtet werden, die ebenfalls mit derartigen Forderungen und Handlungen, die Grenzen der russischen Gesetzgebung überschreiten.

Dies bedeutet natürlich nicht, dass, wenn es zu einer Verurteilung der Angehörigen, der bereits aufgelösten Gruppe kommt, jeder, der das Wort „Königsberg“ in den Mund nimmt, sich strafbar macht. Deutsche, die nach Kaliningrad kommen und meinen, sich in Königsberg zu befinden und auch Postkarten aus „Königsberg“ nach „Karl-Marx-Stadt“ senden, werden sich natürlich nicht strafbar machen. Strafbar machen sich die Deutschen dann, wenn sie mit Russland unzufrieden sind und auf Plakaten die Umbenennung der Stadt fordern und diese Aktion nicht beantragt und genehmigt worden ist. Nicht strafbar machen sich auch Deutsche, die eine Baugenehmigung für den Bau von Häusern und ganzen Siedlungen im Königsberger Gebiet beantragen. Da es dieses Gebiet nicht gibt, kann somit auch keine Baugenehmigung erteilt werden.

Eine Vermutung, die in den russischen Medien geäußert wird ist, dass es sich bei der jetzigen aktuellen Kalenderveröffentlichung, um einen von „Moskau“ organisierten Test handelt. Man will sehen, wie aufmerksam die Bevölkerung ist und wie hoch die gesellschaftlichen Wellen schlagen.

Und natürlich darf man über, in russischen sozialen Netzwerken geäußerte Vermutungen gerne schmunzeln. Dort wird orakelt, dass in Moskau bereits der Beschluss gefasst wurde, Anfang September (hoffentlich nicht am 1. September) die Stadt Kaliningrad in Königsberg umzubenennen. Und die Mitarbeiter von „Sowjetski Sport“ verfügen einfach schon über diese Informationen und haben somit den Kalender bereits aktuell gestaltet.

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Kommentare ( 1 )

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 13. Juni 2019 20:16 pm

    Es ist wohl etwas kompliziert. Uwe, Sie schreiben von "Sowjetski Sport". Ist das eine jetzt noch aktuelle Sportzeitung in Rußland? Was ist "Euro2000"?
    Ich vermute mal, wer nicht ausgerechnet Fußball-Fan ist, kann damit nichts anfangen.
    Zumal es so ausschaut, als ob ein zeitlicher Sprung in dem Artikel in die Neuzeit ist.

    An einen Test mit dem Städtenamen glaube ich dabei nicht. Das wird wohl irgendwie bei der Nichtendkontrolle unter gegangen sein.
    Ich merke das bei anderen russischen Internet-Zeitungen auf - deutsch -, daß da eben nicht Korrektur gelesen wird und so manche peinlichen Fehler passieren. Es wird auch von verschiedener Seite der Leser immer mal wieder darauf hingewiesen. Ändern tut sich nichts.

    Aber Fakt ist, daß es deutsche Reisebüros gibt, die mit Ostsee-Rundfahrten per Schiff in den "kostenlosen" Zeitungen mit Großanzeigen werben. Unter anderem werden auch die Ostseestädte "Danzig" und "Königsberg" angelaufen, bevor es nach St. Petersburg geht.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 13. Juni 2019 20:27

      ... die Zeitung heißt nach wie vor "Sowjetski Sport" und der Skandal beginnt jetzt langsam an Fahrt aufzunehmen. Niemand glaubt an einen zufälligen Fehler - man geht von einer Provokation aus - wer provoziert, ist bisher nicht klar.

      Euro2000 - ich meine natürlich Euro2020 - bei mir liest leider auch niemand Korrektur, so dass derartige Fehler täglich passieren - bin eben nur Blogger ...

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