Im Anfang stand das Wort - Westberliner Zustände in Kaliningrad?

Im Anfang stand das Wort - Westberliner Zustände in Kaliningrad?

MEINE MEINUNG, … mit deutschem akzent, kommentiert russische wirtschaftliche, politische, kulturelle und gesellschaftliche Ereignisse aus dem Blickwinkel eines Deutschen. Die Rubrik ist der Versuch, mit etwas BLOGGER-Hintergrundwissen dem deutschen Leser die manchmal nicht einfachen Verknüpfungen in der russischen Realität etwas verständlicher zu machen.

Im Anfang stand das Wort - Westberliner Zustände in Kaliningrad?

Es gibt in der letzten Zeit viele amerikanische Worte, die die Sorgen der Amerikaner, das Kaliningrader Gebiet betreffend, zum Ausdruck bringen. Meist werden sie von US-Militärs geäußert und manchmal von unserer Informationsagentur in humoristischer Form verarbeitet:

Als zutiefst ungläubiger Mensch habe ich mich trotzdem an eine Weisheit aus dem Johannesevangelium (gefunden bei Wikipedia) erinnert, wo geschrieben steht:

 

 

Und natürlich sind auch die Worte unserer Nachbarn Polen, Litauen, Lettland und Estland nicht zu überhören, die sich ständig von den Russen, insbesondere den Russen im Kaliningrader Gebiet unmittelbar bedroht fühlen – von dem riesigen russischen Militärpotenzial, den russischen Raketen, den russischen Kriegsschiffen. Manchmal meldet sich aber auch die Ukraine zu Wort, die Kaliningrad gerne mit der Krim vergleicht.

 

Foto: Die Gruppe der „G-6“, bestehend aus USA, Polen, Litauen, Estland, Lettland, Ukraine - versammelt um Kaliningrad?

 

Ich selber würde aber Kaliningrad doch eher vergleichen wollen mit Westberlin in den Jahren 1948/1949, also der Zeit, wo die damalige Sowjetunion Westberlin mit einer Blockade belegt hatte. Das Ziel, dass die Alliierten die Stadt aufgeben und abziehen, wurde nicht erreicht, die Blockade nach einem Jahr wieder aufgehoben. Danach begann Westberlin die praktischen Schlussfolgerungen aus diesem „Vorfall“ zu ziehen, um mögliche weitere Blockaden besser überleben zu können.

 


Foto: Das Luftbrückendenkmal in Berlin. Die damaligen Vorgänge haben „verdammte“ Ähnlichkeit mit heutigen Ereignissen

 

Kaliningrad denkt vorausschauender, denn seit Jahren arbeitet man daran, die landwirtschaftliche Selbstversorgung im Gebiet zu organisieren. Das scheint von Jahr zu Jahr besser zu gelingen, wenn man denn den offiziellen Meldungen vertrauen kann. Da aber auch deutsche Landwirte an der Wiederbelebung der Kaliningrader Landwirtschaft Anteil haben und diese immer mit glücklichen Gesichtern am „Trefftisch Deutschsprachiger in Kaliningrad“ teilnehmen, sollten wir der Kaliningrader Statistik und den Erfolgsmeldungen glauben. Diese Selbstversorgung hat natürlich nicht nur ihren Grund in der „Politik der Ablösung von Importen“ wie sie von Russland gegenwärtig intensiv betrieben wird, sondern darin, dass sich Kaliningrad im Falle einer Blockade autonom versorgen kann.

Mehrmals habe ich an dieser Stelle bereits auf die Blockadegefahr für das Gebiet hingewiesen.


 

Man muss da kein großer Spezialist sein, um dies zu erkennen. Schauen wir einfach mal auf die Karte – der Zugang zum Kaliningrader Gebiet ist nur möglich über Territorien von NATO-Staaten, zu Land, zu Luft und zu Wasser:

 


Karte (Kaliningrad-Domizil): Kaliningrad, umarmt von NATO und Europäischer Union

 

Schauen wir etwas konkreter und beginnen mit dem Flugverkehr.

Dass es keine Flugverbindungen mehr Richtung Westen gibt – «ладно, бог с ними» (na gut, dann eben nicht). Flugverbindungen Richtung Moskau, St. Petersburg gibt es, aber wenn man die Überflugrechte sperrt? Es wäre ja nicht das erste Mal. Sie erinnern sich sicherlich, dass viele europäische Staaten russischen Flugzeugen, die zu Kampfeinsätzen nach Syrien fliegen um dort Terroristen zu bekämpfen (also eine gute Sache), diesen keine Überflugrechte gewähren. Russland muss hier große Umwege fliegen und Luftbetankungen vornehmen. Aber für Kaliningrad gibt es keine „Umwege“. Eine Luftbrücke wie in Westberlin ist also nicht möglich – es sei denn, man erzwingt sie durch militärische Gewalt.

Dann haben wir den Eisenbahnverkehr. Dass es keine Zugverbindungen mehr Richtung Westen gibt – «ладно, бог с ними» (na gut, dann eben nicht). Aber es gibt Verbindungen Richtung Moskau und St. Petersburg – zwar ausgedünnt, aber immerhin. Und die führen über litauisches Territorium im Transit. Dazu muss es Transitvereinbarungen geben zwischen Litauen und Russland. Irgendwo habe ich gelesen, dass dieser Vertrag bald ausläuft oder schon ausgelaufen ist und ein neuer Vertrag noch nicht unterschrieben ist. Hm, das macht nachdenklich.

Karte (Kaliningrad-Domizil): Zugtransit Kaliningrad-Moskau über Litauen-Weißrussland

 

Dann haben wir den Schiffsverkehr.  Dass es keinen Fährverkehr Richtung Westen gibt – «ладно, бог с ним» (na gut, dann eben nicht). Die Verbindungen zwischen Kaliningrad und St. Petersburg bzw. Ust-Luga sind sehr übersichtlich – ich glaube ein Schiff pro Woche. Zwei Fähren verkehren gegenwärtig und mindestens noch sechs Fähren werden gebraucht, um eine gesicherte Verbindung zum Mutterland zu erreichen – meint zumindest unser Gouverneur. Aber alle Schiffe müssen durch NATO-Gewässer. Man könnte natürlich Begleitschutz geben, wie zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges gegen die deutschen U-Boote … Na, Sie verstehen schon, wo das hinführt.

 

Foto: Fähre im Hafen von Baltisk

 

Dann haben wir den Busverkehr.  Dass es keinen wirklich akzeptablen Fahrplan mit vernünftigen Fahrtzeiten gibt, weder nach Westen noch nach Osten – «ладно, бог с ним» (na gut, dann eben nicht). Aber wenn es ihn geben würde, müssen diese Busse immer über NATO-Gebiet fahren – egal ob man nach Berlin oder nach Moskau will.

 

 

Dann haben wir den Individualverkehr mit PKW oder mit Lastwagen für Warenlieferungen.  Dass insbesondere die Polen zeigen, dass sie entscheiden, wie schnell (oder langsam) jemand die Grenze überquert – «ладно, бог с ними» (na gut, dann soll`s so sein). Aber auch hier führen alle Wege sowohl nach Rom wie auch nach Wladiwostok über NATO-Gebiet und wenn die NATO … äh, ich meine natürlich die souveränen Staaten Polen und Litauen meinen, dass alle diese Verkehrs- und Personenbewegungen eine Gefahr für die Souveränität und Sicherheit des Landes darstellen, dann werden eben die Grenzen für diese Gefahren geschlossen.

 

 

Und wie lange können die Grenzen, die Transitkorridore, die Luftkorridore geschlossen bleiben? Na, bis die Gefahren beseitigt sind - also die Russen ihr Militär abziehen, Kaliningrad entmilitarisieren und vor allem, wenn der Status von Kaliningrad geändert, mehr europäisch wird. Man könnte ja Kaliningrad zu einer neutralen Zone machen, internationale Ansiedlungen vornehmen – die Europäische Union wird da sicherlich mit Fördergeldern helfen. Auch Flüchtlingen aus anderen Teilen der Welt könnte Kaliningrad eine neue Heimat bieten und damit auch wieder etwas mehr Platz schaffen in Deutschland – da scheinen ja die Unterkünfte langsam knapp zu werden, wenn sogar Flüchtlinge aus Bayern eine Übernachtung im Bundeskanzleramt planten.

Ich glaube, jeder einigermaßen real denkende Mensch versteht, dass sich Russland auf so ein Szenario nicht einlassen wird. Russland befand sich seit dem 3. Oktober 1990 nur noch auf dem Rückzug. Ich glaube diese Periode ist seit März 2014 abgeschlossen.

Aber denken Politiker real? Die Ereignisse der letzten Monate zeigen, dass es wohl nicht immer so ist. Und so wie einige ukrainische Hitzköpfe die Krim blockieren (hier gibt es real die Lebensmittelblockade, die Energieblockade, die Transportblockade und auch die Kommunikationsblockade), so kann es auch Hitzköpfe um Kaliningrad herum geben. Während aber die Krim noch eine direkte Anbindung an Russland hat, so haben wir dies in Kaliningrad nicht – unsere Situation ist erheblich komplizierter.

Welche Wertschöpfungen können unter den Bedingungen einer Blockade in Kaliningrad noch vorgenommen werden – Wertschöpfungen die zum Geldverdienen reichen, damit sich die Bevölkerung Nahrungsmittel kaufen kann? Oder wie soll das Leben erfolgen?

Und wenn man dann im Rahmen der psychologischen Kriegsführung der Kaliningrader Bevölkerung auch noch klarmacht, wie gut es im Westen ist (man braucht ja nur über den Blockadezaun zu schauen) und wer im russischen Mutterland am Kaliningrader Elend schuld ist … Sie verstehen meine Argumentationslinie sicherlich.


In den letzten Tagen gibt es Informationen aus Deutschland, die mich unruhig machen. Ein Wolfgang Schäuble spricht von irgendwelchen Gefahren, dem Zusammenbruch des Euro und des ganzen EU-Wirtschaftsraumes, wenn die deutschen Grenzen geschlossen werden. Bleiben sie aber offen, wird Deutschland von Flüchtlingen überschwemmt, wovor wieder andere Politiker warnen. Der „Dampfkessel Deutschland“ nimmt langsam Temperatur auf und der Druck wächst. Und ich fürchte, dass Deutschland und Europa einen Ausweg suchen könnten, um Dampf und Druck abzulassen und dieser Ausweg vielleicht nicht der richtige ist.
Mal von dem eben gezeichneten Gruselschema ganz abgesehen. Real ist Kaliningrad wirklich verkehrstechnisch schlecht zu erreichen – insbesondere für Interessierte aus dem Westen. Und wenn ich einen Ort nur schwer erreichen kann, dann werde ich da wohl auch nicht hinfahren, es sei denn, der Ort hat etwas, was andere Orte nicht haben. Aber Kaliningrad ist Provinz, nichts Besonderes also und wir werden uns wohl damit abfinden müssen, dass wir Provinz bleiben. Schauen wir also in unsere Zukunft – nach Osten.
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Kommentare ( 4 )

  • ru-moto

    Veröffentlicht: 18. Januar 2016 03:15 pm

    Wenn ein Wiener zu einem Nicht-Wienern "Provinzler" sagt, fühlt sich dieser keineswegs besorgt, sondern vielmehr geehrt...

    [Schauen wir also in unsere Zukunft - nach Osten]: "Like"

  • Regul

    Veröffentlicht: 18. Januar 2016 12:48 pm

    Sehr geehrter Herr Niemeier,

    ein schöner Artikel, der einmal alle Karten auf den Tisch ausgebreitet hat.

    Wie Sie so schön erläutern ist Kaliningrad so etwas wie 'Provinz', wodurch der mögliche Gewinn in keinem Verhältnis zum Aufwand steht. Es gibt zwei Punkte, die für Russland ausschlaggebend sein können. Da hätten wir die strategische Lage, da man Westeuropa von Kaliningrad aus sehr viel besser mit Kampfmitteln erreicht als vom Rest Russlands. Dann gibt es noch Kaliningrad als Zeichen des Sieges im großen vaterländischen Krieg, welches man als Beute für sich beansprucht hatte.

    Dem gegenüber steht die NATO eigentlich ausschließlich mit der Angst vor der strategischen Bedrohung, während man anscheinend versucht Kaliningrad als Kompensation für den 'Verlust' der Krim hoch zu stilisieren. Es werden ja schon Besitzansprüche seitens Polens und Litauens angetrieben, obgleich von den Beiden wohl keiner wirklich den Preis dafür zahlen möchte und das Ganze eher als eine Idee aus den VSA erscheint.

    Eine Dritte, von mir favorisierte Variante, wäre Kaliningrad sozusagen als 'Brücke' zwischen Westeuropa und Russland. Das böte die historische Chance, hier eine Zusammenarbeit der beiden unterschiedlichen Kultursystemen unter Realbedingungen aufeinander ab zu stimmen. Wenn wir ehrlich sind, gibt es doch eigentlich nur 2 mögliche Zukunfts-Szenarien, wie man am Beispiel der EU und der europäischen Nachkriegs-Geschichte ersehen kann. Entweder stimmt man sich miteinander ab, oder es läuft auf Konfrontation hinaus.

    An ein alternatives Szenario, dem Auseinanderfallen der EU, bei partieller Angliederung an die EurAsische Union, kann man, selbst mit Abspaltung von Aragon, Baskenland, Italien und Frankreich, realistisch gesehen nicht denken.

    Bleibt einzig, der Status eines offenen Gebiets, welches allerdings nicht umgesetzt werden kann, solange die NATO ihren Aufmarsch nicht beendet. Ergo Status Quo, bis eine Seite nachgibt oder nachgeben muss.

    Gute Zeit!

  • Hauke

    Veröffentlicht: 18. Januar 2016 14:17 pm

    Lieber Herr Niemeier
    Ich glaube Ihr Vergleich mit der Situation im Kaliningrader Gebiet und der damaligen Blockade von Westberlin ist wohl nicht ganz zutreffend. Zutreffender erscheint mir ein Vergleich mit der Situation von 1919 bis 1939 im damaligen Ostpreußen also im gleichen Gebiet. Was war damals geschehen? Polen blockierte des Öfteren die Durchfahrten durch den Korridor, ja es wurden sogar Lufhansamaschinen beschossen. So war man gezwungen den Seedienst Ostpreußen einzurichten. Parallel dazu wurde massiv der Tourismus beworben und den kamen die Deutschen reichlich nach. Der Tourismus entwickelte sich in dieser Zeit zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor. Ich bin überzeugt das könnte heute auch so sein, wenn man den entsprechende Infrastruktur und Einreiseerleichterung schafft. Letzteres muss ja nicht für ganz Russland gelten sondern nur für das Gebiet Kaliningrad.
    Ich denke ich weiss worüber ich schreibe, denn ich bin oft im polnischen Teil von Ostpreußen und sehe dort wie es dort läuft mit Ferienwohnungen mit Bungalows und Campingplätzen. Es werden immer mehr und die werden zu großen Teil von Deutschen, Holländern uA. In Anspruch genommen. Es gibt doch keinen Grund warum diese Touristen nicht auch das Kaliningrader Gebiet nicht auch besuchen sollten.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 18. Januar 2016 16:16

      ... natürlich gibt es viele Vergleichsmöglichkeiten, aber ich musste mich für eine entscheiden. Und in Ihrer geschilderten Zeit spielte Russland/Sowjetunion keine Rolle.

  • A. Bienenfreund

    Veröffentlicht: 18. Januar 2016 22:50 pm

    Es wird keine Blockade geben. In drei Jahren wird die Nato Geschichte sein, zumindest in ihrer derzeitigen Form und die baltischen Zwergtiger werden froh sein, wenn sie sich bei Russland wieder einkratzen können. Und wenn jetzt die Drohung mit einer Blockade zu ernsthafter Entwicklung des Gebietes -ohne Flausen ala "die grossen Investoren werden kommen und uns das goldene Zeitalter bringen"- führt, dann wird doch alles gut ;-)

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