Iskander-Raketen, Russland-Luftbrücke und die Lebensmittelsicherheit in Kaliningrad

Iskander-Raketen, Russland-Luftbrücke und die Lebensmittelsicherheit in Kaliningrad

MEINE MEINUNG, … mit deutschem akzent, kommentiert russische wirtschaftliche, politische, kulturelle und gesellschaftliche Ereignisse aus dem Blickwinkel eines Deutschen. Die Rubrik ist der Versuch, mit etwas BLOGGER-Hintergrundwissen dem deutschen Leser die manchmal nicht einfachen Verknüpfungen in der russischen Realität etwas verständlicher zu machen.

Iskander-Raketen, Russland-Luftbrücke und die Lebensmittelsicherheit in Kaliningrad

Anfang der Woche waren die Medien voll von Informationen über die Auslösung der vollen Gefechtsbereitschaft für den Militärbezirk WEST der Russischen Föderation, zu dem auch das Kaliningrader Gebiet gehört. Kurz danach tauchten Details auf, Details die nur teilweise in den westlichen Medien publiziert wurden – aus welchen Gründen auch immer. Eine Woche hatte ich Zeit zum Nachdenken, ob ich mich diesem Thema stelle, oder doch lieber über die Eröffnung der Saison im Botanischen Garten in Kaliningrad berichte.

Grafik (Kaliningrad-Domizil): Struktur der Militärbezirke in der russischen Föderation

 

Ja, Kaliningrad steht im Zentrum der Aufmerksamkeit. Ende vergangenen Jahres hatte die amerikanische Agentur „Bloomberg“ vorhergesagt, dass Kaliningrad zum „Brennpunkt 2015“ werden könnte. Es scheint so, als ob die Agentur gut recherchiert und analysiert hat.

Ich würde mir lieber wünschen, dass Kaliningrad zu Tourismus- oder Investitionsthemen im Zentrum der Aufmerksamkeit steht – aber leider ziehen wir die Aufmerksamkeit mit „Iskander“-Raketen auf uns, also Raketen die 500 Kilometer fliegen und dabei auch noch gewöhnliche oder Atomsprengköpfe tragen können. Und von diesen Raketen sind nun, im Rahmen der russischen Großmanöver, ein paar nach Kaliningrad verlegt worden. Wie lange diese Raketen bleiben – keine Ahnung und ob die dazu passenden Atomsprengköpfe auch schon in einem Kaliningrader Lager liegen, weiß ich auch nicht. Aber nachdenklich macht es schon.

Frau Dalia Grybauskaite, die attraktivste Staatschefin der ganzen Europäischen Union und meine Lieblingspräsidentin, schockierte die europäischen, insbesondere wohl die deutschen Politiker in Brüssel in der vergangenen Woche mit folgender Information:

Sie ist so dankbar schlicht in ihrer Russenphobie und macht es einem nicht schwer zu argumentieren – deshalb ist sie auch meine Lieblingspräsidentin. Sie ist wohl neidisch auf diese Raketen, denn die Parameter dieser Raketen gestatten es nicht, dass diese aus Kaliningrad nach Litauen abgeschossen werden – da braucht es schon etwas mehr Kilometer und einer anderen ballistischen Kurve. Und da diese Raketen für Litauen keine Bedrohung darstellen, muss man flugs andere Staaten aufhetzen – zum Beispiel Deutschland.

Ja, es ist richtig, dass die „Iskander“ jetzt auch schöne Grüße aus Kaliningrad nach Berlin senden könnten – rein theoretisch, denn praktisch dürfte Deutschland an solchen Grüßen nicht interessiert sein, denn man erinnert sich noch zu gut an die sowjetischen Grüße aus dem Jahre 1945:

Und auch Russland ist nicht an dem Start dieser Raketen Richtung Westen interessiert. Wozu auch, solange es nicht selber angegriffen wird.

Wäre Kaliningrad nicht russisches Staatsgebiet, dann würden diese „Iskander“-Raketen mindestens 500 Kilometer weiter östlich stehen und könnten Berlin und andere europäische Städte nicht erreichen. Ein Airbus 380 braucht für diese Strecke rund eine halbe Stunde. Eine „Iskander“ braucht, wenn sie nicht in Kaliningrad, sondern z.B. in Pskow stehen würde wenige Minuten, könnte aber über die „gedachte Linie“ Kaliningrad nicht wesentlich hinausfliegen …

Routenplaner aus Google: http://www.entfernungsrechner.net/de/distance/city/554234/city/504341

 

Auch die Ostseeflotte würde dann wohl irgendwo in Kronstadt bei St. Petersburg liegen und bräuchte bis zum möglichen Einsatzort etwas länger. Flugzeuge, auch die modernsten und schnellsten, wie z.B. die SU-35, sind natürlich wesentlich schneller am „Einsatzort“ wenn sie in Kaliningrad starten, als wenn der Start-Airport im russischen Mutterland liegen würde. Daraus wird dann klar, welche Rolle Kaliningrad für Russland spielt. Für Russland ist Kaliningrad ein strategisch wichtiger, unverzichtbarer militärischer Vorposten. Für die NATO ist Kaliningrad ein schmerzhafter Splitter im NATO-Körper.

Die verschiedenen Übungen der russischen Armee in den letzten 12 Monaten auf dem Kaliningrader Gebiet zeigten, wie wichtig dieses Territorium für Russland ist. Die Ostseeflotte wurde trainiert, Luftlandetruppen wurden aus dem russischen Mutterland (Pskow) nach Kaliningrad innerhalb weniger Stunden verlegt, die Luftstreitkräfte sind sehr präsent. Erst in der vergangenen Woche regte sich die NATO auf, dass russische Tankflugzeuge das Betanken in der Luft über der Ostsee trainierten. Warum man in westlichen Medien nichts liest zur Verlegung von russischen Jagdflugzeugen SU-27 und SU-35 (dem modernsten Jäger den Russland (offiziell) hat) nach Kaliningrad – keine Ahnung. Offiziell wurde von russischer Seite informiert, dass ein Dutzend dieser Flugzeuge nach Kaliningrad basiert wurden – aber vielleicht sind es auch zwei Dutzend?

Ja, und all diese Flugzeuge, Schiffe, Soldaten können natürlich Litauen erreichen – das geht ganz schnell und die litauische Präsidentin beschwört dieses Unheil nun schon fast täglich. Sie muss ja mächtig Angst davor haben, in russische Terror-Gefangenschaft zu geraten und sich verantworten zu müssen für leichtfertige provozierende Äußerungen in Richtung Russland und dessen Politik. Deshalb will sie auch die Wehrpflicht in Litauen wieder einführen. Mit der litauischen Armee, bestehend aus 16.000 Mann, will sie im Falle einer russischen Aggression drei Tage Widerstand leisten. Litauen braucht, nach Meinung meiner Lieblingspräsidenten, nur drei Tage, denn dann sind die Amerikaner da und werden es den Russen heimzahlen.

Alexej Puschkow, Duma-Abgeordneter und Vorsitzender des Ausschusses für internationale Angelegenheiten lästerte auch gleich:

Man wartet also in Litauen auf amerikanische Truppen? Und wie sollen die nach Litauen kommen? Natürlich mit dem Flugzeug, wahlweise mit dem Schiff und vielleicht auch zu Fuß im Landmarsch. Und was glaubt die Litauerin? Das die bösen Russen so lange warten, bis die Amerikaner da sind, bis das Flugzeug mit den Amerikanern gelandet ist, bis das Schiff im Hafen von Kleipeda angelegt und der Steg ausgefahren ist?

Sowohl die Russen, wie auch die Amerikaner wissen, dass es eine solche Situation nicht geben wird. Es wird sie deshalb nicht geben, weil Russland Litauen nicht braucht und auch nicht bedroht, geschweige denn angreift. Und die Amerikaner wissen, dass sie die Vietnamesen, die Afghanen, die Iraker nicht besiegen konnten und schon gar nicht die Russen besiegen werden. Aber wichtig ist eben, die Suppe immer schön am kochen zu halten, so lange man noch an den Hebeln der Macht sitzt.

Und damit es immer schön brenzlig bleibt, hat auch schon Ende 2013 der litauische Außenminister mal laut nachgedacht, eine Blockade über Kaliningrad zu verhängen. Ein wenig später hat er das dann nochmal wiederholt und ihm angeschlossen hat sich im August 2014 sein Ex-Kollege, der ehemalige Landwirtschaftsminister, der heute „nur noch“ Abgeordneter des litauischen Parlamentes ist. Der sprach dann von einer Lebensmittelblockade.

Und was bedeutet das? Man will Kaliningrad aushungern? Im schlimmsten Fall, wenn sich Russland unbeugsam zeigt, will man rund eine Million Menschen verhungern lassen? Das ist ja schlimmer als 1941/43, als die deutschen Truppen Leningrad 900 Tage belagerten! Leute, denkt ihr noch nach, bevor ihr sprecht?

Foto: Piskarewskoje Gedenkfriedhof in St. Petersburg (Leningrad) – Hunderttausende Verhungerte liegen hier zur ewigen Ruhe


Natürlich wird es dazu nicht kommen, denn Russland wird Kaliningrad nicht aushungern lassen. Auch damals, 1948/49 haben es die westlichen Alliierten nicht zugelassen, das Westberlin ausgehungert wird und haben die bekannte Berliner Luftbrücke organisiert:

Grafik: Luftkorridore zur Versorgung von Westberlin

 

Und ähnliches wird sicher auch Russland mit Kaliningrad organisieren.

Lange Zeit war mir unklar, warum man den Kaliningrader Airport im Rahmen der Rekonstruktion, mit einer verlängerten Start- und Landebahn ausstatten will, die es ermöglicht, dass die größten Flugzeuge der Welt dort landen können. Nun, die amerikanische Präsidentenmaschine wird es wohl kaum sein, aber dafür vielleicht eine „Antonow“ mit Lebensmitteln?

Dann hatte man vor einem Jahr, als die Krim-Krise (… ich wollte schon „Kuba-Krise“ schreiben) begann, die Fähre, die zwischen Kaliningrad und dem russischen Mutterland pendelte, abgezogen und zur Krim geschickt. Jetzt gibt es Informationen, dass die Fähre wieder zurückgeholt wird. Wozu? Es gibt nichts zu transportieren zwischen Kaliningrad und dem Mutterland, außer möglichen Truppen oder Lebensmitteln für die Bevölkerung.

Und es vergeht kaum ein Tag, wo nicht der Kaliningrader Gouverneur oder sein Landwirtschaftsminister sich zu Fragen der Landwirtschaft und der Eigenversorgung äußern. Kaliningrad ist abhängig von Lieferungen aus dem Ausland oder dem russischen Mutterland. Sollte Polen und Litauen ihre Grenzen schließen (unter dem Vorwand des Schutzes eigener Staatsinteressen vor der russischen Aggression), dann kommen keine Lebensmittel mehr nach Kaliningrad und die Eigenversorgung mit Grundnahrungsmitteln ist, nach Worten des Gouverneurs, erst in drei Jahren gesichert.


Dazu kommen noch andere Momente, die Beunruhigung auslösen müssten. In der vergangenen Woche hatte „General Motors“ verkündet, sich vom russischen Markt zurückzuziehen. Besonders hart trifft dies Kaliningrad. Die Holding „Avtotor“ hatte die Fahrzeuge zusammengeschraubt und für den russischen Markt bereitgestellt. Und die Firma „Avtotor“ ist der größte Wertschöpfer und der größte Arbeitgeber der Region. Erste Entlassungen haben begonnen. Werden weitere folgen? Zum Beispiel wenn auch BMW feststellt, dass der russische Markt nicht mehr attraktiv ist? Wenn also „Avtotor“ letztendlich seine Pforten schließt, schließen auch viele andere Kaliningrader Firmen, die in irgendeiner Form mit dem Autohersteller verbandelt sind. Und das ist für die sozialökonomische Lage nicht gut. Man kann nur hoffen, dass Russland für die strategisch wichtige Region Kaliningrad einen Plan „B“ in der Schublade hat.

Ich verstehe nicht, warum die Litauer unbedingt die Amerikaner brauchen, um die Russen zu besiegen. Sie haben doch Estland als starken Nachbarn und dieses Land ist in der Lage, die russischen wilden Horden nicht nur abzuwehren, sondern bis nach Moskau zu jagen. Naja, zumindest ist dies die Ansicht des ukrainischen Parlamentsabgeordneten Anton Gerashchenko:

Dieser ukrainische Abgeordnete befand sich in der vergangenen Woche auf Besuch in Tallin, der Hauptstadt von Estland. Dort hat er das Verteidigungs- und Sicherheitssystem studiert und sich mit der Freiwilligenorganisation „Kaitseliit“ vertraut gemacht. Und er schrieb auf seiner Facebook-Seite sinngemäß:

„Kurz gesagt, wenn es Russland wagen sollte Estland anzugreifen, so wie es die Ukraine angegriffen hat, so werden die Jakutischen und Burjatischen Horden so vor der estnischen Armee und den „Kaitseliit“ türmen, dass sie erst vor Moskau wieder zum Stehen kommen.“

Anm. UN: Die Armee Estlands hat eine Gesamtstärke von 3.800 Soldaten, davon 1.500 Wehrpflichtige.

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