Kaliningrad ist eine russische Stadt und das bestreitet niemand

Kaliningrad ist eine russische Stadt und das bestreitet niemand

Kaliningrad ist eine russische Stadt und das bestreitet niemand

Am Mittwoch veröffentlichte das Kaliningrader Regionalportal „newkaliningrad“ ein Interview mit dem Leiter der Vertretung der Hamburger Handelskammer in Kaliningrad Dr. Stefan Stein.

Unsere Informationsagentur übersetzt die wesentlichsten Passagen des Interviews.


Das Interview führte Alexej Milowanow, Chefredakteur von „newkaliningrad“. Klicken Sie auf die Grafik um zum Originalartikel zu kommen:

 

Dr. Stefan Stein informiert in dem Interview was ausländische Investoren vom neuen Gouverneur Anton Alichanow erwarten, wie er die neuen Gesetzesinitiativen beurteilt, welche Dinge auf die wirtschaftliche Entwicklung der Region Einfluss nehmen, warum die offiziellen Statistikzahlen wenig mit der Realität zu tun haben und möchte im Auftrage der Deutschen versuchen, die Befürchtungen betreffs einer Germanisierung zu zerstreuen.

Alexej Milowanow (AM): Herr Stein, unlängst haben Sie erklärt, dass, so lange Nikolai Zukanow an der Macht ist, kein neuer ausländischer Investor nach Kaliningrad kommen wird. Nach Angaben der UNO hat sich der Umfang der Direktinvestitionen in Russland im Jahr 2015 auf 92 Prozent verringert. Kaliningrad bildet hier keine Ausnahme. Deshalb wollte ich Sie fragen: Was machen Sie gegenwärtig überhaupt noch hier?

Dr. Stefan Stein (StS): Nun, zum einen leiste ich jetzt hier ausschließlich ehrenamtliche Arbeit. Deshalb komme ich auch nur noch ins Office, wenn es Arbeit gibt. Wenn es keine Arbeit gibt, so habe ich viele andere Dinge, z.B. im Rahmen des Rotary-Clubs, dessen aktives Mitglied ich bin. Im vergangenen Jahr bin ich zum Gouverneur „Rotary“ in Russland gewählt worden und habe bereits einen Großteil des Landes bereist. Also, ich sitze nicht zu Hause und züchte Rosen.

Außerdem ist das Interesse deutscher Unternehmer am Kaliningrader Gebiet nicht vollständig erloschen, insbesondere das Interesse ausländischer Landwirte. In Deutschland haben es die Landwirte gegenwärtig nicht ganz einfach und sie sehen die Möglichkeiten, welches es hier gibt, insbesondere im Zusammenhang mit dem Lebensmittelembargo. Sie wollen hier Früchte und andere landwirtschaftliche Produkte anbauen. Ich spreche hier über Holländer und Deutsche.

AM: Sind das praktische Vorschläge oder nur einfach eine Absichtserklärung?

StS: Das sind völlig reale Vorschläge. Heute habe ich ein großes Treffen zu Fragen der Zusammenarbeit mit örtlichen Landwirten aus Selenogradsk und Bagrationowsk. Das Projekt sieht den Bau von großen Gewächshäusern auf einem großen Territorium vor. Ich glaube, die Idee hat Zukunft und ich unterstütze sie.

AM: Wann können wir reale Handlungen sehen, wann sehen und hören wir etwas wachsen?

StS: Jetzt beginnt der Winter und das ist nicht die beste Zeit um etwas zu pflanzen. Nur im kommenden Frühjahr, so glaube ich, werden wohl reale Arbeiten beginnen. Ich bin stolz, dass ich der erste bin, der Ihnen darüber erzählen kann.

AM: Wir haben uns das letzte Mal im Jahre 2014 getroffen, als die gegenseitigen Sanktionen zwischen dem Westen und Russland gerade erst verhängt wurden. Damals sagten Sie, dass diese Sanktionen für beide Seiten schädlich sind und sprachen weiter, dass sie sich eine kluge Politik wünschen. Seit dem sind mehr als zwei Jahre vergangen und glauben Sie, dass seit dem die Politik, auch was die Sanktionen anbelangt, klüger geworden ist? Ich meine dies sowohl von Seiten Russlands, wie auch von Seiten des Westens in Bezug auf Russland?

StS: Natürlich nicht. Ich bin sehr beunruhigt, ehrlich gesagt. Ich lebe und arbeite in Russland 26 Jahre. Und das was jetzt passiert, habe ich nie erlebt. Früher haben wir immer eine gemeinsame Sprache gefunden. Aber der Druck auf Russland ist sehr stark und die Außenpolitik Russlands hat sich unter diesem Druck geändert – so wie sich auch die Politik Deutschlands geändert hat. Aber wir deutschen Unternehmer sind dagegen. Denn wir wissen, dass die Sanktionen in erster Linie für Deutschland schädlich sind. Wir können keine Waren nach Russland exportieren. Aber für Russland ist dies eine Gelegenheit, diese Produkte selber herzustellen. Nur den ganzen Import abzulösen ist nicht möglich. Es gibt ein Wissen, technisches Wissen und Können, welches für die Produktion erforderlich ist. Und das fehlt häufig in Russland. Deshalb glaube ich, dass eine Zusammenarbeit unbedingt nötig ist und ich hoffe, dass die Bedingungen für eine normale gemeinsame Arbeit wieder zurückkommen.  

AM: Nur es gibt nichts Beständiges als das Unbeständige. Seit dem Beginn der Sanktionen und Gegensanktionen sind mehr als zwei Jahre vergangen und es hat sich nichts verändert. Wenn also die Leute zwei Jahre so leben konnten, dann können sie wohl auch noch weiter so leben.

StS: Ja, es ist klar, dass die Krise in den Beziehungen lange dauern wird. Aber auf der anderen Seite – in Deutschland finden bald Wahlen statt. Ich weiß nicht, wer da siegen wird, aber vermutlich doch die CDU. Auf der anderen Seite können es aber auch völlig andere Leute sein und nicht Frau Merkel, die nicht sehr vorteilhaft Einfluss auf die deutsch-russischen Beziehungen nimmt. Unser Vizekanzler Sigmar Gabriel ist Sozialdemokrat und er sieht die Beziehungen zu Russland völlig anders wie Frau Merkel. Ich hoffe, egal wie die Wahlen ausgehen werden und welche Leute dort siegen, dass man versteht, dass Russland unser Nachbar ist und wir nicht ewig mit ihm streiten können. Das ist schlecht für Europa, das ist schlecht für die deutsche Wirtschaft. Und, wir wissen nicht, wie die kommende Regierung aussehen wird. Jetzt tauchen in der Regierung und in den Landtagen in Deutschland neue Parteien auf und das politische Bild in unserem Land ändert sich sehr stark – ich hoffe zum Besseren.

AM: Es ist wohl kaum zu erwarten, dass sich das politische Leben in Deutschland so stark ändert im Bezug zu Russland wie zum Beispiel in Polen? Dort hängt die Rhetorik im Bezug auf Russland davon ab, wie lange es noch bis zu den nächsten Wahlen dauert. Die Außenpolitik Deutschlands ist dort mehr beständiger?

StS: Die antirussische Rhetorik die in Deutschland zu hören ist gefällt mir überhaupt nicht. Personen die sich entsprechend äußern, haben diese Rhetorik aus dem Kasten des Kalten Krieges hervorgeholt. Ich habe derartige Thesen schon seit Anfang der 90er Jahre nicht mehr gehört. Aber ich bin kein Politiker, verstehen Sie mich richtig, ich bin Ökonom. Und als Ökonom sage ich, dass Russland für uns ein interessantes Land war und immer bleiben wird. Und eben deshalb arbeitet gegenwärtig in Kaliningrad auch noch die Vertretung der Hamburger Handelskammer. Wir sind an einer Verbesserung der Beziehungen interessiert und die Wirtschaft ist immer der Motor für positive Veränderungen in der Politik, die wir heute brauchen.

AM: Wir treffen uns auf dem Höhepunkt von Veränderungen in der Innenpolitik des Kaliningrader Gebietes. Der für fünf Jahre gewählte Gouverneur Nikolai Zukanow hat seinen Posten nach weniger als einem Jahr nach den Wahlen verlassen. Dann hatten wir einen Gouverneur mit nur zwei Monaten Amtszeit, Jewgeni Sinitschew, der wieder nach Moskau zurückgekehrt ist – warum das geschah bleibt ein Geheimnis. Dann wurde durch den russischen Präsidenten Wladimir Putin der 30jährige Anton Alichanow eingesetzt. Wie sah diese ganze Gouverneursangelegenheit für Sie als Außenstehender aus? Meinen Sie, dass das alles gut überlegt ist?

StS: Natürlich, es gibt Chaos in der Regierung, wenn die Minister nicht wissen, was mit ihnen geschieht, das ist nicht sehr gut. Aber genau diese Situation herrschte in den letzten Monaten in der Regierung, wenn ich richtig informiert bin. Aber mit dem Resultat bin ich im Ganzen zufrieden. Ich achte den neuen Gouverneur. Er hat moderne Ansichten und versteht die wirtschaftlichen Aufgaben, die vor der Regierung stehen.

AM: Sie kennen ihn schon?

StS: Ja, aber noch nicht direkt. Wir arbeiten ziemlich aktiv im Rahmen der Assoziation ausländischer Investoren zusammen und wir hatten schon viele Gelegenheiten seinen Arbeitsstil kennenzulernen. Gedanken die ich von ihm hörte wecken neue Hoffnungen.

AM: Bitte genauer, welche Gedanken, welche Hoffnungen?

StS: Zum Beispiel den Gedanken, die Region für ausländische Investoren weiter zu öffnen. Derartige Gedanken hatte der vorherige Gouverneur überhaupt nicht. Er hatte keine Absicht deutsche Investoren in die Region zu holen. Und wie mir scheint, hatten die persönlichen Interessen von Zukanow sehr großen Einfluss auf seine Politik. Ich bin davon überzeugt, dass so ein junger Mann wie Anton Alichanow, der im neuen Russland aufgewachsen ist, gute Chancen hat, sich vorteilhaft in die Arbeit und das Leben im Kaliningrader Gebiet einzubringen. Die Region hat es verdient, denn ein Großteil der Region hat sich überhaupt nicht entwickelt, aber eine Entwicklung ist für die Exklave sehr wichtig. Ich wiederhole nochmal: Das Kaliningrader Gebiet hat sehr viel Ähnlichkeit mit Westberlin, wo ich lange Zeit während des Kalten Krieges gelebt habe. Westberlin hat sehr viel Unterstützung durch die Regierung der Bundesrepublik erhalten. Und die neuen Gesetzentwürfe, die jetzt für die Entwicklung der Region erarbeitet werden, beinhalten gute Ideen. Die Abschaffung der Mehrwertsteuer, die Optimierung der Arbeit des Zolls usw.

AM: All diese Dinge hängen aber nicht nur von Moskau ab, sondern auch von den örtlichen Unternehmern. Aber die örtlichen Unternehmer haben keine Lust Steuern zu bezahlen. Und noch weniger haben sie Lust, die erarbeiteten Gelder wieder zu investieren und überhaupt plant man immer nur für wenige Monate im voraus. Aber in dieser Realität haben wir viele Jahre gelebt. Glauben Sie, dass es den neuen jungen Gouverneur gelingt, diese Entwicklung umzukehren?

StS: Ich will mich nicht über die regionale Wirtschaft beschweren. Früher habe ich immer auf die Handlungen der örtlichen Unternehmer geschaut und verstanden, dass sie ihr kleines Reich von bösen Handlungen äußerer Feinde schützen wollen. Heute haben wir eine ganz andere Situation. Die größten Gefahren für die örtlichen Unternehmer kommen aus Moskau, aber das ist kein ausländisches Kapital sondern Moskauer Kapital. Die haben sehr viel Geld und kaufen alles, was man nur kaufen kann.

AM: Interessant war, dass eines der ersten offiziellen Treffen von Anton Alichanow nach seiner Ernennung ein Treffen genau mit diesen Moskauern war – also dem ehemaligen Moskauer Bürgermeister, dem bekannten Buchweizenerzeuger Juri Luschkow. Ich weiß nicht, wie vertraut Sie mit dem Bernstein-Thema sind, aber auch dies ist eine von den Geschichten die eine Rolle beim neuen Gouverneur spielen. Natürlich ist es jetzt noch zu früh über irgendwelche konkreten Ergebnisse seiner Arbeit zu sprechen. Die bisherigen Ergebnisse sehen nicht so schlecht aus. Zumindest haben die Bernsteinverarbeiter erklärt, dass die neue Verbraucherpolitik im Bernsteinkombinat gut ist und sie jetzt ihre Arbeit planen können. Was glauben Sie, kann Alichanow mit dem langjährigen Bernsteinproblem fertig werden?

StS: Ich glaube, das ist überhaupt ein echter Skandal – wenn ich irgendein Geschenk aus Bernstein kaufen will, dann bin ich gezwungen dies in Litauen oder Polen zu tun. Die Erzeugnisse der hiesigen Juweliere gefallen mir nicht. Aber die, die hochqualitative Dinge produzieren, erhalten dafür kein Rohmaterial. Dazu kommt, obwohl ich selber keine Erfahrungen habe, dass immer noch das Problem des Schmuggels in sehr großem Umfang in die benachbarten Staaten besteht. Und eben deshalb finden wir den besten Bernstein dort und nicht hier. Das ist ein Verbrechen und es existiert heute noch. Deshalb bin ich auch mit jedem Schritt einverstanden der dazu dienst, dass qualitative Bernsteinerzeugnisse hier produziert werden, im Kaliningrader Gebiet, wo der Bernstein auch gefördert wird. Dazu gehört auch die Organisation von normalen Versteigerungen.

AM: Sie haben das Gesetzesprojekt angesprochen, welches der Wirtschaft neues Leben einhauchen soll. Es wurde während des ersten Treffens des neuen Gouverneurs Anton Alichanow mit dem Präsidenten Russlands Wladimir Putin besprochen. Der Präsident sagte, dass dieses Gesetz in Kürze der Staatsduma vorgelegt wird. Konnten Sie sich schon mit dem Gesetzentwurf vertraut machen und können die darin enthaltenen Festlegungen für ausländische Investoren anziehend sein?

StS: Wie mir bekannt, gibt es drei Varianten dieses Gesetzes. Und alle drei Varianten wurden mit den örtlichen Unternehmern besprochen. Ich habe diese Varianten über die Assoziation für ausländische Investoren erhalten und gelesen. Eine dieser Varianten gefällt mir sehr. Diese basiert auf der Logik Kaliningrads als Exklave und entsprechender Hilfe wie für eine Exklave. Derartige Stimuli fehlten früher. Es gab Zollvergünstigungen, die wurden dann wieder abgeschafft. Es gab Steuervergünstigungen – die aber nur, wenn man fünf Millionen USD investiert. Mir bekannte deutsche Investoren haben mir gleich gesagt – was, wir sind doch keine Dummköpfe. Keine deutsche Bank gibt uns Geld für ein Projekt in Kaliningrad und hier in Kaliningrad einen Kredit zu erhalten ist nicht möglich. Soll ich vielleicht eigenes Geld investieren? Nein, danke. Deshalb bin ich sehr erfreut, wenn sich die neuen Ideen jetzt durchsetzen, also die Abschaffung der Mehrwertsteuer, die Subventionierung der Produktion im Kaliningrader Gebiet. Dies sind kluge und richtige Entscheidungen.

AM: In dem Gesetzentwurf ist wieder ein Mechanismus für die erleichterte Einreise von ausländischen Bürgern in das Gebiet vorgesehen. Ausländer können drei Tage vor der geplanten Einreise in das Gebiet einen Antrag per Internet ausfüllen und können dann die Grenze nur mit ihren Reisepass und einer Versicherung überschreiten. Es scheint, dass dieser Mechanismus anziehend ist, natürlich vorausgesetzt, es funktioniert alles so, wie im Gesetz geschrieben.

StS: Ich lebe schon ziemlich lange in Russland und glaube nur das, was auf dem Papier festgelegt ist mit Stempel und Unterschrift. Die Versprechungen im Zusammenhang mit Visa höre ich ständig, jeder Gouverneur hat immer alles mögliche versprochen. Aber natürlich unterstütze ich diese Position. Aber vielleicht erinnern Sie sich noch an das Experiment mit dem 72-Stunden-Visum? Auf dem Papier war alles gut, aber in der Praxis gab es Probleme mit der Registrierung, der Versicherung und letztendlich waren diese Visa teurer als die gewöhnlichen Touristenvisa. Trotzdem, diese Versuche müssen fortgesetzt werden. Kaliningrad ist klein, umgeben von Grenzen und der Ostsee. Ich sehe keine Probleme, wenn man die Grenzen für die Bürger der Europäischen Union öffnet. Natürlich muss es eine Kontrolle geben und die Menschen müssen die Möglichkeit haben, sich frei in der Region bewegen zu dürfen. Das wäre eine echte Revolution im Tourismus. Die Leute wollen Kaliningrad kennenlernen. Aber sie wollen sich nicht mit den Visa rumärgern. Wir sprechen hier nicht nur über die benachbarten Staaten, sondern auch über Deutschland, Schweden und die anderen europäischen Länder. Das wäre wirklich ein guter Stimul für die Entwicklung des Tourismus.

Ein anderes Problem ist, wenn ich hier irgendwas produziere und meine Maschine geht kaputt. Ich muss einen Fachmann zur Instandsetzung aus Europa einladen. Aber es ist für mich unvorteilhaft eine Woche zu warten, bevor er alle die Papiere bekommt um einreisen zu dürfen, denn die Produktion steht. Also, ein visafreier Verkehr wäre vorteilhaft für die Wirtschaft.

Und, natürlich sind die Kaliningrader für Deutschland nicht gefährlich – davon bin ich überzeugt. Deshalb glaube ich, dass auch Deutschland frei die Visa ausgeben sollte, damit die Kaliningrader Europa mit eigenen Augen sehen können.

AM: Nur die Visaangelegenheiten, wie auch andere internationale Vereinbarungen werden nach dem Prinzip der Gegenseitigkeit geregelt. Einseitige Maßnahmen erfreuen sich keiner großen Beliebtheit im russischen Außenministerium unter den modernen Bedingungen. Wir haben dies schon beim kleinen visafreien Grenzverkehr mit Polen gesehen, denn eigentlich hätten wir die visafreie Einreise der Polen nach Kaliningrad belassen können. Nur man hat sich auf das Prinzip der Gegenseitigkeit berufen und auch für die Polen den visafreien Verkehr abgeschafft. Aber das, was im Gesetzprojekt vorgesehen ist, trägt einseitigen Charakter. Könnte das zu einem Problem werden?

StS: Wenn es einen Streit gibt, brauchen wir jemanden, der diesen Streit beendet. Und wenn man in Deutschland sieht, dass Russland eine freie Einreise für die Europäer in das Kaliningrader Gebiet schafft, so könnte ein entsprechender Antwortschritt erfolgen.

AM: Die Entscheidung des föderalen Finanzministeriums über die Kürzung der Subventionen für die örtlichen Unternehmer im Rahmen des „Problems 2016“ war eine Folge der schwachen Beantragung der zur Verfügung gestellten Gelder. Selbst die zur Verfügung gestellten Gelder wurden vom örtlichen Unternehmertum nur zu einem Drittel abberufen. Das bedeutet also, dass zwei Drittel der produzierten Waren weniger ins russische Mutterland geliefert wurden – die Zahlung von Subventionen war ja gerade an diese Zahl gekoppelt. Bedeutet das, dass die Instrumente für die Lösung des „Problems 2016“ nicht effektiv funktionieren?

StS: Ich habe da einen etwas anderen Eindruck. Die Beamten haben es ja vorhergesagt – Chaos und Rückgang der Produktion, weniger Warentransporte. Ich habe vor einem Jahr gesagt, dass ich nicht so richtig verstehe, wie die vorgeschlagenen Maßnahmen die Probleme kompensieren sollen, die mit dem Wegfall der Zollvergünstigungen zusammenhängen. Aber in Russland gibt es ein Prinzip: Zuerst passiert das Chaos und erst danach macht man daraus irgendetwas Gutes. Und dieses Prinzip funktioniert heute noch. Wir Deutsche verstehen das natürlich nicht, empfinden dies als schrecklich, unsere Opposition würde solche Arbeitsmethoden einfach nicht zulassen. Aber auf der anderen Seite habe ich nichts gehört, dass irgendein großes Unternehmen in Kaliningrad nach dem 1. April bankrott angemeldet hätte.

Die Arbeitslosenziffern sind nach wie vor niedrig. Wir verstehen natürlich, dass diese Zahlen uns wenig sagen, weil nur wenige Arbeitslose sich registrieren lassen. Aber andere Zahlen existieren eben nicht.

AM: Aber die offizielle Anzahl der mit Verlust arbeitenden Unternehmen wächst. Auf der anderen Seite, Russland ist ein Land, wo Unternehmen eine unbegrenzte Zeit mit Verlust arbeiten können.

StS: Ja, deshalb glaube ich auch, dass die Statistiken, die ich aus der Regierung erhalte, nicht ganz objektiv sind. Häufig dienen sie dem Ziel der Rechtfertigung von Anstrengungen des Gouverneurs oder irgendeines Ministers – leider.

AM: Sie hatten die Pläne von deutschen Landwirten erwähnt, die hier landwirtschaftliche Projekte planen. Wir leben schon zwei Jahre unter der Flagge der Importablösungen, unter dem Druck der Politik zur Importablösung und unter den Bedingungen von Sanktionen und Gegensanktionen. Zwei Jahre – das ist keine lange Zeit, aber auch keine kurze Zeit. Was meinen sie, gelingt uns die Importablösung?

StS: Ja, was die Landwirtschaft anbelangt. Ich sehe reale Resultate im Anbau von landwirtschaftlichen Erzeugnissen und hier ist auch schon deutsches Kapital vor Ort. Aber bis zur Importablösung im Bereich der Produktion ist es noch weit, hier sehe ich vorläufig keine Erfolge. Das liegt daran, dass, wenn man irgendetwas produziert und es in das russische Mutterland bringen will, logistische und Zollprobleme beginnen. Das ist alles viel zu kompliziert. Eben deshalb sind auch große Hersteller nicht daran interessiert zu uns zu kommen. Sie brauchen neue Stimuli – zum Beispiel den Wegfall der Mehrwertsteuer, eine vereinfachte Verzollung, neue Transportmöglichkeiten. Wenn das alles vorhanden ist, dann kommen sie auch, dann wird dies eine Insel des Freihandels.

AM: Um das Thema des neues Gouverneurs abzuschließen – wir haben jetzt eine Periode, wo es wichtig ist, anderen Ratschlägen zuzuhören – natürlich unter der Voraussetzung, des er für andere Meinungen aufgeschlossener ist, als seine Vorgänger. Es gibt da so eine alte Anekdote über die zwei Herren und zwei Umschläge. Es ist kaum anzunehmen, dass Alichanow von seinem Vorgänger zwei Umschläge erhalten hat. Was würden Sie ihm raten?

StS: Als Antwort zu Ihrer Anekdote kann ich sagen, dass, als ich in Russland anfing zu arbeiten, ungefähr vor 20 Jahren, in meinem ersten Arbeitszimmer, welches ich angemietet hatte, ein großes Plakat hing. Darauf war geschrieben: „Wenn du helfen willst – dann störe nicht“. Und ich glaube, dieser Gedanke ist völlig richtig. Ich will nicht stören bei irgendwelchen Entscheidungen, es sind deren Entscheidungen. Ich helfe hier nur dann wenn es nötig ist und gebe nur dann Ratschläge, wenn man mich darum bittet.

Auf der anderen Seite möchte ich aber größere Anstrengungen der Regierung und persönlich des Gouverneurs zur Reklamierung der Möglichkeiten des Kaliningrader Gebietes im Ausland sehen. Gegenwärtig ist es zum Thema Kaliningrad im Ausland sehr ruhig. Wir brauchen offizielle Besuche, Vereinbarungen mit der Regierung Deutschlands oder den Verantwortlichen der Länder in Deutschland. Ich bin bereit bei der Organisation dieser Reklame- und Investitionsreise gemeinsam mit den Kaliningrader Unternehmern zu helfen.

AM: Viele, wenn nicht gar alle, haben bemerkt, dass der Gouverneur Anton Alichanow sehr jung ist. Nach russischer Tradition sind 30 Jahre eigentlich nicht viel, um eine derart ernste staatliche Funktion zu bekleiden um so mehr eine Region mit derartigen Besonderheiten zu leiten. Jugend und Frische – Ihrer Meinung nach, ist das ein Plus in den Beziehungen zu den angrenzenden Ländern? Und überhaupt, in Deutschland, würde es da einen 30jährigen Leiter einer Region geben, wäre das normal?

StS:  Nein. Ich glaube, dass bei uns derart junge Leute nicht für eine ähnliche Funktion ausgewählt werden würden. Sie sollten schon 35-40 Jahre alt sein und eine ausreichende Erfahrung in der Arbeit haben. Aber Alichanow wurde nicht von den Wählern gewählt, sondern vom Präsidenten eingesetzt. Vermutlich hat er dort gezeigt, was er kann. Ich selber habe einen 33jährigen Sohn und ich muss ihm noch ziemlich oft helfen. Aber auf der anderen Seite, ich verstehe: wenn man eine gute Ausbildung hat, reiche Arbeitserfahrungen – warum denn nicht? Jetzt muss man einfach nur warten und helfen.

AM: Ich kann das Thema der Außenpolitik noch nicht beenden. Fast gleichzeitig mit der Ernennung des Gouverneurs Anton Alichanow, wurde auf der Fähre mit der romantischen Bezeichnung „Ambal“ Iskander-Raketen nach Kaliningrad gebracht. So wie die halbstaatlichen Massenmedien darüber berichten, wurde mit voller Absicht die öffentliche Überführung der Raketen durchgeführt um zu zeigen: Kaliningrad ist der Vorposten Russlands im Baltikum und wir zeigen es Euch. Diese militaristische Rhetorik ist unvermeidlich, insbesondere unter den gegenwärtigen schwierigen geopolitischen Bedingungen. Welche Auswirkungen könnte dies auf die wirtschaftliche Entwicklung haben?

StS: Natürlich stört dies alles in der wirtschaftlichen Entwicklung. Menschen, die investieren wollen, müssen mit diesen Raketen im Kopf leben. Völlig egal, wo sich diese befinden, das Ziel dieser Raketen sind andere Raketen. Ich glaube, dass alle diese Raketen eine Garantie dafür sind, dass im Falle eines Krieges alles vernichtet wird. Deshalb habe ich Angst. Jeder normal denkende Mensch kann heute kriegerische Launen und Entscheidungen nicht unterstützen, egal wo er sich befindet. Alle Waffen die es jetzt bei uns gibt sind derart schrecklich, das von uns nichts übrig bleiben wird, wenn man davon auch nur einen kleinen Teil einsetzen wird.

AM: Die beständige und kluge Position der Befürworter einer verstärkten Anwesenheit Russlands im Baltikum besteht darin, dass dies eine Antwort auf die Verstärkung der Positionen der NATO im Baltikum und in Polen ist. Das sind keine leeren Worte, denn das Kontingent der NATO im Osten Europas wächst. Es ist ersichtlich, dass es nicht ausreichend normal denkende Leute auf beiden Seiten der Grenze gibt.

StS: Ich bin damit einverstanden und beziehe darin auch Polen und Deutschland ein. Aber auf der anderen Seite, die Unternehmen, die Waffen herstellen, leben einfach nur wie die Made im Speck. Sie produzieren immer mehr Waffen, Waffen, Waffen. Aber je mehr Waffen gekauft werden, um so weniger Soziales kann geleistet werden. Der Haushalt ist in jedem Land nicht aus Gummi. Ich bin kein Kommunist oder Sozialdemokrat. Aber ich bin ein Mensch der sein ganzes Leben gehofft hat, dass sich ein Zweiter Weltkrieg nicht wiederholt. Ich habe an studentischen Antikriegsdemonstrationen teilgenommen, ich war immer so einer. Wir müssen am Frieden arbeiten und nicht am Krieg.

AM: In den letzten Monaten wurden in staatlichen und dem Staat freundschaftlich gesonnenen Massenmedien eine Reihe von Artikeln veröffentlicht, die die sogenannte Germanisierung des Kaliningrader Gebietes betrafen – mal abgesehen, wie man diesen Begriff definiert. Wie denkt ein echter, vielleicht ein wenig russischer Deutscher darüber? Was soll das, wofür das, diese notorische Germanisierung unserer Region?

StS: Ich bin schon lange hier und ich erinnere mich, als ich im Jahre 1996 hierher kam, sagte der damalige Gouverneur: Die Deutschen wollen uns wieder zurückholen und wir werden wie Sklaven arbeiten. Aber ich hatte die offizielle Information, dass die Regierung der BRD und Kanzler Helmut Kohl kein Interesse am Kaliningrader Gebiet hatten. Sie haben sehr gut verstanden, dass es dann wieder zu einem Korridor durch Polen kommt und Polen sich in einer unangenehmen Situation befinden wird. Ich garantiere, dass wir, die Deutschen, keinerlei Veränderungen des Kaliningrader Status wollen. Die Entscheidungen der Potsdamer Konferenz unterliegen keinerlei Veränderungen, Grenzen in Europa dürfen nicht verändert werden. Denn die kleinste Veränderung wird eine ganze Kettenreaktion hervorrufen – auch was Kaliningrad anbelangt.

Was uns als Deutsche freut ist natürlich, wie sich die Bewohner der Stadt zu ihrer Geschichte verhalten. Wenn ich durch die Kutusowa gehe und an einem alten Haus eine deutsche Inschrift sehe, so freue ich mich darüber. Oder auch über einen altdeutschen Postkasten. Dann spüre ich die deutschen Wurzeln dieser Stadt und genau die wollen auch die russischen Touristen sehen. Eben deshalb ist die Stadt ein wenig anders als die anderen gewöhnlichen russischen Städte. Die Stadt hat einen anderen Geist, zeigt sich offen.

Was die Massenmedien anbelangt – ich glaube nicht, dass sich hier die Meinung der Mehrheit widerspiegelt. Das sind mehr Privatmeinungen und die stellen kein ernstes Problem dar. Kaliningrad ist eine russische Stadt und das bestreitet niemand.

Für die Übersetzung: Uwe Niemeier

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Kommentare ( 2 )

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 20. Oktober 2016 02:30 pm

    Hallo Uwe,
    danke für die Übersetzung. Bis auf ein paar "mickrige" Kleinigkeiten am Ende bin ich im wirklich Großen und Ganzen ziemlich der Meinung des deutschen Ökonomen Dr. Stefan Stein.
    Er scheint Euer Gebiet und Eure Befindlichkeiten ziemlich genau zu kennen. Oder irre ich mich?
    Dr. Stein scheint ein Realist zu sein. Und seine russische Wahlheimat scheint ihm auch ans Herz gewachsen zu sein.
    Was aus dem Interview nicht ganz so eindeutig hervor geht, oder ich habe es zweimal überlesen, daß Kaliningrad neben der nun beginnenden ertragreichen Landwirtschaft auch die Gemüseproduktion unter Glas so richtig beginnt. Aber wie geht es weiter? Vielleicht gelingt es dem Dr. Stein mit dem Namen eines berühmten deutschen Reformers wirklich gute Firmen aus Westeueropa anzulocken, die die angebauten Früchte auch gleich vor Ort in hoher Qualität verarbeiten. Es müssen ja nicht die großen Ketten sein. Ein vor allem qualitativ gutes Unternehmen von mittlerer Größe hat doch auch die Möglichkeit zu wachsen. Das ist oft besser als so ein Weltunternehmen, daß letztendlich in seinen Strukturen ziemlich unflexibel ist. Aber es muß sich in Kaliningrad ansiedeln und dort auch arbeiten und beweisen und nicht die Rohprodukte zur Verarbeitung außer Landes bringen.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 20. Oktober 2016 08:31

      Dr. Stein hat im Jahre 1996 die Vertretung der Handelskammer Hamburg in Kaliningrad übernommen und war über viele Jahre auch für den Bereich St. Petersburg zuständig. Er lebt vor Ort bei uns in Kaliningrad und weiß natürlich, was vor Ort passiert. Natürlich kann man bei so einem Interview nicht aus Einzelheiten eingehen (Gemüseanbau). Es ging um die prinzipiellen Ansichten eines Deutschen in Kaliningrad über Kaliningrad - insbesondere in einer politisch angespannten Periode. Ich habe die Vermutung, dass Alexej Milowanow (der Chefredakteur) mit anderen Antworten von Dr. Stein gerechnet hat ... aber das ist nur eine Vermutung ...

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 20. Oktober 2016 20:01 pm

    Dann ist eben der der heutige Dr. Stein auch für Überraschungen gut, so wie es sein berühmter Namensvetter ja auch war.
    Mir ging es weniger um die Spezie Gemüseanbau an sich, die ja zumindestens erwähnt war, sondern mehr um die hochproduktive und hochqualitative Verarbeitung der landwirtschaftlichen Rohstoffe, die Kaliningrad in gewisser Weise auch von "Importen" aus dem Mutterland unabhängig macht. Bei guter Qualität werden dann Produkte aus Kaliningrad gefragt sein. Und wenn ausländische Investoren vor Glück stahlen, daß sie es mit Kaliningrad richtig gemacht haben, werden ganz bestimmt weitere kommen.

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