Kaliningrad ist nicht Moskau. Jaroschuk zum Kaliningrader Renovationsprogramm

Kaliningrad ist nicht Moskau. Jaroschuk zum Kaliningrader Renovationsprogramm
Begleittext zur Videoinformation
Der hier veröffentlichte Text ist der gesprochene Begleittext zum Video und entspricht der Qualität eines Manuskripts. Am Ende des Textes finden Sie den eigentlichen Beitrag in Form einer Videoinformation. Nur der Manuskripttext enthält nicht alle angebotenen Informationen, denn im Videobeitrag gibt es zusätzliche eingeblendete Text-, Grafik- und Fotoinformationen.

 

Wissen Sie, was ein Renovationsprogramm ist? Es hört sich irgendwie so nach Renovieren an – finde ich. Und mit ein wenig großzügiger Auslegung ist das auch so. Allerdings geht es nicht um das Renovieren einer Wohnung, sondern um die Renovierung einer Stadt.

Alle kennen die typischen Plattenbauten in der Sowjetunion und der ehemaligen DDR. Das Bausystem ein und dasselbe, die Qualitäten unterschiedlich. Es musste damals schnell gehen. Viel war im Krieg zerstört worden und die Menschen wollten wieder wie Menschen wohnen und nicht in Kellern und Erdgruben hausen.

Heute stellen diese Häuser ein optisches Ärgernis dar und bieten ideale Diskussionsansätze für ausländische Gäste darüber laut nachzudenken, dass die Russen nichts können … noch nicht mal schön bauen können sie. Über die Ursachen dieser sozialistischen Schlichtarchitektur will niemand nachdenken. Wichtig ist einigen Besuchern und Russlandspezialisten, das Land zu diskreditieren und die Menschen herabzusetzen.

Das Problem hat man in Russland schon lange erkannt, aber um es zu lösen, braucht man Zeit, aber vor allem Geld.

Dazu kommt, dass in den 90er Jahren fast alle Wohnungen, die bisher Staatseigentum waren, privatisiert worden sind und der Staat natürlich nicht willkürlich mit diesen Häusern und den darin lebenden Menschen verfahren kann. Also einfach den Befehl zum Abreißen zu geben – das geht nicht.

Moskau hat für sich eine Lösung gefunden. Man hat mit tausenden, zehntausenden von Bewohnern dieser Häuser gesprochen. Diese sind bereit in andere, neue Häuser umzuziehen. Die Stadt baut diese neuen Häuser, Platz ist genügend vorhanden und es gibt wohl niemanden der Altbewohner, der sich bei diesem Umzug nicht verbessert – sowohl zur Wohnqualität, wie auch zu den Quadratmetern, wie auch zum Wohnumfeld.

Die alten Häuser werden abgerissen und es werden neue Häuser gebaut. Diese haben ein paar mehr Etagen als die alten Häuser und damit finanziert sich das ganze Renovationsprogramm – um es mal ein wenig einfacher auszudrücken. Natürlich muss die Stadt mit Geld in Vorleistung treten, aber Moskau hat Erfahrung mit Geld und derartigen Großprogrammen. Somit ist abzusehen, dass wohl in spätestens zwanzig Jahren keine sogenannten „Chruschowkas“ mehr in Moskau zu sehen sein werden.

Alexander Jaroschuk, ehemaliger Bürgermeister von Kaliningrad, Besitzer der Baumarktkette „Bauzentr“ und jetziger Abgeordneter der russischen Staatsduma für das Kaliningrader Gebiet, hat sich nun zu diesem Thema geäußert und gemeint, dass Kaliningrad auch dringend so ein Renovationsprogramm benötige, denn die Chruschowkas, die in Kaliningrad stehen, sehen nicht nur genauso schlicht aus, wie die Moskauer, sie werden auch nur noch zehn Jahre stehen – höchstens zehn Jahre. Einigen Gebäude im Stadtzentrum gibt Jaroschuk nur noch fünf Jahre. Da wollen wir mal hoffen, dass er nicht die fassadenrenovierten Gebäude auf dem Leninski-Prospekt meint. Aber er kommentierte, dass er die Häuser in den Straßen Sommera und Proletarskaja meint.

Prinzipiell hat Jaroschuk natürlich recht. Die Häuser entsprechen nicht mehr ihrem eigentlichen Zweck. Nur die Möglichkeiten, die Moskau hat, die hat Kaliningrad nicht – weder finanziell noch von der eigentlichen Stadtarchitektur.

Viel ist in den letzten Jahren durch Neubauten in Kaliningrad schon verdorben worden – durch die sogenannte punktuelle Bebauung, wo völlig unverständlich zwischen Gebäuden mit fünf Etagen, plötzlich ein Wolkenkratzer hingestellt wurde – wiederum in neurussischer Schlichtarchitektur. Es sind die Sünden der 90er Jahre und der frühen 2000er Jahre, die Kaliningrad in spätestens 20 Jahren, vielleicht auch früher, so einholen werden, wie das „Chruschowka-Problem“ heute.

Kurz und gut, Kaliningrad ist historisch eine Stadt mit niedrigetagigen Häusern, drei, fünf Etagen. Und die sollen nun abgerissen werden und, um das Renovationsprogramm umzusetzen, gegen 10 Etagen oder mehr ausgetauscht werden?

Mit anderen Worten, es entsteht ein Stadtzentrum mit Hochhäusern und je weiter man sich aus dem Stadtzentrum entfernt, um so niedriger werden die Häuser, also, aus dem Weltall würde Kaliningrad dann irgendwie wie eine Pyramide aussehen?

Hoffen wir, dass es nicht so dramatisch wird, denn die russische Staatsduma hat zu dem, in ganz Russland anstehenden Renovationsprogramm, erklärt, dass man nicht nur abreißen will, sondern Häuser auch einfach nur komplett rekonstruieren wird. Dann bleibt nur noch die Frage, woher das Geld kommt, denn die Besitzer der in den 90er Jahren kostenlos privatisierten Wohnungen in diesen Chruschowkas werden sich an diesen Kosten wohl kaum beteiligen, wenn es jetzt schon Schwierigkeiten gibt, das Geld einzutreiben, was seit zwei Jahren monatlich in den Fond für Gemeinschaftseigentum gesetzlich einzuzahlen ist.

Aber schauen wir optimistisch in die Kaliningrader Zukunft. Die Russen haben schon ganz andere Probleme gelöst, warum sollen sie nicht auch eine ganze Stadt renovieren können?

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Kommentare ( 2 )

  • boromeus

    Veröffentlicht: 22. Dezember 2018 21:18 pm

    Das Problem der Plattenbauten reicht bis Vladivostok.Wo ein paar Qm frei sind wächst ein neuer Betonpilz.
    Billig u. schnell gebaut.Kaum Isolierung, Frontwände bewegen sich cm-weise bei stark schwankenden Temperaturen. Fassadendämmung?Ernergieoptimierung?Wozu?
    Gibt doch Heißdampf.Dehnungsfugen außen schmiert man mit Bauschaum zu.Der Staat hat sich in den 90ger der Häuser entledigt. Die Leute haben nur ihr Eigentum schick gemacht.Alles was umzu ist interessiert deshalb ja auch keinen.Darum sieht es ja auch in einigen Treppenhäuser so aus.Katastrophale Fernmelde und E-Installation,grobe Treppenstufen, Schummerlicht.Liftkabinen in denen man vor Amoniakgestank keine Luft holen kann,aber elektronischer Zugang.Da das alles so akzeptiert wird scheint das so in Ordnung zu sein.Man legt auf andere Dinge wert.Das es geht ,zeigt die Frontverblendung KGDs grössten Plattenbau.Wer jahrelang nichts an der Aussenhülle des Hauses macht muß sich nicht wundern wenn die Bude irgendwann dicke Backen macht

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 23. Dezember 2018 04:33 pm

    Das Problem der Plattenbauten reicht - von Dortmund - bis Vladivostok..

    Ich kenne da in Dortmund einige solcher Bauten aus den Achtzigern, die da hingeschludert wurden als Sozialwohnungen und nichts daran gemacht wurde.
    Da lief in einigen Aufgängen bei starkem Regen und Wind das Wasser in den Wohnungen an der Hauswand hinab - aber innen. Nicht außen. Da zog es bei Wind durch die ganze Wohnung. Heizkostenabrechnung, Elektrorechnung, Wasserechnung, was ist das (?) - eine Katastrophe. Wer wohnte in diesen Wohnungen Anfang der Zweitausender? Leute, die kaum Deutsch verstanden und alle eine Hecke Kinder hatten.

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