Kaliningrad, Krasnodar – Gemeinsamkeiten und Gegensätzliches

Kaliningrad, Krasnodar – Gemeinsamkeiten und Gegensätzliches

Kaliningrad und Krasnodar – was gibt es an Gemeinsamkeiten? Beides sind russische Städte und fangen mit dem Buchstaben „K“ an. Beide Städte haben sich um die Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 beworben und der Entscheidung der FIFA im September 2012 entgegengefiebert. Beide Städte sind „Hauptstädte“ in ihrem Verwaltungsbezirk und was die Bevölkerungszahl angeht, beginnen schon die Unterschiede: Kaliningrad als Stadt hat 450.000 und Krasnodar rund 800.000 Einwohner.

Das Gegensätzliche setzt sich damit fort, dass Krasnodar eben ein Konkurrent war/ist bei der Bewerbung als Ausrichterstadt der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 und die Entscheidung zugunsten Kaliningrads gefallen ist. Natürlich, eine für Krasnodar traurige Entscheidung, aber es wurden nun einmal nur 11 Städte für die Weltmeisterschaft benötigt und es gab insgesamt 16 Bewerberstädte. Und die besten Städte aus dieser Anzahl wurden ausgewählt.

Die Besten? Nun, es kommt darauf an, wie man dieses Wort definiert. Solche Weltereignisse wie die Fußball-Weltmeisterschaft werden auch immer genutzt, um diese an Orten durchzuführen, die in der allgemeinen Entwicklung Nachholebedarf haben und innerhalb dieser Städte werden dann wiederum unterentwickelte Plätze gewählt für die Errichtung von Bauten, Vervollständigung der Infrastruktur usw.

Und so war es auch in Kaliningrad. Wir haben kein geeignetes Stadion und so soll nun ein Stadion gebaut werden – für insgesamt 45.000 Besucher und einem Preis von 10 Mrd. Rubel (230 Mio. Euro). Nach der Weltmeisterschaft soll das Stadion etwas modifiziert werden und 25.000 Besuchern für verschiedene sportliche und kulturelle Veranstaltungen Platz bieten. Als Standort für das Stadion hat man die sogenannte „Insel“, zu Deutsch „Lomse“ gewählt.

Der Standort ist bis heute umstritten. Er ist versumpft und der Bau eines so gewaltigen Stadions mit einer entsprechenden Grundbelastung bedarf technischer Vorbereitungsarbeiten – die Grundverfestigung. Insgesamt, wenn alles bestens läuft, wird hierfür ein Jahr benötigt. Danach können dann die richtigen Bauarbeiten beginnen, d.h. irgendwann Ende 2014. Bis zum Beginn der Weltmeisterschaft verbleiben also noch gut drei Jahre – drei Jahre für den Bau so eines Stadions! Ich hatte in der letzten Zeit Gespräche mit „Leuten vom Fach“ und auch mit Leuten die „an der Quelle“ sitzen und leider gab man mir zu verstehen, dass es kaum noch möglich ist, diesen Termin zu halten, selbst wenn in Kaliningrad der „Kriegszustand“ ausgelöst würde.

Und es gibt noch ein weiteres „Folgeproblem“. Es ist bekannt, dass jeder Neubau sich im Verlaufe von bis zu 10 Jahren „setzt“. Einer meiner fachkompetenten Gesprächspartner sagte mir, dass es Berechnungen gibt, dass sich das Stadion bei diesem Setzprozess um bis zu fünf Meter absenken kann. Ein erschreckender Gedanke – insbesondere wenn man davon ausgeht, dass die Absenkung sicher nicht gleichmäßig erfolgt.

  • Kein Stadion, keine Weltmeisterschaft!
  • Keine Weltmeisterschaft, kein Imagezuwachs!
  • Kein Imagezuwachs, keine neuen Investoren!
  • Keine Investoren, keine Entwicklung.

Bitte, liebe Leser, es soll auf keinen Fall bei Ihnen der Eindruck entstehen, als ob ich gegen den Bau des Stadions bin oder gegen diesen Standort. Ich war am Samstag vor Ort und habe mich dort umgeschaut. Dieser Platz schreit förmlich nach Veränderung! Aber ein Stadion sollte dort nur gebaut werden, wenn wir dafür genügend Zeit und auch genügend Geld haben. Beides ist nicht gegeben.

Kaliningrad schlummert somit weiterhin seinen Dornröschenschlaf und bleibt eine kleine gemütliche unfertige Provinzstadt mit dem einzigen Vorteil, ein gutes Bindeglied zwischen Europäischer Union und dem russischen Mutterland zu sein – rein geographisch gesehen.

Und was hat nun Krasnodar mit Kaliningrad zu tun? Nun, dort hat man sich mit der „Niederlage“ nicht abgefunden, die Lage Kaliningrads analysiert und die Stadt bereitet sich mit voller Wucht auf die Fußball-Weltmeisterschaft vor – jederzeit bereit, die Rolle Kaliningrads zu übernehmen. Leider habe ich niemanden gefunden, der mir widersprochen hat.

Schade auch, dass man nicht auf die Ansichten des Vertreters des russischen Präsidenten, Stanislaw Woskresenski gehört hat. Der hatte vorgeschlagen einen anderen, technisch weniger schwierigen Bauplatz zu finden und die eingesparten Gelder (ca. 1 Mrd. Rubel – 23 Mio. Euro) in die weitere Vervollständigung der Kaliningrader Infrastruktur zu stecken. Nun, es ist das Schicksal des Präsidentenvertreters, dass er eben zu wenig ausübende Macht hat und in regionalen Belangen leider oftmals nur „beratend“ auftreten kann. Und wenn man so diszipliniert ist wie Stanislaw Sergejewitsch, dann gibt es (leider) auch keinen Versuch einfach mal „über die Strenge zu schlagen“.

Aber außer der Stadion-Problematik tauchen bei mir noch andere Fragen auf. Es muss noch viel mehr getan werden in Vorbereitung des 2018er Jahres. Und ich sehe nicht, dass in Kaliningrad irgendetwas passiert. Aber vielleicht habe ich auch nur zu wenig Überblick? Ich weiß natürlich, dass es eine russische Eigenschaft ist, alles in Ruhe anzugehen. Und kurz vor Ultimo wird dann der „Kriegszustand“ ausgerufen und es klappt alles noch in letzter Minute. Einige meiner Gesprächspartner verwiesen mich immer wieder auf die Situation in Sotchi, wo auch viele Anlagen noch nicht fertig sind. Aber ehrlich gesagt, mich interessiert Sotchi nicht. Mich interessiert Kaliningrad und ich wünsche mir, dass wir hier etwas „sortierter, überlegter, planbarer“ vorgehen. 

In Kriegszeiten kann man wegen Defätismus erschossen werden. Zu meinem Glück hat Kaliningrad noch nicht den Kriegszustand ausgelöst und es gelten die Friedensgesetze. Aber ein paar Sorgen mache ich mir schon – und nicht nur ich.

Neben der nicht sichtbaren Vorbereitung auf die Fußball-Weltmeisterschaft haben wir außerdem noch das ungelöste Problem 2016 – Auslauf der Sonderwirtschaftszone. Siebzig Prozent der Kaliningrader Ökonomie hängt irgendwie an diesen Regelungen und es gibt noch keine Lösung. Mir scheint, dass wir uns auf ein riesiges dunkles Loch zubewegen.

Um diese Prozesse alle zu beherrschen, benötigt man eine starke Hand, eine starke Regierung. Die Regierung Zukanov, seit Oktober 2010 im Amt, hat im Verlaufe dieser 35 Monate 44 Minister verschlissen, also alle 24 Tage einen Minister. Und es geht nicht darum, dass die Minister gehen. Es geht darum, dass „Wissen und Erfahrung“ geht. Es ist fast niemand mehr in der Regierung, der sich an die Grundidee der Planungen für Kaliningrad erinnert. Die Nichtauslastung der föderalen Fördergelder (bisher nur 23 Prozent) liegt genau darin begründet. Niemand weiß mehr so richtig Bescheid und ehe man etwas verkehrt macht, macht man lieber gar nichts. Eine schlimme Tendenz.

Und wenn wir die Organisation der Fußball-Weltmeisterschaft an eine andere Stadt verlieren, dann verlieren wir viel Arbeit und viel Wirtschaftskraft und vorher noch das Dilemma des Jahres 2016 – was macht dann die Bevölkerung wenn sie nicht zur Arbeit gehen muss? Eine Woche langweilt sie sich zu Hause. Die zweite Woche wird von Nachdenklichkeiten geprägt sein und in der dritten Woche trifft man sich zum „Gedankenaustausch“. Ehrlich gesagt, möchte ich bei diesem Gedankenaustausch nicht dabei sein.

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