Kaliningrader Empfindlichkeiten oder die selbst organisierte Transportblockade

Kaliningrader Empfindlichkeiten oder die selbst organisierte Transportblockade

In den letzten Monaten, ja eigentlich den letzten drei Jahren, berichteten wir regelmäßig über die verschiedensten Blockaden, angedroht durch unsere westlichen Partner, die Kaliningrad zu befürchten hat. Wir berichteten über die Kaliningrader Empfindlichkeiten. Wir berichteten nicht über Blockaden und Empfindlichkeiten, die Kaliningrad für sich selber organisiert.

In der Nacht vom Dienstag zum Mittwoch landete ein Airbus A321 der Fluggesellschaft „Aeroflot“ aus Moskau kommend, mit 167 Passagieren und 7 Besatzungsmitgliedern an Bord, auf dem Kaliningrader Airport Chrabrowo. Während bei allen anderen bisherigen Landungen sich die Landebahn als ausreichend lang gezeigt hatte, war es in diesem Fall nicht so. Das Flugzeug schoss über die Landebahn hinaus, brach sich das Vorderrad und blieb auf dem Acker liegen. Kein Bordinsasse wurde ernsthaft verletzt, die Rettung, so beurteilten es die Passagiere selber, erfolgte schnell und professionell.

Foto (newkaliningrad.ru): Airbus A321 schoss über die Landebahn hinaus
 
Ein derartiger Unfall ist unangenehm, er bringt Abläufe und Flugpläne durcheinander, aber ist auch nicht gerade ungewöhnlich. Unfälle passieren überall. Und ein vernünftig organisierter Airport ist auch auf Unfälle dieser Art vorbereitet, denn Spezialisten kommentierten, dass die Bergung eines Flugzeuges, welches auf der Landebahn verunglückt, vierzig Minuten, bis höchstens drei Stunden erfordert. Immerhin muss der Flugbetrieb weiterlaufen, insbesondere, wenn ein Airport nur über eine Start- und Landebahn verfügt.

Aber der Kaliningrader Airport war nicht gut organisiert, denn man hatte keine Technik um das Flugzeug anzuheben und irgendwie auf einen Stellplatz zu bugsieren. Es dauerte viele Stunden, bis der erste Spezialkran kam, um das Flugzeug anzuheben.

Foto (newkaliningrad.ru): Bergeversuch mit einem ausgeliehenen Spezialkran
 
Der Kran erwies sich aber als nicht geeignet für eine Bergung und so wurde die Freigabe des Airports von Stunde zu Stunde hinausgeschoben und abgehende und ankommende Flüge annulliert:
 
Foto (newkaliningrad.ru): Nichts bewegt sich mehr auf dem Kaliningrader Airport
 
Dann erinnerte man sich an die Ostseeflotte und das dort wohl auch Spezialtechnik vorhanden ist. Erst vor kurzem wurde gemeldet, dass ein Superkran zur Bergung von schwimmenden Objekten an die Ostseeflotte übergeben wurde. Das Problem ist aber, dass es ein Schwimmkran ist und er sich deshalb schlecht für einen Einsatz auf dem trockenen Airport Chrabrowo eignet.
 

Wie in den späten Abendstunden des Mittwochs bekannt wurde, hat die Ostseeflotte sechs Technikeinheiten, zwei Kettenfahrzeuge und vier schwere Kfz.-Schlepper vom Typ „Ural“ zum Airport entsandt. Der Gouverneur hat angeordnet, dass ununterbrochen zu arbeiten ist und der Airport die ganze Nacht über Flugzeuge entgegenzunehmen und abzufertigen hat, damit der Flugbetrieb sich im Laufe des Donnerstags wieder normalisiert. Es bleibt abzuwarten, ob man dazu in der Lage ist.

Derweil man die Bergung des Flugzeuges organisierte, sammelten sich die Passagiere an. Der Kaliningrader Airport ist eine Bauruine, die Bedingungen nicht besonders gemütlich, Sitzplätze nicht ausreichend und die gastronomischen Einrichtungen, die nicht gerade üppig vorhanden sind, freuten sich sicherlich über die phantastischen Umsätze.

Foto: Situationsaufnahmen im Kaliningrader Airport und in der Kantine des Airports
 
Kaliningrader Medien, Sozialmedien und Mund-zu-Mund-Informationen berichteten über die Zustände, über nicht ausreichende Informationen, über verpasste Anschlussflüge, über verfallene Urlaubsplätze – kurz, über die völlige Blockade des Kaliningrader Airports. Da aber Kaliningrad nur über einen einzigen zivilen Airport, mit nur einer Start- und Landebahn verfügt, hatte man in „Eigeninitiative“ die Luftblockade Kaliningrads organisiert. Also nicht die bösen westlichen Partner haben dies getan, sondern wir selber haben uns blockiert. Und die Eigenblockade wurde durch Kaliningrad langfristig organisiert und zeigte alle Empfindlichkeiten des Gebietes – selbst nach einem derart kleinen Vorfall.
 
Im Jahre 2008 wurde die Fluggesellschaft „KD-Avia“ bewusst in den Bankrott getrieben. Mag sein, dass die damaligen Verantwortlichen Fehler begangen haben, aber was sich danach abspielte zeugt eigentlich von einer bewussten Sabotage, organisiert durch russische Verantwortliche und nicht durch westliche Feinde und nicht zu vergleichen mit den Fehlern, die die Geschäftsführung der KD-Avia vielleicht zugelassen hatte. Unsere westlichen Feinde freuen sich natürlich, dass ganz ohne ihr Zutun die ganze Unfähigkeit Kaliningrads zutage tritt und ein einziges gebrochenes Fahrwerk ausreicht, um einen ganzen Airport lahmzulegen.
 
Begonnen hat alles damit, dass man die Rekonstruktion des Airports jahrelang nicht fortsetzte. Dann kam die Entscheidung, dass Kaliningrad Ausrichterstadt der Fußball-Weltmeisterschaft wird und somit entstand ein gewisser Zwang, den Airport in kürzester Zeit zu rekonstruieren und einsatzbereit zu machen. Aber es tat sich nichts. Und so mischte sich der russische Präsident Putin persönlich im Dezember 2015 in die Angelegenheit ein und nahm den Airport unter seine Kontrolle. Es tat sich immer noch nichts. Weder wurde der Airport rekonstruiert noch die Start- und Landebahn, die in föderaler Verantwortung liegt.

Die Informationsagentur REGNUM berichtet, unter Bezugnahme auf eine Quelle in den Sicherheitsorganen, dass vor Jahren in Kaliningrad die Struktur liquidiert wurde, die für die Beaufsichtigung derartiger Bauarbeiten von staatswegen zuständig war. Hochqualifizierte Leute verschwanden und arbeiten nun in anderen staatlichen Strukturen, z.B. bei „RosKosmos“. Und wo die Katze nicht zuhause ist, tanzen eben die Mäuse auf dem Tisch – eine bekannte Tatsache.

Diejenigen, die jetzt das Sagen am Airport haben, mögen sicher gute, nette Leute sein, aber sicher nicht in allen Fragen kompetent. Nicht nur, dass die Rekonstruktionsarbeiten nicht laufen, auch die Ausstattung des Airports selber mit der notwendigen Technik entspricht wohl noch nicht mal den Forderungen, wie sie jeder kleine Provinzflughafen erfüllt.

Und so organisiert sich Kaliningrad seine Probleme selber. Vor drei Jahren der Strom-Black-out, vor einem halben Jahr die „bedingt einsatzbereite Ostseeflotte“, bis vor wenigen Jahren kümmerte man sich nicht um die Landwirtschaft, jetzt die Blockade des Airports. Wenn ich noch ein wenig nachdenke, komme ich bestimmt noch auf weitere Punkte für die Liste der Probleme, die wir uns selber organisieren.

Nun hat das russische Untersuchungskomitee den Vorfall in die Hände genommen und Ermittlungen eingeleitet. Es wird nach einem Schuldigen gesucht. Die Aeroflot meint, dass der Kaliningrader Airport schuldig ist, weil man die Landebahn nicht gründlich genug vom Schnee beräumt hat, andere meinen, der Pilot ist schuld. Egal wen oder was wir beschuldigen: es sind alles Russen oder russische Einrichtungen und keine bösen westlichen Feinde.

Reklame

Kommentare ( 2 )

  • boromeus

    Veröffentlicht: 5. Januar 2017 00:19 pm

    Kaliningrader Empfindlichkeiten?!Jahrelang waren doch genug Spezialisten am Werk,die ausser ihrem eigenen Stuhl zu sichern ,ihren Personenkult zu pflegen und Steuergelder zu verbraten nicht viel zustande gebracht haben.Wie kann es angehen, dass im Jahre 2016 !!! mitten in Europa, 80 km von Kaliningrad entfernt ,Menschen im Oblast Wassernot leiden mussten, weil Brunnen allesamt wetterbedingt trockenfielen und nach über 70 Jahren immer noch keine Trinkwasser und Abwassernetze gebaut wurden?
    Die Liste der "Empfindlichkeiten" könnte man endlos fortsetzen.Von nix kommt nix.Bequemer ist es natürlich, die Schuld anderen zu geben und sich über Germanisierung aufzuregen und keine 80 km weiter ,verfallen Häuser und Menschen leben in zum Teil unwürdigen Zuständen ,wie vor 60Jahren.Wie sagte mir dereinst ein Bekannter in der Stadt:Weisst du,das haben wir schon immer so gemacht.Und das werden die nächsten 100 Jahre auch noch so machen.Kein Wunder also.Na dann ,frohes Schaffen.

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 5. Januar 2017 14:57 pm

    Ich bin der Ansicht, daß das bewährte Sprichwort hier völlig paßt: Der Fisch fängt am Kopf an zu stinken.
    Zukanov und seine Amtsvorgänger sind diese Fischköpfe und haben es geduldet, daß dieser Schlendrian - komme ich heute nicht, komme ich mogen, aber nur vielleicht - sich immer weiter fortsetzen konnte. Und keiner, weder Zukanov noch die davor wurden zur Rechenschaft gezogen. Im Gegenteil! Ist mir eigentlich unverständlich.

    Hoffentlich ist dieser Hut nicht zu groß für den Neuen. Denn hexen kann der auch nicht.
    Hier tun sich ja Abgründe auf.

Um zu kommentieren, müssen Sie sich registrieren oder einloggen.

Autorisierung