Kaliningrader Rufe – Teil 4

Kaliningrader Rufe – Teil 4
Begleittext zur Videoinformation
Der hier veröffentlichte Text ist der gesprochene Begleittext zum Video und entspricht der Qualität eines Manuskripts. Am Ende des Textes finden Sie den eigentlichen Beitrag in Form einer Videoinformation. Nur der Manuskripttext enthält nicht alle angebotenen Informationen, denn im Videobeitrag gibt es zusätzliche eingeblendete Text-, Grafik- und Fotoinformationen.

 

Kaliningrad-Domizil hat zum Abschluss der „Kaliningrader Rufe“ einen Deutschen gefunden, der bereit war, unter Wahrung der Anonymität, ein Interview zu geben. Seine Informationen fassen eigentlich sehr gut zusammen, in welcher Situation sich ein ausländischer Investor befindet. Es fällt nicht schwer, seinen Überlegungen Verständnis entgegenzubringen.

Nennen wir unseren Gesprächspartner Paul Schulze. Das Gespräch wurde per Telefon geführt. Seine Antworten auf meine Fragen sind nachgesprochen.

Herr Schulze, Guten Tag. Erzählen Sie unseren Lesern und Zuschauern, wie Sie auf Kaliningrad aufmerksam geworden sind.

Paul Schulze: Guten Tag, Herr Niemeier. Ich kenne Kaliningrad eigentlich schon seit den 90er Jahren. Ich fahre regelmäßig nach Kaliningrad und habe natürlich auch die Höhen und Tiefen der Entwicklung im Gebiet beobachtet. Auch bei mir gab es immer wieder Hoffnungen und Enttäuschungen, wenn ich über ein Engagement in Kaliningrad nachgedacht habe. Jetzt bin ich gerade wieder in der Phase der Hoffnung, denn mit dem neuen Kaliningrader Gouverneur, scheint eine neue Periode der Entwicklung begonnen zu haben. Der Mann ist jung und braucht Erfolge, wenn er in der russischen Politlandschaft Karriere machen will. Somit hoffe ich wieder mal auf eine Entwicklung und das man in Kaliningrad Geld verdienen kann.

Herr Schulze, womit wollen Sie Geld verdienen?

Das möchte ich hier nicht darlegen. Es ist eine Geschäftsidee, die nicht gerade wenig Geld erfordert und damit beginnt schon das Problem.

Erklären Sie das bitte genauer.

Ich habe Geld. Es arbeitet gegenwärtig passiv, d.h. es liegt auf irgendwelchen Banken in Westeuropa und bringt keine Zinsen. Ich könnte ja das Geld nach Kaliningrad überweisen und dort Zinsen verdienen – also passiv Geld verdienen. Aber das ist nicht in meinem Interesse, zumal hier noch der Umstand hinzukommt, dass man für Valutageldanlagen gegenwärtig auch nur ein Prozent Zinsen in Russland erhält. Für Anlagen in Rubel bekommt man sieben bis acht Prozent. Allerdings kommt hier das Kursrisiko hinzu und das ist nicht zu unterschätzen. Ein weiteres Problem ist der Bankendisziplinierungsprozess, der immer noch nicht beendet ist und Geldanlagen bei einer russischen Bank sollten somit 1,4 Mio. Rubel nicht überschreiten. Geld ist schwer verdient, aber leicht verloren.

Sie wollen also aktiv Geld verdienen. Habe ich das richtig verstanden?

Ja, durch Investitionen. Mein Problem war anfänglich, dass ich nicht wusste, welche Investitionen in Kaliningrad benötigt werden. Ich bin kein Fachmann und brauchte somit Beratung. Es ist nicht so einfach, eine Person zu finden, die einen berät und zu der man Vertrauen aufbauen kann. Dazu kommt auch noch das Sprachproblem.

Sprechen Sie Russisch?

Ein paar Worte, aber eigentlich nicht. Ich brauche auch schon noch einen vertrauenswürdigen Dolmetscher. Gut wäre es, wenn die Kaliningrader Regierung einen Katalog hätte, aus dem man Investitionsgedanken erhält. Am besten sogar unterteilt für Investoren mit unterschiedlicher Kapitalkraft. Und es wäre gut, wenn jede dieser Investitionsvorschläge auch noch mit entsprechenden Berechnungen hinterlegt ist, so dass ich als unerfahrener Investor gleich sehe, wieviel Geld ich wann verdiene, wann sich ein Projekt amortisiert hat und vor allem, dass ehrlich dargelegt wird, wo die Risiken sind.

Was meinen Sie mit Risiken. Welche Risiken sehen Sie?

Es gibt zwei Arten von Risiken die ich sehe. Die eine Art ist das ganz normale wirtschaftliche Risiko, d.h. ich verkalkuliere mich, schätze irgendwelche wirtschaftlichen Faktoren nicht richtig ein, beurteile den Markt nicht richtig, die Kosten sind höher als erwartet, die Gewinne niedriger als erwartet, ich falle in die Hände von Betrügern. Das ist das Risiko, welches ich überall auf der Welt antreffe, auch in Deutschland. Da muss ich mich einfach auf meinen gesunden Menschenverstand, auf mein Bauchgefühl und auf meine Intelligenz verlassen.

Und die zweite Risikogruppe?

Die zweite Risikogruppe ist das staatliche, das politische Risiko. Wer garantiert mir in Russland mein Eigentum, egal in welcher Form es existiert? Wer schützt mein Eigentum vor politischer Willkür, vor politischen Entwicklungen, auf die ich keinen Einfluss habe?

Was meinen Sie damit?

Nehmen wir das Jahr 2015. Erinnern Sie sich? Da hat die Türkei ein russisches Flugzeug über syrischem Territorium abgeschossen. Im Ergebnis kam es zu einer Zuspitzung der Situation zwischen beiden Ländern. Menschen wurden ausgewiesen, Türken bekamen keine Einreise, geschäftliche Tätigkeiten wurden verboten und so weiter. Ich weiß nicht, wie viele wirtschaftliche Existenzen damals zusammengebrochen sind. Wer garantiert mir, dass es nicht zu irgendwelchen Zwischenfällen zwischen Deutschland und Russland kommt, mit ähnlichen Folgen? Opfer in diesem politischen Unsinn bin ich, der Investor. Wer gibt mir mein Geld und mein Eigentum zurück? Wer schützt mein Eigentum für den Fall, dass es zu einem zeitweiligen Einreiseverbot kommt? Wir sehen ja, dass sich die Staaten sehr schnell wieder vertragen. Aber das kann für mich kein Trost sein, es sei denn, der Staat, also in diesem Fall Russland, gibt mir Staatsgarantien, dass ich als Investor nicht das Opfer von Politik werde.

Aber wenn Sie investieren, so könnten Sie doch die russische Aufenthaltsgenehmigung beantragen. Da sind sie doch nicht abhängig von einem Visum, was verweigert werden kann.

Das ist ein Trugschluss. Eine Aufenthaltsgenehmigung ist ein Aufenthaltstitel, ähnlich wie ein Visum, eben nur in einer höheren Qualität. Auch diese Aufenthaltsgenehmigung kann jederzeit wiederrufen werden – wenn es der russische Staat für notwendig hält.

Und der Erwerb der russischen Staatsbürgerschaft? Wäre das nicht ein Ausweg?

Herr Niemeier, ich will Geld verdienen und nicht Russe werden. Schauen Sie, ich bin jetzt bereit, einige hunderttausend Euro nach Kaliningrad zu bringen und hier zu investieren. Und jetzt lese ich in den Medien, dass deutsche Politiker, allen voran der Russland-Koordinator der Bundesrepublik erklären, dass die Beziehungen zu Russland noch schlechter werden. Da ist es doch wohl nur recht und billig, wenn ich einerseits bereit bin zu investieren, um Geld zu verdienen und andererseits aber von Russland erwarten kann, dass es dafür ein wenig Dankbarkeit zeigt – in Form von Garantien. Gibt es diese Garantien nicht, gibt es auch von mir kein Geld.

Was glauben Sie, für welche Investitionen würde sich der russische Staat interessieren?

Ich sagte ja schon Herr Niemeier, dass ich nicht zu viel zu diesem Thema sagen möchte. Aber erinnern wir uns mal daran, dass Kaliningrad Schulen bauen will, Kindergärten, dass das Gesundheitswesen entwickelt werden soll. Der Altenversorgungsbereich … ja, der gesamte Sozialbereich fordert Geld. Und das ist augenscheinlich nicht ausreichend vorhanden. Ein Investor könnte hier investieren und der Staat, sprich die Kaliningrader Gebietsregierung oder andere Strukturen, könnten von diesem Investor die Objekte pachten. Ich weiß nicht, ob die russische Gesetzgebung dies zulässt, aber wenn nicht, dann sollte man über eine Adaptierung der Gesetze nachdenken. Putin fordert doch in der täglichen Arbeit Pragmatismus.

Aber ich wiederhole nochmal, ich habe Angst um mein Geld und um mein Eigentum. Und somit denke ich immer noch nach. Und dabei helfen mir leider meine guten, ehrlichen und fleißigen russischen Partner mit ihren tröstenden und optimistischen Worten überhaupt nicht. Ich brauche Offizielles, also Gesetze, die mich und mein Geld schützen.

Was sehen Sie noch für Probleme?

Vernachlässigen wir mal das, was ich eben gesagt habe und schauen optimistisch in die Zukunft. Ich investiere also Geld und das wirft Gewinne ab. Ich weiß bisher noch nicht, wie ich diese Gewinne nach Deutschland transferieren kann. Da wäre es gut, wenn ich einen Spezialisten hätte, am besten jemanden der sich im Steuer- und Bankenrecht perfekt auskennt, der auch Partner des russischen Staates ist und der mir alle die Informationen gibt, die es mir ermöglichen, ohne Verletzung der russischen Gesetze zu arbeiten. Also wenn Sie so wollen, wäre mir ein russischer Pate schon ganz recht. Wobei ich das Wort „Pate“ bitte nicht verwechselt wissen will mit sizilianischem Paten und auch nicht mit „russischem Aufpasser“. Mir ist natürlich klar, dass Russland bzw. Kaliningrad nicht über tausende solcher Paten verfügt, wenn es zu einem Investorenansturm kommt. Aber für den Anfang könnte man über so eine Hilfe nachdenken. Und dann könnten sich die deutschen Investoren durch die Schaffung einer soliden nationalen Unternehmervereinigung in Kaliningrad selber helfen.

Stichwort nationale Unternehmervereinigung. Es gibt die FIAS, die Assoziation ausländischer Investoren im Kaliningrader Gebiet. Wäre die nicht ein Ansprechpartner für Sie?

Nein, sie ist nicht die Organisation die ich mir vorstelle. Ich spreche kein Englisch und auch nicht ausreichend Russisch. Ich brauche eine Organisation die Deutsch spricht und die Verständnis für deutsche Denk- und Verhaltensweisen hat.

Herr Schulze, belassen wir es erstmal bei diesen Gedanken. Vielen Dank, dass Sie bereit waren, uns an Ihren Überlegungen, Vorschlägen aber auch Ängsten teilhaben zu lassen.

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Kommentare ( 2 )

  • boromeus

    Veröffentlicht: 15. Februar 2019 12:08 pm

    Dem ist nichts hinzuzufügen.Der Mann hat absolut Recht mit seinen Bedenken.Egal was du in KGD als Ausländerr tust und im Speziellen als Deutscher,du stehst vor einer Mauer der Ablehnung und Hindernisse.Alles muss in Klein-Klein zusammengesucht werden.Läufst dir die Hacken ab in der Administration .Musst denen zuarbeiten,nicht umgekehrt.Kaum kompetente Ansprechpartner ,die dein Anliegen verstehen.Umständliche Rechtsgebahren.Leute haben eher ihrer eigenen Profite im Sinn.Dienst am Kunden ist ein Fremdwort.Benachteiligung als Ausländer, gerade im Bereich Immobilienerwerb.Macht so in dieser Form keinen Sinn.Ich erwarte Planungssicherheit, wenn ich Finanzmittel einsetze.Und wenn man das nicht will,ok,dann ist das so..Dann muss man woanders hingehen,.Nämlich dort,wo man das ,was ich möchte mit offenen Ohren und Armen aufnimmt und potenziert.

  • Frank Werner

    Veröffentlicht: 15. Februar 2019 20:46 pm

    Sehr gute Beschreibung. Gerade als Mittelständler stelle ich mir es äußerst schwierig vor, insbesondere wenn man keine Sprachkenntnisse und keinen vertrauenswürdigen Mittelsmann hat.Selbst Großunternehmen haben sich schon zurückgezogen, weil sie es nicht in den Griff bekommen haben. Im Rahmen einer Goldgräberstimmung zu Boomzeiten mag man da über vieles noch hinwegsehen. Aber die Zeiten sind vorbei. Und mit solchen Problemen hat nun nicht nur Kaliningrad zu kämpfen.

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