Kaliningrader Stichwörter: Fünfte Kolonne, Invasion, Germanisierung

Kaliningrader Stichwörter: Fünfte Kolonne, Invasion, Germanisierung

Veröffentlichungen in den Kaliningrader, aber auch in föderalen Medien nehmen zu, wo im Zusammenhang mit dem Kaliningrader Gebiet diese, aber auch andere Stichworte, eine immer größere Rolle spielen. Diese Stichwörter lösen bei russischen Bürgern in Russland mit Sicherheit andere Emotionen aus, wie bei einem ausländischen, deutschen Bürger in Russland, insbesondere in Kaliningrad.

Seit einiger Zeit fallen mir Veröffentlichungen von Professor Dr. Wladimir Schulgin in den russischen Medien auf. Sie sind gekennzeichnet durch eine, für mich ungewohnte Schärfe und einer sehr klaren, vielleicht sogar kompromisslosen Einstellung zur Thematik Kaliningrad und Germanisierung des Kaliningrader Gebiets.

Viel ist es nicht, was ich im Internet über Wladimir Nikolajewitsch gefunden habe. Selbst den Vatersnamen musste ich mehrere Stunden suchen. Schau´n wir mal, ob sich Kontakte ergeben um Dr. Schulgin besser kennen zu lernen.

Wäre ich russischer Staatsbürger und hätte eine positive Einstellung zu Russland, wäre mir die Position von Wladimir Nikolajewitsch verständlich. Vielleicht würde ich einiges anders formulieren, aber vom Prinzip her kann ich seine Befürchtungen nachvollziehen. Aber ich bin kein russischer Staatsbürger, sondern Deutscher der in Kaliningrad lebt und hier seit 1995 seinen neuen Lebensmittelpunkt gesucht und gefunden hat. Ich habe eine loyale Einstellung zu Russland und trotzdem mache ich mir Sorgen, welche Konsequenzen es wohl haben wird, wenn seine Position und Ansichten als Geschichtswissenschaftler zur offiziellen Staatsmeinung werden. Ich reduziere, nach dem Lesen einiger Artikel von ihm, seine Ansichten dahin, dass Deutsches (oder Deutsche) in Kaliningrad nicht wünschenswert ist (sind). Ich weiß, eine sehr einfache Reduzierung der Ansichten von Dr. Schulgin durch mich – aber man kann ja drüber sprechen.

In der vergangenen Woche, am 23. Juni, veröffentlichte Dr. Schulgin in der „Literaturnaja Gaseta“ einen Artikel:


 

Die Einleitung zum Artikel erklärt weiter:

Dr. Schulgin meint, dass über das Eindringen von „Ausländischem“ in Kaliningrad eigentlich schon viel geschrieben wurde und es eigentlich schon nichts mehr gibt, worüber man sich wundern müsste. Aber, so Schulgin, die örtlichen „Germanophilen“ übertreffen sich manchmal noch selber.

So hat die KANT-Universität (eine föderale Einrichtung) informiert, dass es ein neues Physikalisch-mathematisches Institut im Bestand der Universität geben wird und Leiter dieses neuen Instituts soll ein deutscher Staatsbürger werden: Prof. Michael Farle von der Universität in Duisburg-Essen.

Und Schulgin stellt die Frage, ob Russland keine eigenen Physiker und Mathematiker hat. Es mag sein, dass Kaliningrad keinen entsprechend Qualifizierten hat, aber Russland ist groß und selbst im Donbass könnte man suchen. Aber nein, man stellt einen Menschen aus einem Land ein, welches seine feindliche Einstellung zu Russland demonstriert. Deutschland hat den Staatsstreich in der Ukraine unterstützt und eigentlich ist es so, dass Deutschland systematisch gegen Russland arbeitet und einen aktiven Informationskrieg führt. Und Schulgin sagt:

Auch den weiteren Argumenten von Schulgin kann ich mich nicht verschließen, denn er meint, dass es durchaus sein kann, dass man als Institutsleiter jemanden braucht, der dem westlichen Bildungssystem nahesteht. Dann sollte man unter den russischen Spezialisten suchen, die Auslandserfahrungen haben, die im Ausland studiert oder gearbeitet haben. Davon soll es, nach seinem Kenntnisstand, Hunderte geben. Viele sind schon nach Russland zurückgekehrt und haben führende Funktionen an russischen Universitäten und Hochschulen inne.  Aber nein, in Kaliningrad wählt man einen Deutschen.

Und hier beginnt nun meine erste Nachdenklichkeit. Warum ist dies kurzsichtig? Weil der Deutsche bald wieder abreist? Warum sollte er dies tun? Wegen ungünstiger Arbeitsbedingungen, wegen eines unfreundlichen sozialen Umfeldes, wegen politischer Entscheidungen …? Dabei geht es eigentlich gar nicht um diesen deutschen Professor konkret, denn man kennt ihn gar nicht in Kaliningrad und kann somit auch nichts gegen ihn persönlich haben. Es geht darum, dass Schulgin meint, man brauche an der Universität ganz einfach niemanden aus Deutschland. Und für mich steht nun die Frage, ob es in Kaliningrad noch andere Bereiche gibt, wo man keine Deutschen braucht? Mich erschreckt diese Schlussfolgerung. Bis vor zwei Jahren gab es solche Überlegungen meinerseits überhaupt nicht, jetzt sind sie täglich präsent.  Übertreibe ich in meiner Angst?

Dr. Schulgin meint weiter, dass die Universität die seit Jahren geübte Praxis der Germanisierung der Stadt fortsetzt. Und diese Germanisierungspraxis wird durch den Westen gut bezahlt. Und diese Mittel, die den „Neu-Königsbergern“ für die Propagierung der deutschen Kultur gegeben wurden, haben im Laufe der Zeit das Ihre getan und nehmen Einfluss.

Ja, es gab in unterschiedlicher Intensität seit 1991 „Germanisierungs-Versuche“. Begonnen damit, dass Kaliningrad zum Umsteigebahnhof für Russlanddeutsche wurde, die aus den ehemaligen Sowjetrepubliken nach Deutschland über Kaliningrad ausreisten, Ansiedlung von Russlanddeutschen mit Hilfe deutscher Gelder aus privaten (braunen) Quellen, Gründung einer Partei, die eine neue Baltische Republik, außerhalb des Bestandes der Russischen Föderation anstrebte. Das setzte sich fort mit der, irgendwann einsetzenden Diskussion um den Namen der Stadt und Forderungen, insbesondere von deutscher Seite, der Stadt den deutschen Namen wieder zu geben und geht bis dahin, dass man sich daran erinnert, dass es angeblich Gespräche gegeben haben soll (initiiert durch Gorbatschow und Jelzin), über die Rückgabe des Gebietes an Deutschland und gipfelte in Diskussionen, wo generell unterstellt wird, dass Kaliningrad nur zeitweilig unter russischer Verwaltung steht und die Russen hier eigentlich gar nichts zu suchen haben … also alles so, als wenn es keinen 8./9. Mai 1945 und keine Potsdamer Konferenz gegeben hätte.

Man muss sich also nicht wundern, wenn der Russe (in diesem Fall Dr. Schulgin) äußerst empfindlich reagiert und dies eben auch vor dem Hintergrund der politischen Ereignisse seit 2013/14. Und natürlich - … tschuldigung, dass ich immer wieder und wieder darauf zu sprechen komme, wird nicht das Auftreten eines offiziellen Vertreters des deutschen Staates im Jahre 2014 im Deutsch-Russischen Haus mit einer zutiefst antirussischen Rede vergessen – immerhin handelte es sich um den Vizekonsul für Kultur (Bildung mit eingeschlossen in seinen Dienstpflichten) Daniel Lissner.

Und wie sieht es heute aus, ganz aktuell im Juni 2016? Schulgin bringt einige Beispiele der, seiner Meinung nach, schleichenden Germanisierung:

  • In den Kiosken der Russischen Post werden Ansichtskarten von Königsberg verkauft,
  • Viele Touristen-Andenken zeigen den preußischen Adler,
  • Es gibt deutsches Bier „Ostmark“ und „Königsberg“ (produziert von Heineken in Kaliningrad),
  • Literatur mit der Propagierung des „wunderschönen Königsbergs“,
  • Geschirr mit Königsberger Motiven und deutscher Symbolik,
  • … und es gibt sogar einen Grill „Königsberg“ in Kaliningrader Baumärkten,
  • In Radio- und TV-Sendungen und in den Sozialmedien wird Werbung für die teutonischen Ritterspiele gemacht,
  • man wird eingeladen zum Airport Devau und in den Park „Max-Aschmann“

 

Foto: Bier, Konjak, Autokennzeichen, Geschirr mit Ostpreußenmotiven, Ladenbezeichnungen und teutonische Ritter im Fischdorf

 

Persönlich kann ich noch einige weitere Beispiele der „Germanisierung“ bringen, z.B.

  • Straßenbezeichnungen aus deutscher Zeit in Privatinitiative angebracht,
  • Nummernschilder mit „Königsberg“ an Fahrzeugen,
  • Neubaugebiete erhalten deutsche Namen uvm.
Foto: Alte deutsche Straßenbezeichnungen in deutscher Schrift
 
Natürlich sind das alles Kleinigkeiten, Pillepalle (melotsch auf Russisch) wie der Deutsche sagt und man kann mit dem Zeigefinger an die Schläfe tippen: „… die spinnen, die Russen“. Aber warum sollen die Russen spinnen? Weil sie nicht so denken und fühlen wie die Deutschen? Naja, dafür sind es ja Russen, ansonsten wären sie ja Deutsche.

Aber wir wissen, dass Kaliningrad ein besonders empfindliches Gebiet und es insbesondere der NATO ein Dorn im Auge ist. Um hier Veränderungen des Status Quo herbeizuführen, muss man manchmal auch sehr mühsame Wege gehen und sich mit „Pillepalle“ beschäftigen, in der Hoffnung auf diese Art und Weise schleichend eine „Situation“ zu schaffen – so sehen es die Russen und wenn ich mich an die „Bunten Ereignisse“ weltweit erinnere – es fing immer alles mit Pillepalle an – oder?

Für mich steht die Frage, wer sich all diese deutschen Dinge für Kaliningrad ausdenkt und mit welchem Ziel? Natürlich reden wir davon den Tourismus in Kaliningrad entwickeln zu wollen und für die Touristen braucht man irgendetwas was anlockt. Aber es steht die Frage, wohin die Touristen gelockt werden sollen – sollen sie nach Russland oder nach Ostpreußen gelockt werden? Nur Postkarten, Geschirr mit Preußenadler und deutsche Straßenbezeichnungen machen aus Kaliningrad nicht Ostpreußen. Kaliningrad ist eine Stadt, ein Gebiet, welches einmalig in Europa ist, denn:

Und in einem ausgewogenen Gleichgewicht sollte man den Interessen all dieser Perioden nachkommen, umso mehr, als die Zahl deutscher Touristen von Jahr zu Jahr abnimmt. Also alles Deutsche zu verdammen und darin eine Germanisierung zu sehen ist wohl genauso überspitzt, wie das Anbringen von deutschen Straßenschildern, die die Kaliningrader Bürger entweder nicht lesen oder nicht aussprechen können – zumal es, wie überall auf der Welt – eine Gesetzgebung gibt, die diese Fragen regelt – in diesem Fall gilt die russische Gesetzgebung, zumindest jedoch die Stadtordnung von Kaliningrad und nicht von Königsberg.

Aber fahren wir die Emotionen wieder ein wenig herunter. Natürlich sollte man alles unternehmen, was das Kaliningrader Gebiet interessant macht und wenn ich mich an meinen Lieblingsgedanken erinnere, aus Kaliningrad ein internationales Kongress-Zentrum zu machen, so wird man um Kompromisse nicht umhin kommen. Aber es geht eben um Kompromisse und nicht um eine einseitige Entwicklung, insbesondere wenn diese Entwicklung auch noch die russische Gegenwart ignoriert.

Foto: Alternative zweckmäßige, schöne, informative Straßenbeschilderung
 
Schulgin bemängelt weitere Dinge, die für ihn Anzeichen einer Germanisierung sind. Zum Beispiel, dass man in Kaliningrad das „Heringsfest“ feiert – ein deutscher Feiertag, offiziell vor zehn Jahren durch das Kaliningrader Kulturministerium reanimiert. Er hat nichts gegen diesen Feiertag, aber er erinnert daran, dass es in Russland auch den „Tag der Angler/Fischer“ gibt und der wird nicht gefeiert. Warum? Und ich meinerseits ergänze mit der Frage, ob ein deutscher Tourist im russischen Kaliningrad ein deutsches Fest feiern will oder vielleicht doch lieber an einem russischen Fest teilnehmen möchte – na, was meinen Sie?

Kaliningrad veranstaltet teutonische Ritterfestspiele. Parallel hätte man auch russische Ritterfestspiele veranstalten können – auch Russland hatte seine Ritter, auch wenn diese vielleicht Bojaren hießen. Natürlich kann man argumentieren, dass 80 Prozent aller Touristen (im Jahre 2015 waren dies 800.000) aus dem russischen Mutterland kommen und alle diese Russen kennen die Bojaren und wollen nun mal echte Teutonen sehen. In Ordnung, dagegen ist nichts zu sagen. Aber für die restlichen 20 Prozent, die die Teutonen kennen, könnte man Bojaren-Festspiele organisieren – oder?

Schulgin bemerkt in einer Ausstellung im Sackheimer Tor das Buch eines Deutschen Michael Wiek, der Russland verleumdet, in dem er behauptet, dass Stalin angeblich befohlen haben soll, die deutsche Zivilbevölkerung Königsbergs zu vernichten.

Screenshot: Deutsches Generalkonsulat in Kaliningrad informiert über eine Buchlesung dieses Autors in Kaliningrad
 
Und dieses Buch ist auch noch mit einem Vorwort des Leiters der philosophischen Fakultät der KANT-Universität versehen und kann käuflich in einem Privatmuseum „Altes Haus“ erworben werden. Die Bezeichnung des Museums besteht aus kyrillischen Schriftzeichen in deutscher Intonation.

Schulgin zeigt mit dieser Einschätzung, dass er eine eigene Sichtweise hat, denn vor rund einem Jahrzehnt (das Buch erschien erstmalig 1988) soll sich (nach deutschen Quellen) der damalige Kaliningrader Gouverneur Jegorow (ehemals Kommandierender der russischen Ostseeflotte) völlig anders geäußert haben:

Weitere Steine des Anstoßes sind kulturelle Veranstaltung wie „Tour de Cranz“ (und nicht „Tour de Selenogradsk) – auch wenn sich, das gebe ich zu „Tour de Cranz“, sowohl für deutsche wie auch für russische Ohren, melodischer anhört.

Ein weiteres Thema, welches Schulgin aufgreift ist die Wiedererrichtung des Königsschlosses im Zentrum Kaliningrads. Unter Führung der Kaliningrader Gebietsregierung  wurde erreicht, dass das Symbol der deutschen Macht (zumindest der Westflügel) wohl im Jahre 2018 wieder errichtet ist. Und Schulgin zieht einen interessanten Vergleich, der nun wirklich nicht von der Hand zu weisen ist: Das neue Deutschland hat DAS SYMBOL der untergegangenen DDR, nämlich den Palast der Republik in Berlin abgerissen (Anm. UN: Und in Kaliningrad wurden die Ruinen des, von englischen Bombern zerstörten, preußischen Königsschlosses abgerissen). In Berlin wird an der Stelle des Palastes der Republik das ehemalige preußische Stadtschloss wieder errichtet – also das Symbol imperialer Macht preußischer Könige. Und es scheint Schulgin, als ob Deutschland (über seine Vertreter in Kaliningrad) hier in Kaliningrad genau dasselbe tut.

Nun steht aber fest, dass sich auf dem zentralsten aller zentralen Plätze in Kaliningrad endlich etwas tun muss, wenn wir uns Mitte 2018 nicht lächerlich machen wollen. Jetzt gibt es dort ausgegrabene Fundamente. Die müssten, um den Vorstellungen von Schulgin zu folgen, auch abgerissen werden, denn auf den Fundamenten des imperialen Preußens kann man keine russische (Kaliningrader) Zukunft errichten. Daneben steht das Haus der Räte, die „Kaliningrader Unvollendete“. Hier gibt es noch nicht mal einen Gedanken, was man mit dem Haus machen könnte, geschweige denn Geld für den abschließenden Bau oder um mindestens ein Potjomkinsches Haus durch Fassadenmanipulation zu schaffen.

Ich begegne den Überlegungen von Dr. Schulgin mit Verständnis. Gleichzeitig beziehe ich natürlich viele seiner Überlegungen auch auf mich und auf andere Deutsche in Kaliningrad und dafür bringe ich nun wiederum kein Verständnis auf.

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Kommentare ( 8 )

  • boromeus

    Veröffentlicht: 26. Juni 2016 22:09 pm

    Wenn Herr Professor der Ansicht ist,dann ist es doch sein ureigenes Recht, es so zu sehen.Nur dann bin ich der Meinung ,bitte konsequent.Raus mit den Teutonen.Raus mit allen ,die seid Jahren mit ihrem Engagement jeden Tag versuchen, die Menschen im Oblast zu unterstuetzen. In Landwirtschaft als Berater ,im sozialen Umfeld fuer die Kinder und Alten in Kaliningrad.In Wirtschaftsfragen.Fuer die Menschen, die jeden Tag Bruecken der Verstaendigung schlagen, im Oblast.Jagd sie hinfort vom russischen Boden und tilgt alles, was mit den Teutonen in Verbindung steht.Am besten man schliesst diese Stadt wieder ,wie vor 1990 auch ,dann hoert auch die gescholtene Germanisierung endlich auf.Und dann kann man sich endlich wieder auf seine eigenen Staerken konzentrieren und muss sich nicht mit westlich gelenkten Subjekten ,die nichts weiteres zu tun haben, als die Verbreitung eines Neo-Preussentums in Kaliningrad, herum aergern.

  • A. Bienenfreund

    Veröffentlicht: 27. Juni 2016 01:25 pm

    "Nur weil man Paranoia hat, heißt das nicht, dass man nicht verfolgt wird." Ich weiß natürlich nicht, ob der Herr Schulgin eine Paranoia hat, denn ganz offensichtlich spitzt er seine Argumentation stark zu, um "eine Debatte anzustossen", die er für notwendig hält. Allerdings vermischt er zwei Dinge, die er als Akademiker trennen sollte. Das eine ist die Debatte, was denn die Identität des russischen Kaliningrad ausmacht und wieviel "deutsches Erbe" dazugehören soll. Diese Debatte ist sicher notwendig und unvermeidbar und wird nicht so schnell enden. Und sie wird das Lebensgefühl und die Selbstidentifikation der Kaliningrader prägen. Identität ist ein sehr spezielles "Ding" und will gepflegt werden.
    Das andere ist, inwieweit in diesen Selbst(er)findungsprozess von aussen und mit unlauteren Absichten eingegriffen wurde und wird. Das ist ganz sicher nicht an den Haaren herbeigezogen und dafür eine gesunde Sensibilität zu entwickeln ist gut. Der Professor sollte dabei aber souveräne Gelassenheit bewahren, sonst bewirkt er leicht das Gegenteil dessen was auf seiner Fahne steht, dann würde er, statt Identität zu stärken sie spalten, dann etsteht eine pro- und eine contra- Bewegung, welche erst richtig Angriffsflächen für Manipulationen von aussen böte. Ladet ihn doch zu eurem Trefftisch ein, um die "Germanisierung" zu diskutieren.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 27. Juni 2016 07:02

      ... Sie haben ein guten Begriff im Kommentar verarbeitet: "Identität". Genau mit diesem Thema beschäftigt sich ein weiterer Beitrag an dem wir gerade arbeiten - allerdings von einem anderen Wissenschaftler. Mit diesem Beitrag werden wir dann wohl auf einige von Ihnen angesprochene Momente eine Antwort geben.

  • Frank Werner

    Veröffentlicht: 27. Juni 2016 10:21 pm

    @Niemeier
    Wieso sind Sie überrascht? Das sind einfach Folgen eines Wandels des gesamtgesellschaftlichen Klimas. Was erwartet man, wenn man von "ausländischen Agenten" spricht (die juristischen Feinheiten
    und Interpretationen interessieren den Stammtisch nicht) und hinter jedem 2. Strauch einen vermutet und an allem immer andere Schuld sind? Wissenschaftlicher Austausch - auch über Personen - ist etwas völlig normales - oder sollte es sein. Isolation - gerade im wissenschaftlichen Bereich - fatal. Eigentlich sollt man Stolz sein, eine ausländische Fachkraft gewonnen zu haben - das wäre die richtige Reaktion.
    Und Kaliningrad/Königsberg hat nun einmal eine überwiegend deutsche Geschichte. Das negieren zu
    wollen ist fatal und Geschichtsklitterung. Bojarenfestspiele erwartet sicher kaum jemand dort - dafür ist sicher Nowgorod prädestinierter.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 27. Juni 2016 10:28

      ... der Herr Professor würde sicherlich weniger Zuhörer/Leser haben, wenn sich Litauen und Polen über Kaliningrad anders äußern würden und auch die NATO sich weniger aktiv an der Kaliningrader Grenze bewegen würde - das macht Angst.

      Und was die von Ihnen erwähnten Schuldzuweisungen Russlands an andere anbelangt - ich entnehme eigentlich aus den westlichen Medien, dass immer Putin an allem Schuld ist. Jetzt sogar am Brexit ...

  • ru-moto

    Veröffentlicht: 27. Juni 2016 16:15 pm

    Zur Erinnerung:
    Das Kaliningrad Gebiet gehört zur Russischen Föderation, ist also russisches Staatsgebiet.

    Kaliningrad ist eine russische Stadt und so will ich es als Tourist sehen. Ich reise schließlich nach RUS und nicht nach Ostpreussen, Königsberg oder sonst wohin.

    Mir fiel immer, wenn ich mich in deutscher Sprache über das Kaliningrad Gebiet informierte, eine eindeutig deutsche Sichtweise der Information über KGD auf. Mir scheint, dass die meisten Deutschen mit Kaliningrad so umgehen würden, als wäre es noch aktuell "ihr" deutsches Ostpreussen. Ich bin kein Deutscher, kenne sehrwohl die Geschichte dieses Gebietes. Aber das war einmal.
    Mich interessiert aber im Jahr 2016 eigentlich Russland und die Russen und nicht ein Ex-Deutschland oder das wo dies vor vielen Jahrzehnten einmal war.

    Als Nichtdeutscher hat man bestimmt eine andere Sichtweise, die einem auch Dinge sehen und erkennen lässt, die eben anders sind oder sonst kaum zu erkennen sind. Ich betrachte alles etwas distanzierter und vielleicht auch etwas neutraler, als ein deutscher Tourist/Einwohner Kaliningrads.

    Bei einigen beliebten Ausflugszielen im Kaliningrad Gebiet glaubt man eher ein nostalgisches "Neu-Deutschland" zu erkennen, als eine russische Stadt, einen russischen Ort. Deutsche Straßenschilder in einer russischen Stadt - was soll das?

    Kaliningrad ist Kaliningard und nicht (deutsches) Königsberg... so ist es, und so soll es sein...

  • A. Bienenfreund

    Veröffentlicht: 27. Juni 2016 19:04 pm

    @griepswoolder: mit Verlaub, Ihr Konzept ist geradezu eine Einladung an alle interessierten Geheimdienste und Organisationen nach Herzenslust zu wühlen um nach 20++ Jahren die Ernte einzufahren. Ich glaube kaum, dass Sie mit solchen Vorschlägen ("Fernziel sollte sein, eine gemeinsame deutschrussische Regierung über Nordostpreußen" - aus welchen Gründen bitte sollte Russland seine Hoheit über das Gebiet "teilen"?) freundliche Aufnahme finden werden, besondere Aufmerksamkeit wird Ihnen aber sicher sein. Und die Sorgen des Herrn Schulgin zerstreuen Sie so ganz sicher nicht..

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 28. Juni 2016 01:01 pm

    @kgd.ru
    "Das Kaliningrad Gebiet gehört zur Russischen Föderation, ist also russisches Staatsgebiet."
    Das ist der zentrale Satz, den jeder dabei beachten sollte. Sehr richtig und wichtig.
    Diese politische Verflachung und Verniedlichung der Anzeichen der von Dr. Schulgin beschriebenen Germanisierung und die Reaktion einiger Foristen darauf zeigt doch eindeutig die Wirksamkeit der "Arbeit" der verschiedensten Personen und Institutionen in Deutschland, befördert von den Systemmedien, angefangen vom Deutschen Auswärtigen Amt, über verschiedene NGO´s bis zu russischen Amtsträgern, die aus welchen Gründen auch immer diese Bestrebungen der Destabilisierung des Kaliningrader Oblast unterstützen. Uwe hat das Ganze sehr gut rüber gebracht in seinem langen und eigentlich nachdenklich machenden Beitrag.
    Es mag ja sein, daß einige das nicht so tragisch alles sehen. Das ist deren Sache. Sie haben offensichtlich nichts auch aus der jüngeren Geschichte begriffen.
    Die deutsche Regierung hat in seiner jüngsten Sicherheitskonzeption Rußland vom Partner zum Rivalen, also zum Gegner umgestuft und berufen sich auf nicht bewiesene Beschuldigungen und Vorhaltungen gegen die RF im Ukrainekonflikt. Eine deutsche Regierung, die sich darum gerissen hatte, an der Aggression gegen Jugoslawien teilnehmen zu dürfen. Das Ganze aufgebaut auf einem von der CIA konstruierten und von der albanischen UCK ausgeführten Anlaß.
    Eine deutsche Regierung und deutsche Parlamentarier, die seit Jahren den Putsch in der Ukraine aktiv mit vorbereitet haben und eigentlich eine führende Rolle mit einem Ex-Boxer als Präsidenten spielen wollten.
    Aber die Rollen wurden bereits während und auch nach dem Putsch klar gemacht, wer das Sagen hat - eine Abteilungsleiterin des State Department und keine deutsche Bundeskanzlerin.
    Ich wundere mich eigentlich, daß bei einigen nicht die Glocken läuten wie im Dom von Bamberg, wenn in ein Land, daß nun offiziell als Gegner angesehen wird, gegen das Sanktionen seit Jahren vor allem von Deutschland gegen die Meinung verschiedener EU-Länder weiter durchgepeitscht werden, ein von Deutschland bezahlter Hochschullehrer geschickt werden soll.
    Ich würde allen diesen Foristen mal empfehlen, sich mal das sogenannte "Revolutionshandbuch" von Gene Sharp - von der Diktatur zur Demokratie - durchzulesen. Die Blaupause für alle die bisherigen Bunten und Blumenrevolutionen von Jugoslawien über Zentralasien, Georgien bis zum blutigen arabischen Frühling. Fürs Internet mal als Hinweis nach OTPOR suchen. Sehr aufschlußreich.
    Kaliningrader Oblast ist nicht irgendein russisches Territorium im Ergebnis des WK II. Es war vor wenigen Tagen Gegenstand der Natoübung "Anaconda 2016", wie dieses Gebiet im Kriegsfall blockiert und ausgeschalten werden könnte. Also reales Training des Überfalls auf Rußland. Die dort stationierten Iskander-Raketen, falls sie schon da sein sollten, können die ganzen Pläne der USA und der Nato eines Globalen Schlags gegen Rußland zunichte machen. Und diese Pläne gibt es - leider. Und die Deutschen scharren schon wieder mit den Hufen. Auch beim eventuellen dritten Versuch wollen sie sich wieder eine blutige Nase holen. Gäbe es danach überhaupt noch ein Deutschland?
    Ich frage mich, wie Frankreich reagieren würde, wenn deutsche offizielle Stellen und Organisationen versuchen würden, Elsaß-Lothringen wieder zu "germanisieren" oder die deutschen "Ostgebiete", die da viele Jahrzehnte angeblich unter "polnischer Verwaltung" standen.
    @Uwe
    Vielleicht wäre es von Nutzen, mit diesem Dr. Schulgin Kontakt aufzunehmen und Ihre Ansicht darzulegen. Er sollte wissen, daß es Deutsche im Oblast gibt, die zu dem Gastland stehen und auch bestimmte Probleme auch so sehen und andere eben nicht.

  • ru-moto

    Veröffentlicht: 28. Juni 2016 07:58 pm

    [...ob ein deutscher Tourist im russischen Kaliningrad ein deutsches Fest feiern will oder vielleicht doch lieber an einem russischen Fest teilnehmen möchte – na, was meinen Sie?]

    Mich interessiert in Kaliningrad kein deutsches Fest - auch meine Freunde und Verwandten nicht. Ich nehme und nahm als Tourist an russischen Festen teil (auch am Fest der Fischer).

  • Dietrich Völker

    Veröffentlicht: 28. Juni 2016 11:01 pm

    Schon vor der Öffnung Kaliningrads (1991) wurde durchaus der Ortsname "Cranz" benutzt oder die Jugend traf sich in "Kenig". Ich denke, da bestand noch keine Angst vor einer Germanisierung.
    Die Zuwanderer nach 1945 brachten ihre Identitäten aus dem Mutterland mit. Eine Kaliningrader Identität besteht einfach nicht. Wie auch, nach dieser erst so kurzen Zeit?
    Klar, dass sich Anhänger einer reinen Lehre darüber wundern oder gar ärgern, dass Kaliningrad einfach nicht die Attribute wie das russische Mutterland haben kann. Herr Schulgin hat seine Identität bei seinem Weg aus Sibirien über Estland nach Kaliningrad offensichtlich nocht nicht so ganz gefunden.
    Viele Kaliningrader scheinen ihrerseits aber mit den Bezügen zu den deutschen Wurzeln keine Probleme zu haben. Und sei es, dass sie sich nur bessere Geschäfte damit versprechen.
    "Tiefer hängen."

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