Kaliningradski probt den Putsch gegen den Kaliningrader Gouverneur

Kaliningradski probt den Putsch gegen den Kaliningrader Gouverneur
Begleittext zur Videoinformation
Der hier veröffentlichte Text ist der gesprochene Begleittext zum Video und entspricht der Qualität eines Manuskripts. Am Ende des Textes finden Sie den eigentlichen Beitrag in Form einer Videoinformation. Nur der Manuskripttext enthält nicht alle angebotenen Informationen, denn im Videobeitrag gibt es zusätzliche eingeblendete Text-, Grafik- und Fotoinformationen.

 

 

Iwan Kaliningradski, ein vermutlich 17jähriger, probt den Aufstand gegen Anton Andrejewitsch Alichanow und fordert dessen sofortige Ablösung wegen Unfähigkeit. Eine entsprechende Petition, gerichtet an den russischen Präsidenten Putin, startete er am 12. Juni, dem Tag Russlands.

Iwan Kaliningradski, ist vermutlich nicht der richtige Name der Person, die die Ablösung des Kaliningrader Gouverneurs fordert. Im Internet habe ich ihn nur einmal gefunden, als Profil bei VKontakte. Da steht, dass er 2002 geboren ist und in Kaliningrad lebt.

Hinter diesem Namen kann sich eine Frau, ein Mann oder irgendetwas dazwischen verstecken. Aber auch der FSB kann dies sein, der hier die Treuen und die Nichttreuen filtern will. Aber auch der Kreml kann diese Petition gestartet haben – immerhin wird in regelmäßigen Abständen ein Gouverneursrating erstellt und irgendwie muss man ja zu Erkenntnissen kommen, ob der Gouverneur gut ist oder auch nicht. Aber auch der Generalsekretär der NATO kann diese Petition ausgelöst haben, um in Kaliningrad eine Regierungskrise auszulösen und dann den protestierenden Kaliningradern zu Hilfe zu eilen. Von der Möglichkeit, dass der Papst persönlich … nein, soweit wollen wir die Mutmaßungen nicht treiben.

Die Anonymität im Internet macht es möglich, heute eine Revolution zu organisieren, ohne sich selber zeigen zu müssen. Das war im Jahre 1917 noch ganz anders, als sich Lenin auf einen Panzerwagen vor dem Finnischen Bahnhof im heutigen St. Petersburg stellen musste, um seine Meinung an das Volk zu bringen.

Ob sich der russische Präsident mit einer derartigen Petition einer virtuellen Person beschäftigen wird, ist zweifelhaft – es gibt Wichtigeres.

Aber kommen wir auf die Gründe zu sprechen, die Kaliningradski in seiner Petition, die auf „change.org“ veröffentlicht wurde, anführt:

- Die Kreml-Technokraten haben das Kaliningrader Gebiet an den Rand des Abgrunds geführt.

Das lassen wir jetzt einfach mal so als Einleitung und ohne Kommentar stehen.

- In Kaliningrad sind die Löhne und Gehälter um 26 Prozent niedriger als im russischen Durchschnitt.

Ich weiß nicht, ob diese Zahl richtig ist. Nehmen wir an, dass es so ist. Wenn also woanders die Löhne höher sind, werden sicher auch die Lebenshaltungskosten dort höher sein – oder? Es besteht, meiner Meinung nach, überhaupt kein Problem, die Löhne auch in Kaliningrad anzuheben – dann wird eben alles andere auch teurer.

- Kaliningrad ist eine der Regionen mit der höchsten Anzahl von Verbraucherkrediten.

Ich persönlich mag keine Kredite, es sind Schulden und Schulden muss man sich leisten können. Und wer sich Schulden leistet, hat doch irgendwie Vertrauen in die Zukunft, sonst würde er sich doch nicht verschulden? Somit ist doch eine hohe Anzahl von Verbraucherkrediten eine positive Sache – oder?

- In Kaliningrad ist eine reale Verringerung der Gehälter zu verzeichnen. Im Februar 2019 hat ein Kaliningrader Arbeitnehmer 2,5 Prozent weniger Gehalt verdient als im Februar 2018.

Ich habe keine Ahnung, woher er diese Zahlen nimmt. Aber die mir zugänglichen Statistiken besagen das genaue Gegenteil. Es bleibt zu hoffen, dass Kaliningradski seine Quellen offenlegt, denn wenn Putin ihn zu sich bittet, muss er konkret werden und wenn er seine Zahlen nicht beweisen kann, wäre dies unangenehm.

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- In den ersten zwei Monaten des aktuellen Jahres gab es einen wesentlichen Geburtenrückgang – 18,4 Prozent weniger Geburten, im Vergleich zum gleichen Zeitraum des Vorjahres.

Ich weiß jetzt nicht, warum der Gouverneur schuld sein soll am Geburtenrückgang. Er persönlich ist erst vor wenigen Monaten Vater eines dritten Kindes geworden. Ich denke mal, Kaliningradski überfordert Anton Andrejewitsch, wenn dieser auch auf diese Situation persönlich Einfluss nehmen soll.

- Im Jahre 2018 gehörte Kaliningrad zu den Regionen mit den meisten Firmenschließungen – insgesamt 7.000. Nur 1.500 wurden neu gegründet.

Hier bin ich erstmal beeindruckt, denn die Zahlen, die Kaliningradski nennt, stimmen. Für das Jahr 2019 wächst sogar noch die Zahl der Firmenschließungen. Allerdings sind dies keine Schließungen wegen wirtschaftlichen Bankrotts, sondern dies sind Schließungen von real nicht arbeitenden Firmen, die nur auf dem Papier existieren, sogenannte „Ein-Tages-Firmen“ zur Steueroptimierung. Schade, dass Kaliningradski dies nicht erwähnt hat.

- Kaliningrad zählte zu den TOP-15 der besten Investitionsregionen Russlands. Innerhalb eines Jahres rutschte die Region auf Platz 30.

Auch hier bin ich erstmal beeindruckt – denn defacto stimmt die Aussage. Aber Kaliningradski hat vergessen zu erwähnen, dass die Gebietsregierung immer hervorgehoben hat, dass die gegenwärtigen Investitionen nur dadurch steigen, weil das föderale Zentrum investiert, im wesentlichen in die Energieinfrastruktur. Diese Investitionen sind jetzt beendet und somit rutscht Kaliningrad nicht im Rating ab, sondern kehrt zur Normalität zurück. Das uns diese Normalität nicht zufrieden stellen kann – das ist eine andere Frage. Aber jahrelange verkehrte Wirtschaftspolitik durch die Zukanow-Regierung, kann auch ein Alichanow nicht über Nacht beseitigen.

- Offiziell wurde informiert über einen hohen Anteil von manipulierten Fleisch- und Milcherzeugnissen. Wird diese Situation nicht ausreichend kontrolliert?

Interessante Fragestellung von Kaliningradski. Eben weil wohl kontrolliert wird, ist dieser Zustand festgestellt worden – übrigens nicht nur für Kaliningrad, sondern in ganz Russland. Und für eine unverantwortliche Arbeit in Privatunternehmen soll der Gouverneur die Verantwortung tragen? Ich dachte immer, dass sich der Staat nicht in die Wirtschaft einmischen soll?

- Es gibt eine lange Warteliste für die Behandlung von Krebskranken.

Das hat Kaliningradski ganz korrekt widergegeben. Schade, dass er vergessen hat zu erwähnen, dass gegenwärtig mit Hochdruck an einem der modernsten onkologischen Zentren Russlands in Kaliningrad gebaut wird und die Einweihung im kommenden Jahr geplant ist und dass der Gouverneur den Bau unter persönliche Kontrolle genommen hat. Auch hier soll der Gouverneur, nach Meinung von Kaliningradski, die Verantwortung für die Fehler seiner Vorgänger tragen? Etwas schwer nachvollziehbar.

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- Im Gebiet ist eine außerordentlich schwierige Transportsituation mit dem russischen Mutterland entstanden. Die Seefähren arbeiten mit Unterbrechungen, der Eisenbahntransport ist sehr teuer und der LKW-Transport ist durch die langen Wartezeiten an der Grenze ungünstig.

Ja, das ist korrekt und dagegen ist auch nichts weiter zu argumentieren. Kaliningrad ist nun mal eine Exklave mit all seinen Nachteilen, insbesondere, wenn die Nachbarn einem nicht wohlgesonnen sind. Aber hierfür den Gouverneur verantwortlich zu machen und seinen Rücktritt zu fordern …

- Der Gouverneur weiß nicht, was er mit der Region machen soll, es gibt grandiose Pläne ohne Bezug zur Realität, Dialoge mit Gesellschaft und Wirtschaft werden nicht gesucht.

Schade, dass Kaliningradski nicht ausreichend die Kaliningrader Medien liest, denn da steht eigentlich etwas anderes drin – sogar in den liberalen Medien.

- Die Gebietsregierung Alichanow gibt 29 Mio. Rubel für Eigenwerbung aus.

Ja, völlig richtig. Dieses Geld gibt der Gouverneur aus. Das sind rund 50 Prozent weniger, als sein Vorgänger Zukanow für sich ausgegeben hat. Sicherlich kann man auch hier noch den einen oder anderen Rubel einsparen, da bin ich ganz der Meinung von Kaliningradski, denn gute Arbeit braucht keine PR. Aber die Regierung ist auch verpflichtet, per Gesetz, Gesetze und Informationen zu veröffentlichen und das kostet eben auch Geld. Somit wird es nicht nur für Eigenlob des Gouverneurs verwendet.

Schaut man auf diese „Erfolge“ ist augenscheinlich, dass Anton Andrejewitsch die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllt.

Tja, das ist die Privatmeinung von „Kaliningradski“. Und bis Sonntag um die Mittagszeit waren noch über 700 weitere Kaliningrader dieser Meinung. Liest man sich dann noch die Kommentare durch, die unter dieser Petition stehen, so wird schnell klar – die Petition hat die Qualität eines normalen Post von Facebook oder VKontakte.

… ach, und wissen Sie, was ich merkwürdig fand? Als ich mich auf Change.org ein wenig umsehen wollte, fragte mich die Plattform, ob ich an weiteren Aktivitäten von Iwan Kaliningradski interessiert bin und ihm zukünftig folgen will. Ich antwortete mit „ja“ und wenige Momente später erhielt ich eine email in deutscher Sprache mit dem Angebot, an drei weiteren Petitionen teilzunehmen – aber die betrafen alle nicht russische Themen. Woher weiß Change.org, dass ich Deutscher bin, wo ich doch in Russland sitze und eine russische Petition aufgerufen habe? Oder ist Kaliningradski gar kein Russe?

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