Klein, aber oho: Hakenkreuz oder Sonnenrad spaltet die Kaliningrader Gesellschaft

Klein, aber oho: Hakenkreuz oder Sonnenrad spaltet die Kaliningrader Gesellschaft

Mitte vergangener Woche begann ein neuer Skandal die Kaliningrader Gesellschaft zu beschäftigen. Nach dem heutigen Stand der Dinge steht die Frage, ob es ein lettischer Diplomatenskandal oder ein Kaliningrader Gesellschaftsskandal ist.

Lettland hat eine diplomatische Vertretung, eine Außenstelle der Botschaft, in Kaliningrad. Malerisch gelegen in der Engelsstraße, mit direktem Zugang zum Zwillingsteich, ein nett durch die Kaliningrader Stadtverwaltung kultiviertes Gewässer im ehemaligen altdeutschen Amalienau, geriet dieses Gebäude Mitte vergangener Woche in den Focus der Aufmerksamkeit der Kaliningrader Gesellschaft. Eigentlich geriet nicht das Gebäude in den Aufmerksamkeitsfocus, sondern nur ein Schaukasten neben dem Eingang zur diplomatischen Vertretung. Dieser Schaukasten wird für allerlei Informationsmaterial der diplomatischen Vertretung genutzt. Und so gelangte auch ein Plakat dort hinein, welches die Kaliningrader Gemüter zur Wallung brachte.

Foto: Lettische diplomatische Vertretung in Kaliningrad. Russischer Kriegsveteran vor dem Plakat
 
Das Plakat zeigt einen Mann und eine Frau in einem folkloristischen Kostüm und die guten Augen Kaliningrader Kriegsveteranen entdeckten auf dem Kleid der Frau ein Hakenkreuz.
 

Ja, man muss schon gut und aufmerksam schauen, um es sehen zu können. Und zuerst, als ich von dem Vorfall hörte, dachte ich auch an einen Zufall, an eine schlechte Fotografie, einfach an ein peinliches Versehen. Aber dem war wohl nicht so, denn in diesem Schaukasten gibt es auch Material, welches über die sowjetische Okkupation Lettlands berichtet. Dass die Symbolik des Faschismus heute in Lettland eine nicht kleine Rolle spielt, ist vielleicht in Deutschland nicht so sehr bekannt. Aber jährlich maschieren dort noch die lettischen SS-Verbände auf und gedenken ihrer „Opfer und Angehörigen“. Während dort die faschistische Symbolik nicht (so wie in Deutschland) verboten ist, ist die sowjetische Symbolik (Hammer, Sichel, Georgsband usw.) verboten. Wer diese Symbolik mit sich führt oder an seinem Fahrzeug befestigt hat, dem wird die Einreise verwehrt. Kinderspielzeug mit dem Roten Stern an Militärfahrzeugen, muss aus dem Verkauf genommen werden … Aber was solls, so ist die heutige Politik.

Wenige Stunden später kam ein TV-Team von „WESTI“ (Kaliningrader Hauptnachrichten) zum Ort und filmte die Angelegenheit und lies auch einen russischen Veteranen zu Wort kommen.

Screenshot: Nikolai Dolgaschow, Generaldirektor der „Staatlichen Tele-Radio-Gesellschaft in Kaliningrad“ im Interview mit einem russischen Kriegsveteranen
 
Sein sachlicher, ja auch patriotisch orientierter Bericht rief, eigentlich wie so oft, wenn er über etwas berichtet, eine Welle der Empörung und des Widerspruchs in einem Teil der Kaliningrader Gesellschaft hervor. Man beschuldigte ihn, wie immer, Staatspropaganda zu betreiben (ja, was erwartet man denn vom Generaldirektor eines Staatssenders? Natürlich vertritt er die Ansichten des Staates!) und maßlos zu übertreiben, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen. Ein nicht unwesentlicher Teil der aktiven Kaliningrader (politischen) Gesellschaft stellte sich mit den Kommentaren nicht auf die Seite der Kriegsveteranen, die sich mit diesem Hakenkreuz, mag es auch noch so winzig sein, in ihren Gefühlen provoziert fühlten, sondern man schützte die faschistische Symbolik (in Russland ist das Zeigen der faschistischen Symbolik, ähnlich wie in Deutschland, unter Strafe gestellt) und das Verhalten der lettischen diplomatischen Vertretung.

Ich selber habe in den russischen sozialen Medien die Diskussion mitverfolgt und war teilweise entsetzt, wie dort diskutiert wurde. Teilweise wurden Ausdrücke unterhalb der Gürtellinie verwendet und dies von Leuten, die ich persönlich seit vielen Jahren kenne und eigentlich wertschätze. Hervorzuheben ist, dass dort nicht irgendwelche Leute diskutierten, Nikolai angriffen und regelrecht niedermachten – nein, es waren sowohl Journalisten-Kollegen, wie auch bekannte Vertreter staatlicher Einrichtungen und der Kaliningrader Gesellschaft. Es bringt nichts, wenn ich Ihnen hier die Namen und Funktionen aufzähle, denn unseren Lesern würde dies wenig sagen.

Nehmen wir aber nur ein einziges Beispiel, das wohl krasseste Beispiel, heraus. Die Leiterin der Abteilung für Information und Kommunikation des Meeresmuseums in Kaliningrad, Oxana Oschewskaja. Sie ist nicht „Irgendjemand“ und das Museum ist nicht „irgendein Museum“, wie Kaliningrad-Kenner wissen. Dieses Museum erhält vom Staat viele Millionen Rubel Fördergelder und entwickelt sich, dank staatlicher Unterstützung, zu einem der bekanntesten Museen in Russland und zu einem stabilen Arbeitgeber für seine Mitarbeiter:

Diese Frau, verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit, fordert also zur Lösung von gesellschaftlichen Problemen den Reichstag anzuzünden … oh, tschuldigung, ich meine natürlich den Sender Gleiwitz zu stürmen … verdammt, schon wieder nicht richtig geschrieben … den Sender anzuzünden, der die Meinung und Ansichten des russischen Staates und eines Teiles seiner Bevölkerung veröffentlicht. Mit anderen Worten, man will die Stimme des Staates nicht mehr hören. Das macht mich nachdenklich, denn wenn der Staat schon nicht mehr selber argumentieren kann, weil man seine Stimme auf dem Scheiterhaufen verbrannt hat, von wem erhalte ich dann Informationen? Von denen, die Häuser anstecken, wenn jemand eine andere Meinung hat?

Entgegen der westlichen Auffassung, dass in Russland die Arbeit der Medien behindert wird, muss ich aus meiner Erfahrung sagen, dass ich davon in Kaliningrad nichts merke. Der Staat hat bisher noch kein einziges Massenmedium in Kaliningrad verboten – leider, denn manchmal wünsche ich mir schon, dass der Staat ein wenig mehr Konsequenz zeigen würde.

Selbstverständlich kann man gegenüber dem Staat und seinen Medien eine kritische Einstellung haben. Und man muss auch nicht alles glauben, was auf dem Bildschirm gezeigt oder in der Zeitung gedruckt wird. Es werden Meinungen und Ansichten verbreitet, die von Menschen erarbeitet wurden – es ist also alles subjektiv. Aber man könnte sachlich seine Argumente austauschen und sich kultiviert zuhören. Dies ist aber in diesem Fall nicht gegeben – leider.

Die Letten haben natürlich reagiert, allerdings erst, nachdem sich die Vertretung des russischen Außenministeriums in Kaliningrad an sie gewandt hatte und darauf aufmerksam gemacht hat, dass dieses Plakat den russischen Gesetzen widerspricht. Das strittige Plakat wurde  am nächsten Tag entfernt und gegen zwei andere Plakate mit einer unverfänglichen lettischen Ostsee-Landschaft ausgetauscht. Die Letten meinten auch, dass auf diesem Kleid kein Hakenkreuz zu sehen ist, sondern ein Sonnenrad. Gut, dass wir Deutschen jetzt wissen, dass unsere Vorfahren von 1933-1945 nicht unterm Hakenkreuz sondern unter einem Sonnenrad lebten.

Am Mittwoch vergangener Woche, dem Tag, als die Sendung über den Sender ging, hatte ich mich am Nachmittag mit Nikolai getroffen – in einem „deutschen“ Restaurant, welches sich „Tante Fischer“ nennt. Er trank ein deutsches Bier, ich einen russischen Kwas. Wir hatten ein interessantes Gesprächsthema und ahnten da wohl beide noch nicht, was am Abend und dem Tag danach in der Kaliningrader Gesellschaft beginnen würde. Na, nun wissen wir es und ich bin in meinem russischen Erkenntnisprozess auch etwas erfahrener geworden.
 

 

 

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Kommentare ( 6 )

  • Frank Werner

    Veröffentlicht: 28. August 2016 21:13 pm

    Im Fernsehbeitrag war der Stein des Anstosses besser - und eindeutig - zu erkennen. Zwar nicht groß, aber auch nicht so klein, wie es erst den Anschein gab. Ich bin zwar kein Fachmann, aber ein letisches Sonnenrad sieht meiner Kennntis nach im Zentrum anders aus. Trotzdem glaube ich nicht, dass es bewußt als Provokation aufgehangen wurde (eher eine allg. Provokation oder was auch immer von dem Erzeuger des Kleides).

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 28. August 2016 21:26

      ... aber die Verantwortung trägt letztendlich der lettische Staat, denn er hat zu kontrollieren, was er an seinen Gebäuden befestigt ... Ich trage ja auch Verantwortung für das, was auf diesem Portal geschieht, auch wenn ich es nicht persönlich schreibe. Aber wenn ich es freischalte, liegt die Verantwortung bei mir ... Es kann natürlich immer mal wieder etwas passieren. Und dann kommt es auf das gegenseitige Verhalten zur Schadensbegrenzung an. Für mich war aber mit diesem Artikel weniger wichtig das Verhalten der lettischen Seite zu kritisieren. Ich war entsetzt über die Diskussionen von jungen russischen Menschen (Altersgruppe um die 30 Jahre) in den sozialen Netzwerken - eben bis hin, dass man zur Brandstiftung aufgerufen hat. Und dies von Leuten, die man nicht einfach als "sozial schwierig" einstufen könnte, sondern von angesehenen, bekannten Persönlichkeiten.

  • Frank Werner

    Veröffentlicht: 29. August 2016 19:03 pm

    @UEN
    Da wundere ich mich aber schon, dass sie das von griepswoolder freigeschaltet haben

    @griepswoolder
    zu 1)
    Das ist in den Kulturkreisen richtig. War es ganz früher in unseren Gebieten auch mal so, gab es aber einen erhebliche Lücke bis zur "Wiedereinführung". Daher ist die Argumentation für das JETZT und HIER nicht korrekt.

    zu 2)
    Es wird in der Gesetzgebung deutlich zwischen dem Zeigen zu politischen Zwecken oder eben zu historischen/kulturellen Zwecken etc. unterschieden. Deshalb ist der Gerbrauch in Filmen, Museen oder im Kabarett unproblematisch ...

    zu 3)
    Das ist ein wirklich schwieriges Thema, welches sicher auch in der unterschiedlichen Dauer der Besatzung seine Ursachen hat.

    zu 4)
    Das ist hanebüchener Unsinn. Dabei handelte es sich um eine von der SS fingierte Aktion mit dem Tarnnamen Unternehmen Tannenberg.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 29. August 2016 19:10

      ... ja, ich wundere mich selber über meine "Entscheidung", aber andererseits gibt es ja auch andere die mit ihren Kommentaren das Gegengewicht schaffen ... wie man an Ihrem Beispiel sieht.

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 29. August 2016 21:39 pm

    Wenn ich hier so die Meinungen von walter2000 und griebswolter lese, dann wird mir eigentlich so richtig übel. Aber es hat offensichtlich mit deren Grundeinstellung zu bestimmten Dingen, eben auch historischen Ereignissen zu tun.
    Diese unterschwellige Aufgeregtheit, daß es angeblich keinen deutschen Überfall auf Polen gab, daß Ansprachen des "Führers" einfach umgedeutet werden, daß man historische Fakten bezüglich der Roten Armee, die vorsätzlich falsch interpretiert, kritiklos in sich aufnimmt und weiter trägt, zeigt doch, daß die Ergebnisse der Umdeutung der Geschichte nicht nur in Deutschland reiche Früchte trägt. Da haben sich doch die Landserhefte, die Erlebnisberichte ehemaliger Wehrmachts-, Polizei- und SS-Offiziere gelohnt, die da von einem fast greifbaren Endsieg schwelgten, wenn nicht .... dies oder das eingetreten wäre. Seit Jahren werden im deutschen Staatsfernsehen und auch den Privaten, vor allem n-tv und n24 die Nazis, die Wehrmacht und das ganze System (ausgenommen die Judenausrottung) als doch gar nicht so schlimm dargestellt. Aber da gibt es auch schon Ansätzevon bestimmten Leuten, daß man doch erhebliche Zweifel daran hegt, daß es Auschwitz und die Vernichtung der Juden überhaupt gegeben habe. Diese ganze Sache ist auf lange Sicht angelegt mit der Nicht- oder Falschinformation bereits der Kinder in der Schule.
    Hallo walter2000, hoch gerüstete deutsche Wehrmacht mit erfolgreicher Kriegserfahrung und eine eben nicht hoch gerüstete nicht moderne Rote Armee, deren beste Kommandeure entweder von Berias NKWD erschossen oder in deren Straflagern saßen, mit beträchtlichen Problemen im gerade so gewonnenen Winterkrieg mit Finnland. Die russische Armee befand sich voll in der Umstellung. Das hatte die deutsche Führung eben erkannt, daß ein Krieg zu einem späteren Zeitpunkt sehr "Ungünstig" gewesen wäre.Wenn Sie sonst so schon alles kennen, dann muß ich wohl nicht mehr dazu schreiben.
    Und den Schwipper mit seinen Ergüssen kann man getrost in der Pfeife rauchen. Sie wissen auch warum.

  • Frank Werner

    Veröffentlicht: 29. August 2016 21:53 pm

    @UEN
    Ich bin schon etwas entsetzt
    @Walter 2000
    "General" Dr. Bernd Schwipper veröffentlicht in rechtsextremen Verlagen. In dem Zusammenhang erstaunt es mich doch immer wieder, wie viele ehemalige NVA Offiziere es in die rechte Ecke zieht. Sind jetzt auch genug bei der AfD. Vielleicht hatte die Wehrmachtsuniform der NVA noch irgendwelche Auswirkungen? Wer weiss?

    Von hochgerüsteter roter Armee kann wohl keine Rede sein. Sie war durch die stalinschen Säuberungen stark geschwächt und konnte nicht einmal die finnische Armee besiegen.

  • boromeus

    Veröffentlicht: 30. August 2016 20:49 pm

    @walter2000
    Danke für Ihre Worte.Heute gilt in unserem alliertem Verwaltung-Konstrukt BRD nur noch das ,was der Usrael Clique nutzt.Und wer etwas anderes behauptet, der ist eben ein Rechter oder Verschwörungstheoretiker.So gilt eben das ,was man uns seid nunmehr 71 Jahren verkauft.Die Wahrheit der Sieger.Und da ist es auch zu vernachlaessigen, ob ihre Behauptungen heute wissenschaftlich längst widerlegt sind.
    "Erst dann wenn die sogenannte Wahrheit der Sieger in die Geschichtsbücher der Besiegten Einzug gehalten hat und von den nachfolgenden Generationen geglaubt wird, kann die Umerziehung als wirklich gelungen angesehen werden.
    Wie sagte schon Bonaparte:Streue ein bisschen Zwietracht unter sie und sie werden sich zerfleischen...

  • Frank Werner

    Veröffentlicht: 31. August 2016 21:20 pm

    Da fällt mir nur Brecht ein: "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies kroch!"

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 31. August 2016 21:22

      ... wobei die hiesigen Kommentare noch sehr zurückhaltend sind. Es gibt FB-Gruppen, da bin ich Feind Nr. 1.

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