Morgengabe an die Dritte Welt

Morgengabe an die Dritte Welt

Es sind zwei Gründe, die den 9. August 2014 bemerkenswert machen. Mit der Einnahme der Kleinstadt Krasnij Lutsch an der Straße zwischen Lugansk und Donezk durch ukrainische Truppen am heutigen Tag besitzt die Hauptstadt des Donbass, und damit auch die Hauptstadt der selbsterklärten Volksrepublik Donezk, keinen Zugang mehr zur Schwesterrepublik Lugansk und zum russischen Staatsgebiet. Die Zeit der Separatisten nähert sich dem Ende. Während die Westpresse, vor allem jedoch die Medien in der Ukraine den unmittelbar bevorstehenden Einmarsch der russischen Armee beschwören, bewahrheitet sich, was informierte Kreise in Moskau seit Wochen prognostizieren. Der Kreml wird nicht im ukrainischen Morast versinken. Das Geschenk wird er den atlantischen Falken nicht machen. Es wäre der eine große Fehler, der aller Wahrscheinlichkeit nach Putins Ende einläuten würde.

Der zweite Grund, sich an den Tag zu erinnern, ist Putins Ernennung zum russischen Ministerpräsidenten am 9. August 1999. Vorzeichen für eine lange Herrschaft hätte man an jenem Tag mit der Lupe suchen müssen. Vier Ministerpräsidenten in achtzehn Monaten hatte Präsident Jelzin verschlissen; niemand nahm den neuen Mann sonderlich ernst. Der unbekannte ehemalige KGB-Offizier aus dem Mittelbau galt lediglich als Kandidat Nummer fünf.

Fünfzehn Jahre später toppt dieser Wladimir Putin die Listen der wichtigsten Politiker der Welt. Mehr noch: Nach über zwei Jahrzehnten der versuchten Integration in die westliche Staatenwelt führt er sein Land in einem atemberaubenden Schwenk in eine andere Richtung.

Dritte Welt — der Begriff umfasste ursprünglich nicht (wie heute) die Entwicklungsländer, die armen Schweine, die es immer noch nicht geschafft haben oder nicht schaffen wollen. Dritte Welt, das waren bis 1989 die Blockfreien, die weder dem sozialistischen Lager noch dem kapitalistischen Westen (Erste und Zweite Welt) angehörten. Inzwischen sind aus dieser Dritten Welt die Schwellenländer hervorgegangen, industrialisierte Staaten wie China und Korea, Singapur, Brasilien, Argentinien, Chile und andere mehr. Derweil verschmolzen Erste und Zweite Welt; was vom "Sozlager" übrig war, hat der Westen sich nach 1989 einverleibt.

Wer hätte erwartet, dass Russland einen anderen Weg als Richtung Westen einschlägt? Auch in Russland selbst werden es die allerwenigsten gewesen sein. Menschen wie Solschenizyn — ja, aber wie viele gibt es davon?

Wladimir Putin knüpft sein politisches Schicksal an die Abwendung Russlands vom Westen. Ein halbes Jahrhundert nach dem Ende der europäischen Weltherrschaft wiederholt er, allerdings in anderer Richtung, den Schwenk Peters I., der sein Land um 1700 zum Westen hin geöffnet hat, zu einem Europa, das sich in einem berauschenden Aufschwung befand. Davon können die Europäer dreihundert Jahre später nur noch träumen. Und der russische Präsident ist keiner, der sich mit Verlierern abgibt. Im Gegenteil — er sieht die Chance, seinem Land in einer Schritt für Schritt stärker werdenden "Dritten Welt" eine Führungsrolle zu sichern.

Es geht längst nicht (nur) um die Ukraine. Das Lebensmittel-Embargo gegen die EU ist eine Morgengabe an die Bräute in Südamerika und Asien.

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