Morgenröte in Kaliningrad? Die Medienoffensive des Gouverneurs

Morgenröte in Kaliningrad? Die Medienoffensive des Gouverneurs

Seit Anfang Oktober ist Anton Alichanow Gouverneur des Kaliningrader Gebietes. Kaum im Amt, sah er sich Anschuldigen und Kritiken misslauniger Kaliningrader Medien ausgesetzt – häufig unterhalb der Gürtellinie. Nun hat er die Medien genutzt, um alles an seinen notwendigen Platz zu stellen.

Entgegen der in Deutschland verbreiteten Meinung, dass es in Russland keine Presse- und Meinungsfreiheit gibt, habe ich in den letzten Jahren, seit dem meine Informationsagentur funktioniert, eine völlig andere Erfahrung gemacht. Und auch der Gouverneur Anton Alichanow musste die Erfahrung machen, dass es kaum Möglichkeiten gibt auf die russischen Medien und deren Berichterstattung Einfluss zu nehmen – zumindest nicht, wenn diese Medien eine gewisse imaginäre rote Linie nicht überschreiten. Aber ansonsten kann man in Russland alles schreiben, über alles mutmaßen und auch alles Mögliche unterstellen. Man kann auch Vertrauen missbrauchen und damit sich Möglichkeiten für die Zukunft verbauen. Und so kommt es, dass man im Kampf um Eitelkeiten, Akzeptanz und Glaubwürdigkeit vielleicht Wege beschreitet, die so ursprünglich nicht geplant waren. Ich habe in den letzten vier, fünf Wochen nur kopfschüttelnd in meinem Office gesessen und gelesen, was einige in Kaliningrad sich unter freier, objektiver, unvoreingenommener Berichterstattung vorstellen. Und irgendwie hatte ich Angst, dass der junge Gouverneur Anton Andrejewitsch Alichanow diesem, für ihn vermutlich unerwarteten Mediendruck, nicht standhalten könnte. Aber andere Gesprächspartner meinten, ich solle mir keine unnötigen Sorgen machen.

Anton Alichanow nutzte dann die Möglichkeiten von NTW, einem großen russischen Sender, sich erstmals der Öffentlichkeit etwas detaillierter vorzustellen. Ich fand den Beitrag gut, er zeigte, ohne die sonst üblichen Übertreibungen, einen jungen Mann zum anfassen, der versucht, als Gouverneur das Vertrauen des Präsidenten in ihn zu rechtfertigen und das Vertrauen von fast einer Million Kaliningrader in den nächsten 10 Monaten bis zu den Gouverneurswahlen zu erarbeiten, denn jetzt ist er ein Gouverneur von „Präsidenten
Gnaden“, beauftragt mit der Führung der Region … bis zu den Wahlen im September.

Prompt folgten dieser Sendung unfaire Kommentare von bekannten Kaliningrader Medienvertretern (Mehrzahl) in den Sozialnetzwerken. Niedrigste Schublade – fand ich.

Und plötzlich veröffentlichte Alexej Milowanow, Chefredakteur von „newkaliningrad“, einem großen, einflussreichen Kaliningrader Nachrichtenportal ein Foto, welches wohl annoncieren sollte, dass die Veröffentlichung eines Interviews bevorstehe.


Foto (Facebook): Alexej Milowanow im Gespräch mit Anton Alichanow

Das kam für mich überraschend. Sollte die Eiszeit zwischen den Beiden beendet sein? Aber ein Blick auf das Foto zeigte mir: Nein, die Distanz ist groß, sehr groß geworden und das Interview ist nur ein medienpolitischer Schachzug des Gouverneurs.

Bestätigt wurde ich in meiner Meinung dadurch, dass in der gleichen Nacht durch die „Komsomolskaja Prawda“ ein sehr großes Interview veröffentlicht wurde – über 20 Seiten in meinem PC und 75 Minuten Sendezeit – unmöglich alles widerzugeben, zumal viele Dinge dort besprochen wurden, die dem deutschen Leser, der weit entfernt von der Kaliningrader Thematik ist, unverständlich und somit nicht interessant sind. Wer trotzdem das Interview im Original ansehen oder lesen will, klicke auf die nachfolgenden Grafiken.

Auch wenn Sie den Text nicht verstehen, schauen Sie einfach mal rein bei „youtube“ und verschaffen sich einen Eindruck, wie sich der Gouverneur im Umgang mit trainierten Journalisten gibt. Entweder ist er ein Naturtalent, oder er ist doch langfristig auf diese Aufgabe vorbereitet worden.

Und einen Tag später erschien dann das Interview, welches durch Alexej Milowanow angekündigt war – naja, es war schon nicht mehr die Sensation, andere haben die besseren Beziehungen gehabt … und genau so sollte es wohl auch verstanden werden. Und deshalb titelte Alexej auch etwas neidisch – wie mir scheint - das sein Interview eigentlich das bessere ist: „das WIRKLICHE Interview“.

Screenshot Titelaufmachung bei „newkaliningrad.ru“. Klicken Sie auf das Foto, um zum Originalartikel zu gelangen
 
Beide Interviews sind interessant und keines der beiden ist besser, sie ergänzen sich und für diejenigen, die sich mit Kaliningrad beschäftigen, ist das Lesen und die Analyse beider Interviews ein absolutes MUSS.
 
Fotokarte: Alexej Milowanow – junger Mann mit vielen Gesichtern – Klick um auf seine Facebook-Seite zu gelangen
 
Das Interview mit der „Komsomolskaja Prawda“ ist mehr in familiärer, gemütlicher Atmosphäre und das Sahnehäubchen, neben den vielen offiziellen Fragen und Antworten, ist der kleine Exkurs in die Privatsphäre des Gouverneurs. Dieser Exkurs fand mit „newkaliningrad“ nicht statt – klar, gebranntes Kind scheut das Feuer. Am Ende des Interviews mit Alexej fragte der Gouverneur noch „scheinheilig“: Warum stellen Sie mir eigentlich keine Fragen zu meiner Familie? Worauf Alexej antwortete: „Warum soll ich Ihnen Fragen stellen, auf die ich sowieso keine Antworten erhalte?“ Aber die „Komsomolzen“ haben Antworten erhalten und sogar Fotos:
 

Was erfahren wir noch Interessantes aus dem Interview mit der „Komsomolzen-Wahrheit“?

…das er, bei Dienstreisen nach Moskau, bei seinen Eltern übernachtet. Das spart Hotelkosten für den Gebietshaushalt und die Eltern freuen sich, den Sohn verwöhnen zu können,

…das er nicht unbedingt ein Dienstfahrzeug braucht. In Moskau nutzt er die Metro – nicht immer, aber immer öfter,

…das seine Frau Dascha eine ausgezeichnete Köchin ist, Bortsch mit Rindfleisch schmeckt ihm besonders gut,

… das er jeden Tag morgens am Oberteich seine Laufrunden dreht, um 8 Uhr am Schreibtisch in der „DD1“ sitzt und nicht früher als 21 Uhr das Gebäude verlässt,

…das er für alle zu sprechen ist, man sich ganz normal anmelden kann und es zukünftig noch einfacher wird, sich per elektronischer Medien direkt mit ihm kurzzuschließen,

Zu den offiziellen Themen führte er aus, dass die Marschrichtung für das Kaliningrader Gebiet bis 2025 eigentlich klar ist. Man wird eine Art Neuauflage der Sonderwirtschaftszone machen und die Nachlässigkeiten und Gleichgültigkeiten der Vergangenheit nicht wiederholen.

Anton Andrejewitsch kritisierte, so schien es mir, das bisherige Engagement der Verantwortlichen in Kaliningrad zum Thema „Sonderwirtschaftszone“, denn Kaliningrad war die erste Region mit diesem Status und hat die „Drecksarbeit“ gemacht, von der jetzt viele andere Sonderwirtschaftszonen in Russland erfolgreich profitieren – nur Kaliningrad eben nicht. Und das soll sich ändern. Er will aus Kaliningrad eine Art „russisches Experiment“ machen, will aber dafür auch weitere Vorteile für die Region.

Er gab auch zu, dass es gegenwärtig nicht ganz einfach ist. Die geopolitische Lage wird von den Nachbarn ausgenutzt und er zeigte an einem kleinen Beispiel, was er meint, denn die litauische Bahn fordert für den Transport von Waren aus dem großen russischen Mutterland die für Litauen bestimmt sind einen Tarif. Aber wenn Waren nach Kaliningrad transportiert werden, verdoppelt sich dieser Tarif. Warum das so ist, sollen jetzt Gespräche klären.

Die weiteren Fragen und Antworten zeigten, wie hin- und hergerissen der Gouverneur ist, denn es liegt überall im Argen in Kaliningrad und man möchte überall gleichzeitig die Probleme lösen – die Landwirtschaft noch schneller voranbringen, aber auch Gespräche mit BMW führen, wo denn die versprochenen Investitionen bleiben … und man muss sich um das Straßen- und Wegenetz kümmern. Aber auch das Energieproblem ist bisher nur auf dem Papier gelöst, auch wenn die realen Arbeiten schon begonnen haben. Und das Atomkraftwerk ist auch noch so ein nicht leichtes Thema, wo aber wieder internationale Interessen und Einflüsse wirken. Und die Regionalprobleme im Zusammenhang mit der Vorbereitung der Fußball-Weltmeisterschaft … der problembelastete Airport und das Stadion, wo wohl doch nicht alles so läuft, wie seine verantwortlichen Minister ihm das gemeldet haben.

Der Journalist der „Komsomolka“ meinte dann zu Anton Andrejewitsch, dass die Meinung herrscht, dass es in Kaliningrad keine ausgeprägten Clans gibt, die eng mit der „Macht“ arbeiten. Es lohne sich nicht, da der Gouverneur sowieso alle fünf Jahre wechsle. Ist das so, fragte der Journalist? Und Anton antwortet (lächelnd): „Ja, das ist wohl der sogenannte preußische Fluch“. Aber er will länger bleiben, wenn die Bevölkerung es denn will und Clans will er trotzdem nicht aufbauen.

Und es wurden auch außenpolitische Themen besprochen. Einerseits, so meinte die „Komsomolka“ schaffen die Polen den kleinen visafreien Grenzverkehr mit Kaliningrad ab, und Kaliningrad antwortet darauf mit einer Initiative, die die völlige Visafreiheit für Ausländer vorsieht. Und der Gouverneur antwortete ihm:

„In Pionersk hat vor einigen Monaten ein Treffen zwischen Victoria Nuland und Wladislaw Surkow stattgefunden. Wir haben vorgeschlagen, dass Kaliningrad eine Plattform für ständige Gespräche zwischen Russland und dem Westen werden könnte. Und ein vereinfachtes Visaverfahren wird hierbei helfen. Wenn es zu keiner völligen Visafreiheit kommt, so schaffen wir aber zumindest ein elektronisches Visa, welches innerhalb von drei Tagen per Internet genehmigt wird“, - so die Antwort des Gouverneurs.

Und neben der Außenpolitik wurde auch das Militär angesprochen, diesmal schon von Alexej Milowanow, von „newkaliningrad.“ Natürlich hat die ganze Welt zur Kenntnis genommen: Kaliningrad ist Russland und Russland nutzt sein Gebiet in seinem Interesse. Und Russland hat nicht die Absicht den Westen zu fragen, was es auf seinem eigenen Gebiet machen darf und was nicht.

Und es wurde das Thema der „Deutschen“ angesprochen, oder wie es jetzt seit einigen Wochen in Kaliningrad Mode geworden ist zu sprechen: die „Germanisierung“ des Gebietes. Man sprach über die Touristen, über den nachlassenden Touristenstrom aus Deutschland, aber auch über Deutsche, die nach Kaliningrad übersiedeln, um hier ständig zu leben. Und der Interviewer der „Komsomolka“ fragte, ob die Region dann wieder Deutsch wird. Anton Alichanow informierte, dass er sich unlängst mit Vertretern der verschiedensten Nationalitäten getroffen hat. Die Anzahl der Deutschen, die sich ständig in Kaliningrad aufhalten, ist in der Zeit nach 1991 von 500 auf bis zu 8.000 angewachsen. Aber, so der Gouverneur, das sind keine Deutschen aus Deutschland, das sind Deutsche aus Kasachstan, Russlanddeutsche, also „unsere Landleute“, die im Rahmen des Rückkehrer-Programms zu uns kommen.


Grafik: Russlanddeutsche haben Ein-Prozent-Anteil an der Kaliningrader Bevölkerung

Einen weiteren Themenkomplex, den beide Interviewpartner ansprachen, betraf die Personalpolitik des neuen Gouverneurs. Er wiederholte, dass er an der Vervollständigung der Struktur arbeite. Es wird weitere Entlassungen geben. Wer seine Aufgaben nicht erfüllt, der muss gehen.

„Prinzipiell bin ich mit dem jetzigen Mitarbeiterstamm in der Regierung zufrieden – wir sind arbeitsfähig. Es ist nicht richtig, dass es in der Regierung Mitarbeiter gibt, die nur hier sind, weil es Leute von Zukanow oder Boos sind. Ich beurteile die Leute anders. Wenn sie die Aufgaben nicht erfüllen, suchen wir für diese Aufgaben andere. Wir haben Auswahl, gegenwärtig liegen mir 55 Bewerbungen vor.“

Milowanow stellte dann noch die Frage, wie sich der Gouverneur zur Kritik stelle. Und der Gouverneur nutzte den ihm zugeworfenen Ball, um zu signalisieren, dass er immer bereit ist Kritik, die ihn betrifft oder aber die Arbeit der Regierung, entgegenzunehmen – Voraussetzung allerdings sollte sein, das es sich um konstruktive Kritik handelt. „Ich bin bereit zuzuhören, zu diskutieren. Ich brauche keine verbrannte Erde über die der König schreitet, mit dem Schwert wedelt und meint er ist der Größte auf dieser Erde. Ich möchte etwas Reales. Und ohne Opponenten fehlt das Salz in der Suppe“,- so Anton Andrejewitsch.

Foto: Die Fragen stellte der Journalist von „Komsomolka“, das Foto stammt von „newkaliningrad“ – zwei Quellen eine Gesamtaussage.
 
Zum Schluss seines Interviews machte Alexej Milowanow noch eine Bemerkung (Sie wissen ja, in Russland ist es so, dass das Wichtigste in einem Gespräch immer ganz zum Schluss kommt, wenn das Gespräch eigentlich schon beendet ist):

„Wir leben in einem Land, wo ein 30jähriger Mann kein Gouverneur werden kann, wenn er nicht durch irgendjemand protegiert wird, er nicht irgendein Sohn, Enkel, Bruder, Schwiegersohn oder Datschen-Nachbar ist“. 

Gouverneur: „Er kann.“

Milowanow: „Also Sie sind eine Ausnahme?“

Gouverneur: „Ich bin die neue Regel“

Ich könnte noch viele andere Dinge aus den beiden Interviews erwähnen, aber wir würden dann auf rund 50 Seiten kommen – ich überfordere Sie und mich persönlich auch. Belassen wir es heute mit diesem optimistischen Blick in die Zukunft. Und, vergessen Sie nicht den Nachsatz – das Wichtigste kommt immer zum Schluss - gelle?

Es fängt wieder an Spaß zu machen in Kaliningrad und Ideen, was man machen könnte, kommen auch wieder in den Sinn. Schade nur, dass Deutschland und die Deutschen nicht mehr die Rolle spielen, die sie eigentlich spielen könnten, denn immerhin ist die Region doch irgendwie ein Verwandter, wenn auch nur entfernter. Aber egal, ich bleibe am Ball und verspreche Ihnen in wenigen Tagen weitere interessante Neuigkeiten aus dem Bereich der Wirtschaft. Bleiben Sie uns also treu.
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