NATO-Vertretung in Kaliningrad?

NATO-Vertretung in Kaliningrad?

Ende 2014 sagte die amerikanische Agentur „Bloomberg“ voraus, dass Kaliningrad im Jahre 2015 zu einem politischen Brennpunkt in der Welt werden könnte. Sollte dies nun wahr werden – nur eben mit einem Jahr Verspätung? Hat Kaliningrad vielleicht schon seit Jahren eine inoffizielle NATO-Vertretung in Form deutscher Diplomaten?

NATO-Vertretung in Kaliningrad?

Seit Donnerstag vergangener Woche kreiselt ein Dokument im russischsprachigen Internet und man diskutiert, ob dies eine Fälschung ist. Abgebildet ist ein Bericht an die NATO in Brüssel, mit der technischen Unterschrift „Lissner“. Das äußere Bild des Dokumentes lässt vermuten, dass es sich wohl um einen Arbeitsentwurf handelt, der in einem Papierkorb gefunden wurde. Dann vermuten einige Kommentatoren, dass das Dokument gefälscht ist, denn es fehlen bei Wörtern mit Umlauten die Pünktchen obendrauf (ä, ö, ü) und man vermutet, dass für die Erstellung des Dokumentes keine deutsche Tastatur verwendet wurde.

Foto: Bericht an Info-bruessel nato mit ausgewählten Textstellen zu fehlenden Umlauten. Dazu eine Tastatur russisch/deutsch – gekauft in einem Elektronikmarkt in Kaliningrad für 650 Rubel.
 
Natürlich hat „Kaliningrad-Domizil“ nicht die Möglichkeit tiefgründige Untersuchungen anzustellen, aber ein paar Gedanken mache ich mir schon.
 
  • Wer ist dieser „Lissner“, dessen technische Unterschrift das Dokument trägt?

Vermutlich handelt es sich um Daniel Lissner, der ehemalige Vizekonsul für Kultur im deutschen Generalkonsulat in Kaliningrad, der sich zu diesem Zeitpunkt für mehrere Monate in der Ostukraine aufgehalten hat, um sich im Auftrage – so seine Äußerungen in Kaliningrad – des deutschen Auswärtigen Amtes, ein Bild über die wahre Lage vor Ort zu machen.

  • Warum ist das Dokument so zerknüllt und wie kommt es in fremde Hände?

Der Internetseite des deutschen Generalkonsulats in Donezk ist zu entnehmen, dass man im Jahre 2014 umgezogen ist und seinen zeitweiligen Dienstsitz jetzt in Dnepropetrowsk habe. Bei Umzugsaktionen kann es schon mal passieren, dass sich jemand für den Papierkorb interessiert. Als das Generalkonsulat in Kaliningrad nur eine Straße weiter umgezogen ist, wurden Dutzende Säcke Akten unter Friedensbedingungen geschreddert … in Donezk herrscht Krieg und aus den Jahren 1989/90 wissen wir, dass es nicht immer gelingt, alles zu schreddern.

  • Sind die fehlenden Pünktchen ein Beweis für eine Fälschung?

Das Blatt ist im perfekten stilistischen Deutsch abgefasst. Also der vermutete Fälscher war der deutschen Sprache sehr gut mächtig. Und dem wäre so ein plumper Fehler bestimmt nicht unterlaufen und wenn die „russische Tastatur des FSB“ keine Umlaute schreibt, dann hätte der „FSB-Fälscher“ bestimmt „ue, ae oder oe“ geschrieben – meine ich. In Russland werden Tastaturen grundsätzlich zweisprachig angeboten (russisch/lateinisch) und es gibt auch spezielle Aufkleber für Tastaturen. Die Umschaltung auf eine andere Sprache erfolgt über Windows und nicht über die Tastatur und wenn schon Fälschungen vermutet werden, dann ganz bestimmt nicht solche primitiven. Im übrigen, glaube ich, dass es in der englischen Sprache, der Sprache der NATO, auch keine Umlaute gibt.

Aber, Sie und ich werden nicht mit absoluter Gewissheit sagen können, ob es eine Fälschung ist oder nicht.

Foto: Umzug des deutschen Generalkonsulats in Kaliningrad Ende 2013
 
Aber denken wir weiter nach.
 
Der Inhalt des Berichtes selber ist wenig interessant – finde ich. Der vermutete Verfasser war in Kaliningrad einige Jahre für die Pflege der kulturellen Verbindungen zwischen Deutschland und Russland, als verbindendes Element beider Staaten zuständig und schlägt nun vor, genau dieses verbindende Element zu zerstören – also er sägt den Ast ab, auf dem er sitzt oder besteht die Aufgabe eines Kulturkonsuls nicht nur in der Schaffung kultureller Beziehungen sondern auch in der Zerstörung dieser? Doch wohl kaum, es sei denn, er sitzt gar nicht auf diesem Ast.
 
Ein Vizekonsul für Kultur des deutschen Generalkonsulats in Kaliningrad berichtet auf einer Dienstreise an das NATO-Büro in Brüssel. Er müsste doch aber an das deutsche Auswärtige Amt berichten – oder? Was hat die NATO in Brüssel mit der Ostukraine Anfang 2014 zu tun? Und was hat „Lissner“ mit der NATO zu tun? Oder ist Daniel Lissner nicht der Daniel Lissner den wir aus Kaliningrad eigentlich kennen?
 

Foto: Daniel Lissner im Jahre 2013 bei verschiedenen gesellschaftlichen Anlässen im russischen Kaliningrad
 
Denken wir weiter nach.
 
Ich kenne Daniel Lissner persönlich, habe die vielen Gespräche, bei denen er immer ein aufmerksamer und höflicher Zuhörer und Fragesteller war, genossen. Ich gebe zu, dass es angenehm ist, wenn man sein jahrelang erworbenes Wissen über Russland und Kaliningrad anderen mitteilen kann. Und wenn man sich gut versteht, dann hilft man sich auch mal. Und warum sollte ich nicht seine Bitte im Dezember 2013 (!) erfüllen und eine Analyse, viele Einzelmomente des Kaliningrader Gebietes betreffend, erarbeiten. Der Termin, den er nannte, war kurzfristig und über Nacht erarbeitete ich ein 11seitiges Dokument zur politischen und wirtschaftlichen Situation in Kaliningrad.
 
Screenshot: Kaliningrad-Bericht aus Dezember 2013
 
Heute stelle ich mir die Frage, für wen ich dieses Dokument erarbeitet habe:
 
  • für den befreundeten und gestressten Beamten im Kaliningrader Generalkonsulat?
  • für irgendeine Abteilung im Auswärtigen Amt?
  • für irgendeine andere deutsche oder internationale Behörde?

Ich habe vor einiger Zeit, als der Skandal um den Auftritt von Daniel Lissner im Deutsch-Russischen Haus in Kaliningrad anfing haushohe Wellen zu schlagen, mal ein paar Nachforschungen angestellt und an  - glauben Sie es mir einfach – sehr passenden deutschen Stellen Fragen gestellt. Überall erlebte ich, als ich diese Umstände erwähnte sofort steinernde Gesichter und die sofortige Beteuerung, dass man nicht der Auftraggeber war und man nichts wisse und Herr Lissner für solche Fragen eigentlich gar nicht zuständig war.

Also, für wen habe ich dieses Dokument erarbeitet und habe ich damit dem Staat, der mir seit 26 Jahren Gastfreundschaft gewährt, Schaden zugefügt? Bin ich durch einen deutschen Beamten, entgegen meinen eigenen Interessen und Ansichten, ausgenutzt worden?

Dann wäre ich aber nicht der Einzige, der durch die Arbeit dieses deutschen Beamten zu Schaden gekommen ist, denn durch seinen Auftritt im Deutsch-Russischen Haus im Jahre 2014 hat Herr Lissner die jetzigen Schwierigkeiten für deutsche Einrichtungen in Kaliningrad ausgelöst.

Fotomontage: Präsident des DRH Viktor Hoffmann kündigt die Schließung des Hauses im Interview mit „Streng Geheim“ (russ. Internetportal) an
 
Wer hat sich dieses ganze Szenario einfallen lassen, mit dem innerhalb kürzester Zeit all das kaputt gemacht wird, was viele, die an einem guten Verhältnis zwischen Russland und Deutschland interessiert sind, über Jahrzehnte aufgebaut haben. Wer hat ein Interesse daran, in Kaliningrad eine angespannte und deutsch-distanzierte Situation zu schaffen?

Herr Lissner ist nicht etwa bestraft worden für sein Verhalten in Kaliningrad – denn sein vorzeitiger Abzug aus Kaliningrad und seine Versetzung nach Kiew kann man wohl kaum als Strafversetzung bezeichnen. Er kehrte dorthin zurück, wo er bereits im Jahre 2005, im Rahmen eines großen Skandals um Prostitution und die darin verwickelte deutsche Botschaft eine Rolle spielte.


Und für mich ist dies und all das, was wir in den letzten Tagen und Wochen hier alles erfahren haben, ein Zeichen (wenn auch kein Beweis), dass Herr Lissner in Kaliningrad wohl mehrere Funktionen gehabt haben könnte – tja, und wer aus dem Donezk dem NATO-Büro in Brüssel Informationen und Lageeinschätzungen zukommen lässt, der macht das vielleicht auch aus Kaliningrad? Also ist das Dienstzimmer von Herrn Lissner in der „Leningradskaja 4“ und dann in der „Thälmanna 14“ gar kein Kulturzimmer gewesen, sondern so eine Art NATO-Lagezentrum?

Fotomontage: Gebäude des deutschen Generalkonsulats in Kaliningrad in der Leningradskaja 4 und Thälmana 14
 
Vielen Informationen ist zu entnehmen, dass man damals im deutschen Generalkonsulat in Kaliningrad nicht von dem Auftritt Daniel Lissners im Deutsch-Russischen Haus unterrichtet war. In einem Gespräch sagte man mir sogar, dass Herr Lissner durch die Ereignisse im Donbass, die er unmittelbar erlebt hat, in einer psychologischen Ausnahmesituation war. Also die Vorgesetzten wussten dort Monate nichts über den psychologischen Ausnahmezustand des deutschen Beamten nach seiner Rückkehr und wussten auch nicht, was der Mitarbeiter in diesem Gebäude machte. Dieser konnte, zum Schaden deutscher Interessen im Ausland, öffentlich auftreten und die Beziehungen zwischen zwei Ländern vergiften – ungestraft, bis heute. Hoffentlich weiß man heute im deutschen Generalkonsulat in Kaliningrad, wer dort arbeitet und wer welche Aufgaben erfüllt und wer wohin Berichte schreibt.
 
 
Bei all dem, was sich jetzt in Kaliningrad abspielt, kann man auf ganz dumme Gedanken kommen: Ohne deutsches Generalkonsulat hätten wir heute ein paar Probleme weniger in Kaliningrad – oder?
 

Sie werden es an den Formulierungen gemerkt haben – ich bin mir unsicher, kann nichts beweisen, mache mir halt nur so meine Blogger-Gedanken. Es wäre schön, wenn besser Informierte mich mit richtigen, stichhaltigen, beweisbaren Informationen versorgen – auch um Herrn Daniel Lissner von Verdächtigungen zu entlasten, die vielleicht nicht zutreffend sind.
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Kommentare ( 2 )

  • ru-moto

    Veröffentlicht: 30. Mai 2016 12:56 pm

    Was soll man schon denken, bei den Wörtern "Vizekonsul für Kultur", "Kultur", DRH, NATO, Deutschland, UN-Feindstaat... Unter dem Deckmantel Ehe sind Diebstahl und Betrug straffrei und vor der OP bekommen die Patienten noch ein Wenig "Sauerstoff", glaube man der Schwester.
    Zu wem man nicht so leichtsinnig Vertrauen hat, zu was man nicht alles "Sauerstoff" und "Kultur" sagt!
    Nachher ist man immer klüger, spätestens dann sollte man entweder darüber lachen können oder aber die Konsequenzen ziehen, die Dinge beim Namen nennen, bevor man noch mehr beschießen wird...

  • ru-moto

    Veröffentlicht: 1. Juni 2016 22:00 pm

    Alles passiert verdeckt und allmählich und wenn niemand aufschreit, wird immer so weiter gemacht.
    Die Alliierten spielen ihr mieses Spiel mit den nicht souveränen Deutschen einfach weiter und diese machen auch brav mit...
    Was ist mit uns passiert, dass noch keiner aufschreit: Ihr verlogenen Kriegstreiber geht weg aus Kaliningrad!

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 1. Juni 2016 22:04

      ... tja, was soll ich auf Ihre Frage antworten? Vielleicht mit einem Zitat aus Ihrem Kommentar: "Alles passiert verdeckt und allmählich ..."

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