Ohne Visum keine Einreise – Das russische Frühwarnsystem

Ohne Visum keine Einreise – Das russische Frühwarnsystem

Visum ist eine konservative Bürokratie im Zeitalter der modernen Elektronik und des Internets. Es ist eine Art Frühwarnsystem gegen ungebetene Gäste. Auch Russland verfügt über ein Visaregime gegen Unerwünschte oder Unerwünschtes. Wir informieren über das Frühwarnsystem gegen Unerwünschtes.

Der heutige Beitrag dreht sich nicht um die Thematik der Einführung eines elektronischen Visums, wie es schon für den Freihafen Wladiwostok existiert und für Kaliningrad zur Einführung im ersten Halbjahr vorgesehen ist. Der heutige Beitrag handelt vom sowjetischen Frühwarnsystem für Starts von Interkontinentalraketen und seinem russischen Nachfolgesystem. Russland hat in den letzten Jahren nicht viel darüber gesprochen, dafür wohl mehr gehandelt. Ruhig schlafen kann trotzdem noch niemand in Russland, da das neue System erst im kommenden Jahr komplett ist. Aber auch dann gibt es keinen Anlass, sich entspannt im Sessel des Diensthabenden zurückzulegen, denn auch andere Länder haben kluge Köpfe, die ständig am tüfteln sind. Deshalb arbeitet Russland auch schon an der nächsten „Visa-Generation“ und auch schon an der übernächsten.

Pünktlich zum Jahresabschluss, einer alten russischen Tradition folgend, hat sich der russische Präsident Putin, gleichzeitig auch Oberkommandierender der Streitkräfte, von seinem Verteidigungsminister Schoigu über den Stand der Aufgabenerfüllung im Rahmen der Modernisierung der Streitkräfte berichten lassen.

Foto: Präsident Putin und Verteidigungsminister Schoigu während erweiterter Sitzung des Kollegiums des Verteidigungsministeriums
 
Anwesend war das Kollegium des Verteidigungsministeriums. Armeegeneral Schoigu berichtete über den erfolgreichen Abschluss der staatlichen Zulassungsprozedur für drei neue Raketenfrühwarnstationen, produziert und aufgestellt nach dem Prinzip der sogenannten hohen „betrieblichen Vorfertigung“. Darunter versteht man die Fertigbauweise im militärischen Bereich in einer Fabrik, wenige Vorbereitungsarbeiten vor Ort und das schnelle Aufstellen und die Inbetriebnahme vor Ort. Alles was zu einer Station gehört ist in Containerform und kann leicht demontiert und an einem anderen Ort wieder aufgestellt werden. Der Transport selber ist einfach und bedarf keiner Spezialfahrzeuge.

Russland hat in den letzten Jahren neue Frühwarnsysteme entwickelt. Diese sind bekannt unter den Bezeichnungen

  • Woronesch-M
  • Wonoresch-DM

Diese lösen alte sowjetische/russische Frühwarnsysteme ab, die die Bezeichnung

  • Dnepr
  • Darjal

tragen.

Der Minister meldete, dass die Stationen in

  • Orsk
  • Barnaul
  • Enisejsk

ihren staatlichen Eignungstest bestanden haben und im Jahre 2017 in das „Diensthabende System“ aufgenommen werden.


Grafik: Südliche Dislozierungsorte des russischen Raketenfrühwarnsystems
 
Mit der Aufnahme dieser drei neuen Frühwarnstationen, verfügt Russland erstmals in seiner Geschichte über eine geschlossene Abwehrlinie entlang seiner Grenze und in alle strategischen Richtungen, aus denen ein Gegner Raketen in Richtung des russischen Territoriums abschießen könnte.

Weiterhin informierte der Minister, dass bei drei weiteren, bereits bestehenden älteren Frühwarnsystemen, Modernisierungsarbeiten vorgenommen worden sind. Dies betrifft die Stationen

  • Baranowitschi
  • Olenegorsk
  • Petschory

Die Station in Baranowitschi befindet sich auf dem Territorium von Weißrussland.


Grafik: Dislozierungsorte modernisierter russischer Stationen im Raketenfrühwarnsystem
 
Russland wird in allernächster Zeit alle Stationen des Frühwarnsystems aus sowjetischer Zeit mit den neuen Systemen „Woronesch“ modernisieren. Es geht hierbei wohl nicht nur um die Modernisierung an sich, als vielmehr darum, dass die aus sowjetischen Zeiten bestehenden Systeme, bedingt durch die politischen Änderungen seit 1991 wohl kaum noch ein Geheimnis darstellen und wohl auch in der Produktion und dem Bedienservice eine Gemeinschaftsarbeit vieler Länder der ehemaligen Sowjetunion war. Auch hier geht es also um die Umsetzung des Prinzips der „Importablösungen“. Alles, was den Verteidigungsinteressen Russlands dient, hat aus russischer Produktion zu stammen, begonnen bei der Mullbinde, bis hin zur letzten Schraube für ein Atom-U-Boot oder eben der Frühwarnanlage für ballistische Raketen.

Das von der Sowjetunion geschaffene Raketenfrühwarnsystem brach im Jahre 1991 zusammen, so, wie auch die Sowjetunion zusammengebrochen ist. Seit diesem Zeitpunkt war Russland relativ schutzlos gegen mögliche Raketenangriffe. Nun geht auch diese Periode der Schwäche dem Ende entgegen.

Aus sowjetischen Zeiten stammen noch eine Reihe von Stationen auf den Territorien anderer Länder, die entweder überhaupt nicht mehr funktionieren oder nur noch bedingt einsatzfähig sind. Hierzu gehören:

  • Frühwarnstation „Skrund“ in Lettland
  • Frühwarnstation Mukatschewo in Sewastopol auf der Krim
  • Frühwarnstation Kutkaschen in Aserbaidschan
  • Frühwarnstationen in Balschach und am Kap Gulschad in Kasachstan
 
Grafik: Nicht oder nur bedingt einsatzbereite Frühwarnstationen
 
 
Mit einigen der ehemaligen Staaten der Sowjetunion konnte Russland Verträge über die weitere Nutzung der Standorte abschließen. Allerdings ist ein Großteil dieser Standorte nicht mehr einsatzfähig. Der Standort in Lettland wurde im Jahre 1995 zerstört.

Aber selbst zu Hochzeiten der Sowjetunion gab es keinen allumfassenden Schutz. Es existierten Lücken im Raketenschutzschirm. Es gab ein „Loch“ im Nord-Ost-Sektor. Um dieses Loch zu schließen, begann man in den 70/80 Jahren mit dem Bau einer Station in Enisejsk, im Krai Krasnojarsk, also genau dort, wo auch heute wieder eine moderne „Woronesch-Station“ errichtet wurde und in diesem Jahr ins Diensthabende System aufgenommen wird. Damals intervenierte die USA und führte an, dass der Bau dieser Station den Vertrag über die Raketenabwehr aus dem Jahre 1972 widerspreche und Michael Gorbatschow wies an, diese Station zu schleifen.

Grafik: Gorbatschow und Reagan einigten sich über das Loch in der Raketenabwehr
 
 
Somit erhielt Russland, als Rechtsnachfolger der Sowjetunion, ein Raketenfrühwarnsystem mit großen Löchern. Um diese Löcher zu stopfen war Geld nötig, welches man aber in den 90er Jahren nicht hatte, da man sich, mit Hilfe amerikanischer Spezialisten auf den „Umbau der Wirtschaft“ konzentrierte. Wie dieser Umbau endete, ist allen bekannt. Steht die Frage, ob denn die Amerikaner wussten, dass es diese Löcher im Raketenschirm gab und warum man dies nicht nutzte. Natürlich wussten dies die Amerikaner. Man brauchte diese Kenntnis aber nicht zu nutzen um Raketen nach Russland zu schicken, denn man hatte ja den leicht lenkbaren Jelzin im Kreml sitzen und so genoss man die „russische Schande“ zehn lange Jahre lang und amüsierte sich wahrscheinlich köstlich über die russische Naivität.

Die Zeit der russischen Naivität endete im Jahre 2000, als Jelzin etwas sehr Kluges tat. Er zog sich von den realen Hebeln der Macht zurück und ein neuer Präsident sollte die Entwicklung Russlands in die Hände nehmen. Dieser neue Präsident war zwar nicht naiv, aber doch noch mit Hoffnung belastet, dass man mit dem Westen kooperieren und die Welt gemeinsam entwickeln könnte. Diese Hoffnung hat er wohl aber im Laufe der Jahre korrigieren müssen.

Man begann die Versäumnisse der Vergangenheit aufzuarbeiten und es begannen die Arbeiten an einem neuen Frühwarnsystem. Technische Spezialisten fanden sich im „Radiotechnischen Institut Akademiker Minz“ und im „Wissenschaftlichen Produktionskomplex „Wissenschaftliches Forschungsinstitut für Langfunkwellen““.

 
Der Aufbau dieser Stationen unterscheidet sich prinzipiell von den Vorgängerstationen. Durch die hohe Vorfertigung in den Produktionsbetrieben und der Modulbauweise, dauert die Aufstellung nur noch 18 Monate. An den Vorgängerstationen wurde viele Jahre gebaut. Auch ist der technische Umfang der Einzelelemente bedeutend geschrumpft. Die früheren Stationen benötigten für die Kühlung drei Arten von Spezialwasser. Um dieses Kühlwasser zur Ortungstechnik zu bringen, wurden 300 Stromaggregate mit einem Leistungsumfang bis zu 10 kw benötigt. Weiterhin wurde ein zweites Kühlwassersystem benötigt, welches der Kühlung des ersten Kühlwassersystems diente. Für die Sicherstellung mit Wasser in der Station in Aserbaidschan (Kutkaschen) wurde extra ein Staudamm mit Elektrostation angelegt. Alleine das Rechenzentrum der Station „Darjal“ benötigte eine ganze Etage eines riesigen Gebäudes. Für die Betreuung einer Anlage wurden 1.500 Soldaten und Offiziere benötigt.

Die heutigen Stationen vom Typ „Woronesch“ werden komplett im Herstellerbetrieb vorbereitet und in Containern installiert. Am Aufstellungsort sind nur Betonierungsarbeiten für Fundamente nötig. Für die Rechentechnik wird keine ganze Etage mehr benötigt, sondern nur noch zwei Schränke. An Energie wird nur noch 0,7 MW benötigt, also 50 Mal weniger, als die alten Stationen.

Die modernen Stationen können Ziele in einer Entfernung von 6.000 bis 8.000 Kilometer orten. Jede Station kann gleichzeitig bis zu 500 „Objekte“ orten und deren Flug begleiten.

Neben den bereits genannten Stationen, bereitet Russland weitere Stationen vor. Diese befinden sich in:

  • Amawir (Krasnodarski Krai)
  • Pionersk (Kaliningrader Gebiet)
  • Seja (Amursker Gebiet)
  • Lechtusi (Leningrader Gebiet)
  • Usol-Sibirskoje (Mischeljowka) (Gebiet Irkutsk)
  • Worgaschor (Workuta) in der Republik Komi
 
Die vom Minister Schoigu genannten Stationen in Barnaul, Orsk und Enisejsk werden im beschleunigten Tempo aufgebaut. Sie sollen mögliche Raketenstarts im Bereich der Wüste „Takla-Makan“ bis Mittelmeer orten, sowie Starts aus Standorten im Nahmen Osten, Südeuropa, der arabischen Halbinsel und Nordafrika. Nach Inbetriebnahme dieser Stationen entfällt die Notwendigkeit der Nutzung der Station „Gulschad“ in Kasachstan.

Weiterhin denkt Russland darüber nach, eine neue Station auf der Krim, in Sewastopol zu errichten. Dort steht bereits eine Station aus sowjetischen Zeiten vom Typ „Dnepr“. Die Ukraine benötigte diese Station nicht und im Verlaufe der Jahre geriet sie in einem abrissreifen Zustand.

 
Mit der Umsetzung all dieser Pläne wird Russland einen kompletten Raketenschutzschirm für die strategischen Angriffsrichtungen erhalten, aus denen nach bisherigen Erkenntnissen, mit Raketeneinflug zu rechnen ist. Damit erreicht Russland einen Zustand, wie er zu keiner Zeit in der Sowjetunion bestand.
 
Grafik: Gesamtübersicht des russischen Raketenfrühwarnsystems
 
Russland plant für die Zukunft sogenannte „tragbare Frühwarnsysteme“ auf der Basis der stationären Orte. Hierbei handelt es sich um Hilfsstationen mit Antennen geringerer Leistungsfähigkeit. Diese „Tragbaren“ sollen die Leistungsfähigkeit der Hauptstationen unterstützen, insbesondere in Spannungsmomenten, wo ein möglicher Gegner versucht, mit elektronischen Kampfmitteln die Einsatzbereitschaft der Stationen zu stören. Weiterhin wird das Gesamtsystem es zukünftig gestatten, das ein gegnerisches Objekt gleichzeitig von mehreren Stationen des Frühwarnsystems „betreut“ wird und somit Fehler ausgeschlossen werden. Dies betrifft insbesondere die Anflugstrecke mit modernsten Raketen, die in der Lage sind, ihre Flugrichtung binnen Bruchteilen von Sekunden so zu verändern, dass eine Neuberechnung der Flugstrecke und des möglichen Endzieles notwendig ist. Die „Übergabe“ des fliegenden Objektes von der begleitenden Hauptstation an eine parallel begleitende Station erhöht somit die Chance des Abfangens und Vernichtens erheblich.
 
Natürlich werden Länder mit ballistischen Raketen und möglichen Angriffsplänen nicht untätig dieser Entwicklung zusehen. So arbeitet man gegenwärtig an sogenannten lenkbaren „Gefechtsblöcken“ mit Hyperschallgeschwindigkeit einer neuen Generation. Ein Gefechtsblock besteht aus einer Vielzahl von „Objekten“. So muss einerseits dieser Gefechtsblock durch Frühwarnsysteme begleitet werden, wie auch die ganzen „Metastasen“, die sich im Laufe des Fluges aus diesem Block lösen und ihr eigenes Ziel suchen. Alle diese „Metastasen“ können nach dem Zufallsprinzip ihre Marschrichtung ändern und somit das Endziel verschleiern.

Russland ist somit dabei, zum heutigen Tag die Frühwarnsysteme „Woronesch-M“ und „Woronesch-DM“ zu stationieren und arbeitet bereits an dem neuen System „Woronesch-WP“. Dieses Frühwarnsystem der neuesten Generation soll seinen Standort in Olenegorsk auf der Kola-Halbinsel erhalten, dort wo sich bereits eine Station des alten sowjetischen Typs „Dnepr“ befindet und wo man bereits mit den Rekonstruktionsarbeiten begonnen hat. Diese supermoderne Station soll im Laufe des Jahres 2018 einsatzbereit sein. Diese Station unterscheidet sich durch die „normalen Woronesch“ dadurch, dass die Anzahl der Sende- und Empfangsblöcke um ein Vielfaches erhöht wurde.

Und dann gibt es noch die superneue Variante des Frühwarnsystems – die „Woronesch-SM“. Die soll aber bisher nur auf dem Papier existieren.

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