Patriarch Kyrill soll Machtwort in Germanisierungsdiskussion sprechen

Patriarch Kyrill soll Machtwort in Germanisierungsdiskussion sprechen

Eine Gruppe gesellschaftlich engagierter Kaliningrader Bürger hat sich in einem offenen Brief an den russischen Patriarchen Kyrill gewandt und ihn aufgefordert, seine Autorität einzubringen, um die weitere Germanisierung des Kaliningrader Gebietes zu verhindern. Spaltet sich die Kaliningrader Gesellschaft in dieser Diskussion?

Beginnen wir, bevor wir mit dem Inhalt und den dazugehörigen Kommentaren zum offenen Brief fortsetzen, mit ein wenig Polemik.

Die Germanisierungsdiskussion ist schon nicht mehr latent, wie sie immer schon seit Anfang der 90er Jahre war, ausgelöst durch Nostalgiedeutsche, die nach Öffnung der Grenzen in ihr Ostpreußen, ihr Königsberg kamen und die Ohren über den Kopf zusammenschlugen und jammerten, was die Russen aus ihrer Postkartenidylle, dem Kleinparadies des deutschen Reiches, gemacht hatten. Nein, diese latente Diskussion hat eine neue Qualität angenommen, spätestens seit dem Jahre 2014. Sie hat an Schärfe und vor allem an Bedeutung seit dem Zeitpunkt zugenommen, wo sich die Bevölkerung der ukrainischen Krim entschlossen hatte, ihr weiteres Schicksal in die verlässlicheren Hände der Russischen Föderation zu legen. Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, beide russische Regionen beginnen nicht nur mit dem Buchstaben „K“, sie haben, zumindest in politischen Diskussionen, noch viel mehr gemeinsam. Die latente Germanisierungsdiskussion hat im Jahre 2016 das Niveau einer beginnenden gesellschaftlichen Auseinandersetzung erreicht, oftmals unsachlich, überspitzt und wirklichkeitsfremd geführt. Es gibt übertrieben sorglose und übertrieben besorgte Bürger. Ob diese Diskussion im Jahre 2017 in sachlichere Bahnen geführt wird, oder ob sie zu einer beginnenden Spaltung der Kaliningrader Gesellschaft (was Lenin, Stalin, Gott und die Welt verhüten mögen) führt, bleibt abzuwarten. Das Kaliningrad für die Russische Föderation ein unverzichtbarer territorialer Bestandteil ist – das ist meine feste Überzeugung. Das es auch so bleibt, dafür müssen 955.000 russische Bürger in Kaliningrad sorgen. Und sie werden dafür sorgen, wenn sie sich im russischen Kaliningrad wohlfühlen.

Vielleicht nutzen Sie die Möglichkeit an unserer Umfrage teilzunehmen, die wir im Zeitraum 1. Januar bis 15. Januar 2017 auf unserem Portal durchführen. Sie ist anonym und nach Ihrer Abstimmung erfahren Sie weitere Argumentationen zu diesem Thema.

Screenshot: Umfrage bei Kaliningrad-Domizil
 
Alleine die von uns vorgegebenen Antwortmöglichkeiten zeigen, wie breit die Meinungen in dieser Diskussion auseinandergehen.


Am 22. Dezember 2016 wandten sich Wadim Jeremejew (Leiter der Kaliningrader Filiale des Architektenverbandes 1965-1979), die Architekten Nikolai Dudschenko, Alexander Neweschin, Sergej Medwedjew und Tatjana Makowkina an den russischen Patriarchen Kyrill mit einem offenen Brief. Die Zeitung „Kaliningrader Prawda“ (Kaliningrader Wahrheit) veröffentlichte diesen Brief an gleichem Datum:

Foto: Titelaufmachung der Printausgabe der „Kaliningrader Wahrheit“
 
In diesem Brief baten sie den Patriarchen seinen Einfluss geltend zu machen, um die augenscheinliche Germanisierung von Kaliningrad aufzuhalten.

Mit diesem Brief wird die, im Jahre 2016 begonnene, heiße Germanisierungs-Diskussion auch in das neue Jahr 2017 übertragen. Zwei Lager scheinen sich scharf gegenüberzustehen und es gibt gegenwärtig wohl niemanden, der in einer sachlichen Mitte einen Kompromiss in dieser Diskussion, ja eigentlich schon in dieser Ideologie, vorschlagen könnte.

Die Verfasser des Briefes heben hervor:


Gegenwärtig laufen aktive Arbeiten zum Projekt „Herz der Stadt“. Hier geht es um den Aufbau einer Altstadt, angelehnt an architektonischen Vorstellungen aus der Vorkriegszeit. Zum Projekt gehört auch das Königsberger Stadtschloss, dessen Wiederaufbau, zumindest teilweise, vorgesehen ist.

Die Autoren des Briefes nehmen Anstoß an diesen Plänen, insbesondere der Wiedererrichtung des Stadtschlosses und erinnern daran, dass dieses Schloss als Symbol auf den Fahnen von Vertriebenenorganisationen in Deutschland genutzt wird.

In dem Brief charakterisieren die Autoren diese Verbände als „revanchistisch“, deren rund zwei Millionen Mitglieder die Annullierung der Beschlüsse der Potsdamer Konferenz zu Ostpreußen fordern.

Die Autoren des Briefes informieren den Patriarchen, dass in Kaliningrad ein spezielles Büro „Herz der Stadt“ durch Haushaltsgelder aus dem Gebiet gegründet wurde (Anm. UN: Dieses Büro wurde bereits aufgelöst und andere Regierungsstrukturen haben die Aufgaben übernommen). Mit staatlichen Geldern soll der Aufbau einer altdeutschen Stadt gefördert werden. Interessant ist hierbei der Fakt, dass im Rahmen von zwei Architekturwettbewerben, die dieses Büro organisiert hatte, im wesentlichen deutsche Architekten vertreten waren. Die politische Jury wurde durch den damaligen Gouverneur Nikolai Zukanow, dem heutigen Bevollmächtigten Vertreter des russischen Präsidenten für die Nord-West-Region geleitet. Führende Kaliningrader Architekten wurden von der Teilnahme an den Wettwerben oder als Mitglieder der Jury ausgeschlossen.


Die Autoren meinen weiterhin, dass Kaliningrad ein eigenes modernes Gesicht haben muss. Das Kaliningrader Gebiet, so die Unterzeichner, ist russische Erde, welche völlig zurecht dem russischen Volk gehört und man solle sich bemühen eine russische kultur-architektonische Landschaft zu schaffen, die die nationalen Traditionen und geistigen Werte widerspiegelt. Die Autoren zitieren hier Äußerungen des russischen Patriarchen aus dem Jahre 2015, die er in Kaliningrad äußerte und machen sich diese Äußerungen zu eigen.

 

Während eines Interviews mit dem Radiosender „Russki Krai“ kommentierte einer der Unterzeichneter des offenen Briefes die in diesem Brief getroffenen Aussagen ausführlicher. Wadim Jeremejew meint, dass die Stadt ihr eigenes Gesicht haben muss. Natürlich haben die Deutschen noch vor Kriegsbeginn in Königsberg eine ganze Reihe von modernen Bauten errichtet – den Nordbahnhof, den Südbahnhof, das Haus der Offiziere, die Gebietsbibliothek – alles Gebäude, die dem damaligen Zeitgeist entsprachen. Jetzt will man der russischen Stadt einen mittelalterlichen Stil aufdiktieren. Diese altdeutsche Stadt hatte aber auch eine ganze Reihe von Unzulänglichkeiten, die heute gerne vergessen werden. Die Stadt war eng bebaut, schmale, dunkle Straßen und Hinterhöfe. Feuer hatten damals verheerende Wirkungen. Und die Bewohner dieser Häuser lebten in dunklen Wohnungen ohne Licht und Sonne.

Eine weitere Meinungsäußerung zur Germanisierung des Kaliningrader Gebietes kommt von Herman Bitsch, einem 77jährigen Schriftsteller und Überlebenden der Leningrader Blockade. Er meint, dass selbst eine Teil-Wiederherstellung des Königsberger Schlosses nicht akzeptabel ist, denn dies würde die germanophile Einstellung der Bevölkerung in der Region erhöhen.

Er richtete die Aufmerksamkeit noch auf einige, von der Kaliningrader Öffentlichkeit bisher kaum wahrgenommene Entwicklung, die aber, seiner Meinung nach, insbesondere für die Jugend negative Folgen zeigt. So sind in Kaliningrad in den letzten Jahren alle Kino geschlossen und teilweise abgerissen worden, die nach Kriegsende gebaut worden sind. Diese Kinos waren Symbole der Stadt Kaliningrad: Kinotheater „Sieg“, Kinotheater „Heimat“, Kinotheater „Moskau“, Kinotheater „Leningrad“, Kinotheater „Barrikade“, Kinotheater „Oktober“ und Kinotheater „Rossija“. Alle existieren nicht mehr. Er ist der Überzeugung, dass man mit dem Abriss dieser Kultureinrichtungen auch versucht die Erinnerung an die Vergangenheit auszulöschen, die erst dazu geführt hat, das Russen heute in der Stadt und dem Gebiet leben können.

Herman Bitsch ist der Meinung, dass der Westen einen Totalangriff an der ideologischen Front gestartet hat und besonders empfindlich spürt man dies in Kaliningrad, an der vordersten Linie Russlands. Er ist der Ansicht, dass die Deutschen die Hoffnung auf dieses Gebiet des ehemaligen Ostpreußens noch nicht aufgegeben haben. Deshalb kommen auch nach Kaliningrad verschiedenste Agitationsgruppen, Sekten, Literaten und Kultur-Desantnikis (Kulturstürmer). Und das wiederum führt dazu, dass sich die Kaliningrader Intelligenz vor dem Westen verneigt – dies betrifft sowohl die Intelligenz aus der Kant-Universität, der Gebietsregierung und anderer regionaler Machtorgane.

Wenn Sie sich ausführlicher über diese Diskussion informieren wollen und der russischen Sprache mächtig sind, klicken Sie auf eine der nachfolgenden Grafiken. Interessant ist, dass nur diejenigen, die eine Germanisierung des Kaliningrader Gebietes befürchten, sich ausführlich und argumentativ zu diesem Thema äußern. Diejenigen, die diese Germanisierung bestreiten, halten sich sehr knapp oder primitiv bis persönlich beleidigend und unsachlich in ihren Äußerungen.
 
 
 


https://regnum.ru/news/polit/2220734.html?t=1482395240


https://regnum.ru/news/polit/2221772.html

http://exclav.ru/sobyitiya/oblast/v-kaliningrade-dolzhno-byit-russkoe-nachalo-arhitektoryi-obratilis-k-patriarhu-s-prosboy-ostanovit-germanizatsiyu-reg.html

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Kommentare ( 3 )

  • ru-moto

    Veröffentlicht: 4. Januar 2017 02:15 pm

    Der Wille etwas zum Positiven umzusetzen, scheitert in Kaliningrad leider sehr oft an mangelnder gemeinsamer Vernunft, trifft stets auf egoistischen Widerstand anstatt auf sinnvolles Gemeinwohl als Ziel...
    Vieles kann doch eh nur besser werden und dazu sind eben Leute, die etwas bewegen wollen gefragt - nicht Verhinderer und Egoisten!

  • Jenenser

    Veröffentlicht: 4. Januar 2017 17:22 pm

    Hallo Uwe!

    Völlig richtig, Deine Einschätzung, dass die „Germanisierungsdiskussion“ in Kaliningrad seit dem Jahr 2014 eine neue Qualität erreicht hat. Wie sollte man denn in Rußland und speziell in Kaliningrad reagieren, wenn im Nachbarland Ukraine Unruhen ausbrechen. Wenn Verträge zur Beilegung der entstandenen Krise gebrochen werden. Wenn der seit den 1990er Jahren akzeptierte Partner Deutschland aktiv diese Vorgänge unterstützt zum Nachteil russischer Interessen. Und nach dem Krimreferendum wirtschaftliche Sanktionen einleitet, also Strafmaßnahmen, um Rußland nach seiner Art und Weise tanzen zu lassen?

    In Russland herrscht allgemein die Meinung, dass die deutsche Außenpolitik in Washington gemacht wird. Mit dem Präsidentenwechsel in den USA besteht nun die Möglichkeit oder Hoffnung, auch das Verhältnis Russland – Deutschland wieder zu normalisieren. Doch noch ist es nicht soweit.

    Die Germanisierungsdiskussion in Kaliningrad nutzen heute deshalb einige als Schutzfunktion. Und warnen vor einem deutschen Angriff, der zunächst über das Gebiet der Architektur erfolgt. Völlig überzogen? Auf keinen Fall! Denn gleichzeitig liegen bereits deutsche Soldaten und Panzer an der russischen Außengrenze, rings um Kaliningrad, und warten auf Befehle. Da werden Erinnerungen an den Sommer 1941 wach. Auch wenn man ihn nicht persönlich erlebt hat…

    Verbessern sich also die Beziehungen Deutschland – Russland auf hoher Ebene, geht es mit dem Projekt, das man durchaus bezeichnen kann mit Deinem Slogan „Kaliningrad, Stadt mit deutscher Geschichte, sowjetischer Vergangenheit und russischer Gegenwart“ voran. Unter Beachtung dieses Grundsatzes könnten Russen und Deutsche das sogar gemeinsam stemmen. Elemente aller drei Epochen lassen sich zum Beispiel architektonisch fabelhaft verbinden. Ich bin mir sicher, dass im Ergebnis sogar der ehemalige Leiter der Kaliningrader Filiale des Architektenverbandes von 1965 bis 1979, bei dem ich zusätzlich noch den Generationenkonflikt erkenne, seinen Frieden finden kann.

    Neben russischen Touristen, die bereits jetzt schon zahlreich in Kaliningrad wegen dieser Exotik weilen, reisen auch wieder deutsche Touristen an. Vorausgesetzt, das gegenseitige Kennenlernen wird wieder aktiv gefördert. Die Neugier der Russen am Deutschen ist nach meiner Beobachtung immer noch vorhanden.

    Verschärfen sich die offiziellen Beziehungen Russland – Deutschland, verschärft sich auch die Germanisierungsdiskussion. Was daraus folgen wird, darüber will ich nicht philosophieren, weil ich als Deutscher kein Anhänger dieser Variante bin.

    Und sollte man sich überhaupt mit solchen Fragen an das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche wenden? Warum denn nicht! Ein „offenes Ohr“ wird ihnen, als Gläubige, garantiert geschenkt. Ich bin auf seine Reaktion gespannt.

    Jan

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 4. Januar 2017 17:58

      ... da gibt´s für mich nichts mehr zu ergänzen. Danke Jan.

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 5. Januar 2017 15:10 pm

    Jenenser
    Veröffentlicht: 4. Januar 2017 17:22:47

    Hallo Jenenser,
    da kann ich nur zustimmen. Und nicht nur in Rußland ist man der Ansicht, daß die bisherige deutsche Außenpolitik in Washington gemacht wurde. Natürlich mit fleißiger und freiwilliger Unterwerfung unter die US-amerkanische. Da wird auch viel vorauseilender Gehorsam dabei gewesen sein. Wenn man sah, wenn eine bestimmte Frau wie ein Honigkuchenpferd über alle vier Backen strahlte, wenn sie als Freundin und mächtigste Frau der Welt von ihrem Marionettenspieler bezeichnet wurde, dann konnte einem schon übel werden.
    Die Beziehungen zu Rußland werden sich erst wieder bessern, wenn diese Bagage von der Macht weg ist.

    Neue Köpfe braucht unser Land ! !

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