Projekt «Herz der Stadt» - Projekt mit Herzinfarkt?

Projekt «Herz der Stadt» - Projekt mit Herzinfarkt?

Es geht um Kaliningrad, dem zukünftigen Königsberg ... ja, vielleicht auch Königsberg, wenn es die Kaliningrader Bevölkerung denn so will. Es gibt Gedanken und Überlegungen der Stadt am 22.04.2024, dem 300. Todestag des deutschen Philosophen Immanuel Kant, wieder ihren ehemaligen Namen zurückzugeben. Bis dahin fließt aber noch viel Wasser den Pregel hinunter und es gibt einige andere wichtige  Ereignisse. Zum einen die  Fußball-Weltmeisterschaft 2018 und zum anderen das «Staatsprogramm für die strategische Entwicklung des Kaliningrader Gebietes 2013 – 2020».

Im Rahmen dieses Staatsprogrammes ist eine generelle Neuausrichtung der Stadt und des Gebietes geplant. Das Jahr 2016 bringt das Ende der Sonderwirtschaftszone und ein Großteil der Kaliningrader muss sich eine andere Tätigkeit suchen, mit denen sie unabhängig von staatlichen Fördergeldern, Vergünstigungen, Zoll- und  Steuerbefreiungen leben und existieren können. Eine der Richtungen ist die Entwicklung des Tourismus. Schwer vorzustellen zum jetzigen Zeitpunkt, denn mit geplanten 500.000 Besuchern, davon 50.000 ausländischen Touristen im Jahre 2013 ist natürlich nicht viel «Wirtschaft» zu machen. Und, wie der deutsche Generalkonsul Dr. Krause unlängst richtig bemerkte, ist der deutsche Tourist (und nicht nur der) dermaßen verwöhnt, dass man ihm schon etwas ganz besonders bieten muss, damit er die Mühsal eines Visums und der Anreise nach Kaliningrad auf sich nimmt.

Von den anfänglich vom Gouverneur gewünschten 7 Millionen Touristen im Jahre 2020 ist man nun schon auf realere vier Millionen Touristen gekommen. Aber auch die wollen verwöhnt werden.

Und deshalb haben sich die Kaliningrader Verantwortlichen das Projekt «Herz der Stadt» einfallen lassen. Man will das alte Königsberg wieder errichten. Natürlich ist dies  nur theoretisch möglich, denn es  ist zu viel in der Zeit von 1944 bis heute geschehen, als das man die Stadt originalgetreu wieder aufbauen kann. Mal von den Kosten ganz abgesehen. Aber man kann zumindest versuchen einen Hauch des alten Stadtgeistes wieder zurückzuholen – und das tut die Stadt auch.

Was mir persönlich unklar ist – noch zu Zeiten des Stadtarchitekten Alexander Baschin, heute Stadt- und Gebietsplaner in der Kaliningrader Regierung, wurde ein internationaler Workshop zum Thema Stadtentwicklung durchgeführt und die Ergebnisse damals hochgelobt. Und dann trat wieder Stille ein und das wilde Bauen in Kaliningrad setzte sich fort. Die sowjetische «Schlicht-Spar-Architektur» wurde nun abgelöst von anderen Massenbauten, die auch in jeder Stadt Europas stehen und der Stadt kein eigenes Gesicht geben – es sei denn ein negatives oder ein gesichtsloses Gesicht. Vieles davon ist nicht mehr rückgängig zu machen. Und nun fangen wir wieder von vorne an, machen Ausschreibungen, Architekten erstellen Entwürfe – so als ob es früher nicht auch schon Arbeitsergebnisse gegeben hätte.

Nun hat in der vergangenen Woche die große Präsentation der Vorstellungen der einheimischen Architekten zum Projekt «Herz der Stadt» stattgefunden. Als ich davon hörte war ich begeistert und wartete ungeduldig auf die Ergebnisse. In meiner Naivität nahm ich an, dass es  hier um ein koordiniertes Vorgehen der Kaliningrader Architekten geht, um gemeinsame Vorstellungen, um dann möglichst schnell mit der realen Arbeit beginnen zu können. Aber ich irrte mich, wie die Berichte unserer Medienpartner zeigten. Nicht nur, dass jeder Architekt sein eigenes «Herz in der Stadt» hat und es nach seinem Willen schlagen lassen will – nein, man versuchte auch den Blutdruck der anderen beteiligten Kollegen in die Höhe zu treiben. Und das, was sich während der Präsentation abgespielt haben muss, erinnert dann schon an einen nahenden Herzinfarkt.

Foto: Olga Mesej

Die Architektin Olga Mesej, Mitglied der Arbeitsgruppe «Herz der Stadt» empfahl ihrem Kollegen Arthur Sanitz, doch erst einmal eine Architekturausbildung zu absolvieren, bevor er zu solchen Veranstaltungen ein Modell vorstellt. «Ihr Konzept benötigt einfach nur den meisten Platz hier im Ausstellungssaal, und hat mit unseren Vorstellungen überhaupt nichts zu tun.»

Foto: Arthur Sanitz

Der Gouverneur Nikolai Zukanov sprang sofort seinem Freund zur Seite, machte dann eine für ihn typische Handbewegung, in dem er seine zwei Fäuste aufeinanderstieß und meinte: «Unsere Architekten ... sind mit Arthur Sanitz befreundet. Und das von ihm vorgestellte Modell ist ja auch nur eine Ideensammlung".

Nun ja, die «Ideensammlung» belegte einen Platz von 36 Quadratmetern und auf die Frage wie das denn mit den Kosten ist, konnte der Gouverneur keine verbindliche Antwort geben. Zumindest soll es  dem Gebiet kein Geld gekostet haben.

Und auch der ehemalige Chefarchitekt Kaliningrads, Wassili Britan meinte, «... kann man den Eindruck erhalten, dass der Autor dieses Entwurfes keine Ahnung von Projektierung  hat».

Es laufen Gerüchte, dass Arthur Sanitz gar kein Architekt ist, keinen diesbezüglichen Abschluss hat,  sondern nur praktizierender Designer ist. Das hat ihn aber nicht davon abgehalten (und das ist kein Gerücht), das skandalumwitterte Haus des mit ihm befreundeten Gouverneurs in Iwashkino zu planen - natürlich kostenlos, wie er im Jahre 2012 dem Kaliningrader Staatsanwalt auf  Anfrage versicherte. Und nun liegt natürlich die Vermutung nahe, dass der Gouverneur seinem Freund und Hausarchitekten auch einen Gefallen tun wollte.

Dann trat Igor Odinzow, Leiter des Kant-Doms auf. Seine Worte zur Präsentation hörten sich noch viel schlimmer an. Er beschuldigte die Autoren des Projektes «Herz der Stadt», dass sie Russland nicht lieben, dass sie eine Russland-Allergie und einen Hass auf alles Russische haben. Er forderte, dass dieses Konzept «... das Volk sehen soll und seine Entscheidung dazu fällt».

Eine weniger radikale, wenn auch kritische Meinung, äußerte die Professorin der Kant-Universität Irina Kusnezowa. Sie meinte, dass man in der Stadt keine mittelalterlichen Gebäude wieder errichten sollte, denn Königsberg war vor dem Krieg auch schon eine moderne Stadt. Im Weiteren ist sie auch unzufrieden mit den alten deutschen Bezeichnungen. «Ein Großteil von Ostpreußen ist jetzt Polen und die Polen haben nicht eine einzige alte deutsche Bezeichnung beibehalten. Wir entwickeln jetzt irgendeine wilde Nostalgie zu einer fremden Vergangenheit». Mit beißendem Humor kritisierte sie die Wiedererrichtung des Königsschlosses. Sinngemäß äußerte sie: «... wenn wir schon einmal beim Abreißen sind um alte Gebäude wieder zu errichten, dann  können wir auch gleich das Handelszentrum «Kaliningrad-Plaza» wieder abreißen. Da stand früher ein hübsches Häuschen in dem einmal Suworow (Anm. UN: Russischer Heerführer und Sieger über Napoleon) übernachtet hat». Völlig zu Recht erinnerte sie daran, dass es in der Stadt viele alte, vom Verfall bedrohte Gebäude gibt (z.B. Kreuzapotheke) und dafür ist kein Geld da, aber für die Imitierung neuer alter Gebäude gibt es Geld.

Der Gouverneur Nikolai Zukanov ergänzte: «Wir haben extra verschiedene Leute mit radikalen Ansichten zur Präsentation eingeladen... ich bin in Kaliningrad geboren und liebe die Region. Und das soll uns nicht  stören den Kant-Dom und das Königstor wieder zu errichten. Sollen wir vielleicht das Bernsteinmuseum zerstören, oder was, zum Teufel nochmal ... wir lieben doch alle unsere Stadt», so der Gouverneur. Ein etwas unklarer Gesprächsbeitrag ...

Nun will man wieder ausländische Experten holen, also das wiederholen, was Alexander Baschin schon vor fünf, sechs Jahren gemacht hat, damit diese das Konzept «beurteilen». Und anschließend soll die  Bevölkerung das letzte Wort sprechen. Aber welches letzte Wort? Und zu was? Die jetzigen Entwürfe sind schlecht – wenn ich alles richtig verstanden habe und diese schlechten Entwürfe werden von Ausländern «beurteilt» und die Bevölkerung kann dann von dem was die ausländischen Experten übriggelassen haben, irgendetwas auswählen? Und wenn die Bevölkerung nun generell sagt, dass sie das «Übriggelassene» nicht haben will?

Wie schrieb eine Kommentatorin: «... ach sieht das alles schön aus. Hoffentlich erlebe ich das alles noch.»

Bei der Sichtung, Übersetzung und Bearbeitung des gesamten, mir vorliegenden Materials ist mir eins aufgefallen: Es geht doch um die  Stadt und deren Zukunft und in nicht einem einzigen Bericht hierzu fiel der Name  des Bürgermeisters Alexander Jaroschuk. Er war aber anwesend. Und das ganze Projekt kostet viel Geld, Geld welches zum Großteil aus  Moskau kommt. Also sollte  doch auch ein Vertreter des föderalen Zentrums anwesend sein. Aber den Namen Stanislaw Woskresenski habe ich auch nirgendwo gelesen. War er nicht anwesend?

Im Dezember vergangenen Jahres äußerte sich Woskresenski zu Kaliningrad:

„Wir haben hier einen einzigartigen Ort, wo verschiedene Konzepte vereint sind: das teutonische, das deutsche, das sowjetische und das neurussische Konzept. Und das müssen wir nutzen.“

Und er äußerte sich zum Projekt «Herz der Stadt» und dessen Umsetzung:

«... wir brauchen die besten Architekten Europas und Russlands und die besten Denker ... Aber letztendlich muss die Gesellschaft das letzte Wort zum neuen Kaliningrad sprechen».

Aber es sieht so aus, als ob diese Worte nicht gehört und somit nicht berücksichtigt wurden. Die besten Denker scheinen wohl noch nicht eingetroffen zu sein, denn wenn der Vorschlag gemacht wird, den Moskauer Prospekt, eine der größten Straßen Kaliningrads zuzuschütten und darauf das alte Königsberg neu zu errichten, so zeugt das höchstens von Realitätsferne und Selbstüberschätzung. Aber egal was man baut – es wird auf jeden Fall besser sein als das, was bisher gebaut wurde. Ob wir damit aber vier Millionen Touristen anlocken ist immer noch nicht sicher und immerhin muß sich ja jede  Investition irgendwann einmal rechnen.

Das ist MEINE MEINUNG … mit deutschem akzent.

Uwe Niemeier

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