Russische Freiheit des Wortes – Teil II

Russische Freiheit des Wortes – Teil II

Russische Freiheit des Wortes – Teil II

An sich hatte ich nicht vor einen zweiten Teil zu diesem Thema zu schreiben – ich dachte, es wäre alles gesagt, aber es gibt doch einige aktuelle Aspekte.

Kaum war unser Beitrag „Russische Freiheit des Wortes“ veröffentlicht, erschien im russischen Internet ein Rating zur internationalen Internetfreiheit.

Es ist immer interessant Ratings zu lesen – insbesondere wenn diese sich nicht so richtig nachprüfen lassen. Die „Organisation Freedom House“ vergab an Russland den 41. von 60 möglichen Plätzen in der Bewertung der Internetfreiheit. Russland befindet sich damit im letzten Drittel der Liste. Russland wird „beschuldigt“ defacto alles zu zensieren, Kommentare von Bloggern zu zensieren oder zu manipulieren, kurz, alles zu tun um sich selber ins rechte Licht zu rücken.

Man kann das natürlich leicht behaupten, denn wer von den westlichen Internetkonsumenten kann den Wahrheitsgehalt dieses Ratings prüfen, wer kann schon russisch lesen?

Unsere Informationsagentur hat Mitarbeiter die Russisch verstehen, lesen, schreiben und übersetzen können. Und wir haben mal ein paar aktuelle Beispiele aus dem russischen Internet für Sie herausgesucht.

Das russische Internet strotzt von russlandkritischen, regierungskritischen, machtkritischen Artikeln oder Kommentaren – bis hin zu offenen Beschimpfungen und Beleidigungen von Regierungsverantwortlichen aller Ebenen.

Wir selber verteilen in unseren Artikeln, die von russischen Internetportalen manchmal übersetzt und veröffentlicht werden, auch keine „Streicheleinheiten“ und, ich wiederhole es noch einmal, wir arbeiten ungestört von irgendwelchen „Beeinflussungen.“

Nun gab es vor wenigen Tagen ein Kaliningrader Rating. Dieses Rating wurde von der Kaliningrader Regierung erstellt und somit von dem umstrittenen, von mindestens 50 Prozent der Kaliningrader nicht geliebten, Gouverneur für gut befunden. Er verteilt dort Noten für die ihm nachgeordneten Kreisleiter (Leiter der Kommunen). An zweiter Stelle befindet sich dort der Kaliningrader Bürgermeister Jaroschuk. Alle wissen, dass beide sich nicht so richtig mögen … und so provoziert so ein Rating natürlich Kommentare:

Farabundo Marti am 02.10.13: Zu Zeiten Stalins würde man diese Liste etwas anders verstehen. Die ersten sechs Plätze wären die Kandidaten für eine Erschießung, der siebte bis zwanzigste Platz für 20 Jahre Lager mit vollständiger Isolierung, alle anderen hätten 10 Jahre Haft bekommen.

Creedence slade am 02.10.2013: Nikolai Zukanow hat Alexander Jaroschuk als einen der besten Kommunalleiter im Konfliktjahr 2012 anerkannt. Prachtkerl, hat er endlich den Ratschlägen von normaldenkenden Leuten aus seiner Umgebung Gehör geschenkt. Ansonsten könnte ihn vielleicht das Schicksal von G. Boos ereilen.

Eine kleine Auswahl der Kommentare, die bis heute so im Netz stehen (vergleiche Quelle: http://rugrad.eu/news/623860/).

Dann gibt es eine weitere soziologische Umfrage, die eigentlich nach Meinung von „Freedom Home“ gar nicht hätte stattfinden dürfen, geschweige denn veröffentlicht:

Überschrift: 70 Prozent der Kaliningrader haben kein Vertrauen zu den Machtorganen. Und man ergänzt im Text, dass nur sechs Prozent der Kaliningrader generell den Machtorganen vertrauen. In diesem Fall wurde konkret die Frage nach Polizei, Zoll, Staatsanwaltschaft gestellt. Immerhin erhielten Armee und FSB noch das höchste Rating bei der Befragung.  Es wurden 600 Kaliningrader befragt und anschließend wurden diese Ergebnisse während einer öffentlichen Konferenz publiziert und wir finden sie jetzt im Internet: Quelle: http://rugrad.eu/news/624270/.

Der Beitrag des bekanntermaßen regierungskritischen Portals rugrad.eu ist datiert vom 04.10.13 und hat bisher noch keine Kommentare.

Und dann gibt es noch einen Artikel, den es eigentlich nicht geben dürfte.

Überschrift: Unternehmer beurteilen die Korruption unter den Machtorganen. In dem Artikel wird beschrieben, dass 84 Prozent der Unternehmer die Polizei als korrupt bezeichnen, 82 Prozent die Zöllner, 78 Prozent die Staatsanwaltschaft, 72 Prozent die Untersuchungsorgane, 67 Prozent die Steuerinspektion, 63 Prozent den FSB und 62 Prozent den Migrationsdienst.

Creedence slade kommentiert am 04.10.2013 zu diesem Artikel: (Auszug): Warten wir mit tiefem durchatmen auf den morgigen Parteitag der Partei der Diebe und Gauner (Gott sei Dank(?), das Wladimir Wladimirowitsch Putin nicht plant diesen Sabbat zu besuchen!). PS. (…), dass meiner Meinung nach Wladimir Wladimirowitsch Putin die Situation im Land als Präsident nicht kontrolliert, sondern im Gegenteil, er von denen, die er erzogen hat (…) gesteuert wird! Quelle: http://rugrad.eu/news/624347/

Diesen Artikel dürfte es, mit samt dem Kommentar doch eigentlich gar nicht geben!

Und dann gibt es einen Artikel zum Beginn der Heizungsperiode in Russland – die immer problematisch ist und schon so manchem Verantwortlichen Kopf und Kragen gekostet hat. In dem Artikel wird das „Elend“ beschrieben und die Ursachen – Schuld sind immer die anderen, nur nicht die Schuldigen … Auch so einen Artikel dürfte es doch gar nicht geben – richtig? Und dann gibt es noch die Kommentare … hier mal nur in Kurzfassung:

Jaroschuk hat doch eine Villa in Cannes, da ist es 25 Grad warm … und da kann man im Meer baden

aber eigentlich ist Kälte doch gut für die Gesundheit

und hungern auch …

Quelle: http://www.newkaliningrad.ru/news/community/2558392-lyutarevich-ministru-zhkkh-vy-obeshchali-chto-v-pyatnitsu-budet-zhara.html

Und dann gibt es noch einen Artikel über die geplante Auslagerung von Produktionsbetrieben und anderen Einrichtungen aus der Stadt Kaliningrad an den Stadtrand. Eine an sich positive Information – so recht nach dem Geschmack von „Organisation Freedom House“. Nun kommen aber wieder die Kommentare, die sich anders anhören und bis heute unzensiert im Netz stehen:

  • Die Stadtverwaltung vom Platz des Sieges, und die Gebietsregierung aus der D. Donskowo 1 und die Organe der staatlichen Macht sollten näher an den Stadtrand, z.B. in die Nordberge und nach Spandin, die machen doch sowieso nichts anderes als Papier bewegen.
  • Alle Beamten ab nach Krasnosnamensk und gleichzeitig auch das „Europa“ und die anderen Mega-Business-Toiletten welche das Stadtbild versauen!!!!!
  • Und dann gibt es noch einen letzten Kommentar von „333“. Und da ist doch tatsächlich ein Wort aus einem dreizeiligen Kommentar „censored“. Bei diesem Wort handelt es sich um … oh nein, ich schreibe es nicht, ich werde rot dabei …

Quelle: http://www.newkaliningrad.ru/news/community/2558392-lyutarevich-ministru-zhkkh-vy-obeshchali-chto-v-pyatnitsu-budet-zhara.html

Zum Abschluss noch zwei Kommentare, gerichtet gegen „Föderales“ und gegen Putin, die es aber doch eigentlich gar nicht geben dürfte, (lt. Freedom House):

In einer Meldung vom 01.10.2013 über die Erhöhung von Steuern und Akzisen auf Alkohol und Tabak schreibt der Kommentator „Drakon“: Jeder Staat hat seine Mafia, aber in Russland hat die Mafia ihren Staat. Das sind bekannte Worte von Nikolo Machiavelli: „Den Seinen alles. Den Feinden das Gesetz“.

Quelle: http://kaliningrad.ru/news/item/30591-s-1-yanvarya-2014-goda-povyshayutsya-akcizy-na-alkogol-tabak-i-benzin

Der Kommentator „No Brain“ am 25.09.2013 kommentiert eine Meldung über den Besuch Putins in Kaliningrad anlässlich der Übung „Sapad-2013“:

Ich hoffe „zivile Aspekte des Lebens im Kaliningrader Gebiet“ werden ihn nicht interessieren … (obwohl es auch so zu sehen ist, dass nur seine eigene Tasche ihn interessiert)

Quelle: http://www.newkaliningrad.ru/news/politics/2517755-kreml-anonsiroval-vizit-putina-v-kaliningradskuyu-oblast.html

Nun soll es aber genug sein mit den Beispielen.

Allerdings, das muss ich zugeben, nimmt der russische Staat natürlich Einfluss auf Inhalte im Internet. So werden die Portalbetreiber, aber auch die Verlage für Printmedien gezwungen, eine Kennzeichnung vorzunehmen, ab welcher Altersgruppe ein Artikel konsumiert werden sollte, das z.B. ein Artikel mit sexuellem oder pornographischem Inhalt für Kinder unter … Jahren ungeeignet ist. Und Werbung mit pädophilem Charakter darf nun auch nicht mehr gemacht werden – ein schrecklicher Gedanke … (für die Pädophilen). Und auch die Homosexuellen dürfen nun keine Reklame mehr für ihre Vorlieben im Beisein von Kindern machen. Nun, meine Eltern waren damals sogar dagegen, ihre sexuellen Praktiken in meinem Beisein zu diskutieren … immerhin war ich Kind.

Aber warum rege ich mich so auf? Und warum regt sich die westliche Welt so auf über die Internetfreiheit in Russland? Die Mehrheit der Weltbevölkerung kann doch sowieso nicht russisch lesen und will es vielleicht auch gar nicht. Regt man sich auf um die Bürgerrechte der 140 Millionen Russen zu schützen? Nun, dann würde ich der „Organisation Freedom House“ empfehlen, mal eine Umfrage unter den Russen zu machen, ob sie denn überhaupt wollen, dass sich der Westen um die Angelegenheiten der Russen kümmert. Aber bitte eine Repräsentativ-Umfrage quer durch die russische Gesellschaft und nicht nur im Office von Nawalny, Nemzow oder Kasparow.

PS. Bei der Recherche zu diesem Artikel bin ich kreuz und quer durchs russische Internet gesurft – da können einem schon die Augen glühen, was dort so alles unzensiert geschrieben steht – aber man muss schon russisch können und nicht alles glauben wollen, was irgendwo geschrieben steht. Wie hat schon der amerikanische Präsident Jefferson gesagt: „Information ist die Währung der Demokratie“. Glauben Sie mir, Russland hat nicht die beste, aber doch eine recht gute Währung.

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