Russland bleibt übrig

Russland bleibt übrig

Der Karren ist im Dreck; anders kann man es nicht nennen. Auf allen Seiten sind die Falken am Ruder. Wenn es so weitergeht, vereint Europa wirklich nur noch ein neuer Kalter Krieg.

Nur die Amerikaner frohlocken. Was haben sie in den vergangenen zehn Jahren nicht alles kaputtgekriegt? Nordafrika, den Nahen Osten, Afghanistan … als nächstes vielleicht den europäischen Subkontinent. Den USA wächst in Eurasien so bald kein ernsthafter Rivale. Das ist der Sinn der Übung. Siege auf ganzer Linie.

Nach einem halben Jahr Stellvertreterkrieg in der Ukraine sind die Medien zack auf Linie, hüben wie drüben. Die Politiker ebenfalls. Wer wagt noch, dagegen den Mund aufzumachen? "Verräter", schallt es ihm in Russland entgegen. "Appeaser", heißt es im Westen, auf Deutsch Weichei.

"Der Russe muss zur Vernunft gebracht werden. Ein für allemal und ohne falsche Rücksicht. Punktum."

Selbst der deutsche Finanzminister spricht von Opfern, die gebracht werden müssen. Räder rollen für den Sieg.

Sechs Monate haben gereicht, in westlichen Hirnen ein Zerrbild des Russen wiederauferstehen zu lassen: unbelehrbar, expansiv, aggressiv ("Wie war es denn 1945, als er in Deutschland eingefallen ist? Haben wir Ostpreußen vergessen? Die Vergewaltigungen … der Horror … und Berlin …1814 war er sogar in Paris"). Der Russe will eben alles haben, das ganze Europa muss es sein. Und danach Asien. Es ist die reine Caritas, wenn die USA die Chinesen bei den Sanktionen mit ins Boot nehmen. Dem Reich der Mitte droht das gleiche Schicksal wie der Ostukraine. Schnapp, macht der russische Hai, und das war's.

Putin = Hitler, kein Frage. Dem Mann muss man Grenzen setzen. In jeder deutschen Redaktion, die auf sich hält, geben die Russenfresser den Ton an. Deren Bild der Lage ist klar und deutlich: Die Separatisten in der Ostukraine sind sämtlich infiltrierte Kämpfer. Das Herz der Bevölkerung schlägt für Kiew, aber das Terrorkommando der ausländischen Söldner duldet keinen Widerspruch. Die Menschen in Donezk und Lugansk darben und beten für Poroschenkos Sieg. Der gibt sein Letztes. Tag und Nacht beschießt seine Armee die Städte im Osten des Landes mit schwerer Artillerie. Nichts ist ihm wichtiger als die Befreiung seiner Mitbürger vom russischen Joch.

Da muss auch humanitäre Hilfe warten. Vierhunderttausend Menschen in Lugansk leben seit drei Wochen ohne Strom und Wasser. Für unsere Medien eine Fußnote, schließlich geht es um den Sieg. Außerdem hat der Finanzminister selbst gesagt: Opfer müssen sein.

Humanitäre Konvois aus Russland, hunderte LKW mit fast zweitausend Tonnen Hilfsgüter, dürfen nicht zu den Menschen in Not. Nein, sagen Poroschenkos amerikanische Berater, nein, sagt Poroschenko selbst. Es könnten ja Waffen und Massenvernichtungsmittel unter den "Hilfsgütern" sein, Giftgas und Splitterbomben, Anthrax und Ebola. Wir wissen ja, wozu der Russe fähig ist, wenn erst sein Augenmerk auf dem Territorium der Nachbarn ruht.

Derweil jiepern die russenfressenden Journalisten unserer Leitmedien nach der Sanktionsschraube. Jetzt bloß nicht nachgeben! Nicht den Eindruck erwecken, als sei uns das Geld wichtiger als die Moral. Nein, im Gegenteil: Opfer bringen! Haltung zeigen! Erst unsere Opfer bezeugen, wie sehr wir reinen Herzens sind.

Und die russischen Falken drehen mit. Was brauchen ihre Landsleute Camembert und Jamon Iberico? Haben sie nicht die längste Zeit ohne VW und Mercedes gut gelebt? Kalt wird es den Menschen im Winter nicht werden, und satt werden sie auch. Für jeden im Westen, der in Russland das schiere Böse sieht, finden wir einen Russen, der die gleiche Brille trägt, nur um hundertachtzig Grad gedreht.

Wer Krieg will, der bekommt ihn auch, kalt oder heiß. Am Ende stand noch immer ein Friede. Und wetten: Russland bleibt übrig, angeschlagen oder nicht. Auch mit dem letzten Schrei an Drohnen bomben die Amerikaner das Land nicht aus der Welt.

Inzwischen können wir alle Opfer bringen. Freiwillige vor.

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