Russlands Hauptaufgaben 2016 - von Preisen und Preisschildern

Russlands Hauptaufgaben 2016 - von Preisen und Preisschildern

MEINE MEINUNG, … mit deutschem akzent, kommentiert russische wirtschaftliche, politische, kulturelle und gesellschaftliche Ereignisse aus dem Blickwinkel eines Deutschen. Die Rubrik ist der Versuch, mit etwas BLOGGER-Hintergrundwissen dem deutschen Leser die manchmal nicht einfachen Verknüpfungen in der russischen Realität etwas verständlicher zu machen.

Russlands Hauptaufgaben 2016 - von Preisen und Preisschildern

Die halbe Welt glaubt, dass die größten Probleme Russlands die eigene Wirtschaftskrise ist, das schlechte Verhältnis zur Europäischen Union und den USA, die nichtbezahlten Schulden der Ukraine, der Kampf gegen Terroristen in Syrien, die Modernisierung der rückständigen russischen Armee und die Sorge Putins, das alte Zarenreich wieder herzustellen, zumindest aber doch die Sowjetunion.

Aber dem ist nicht so. Russland hat ganz andere Probleme, wie ein zum Jahresanfang in Kraft getretenes neues Gesetz zeigt.

Es geht um Preisschilder an der Butter, der Kaffeesahne, dem Waschmittel im Supermarkt, den kleinen Tante-Emma-Läden oder Kiosken.

Foto: Kiosk, Tante-Emma-Laden, Supermarkt – Einzelhandelsszene in Kaliningrad

 

Tja, nun werden Sie sich als Bewohner des westlichen Teiles Europas mal wieder an den Kopf fassen und irgendetwas „Bestimmtes“ über die Russen denken, vielleicht sogar über uns „Ossi-Ossis“ lachen. Aber das tun Sie, weil Ihnen die Errungenschaften der westlichen Zivilisation, der Konsumgesellschaft schon lange zur Gewohnheit geworden sind. Sie gehen in den Supermarkt, machen ihre schnöden, oftmals emotionslosen Einkäufe und haben keinen Blick für das Preisschild an sich – als kommerzielles Kunstwerk, als graphisch und künstlerisch gestaltetes Informationsmedium. Sie nehmen – geben Sie es zu – höchstens den Preis, also diese nüchternen Zahlen die auf dem Preisschild stehen an sich zur Kenntnis und ärgern sich, wenn die Butter sich von 98 Cent, nun wieder (nach den Feiertagen) auf 99 Cent verteuert hat. Und Sie machen sich keinerlei Gedanken, wie viel Arbeit hinter so einem kleinen Preisschild steckt.

Das sieht in Russland aber ganz anders aus.

 

Grafik: Preisschild als informationsvermittelndes Gesamtkunstwerk im russischen Einzelhandel

 

Hier hat man sich Jahre, ach was sage ich, Jahrzehnte das Gefühl der Individualität für ein Preisschild bewahrt und die Prämissen anders gesetzt als in der westlichen Konsumgesellschaft: das Wichtigste ist das Preisschild als informationsvermittelndes Gesamtkunstwerk und nicht die Ware, die oftmals sowieso schädlich, gesundheitlich schädlich oder politisch schädlich für den Kunden ist.

Und eben deshalb gab es lange, lange Jahre Festlegungen, wie so ein Preisschild, russisch heißt dieses Informationsmedium „Zennik“ auszusehen hat.

  • Ein Preisschild muss grundsätzlich aus Papier bestehen – und zwar aus einem einheitlichen ganzen Stück Papier. Also so ein Preisschild aus Plaste mit irgendwelchen Einschüben für einzelne Zahlen vor oder hinter dem Komma … nee, nee, das ist nicht statthaft.
  • Jedes Preisschild muss einen Stempel der Verkaufseinrichtung haben. Und sollte die Verkaufseinrichtung keinen eigenen Stempel haben, dann muss auf diesem Preisschild die Unterschrift der „materiell verantwortlichen Person“ stehen. Wobei eine Stempelunterschrift nicht gestattet ist. Also der Chef vom Supermarkt oder der Verkaufsleiter mutiert hier regelmäßig zu einem Super-Star, der tausende von Autogramme gibt. So hält man den Kontakt zum Kunden, bewahrt sich das Gefühl für das Preisniveau, denn jeder Preis wird ja individuell durch die persönliche Unterschrift „abgesegnet“. 
  • Alle Informationen auf diesem „Kundeninformationsmedium“ müssen mit Stempelfarbe aufgetragen werden. Also simpler Kugelschreiber oder einfacher Füller, vom Bleistift ganz zu schweigen – ist nicht statthaft. In dem alten Gesetz stand auch, dass man eine Paste verwenden kann – keine Ahnung, was das für eine Paste ist, vielleicht ja sogar die Paste aus der Kugelschreibermine. Das müsste ich, bei Bedarf, nochmal für Sie in Erfahrung bringen.
  • Natürlich handelt es sich bei dem „Zennik“ um ein Dokument und Radierungen und Überschreibungen sind auch nicht gestattet. Die Buchhalter unter unseren Lesern wissen, wie wichtig diese Festlegung ist.

Und damit immer alles richtig ist, kamen die Kontrollorgane der Russischen Föderation. Davon gibt es einige und die kontrollierten die Preisschilder. Natürlich war allen Teilnehmern am Einzelhandelsverkaufsprozess die Bedeutung der richtigen Herstellung von Informationselementen an der Ware (Zennik) bewusst und man legte größten Wert auf den korrekten Ausfertigungs-, Produktions- und Druck- bzw. Schreibvorgang. Aber Gerüchte besagen, dass es doch hin und wieder zu Fehlern auf den Preisschildern gekommen sein soll und für deren Entdeckung verhängten die Kontrollorgane der Russischen Föderation Strafen – finanzielle Strafen natürlich und bewiesen bei dieser Gelegenheit ihre eigene Wichtigkeit – immerhin geht es um nicht mehr und nicht weniger als die richtige Information von Kunden – ähnlich zu vergleichen mit Informationen aus den Massenmedien, die auch immer richtig sein sollen. In Deutschland soll es da jetzt einige Probleme geben und tausende deutsche Käufer von Informationen schreien auf der Straße „Lügenpresse“ … ach, ich schweife ab.

Haben Sie, lieber Leser, eine Vorstellung, wie viele Preisschilder so in einem russischen Supermarkt existieren? Also der Stellvertretende Minister für Industrie und Handel Russlands Viktor Jewtuchow weiß es: es sind 30.000 – 100.000 pro Supermarkt!

Foto: Ohne Fleiß keinen Preis – bis zu 100.000 Schilder in einem Supermarkt

 

Nun erhalten Sie eine ungefähre Vorstellung über die Ausmaße des Problems „Preisschild“ in Russland, denn nicht nur die Menge dieser „kleinen Weißen“ hinterlässt Eindruck, sondern auch die Tatsache, dass sich ein Stellvertreter Minister zu dieser Angelegenheit äußert. Das gibt es in Deutschland nicht, oder?

Und dann müssen diese Preisschilder auch mal gewechselt werden. Gründe sind vielfältig. Der absolute GAU ist, wenn der „materiell Verantwortliche“ kündigt oder entlassen wird. Der neue muss dann, im günstigsten Fall nur 30.000 Unterschriften geben, wenn er Pech hat, sind es 100.000. Oder es ändern sich Preise. Die Butter kostet mal ein paar Rubel mehr oder weniger und immer ist ein neues Preisschild mit Stempel und Unterschrift erforderlich. Eine Katastrophe ist es auch, wenn ein Kunde so ein Preisschild als Souvenir mitnimmt. Dann erfolgt die Neuausfertigung in einem „Einzelherstellungsprozess“, der „materiell Verantwortliche“ wird vielleicht aus einer wichtigen Beratung gerissen um seine Unterschrift darunter zu setzen – denn Eile ist geboten: Zum einen könnte eine Kontrolle der russischen Kontrollorgane das Fehlen des Zenniks feststellen (Strafe) und zum anderen fühlt sich der Kunde nicht richtig, ja eigentlich gar nicht informiert. Immerhin, so hat eine Analyse ergeben, nehmen 7,2 Prozent aller Kunden Abstand vom Kauf einer Ware, wenn sie sich preislich nicht richtig informiert fühlen. Haben Sie sich schon mal über die wirtschaftlichen Konsequenzen Gedanken gemacht, lieber Leser? Über wie viele Milliarden Rubel sprechen wir hier?!

Und Statistiken zeigen auch, dass die Mitarbeiter eines Supermarktes jeden Monat 4,7 Tage verbringen, um korrekt mit den Preisschildern zu arbeiten. Der stellvertretende Minister erzählte dies mit einem kritischen Unterton. Aber ich finde, dass die Arbeit mit den Preisschildern doch eigentlich auch zum Erhalt von Arbeitsplätzen beiträgt und somit doch auch positiv gesehen werden kann.

Fotomontage: Stellvertreter Minister für Industrie und Handel Viktor Jewtuchow

 

Und nun soll das alles anders werden. Ich will nicht sagen, dass sich die Oktoberrevolution von 1917 in Russland wiederholt, aber von der Bedeutung und den Ausmaßen ist es doch irgendwie vergleichbar: Ein ganzes System soll gestürzt und durch ein völlig anderes ersetzt werden. Also doch eine Revolution – zum Glück keine Bunte!

Der Stellvertreter des Ministers für Industrie und Handel zählte eine ganze Reihe von Vorteilen auf, die er sieht:

  • Preise können schnell geändert werden, es bedarf keiner großen „Handarbeit“ mehr,
  • Elektronische Preisschilder können überall im Supermarkt stehen, und können gemeinsam mit der Ware wandern,
  • Elektronische Preisschilder erhöhen die Servicequalität für die Käufer,
  • Preise an der Ware können sich nun nicht mehr unterscheiden von den Preisen an der Kasse,
  • Umsetzung einer flexiblen Preispolitik durch „Blitz-Promo-Aktionen“,
  • Wegfall von Kontrollen und Strafzahlungen durch Kontrollorgane,

Ich sehe aber eine Reihe von Nachteilen:

  • Der Papierverbrauch geht zurück und somit könnte es zu einer Krise in diesem Wirtschaftsbereich führen,
  • Der direkte Kontakt Kunde-Preisgestalter geht verloren,
  • Arbeitsplätze werden eingespart und die Zahl der Arbeitslosen könnte wachsen,
  • Erhebliche Mindereinnahmen bei den Kontrollbehörden durch Wegfall von Fehlerquellen,

… um nur einige zu nennen.

Die Verbraucherschutzbehörde begrüßt die neuen Regelungen, denn die Unmenge von Preisschildern in den Supermärkten war so groß, dass man eigentlich schon gar nicht mehr wusste, welches Preisschild zu welcher Ware gehörte – der Platz reichte einfach nicht mehr aus, um alle Preisschilder korrekt an der Ware zu positionieren. Die Käufer haben – auch darüber gibt es Statistiken – drei bis acht Minuten gebraucht, um den Preis einer Ware herauszufinden.

Klar, dass man sich jetzt kritisch zum Alten und begeistert zu Neuem äußert, aber ich sehe hier noch weitere Nachteile. Ein elektronisches Preisschild braucht auch Platz direkt an der Ware, genau wie das Papierpreisschild. Und diese „operativen Preisänderungen“ können gut, aber auch schlecht sein. Am Regal nehme ich die Ware zum Preis von 100 Rubel und ehe ich an der Kasse bin, hat sich der Preis auf 150 Rubel geändert – und dann? In der Mehrzahl verläuft der Kassenprozess so schnell, dass ich das gar nicht mitbekomme. Also, man kann begeistert sein, man kann es aber auch bleiben lassen und … schau´n mir mal … Hoffentlich wird der Einkaufsprozess nicht so kompliziert, dass man, bevor man als Kunde in einen Laden gelassen wird, einen Qualifizierungsnachweis vorlegen muss.

Aber das sind noch nicht alle Neuigkeiten zum Thema. Wir reden ja über eine Revolution! Und man muss ja im Rahmen einer Revolution nicht alles Alte vernichten. Manches hat sich bewährt und manches muss man auch aus der ganz tiefen Vergangenheit wieder hervorholen (soll in Deutschland jetzt auch so sein, wo man sich daran erinnert, dass auch in der DDR nicht alles schlecht war). So kann man, wenn man keine elektronischen Preisschilder mag, die Preise für eine Ware auch auf eine Schiefertafel mit Kreide schreiben – besonders gut auf Märkten für den Verkauf von Obst und Gemüse geeignet, aber auch in kleinen Läden und Cafés – meint der Stellvertretende Minister.

Aber der absolute Knaller kommt zum Schluss und damit verderben wir vermutlich denen die Laune, die diese Revolution in Russland für negative Diskussionen nutzen wollen. All diese neuen Regelungen ersetzen nicht die alten Regelungen. Denn die bleiben weiterhin in Kraft. Man kann sich eben nur aussuchen, welches System man zukünftig nutzen will – also freie Selbstbestimmung unter den Preisschildern. Naja, einige könnten jetzt meinen, dass dies eine Art Anarchie ist und mit Demokratie nichts mehr zu tun hat, denn die Mehrheit legt in einer Demokratie die Spielregeln fest. Hier in dieser Frage spielt dann die Demokratie keine Rolle, hier ist Individualität angesagt: Russische Moderne eben.

Sollten Sie den Eindruck gewonnen haben, dass der Artikel nicht ganz ernst gemeint war, so hatten Sie einen richtigen Eindruck. Obwohl, von der Grundaussage ist alles richtig – wir bekommen mehr Vielfalt bei den Preisschildern.
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